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    tylin Poesie des Alltäglichen
    Poesie des Alltäglichen


    Ingo Baumgarten zeigt aktuelle Arbeiten im Zeppelin Museum Friedrichshafen
    Ingo Baumgarten, Stipendiat der ZF-Kulturstiftung im 2. Halbjahr 2005, zeigt vom 27. Januar bis 5. März 2006 eine Auswahl der während des Stipendiums in Friedrichshafen entstandenen Gemälde. Der Titel der Ausstellung im Zeppelin Museum Friedrichshafen lautet „Stadt am See“.

    Ingo Baumgarten setzt sich in seiner künstlerischen Arbeit mit seiner direkten Umwelt auseinander. Er will das Typische eines Lebensraumes sichtbar machen, die gelebte urbane Realität – jenseits der Postkarten-Idylle: “Ich versuche in meinen Arbeiten Gesellschaft und Kultur zu erfassen, zu verstehen und zu reflektieren. Dabei beschäftige ich mich in erster Linie mit dem Naheliegenden, dem Offensichtlichen, dem unspektakulären Banalen. Ich konzentriere mich auf Elemente der allgegenwärtigen Alltagskultur in ihrer eigentümlichen Gestaltung, Kombination und Ästhetik, “ erläutert Baumgarten seine Intention.
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    Seine Motive findet Baumgarten im urbanen Raum, in dem vom Menschen gestalteten Lebensraum. Ingo Baumgarten malt die Bezirkskasse im Rathaus in Berlin-Neukölln, die U-Bahnstation in Berlin-Steglitz, eine Snackbar in Akasaka in Tokio, eine Rolltreppe in Paris, einen Windfang in der Paulinenstraße in Friedrichshafen. Wichtige Impulse waren und sind für den Künstler immer wieder Stipendien und Auslandsaufenthalte. Studienaufenthalte in Frankreich und England, Arbeitsaufenthalte in Paris und Tokio haben das Werk des Malers nachhaltig beeinflusst und geprägt. „Das Fremde hat sich als wirksamer Katalysator für die produktive Auseinandersetzung mit meiner unmittelbaren Umgebung erwiesen“, so Baumgarten. Auch das Stipendium der ZF-Kulturstiftung in Friedrichshafen konfrontiert den Künstler, der seit 2000 in Berlin lebt, zunächst mit einer neuen, unbekannten Welt.

    Die Wahrzeichen einer Stadt sucht man auf den Gemälden vergebens. Sein Interesse gilt den unspektakulären, alltäglichen Strukturen, die das Leben des Menschen bestimmen. Ingo Baumgarten erklärt den banalen Alltag zum bildwürdigen Motiv. Sein bevorzugtes Ausdrucksmedium ist die Malerei. Denn: „Malerei ist wie kein anderes Medium mit der klassischen Idee von Kunst verbunden. Ein gemaltes Bild hat automatisch die pathetische Aura des Kunstwerks.“ Das ist Ingo Baumgarten wichtig. Orte und Dinge, denen Passanten und Autofahrer tagtäglich begegnen, an denen sie jedoch achtlos vorbeigehen und vorbeifahren, ohne sie zu wirklich wahrzunehmen, setzt er in zum Teil großformatigen Ölgemälden liebevoll in Szene.

    Ingo Baumgarten hat Freude am Umgang mit Farben und Formen. Er arbeitet mit altmeisterlicher Präzision. Die Farbigkeit ist delikat, nuanciert durch vielfache Untermalungen. In unzähligen Grauabstuftungen und Schwarznuancen zeigt er in dem Betrachter die Schönheit einer schwarzen Maschine. Akribisch genau gibt er die Spiegelungen im metallenen Türgriff der Volkshochschule wieder. Mit einer Sorgfalt, die an die der Alten Meister beim Ausarbeiten des Gewandes einer gotischen Madonna denken lässt, gibt er den Faltenwurf einer Persenning wieder. In unzähligen Farbschattierungen schimmern der Himmel, eine Hauswand und eine Baumgruppe durch das unscheinbare braune Glas des Windfangs und erwecken es zum Leben.

    Inhalt und Form sind in der Arbeit von Ingo Baumgarten gleichberechtigt: „Die ästhetische Autonomie eines Kunstwerkes halte ich für genauso wichtig wie die konzeptionellen Inhalte. Die physisch sinnliche Präsenz einer Arbeit kann das Interesse wecken, kann Gefühle auslösen und so auf die ideellen Ebenen führen. Eine gelungene künstlerische Arbeit sollte über sich selbst hinausweisen, gleichzeitig sollten sich die gedanklichen Inhalte und Konzepte aus der Arbeit selbst erschließen.“ Der scheinbare Widerspruch zwischen der sorgfältigen, altmeisterlichen Malweise und den banalen Motiven zieht den Betrachter in ihren Bann, schärft die Wahrnehmung für die subtile Poesie des Alltäglichen.

    Es ist nicht nur die zuvor nicht wahrgenommene Schönheit des Alltäglichen, die den Betrachter zunächst befremdet. Ingo Baumgarten zeigt den Lebensraum vertraut und fremd zugleich. Viele Motive lassen sich erst auf den zweiten Blick im Stadtgefüge verorten. Besonders augenfällig wird die Verfremdung in den Stadtansichten. Ingo Baumgarten bildet die Wirklichkeit nicht einfach ab, er verfremdet und verdichtet sie. Er bereinigt Formen und Farben, eliminiert alle störende Details. Er verändert die Wirklichkeit im Sinne der Gesamtkomposition, der strengen Bildtektonik. Die Stadtansichten bestechen durch klare Formen, strenge Geometrie und Frontalperspektiven. Besonders augenfällig sind die außergewöhnlichen Bildausschnitte. Der scheinbar zufällige Ausschnitt ist wohl überlegt und komponiert. Der Künstler schneidet seine Bildmotive aus dem Stadtgefüge heraus, durchtrennt dabei ohne Skrupel Schriftzüge. Mit messerscharfem Blick legt er die verschiedenen Schichten der Stadtgeschichte frei: Er zeigt Häuser, die mit ihren vielfachen An- und Umbauten vom schnellen Wiederaufbau nach der Zerstörung, dem gestiegenen Lebensstandard und der Modernisierung in den frühen 70er Jahren erzählen.

    Mit untrüglichem Blick hat Ingo Baumgarten das Typische des neuen Lebensraums in seinen Bildern eingefangen. Er hat sich auf die Spuren der Menschen konzentriert. Auch wenn die Menschen auf seinen Gemälden nicht direkt in Erscheinung treten, so gilt ihnen doch das primäre Interesse Künstlers. „Der Mensch steht im Mittelpunkt meiner Arbeiten, nicht dargestellt durch Figuren, sondern vielmehr in Negativform, in der Wiedergabe seiner Spuren. Ich zeige den vom Menschen gestalteten Lebensraum, die sichtbaren Spuren historischer und gesellschaftlicher Entwicklungen, “ erläutert Ingo Baumgarten seinen Ansatz. Zeppelin, Bodensee-Panorama oder Schlosskirche sucht man auf seinen Bildern vergebens. Ihn interessieren die Spuren der ganz normalen Menschen. Obwohl er die ganz alltäglichen Orte und Dinge zeigt, die auf den ersten Blick eigentlich austauschbar erscheinen, erkennt man sie wieder, die Stadt am See, mit all ihren Widersprüchen, die sich nicht zuletzt auch aus ihrer Zwitterrolle als Urlaubsort und Industriestandort ergeben. Es gelingt Ingo Baumgarten, die Spuren der Zeit, die die Bautätigkeit vergangener Jahrzehnte im Gesicht der Stadt hinterlassen haben, sichtbar zu machen.

    Die Gemälde von Ingo Baumgarten sind mehr als eine reine Dokumentation des Typischen des Lebensraums. Sie fordern den Betrachter zur Auseinandersetzung mit den eigenen Sehgewohnheiten auf. Frontal treten die Stadtansichten dem Betrachter entgegen, als Gegenüber. Sie sind menschenleer. Kein Mensch, keine Identifikationsfigur, lenkt die Aufmerksamkeit auf sich. Der Betrachter kann die Vorstadt-Bühne betreten, kann in die Rolle des teilnehmenden Betrachters schlüpfen. Die Gemälde von Ingo Baumgarten schärfen die Wahrnehmung, sie lenken die Aufmerksamkeit auf die verborgene Schönheit der unspektakulär banalen, alltäglichen Dinge und Orte. Sie erzählen voller Poesie von der häufig übersehenen Ästhetik des Alltäglichen.

    Die Ausstellung „Stadt am See“ ist vom 27. Januar bis 5. März 2006 im Grenz-Raum des Zeppelin Museums Friedrichshafen zu sehen. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, der im Museumsshop des Zeppelin Museums Friedrichshafen für 10,20 Euro erhältlich ist.



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    o. T. (Windfang, Paulinenstraße, Friedrichshafen),
    2005, Öl auf Nessel, 220 x 150 cm
    © Ingo Baumgarten


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    o. T. (Ein- und Durchfahrten, Gesslerpassage,
    Friedrichshafen), 2005,Öl auf Nessel, 100 x 140 cm
    © Ingo Baumgarten





    Pressekontakt:

    Kulturstiftung der ZF Friedrichshafen AG
    Regina Michel M.A.
    Graf-von-Soden-Platz 1
    D-88046 Friedrichshafen
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