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  • Gurus
    da wünscht man sich manchmal ne atombombe die alles menschliche leben weg pustet
  • heinrich
    Es steht alles auf der Kippe.
    Aber sterben im Fegefeuer ist noch
    milde für sie.

    Die Parasiten schaffen für sich
    eine Art System,
    in dem sie weiter leben können.

    Und sie ziehen da andere Leute rein 😑.
  • Gurus
    die ziehen nicht andere leute mit rein. die leute die das gucken wollen sich einfach besser fühlen, wenns anderen schlecht geht. früher hab ich noch gedacht, es gibt kranke leute nur in meiner einbildung bzw. ich denke einfach zu extrem. aber die kommentare zeigen, das die grenzen da wohl weit nach oben gehen. ein liveportal mit hinrichtungen, obdachlosigkeit, drogenabhänigkeit würde bestimmt ordentlich abos bringen.
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  • heinrich
    Du merkst das nicht,
    und da bist du auch drin.

    Und dann bist du voll auf das System angewiesen!
    Man denkt,
    ich bin nicht wie die!
    Aber du gehörst auch
    in den Mülleimer!

    Und merkst das,
    wenn das zu spät ist.
    Oder gar nicht!
  • Gurus
    klar bin ich drin. bin ja auch nur ein mensch. aber niemals würde ich unter videovlogs egal wie abgefuckt die person da ist, ihr leben weiter zur hölle machen. solche sachen sind ein großer unterschied zu kunstnet. hier kann man sticheln aber kennen tue ich hier keinen bzw. ich kenne deren leben nicht. da sehe ich deren leben zumindest ausschnittsweise schwarz auf weiß. die user stechen weiter auf offene wunden. ein tropfen auf den heißen stein und sie löschen ein leben aus ohne alle facetten der person zu kennen. dort erkennt man die wahren menschlichen abgründe. manch einer will nur reden oder prüfen ob deren leben es noch wert ist zu leben, denke ich oder sie filmen ihr leben aus einsamkeit, um mut zu schöpfen. aber nein, viele bekloppte zwingen die leute aufzugeben und wollen sie im freien fall auf den boden klatschen sehen. mittlerweile kann ich amokläufer echt verstehen. wirkliche andersartigkeit vorallem wenn sie fremd und unsympathisch ist wird von "normalen, angepassten" mit aller härte bestraft, obwohl gerade diese die echten opfer sind. sie trauen sich nicht eine eigene meinung zu bilden, weil sie sonst auch ausgeschlossen werden. eigentlich haben sie keine eier. man kennt diese leute nicht nur im netz. man kennt sie von der schule, von der arbeit. fängt eigentlich alles im kindergarten an. es ist die angst nicht dazu zu gehören.
  • heinrich
    Hauptsache du weißt,
    wohin du gehörst.

    Wer ist der Opfer,
    wer der Täter
    ist nicht meine Sache.

    Spielen die Leute nicht
    nach den Regeln
    werden sie auf dem Boden
    der Tatsachen selber landen.

    Dir passiert nichts,
    wenn du dich selbst gut kennst.
    Du brauchst dann nichts zu fürchten.
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  • MiaCasa
    MiaCasa Paco Roca
    Kopf in den Wolken
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  • bob schroeder
    bob schroeder
    Der Wert der Worte

    Das Mädchen, das um den Vater trauerte, sang mit einem Faden Stimme, es sang leise ein islamisches Klagelied: Wir sind geworden Gegangene, ein Gruß den Gebliebenen. Ich lernte von dem Kind, das sich nicht allein zum Mund eines toten Mannes machte. Dies war der Gesang der Seelen, die mit der Zunge der Halbwaisen sprachen. Wer aus dem Leben der anderen scheidet, ungewollt und unfertig, muss nicht fürchten, dass er verstummt. Der Kummer des Mädchens war so groß wie seine Welt, es wollte aber mit der Stimme der gebannten Geister sprechen. Es würde später im Stillen den Vater beweinen, es würde heimlich riechen am Ärmel der Strickjacke des Vaters. Ich lernte: Es gibt kein Alleinsein, und nicht das Schweigen, noch die Stille übertreffen die Worte. Die Anderen, die Abgekehrten, die Verschwundenen, die Gebannten, sie sollen klingen. Ich lernte: Es soll durch meinen Mund sprechen, was sich dem Lärm entzogen hat, und ich will auch den Mangel, den Makel, den Schwund und die schlechte Absonderlichkeit bezeichnen.
    Ich trat die Heimkehr zu den Verlassenen an.
    Verlassen sind die Armen, verlassen sind die Frauen, verlassen sind die Fremden. Das böse Gerücht hat sie getötet. Sie, die wie die reife Gerste wuchsen, wurden mit der Sense gemäht.
    Wer sagt denn, dass das Gerücht immer größer sei als die Wahrheit? Wer verkehrt die Verhältnisse, und wer beschimpft die Verkehrtheit? Wer glaubt, er wurzele in der Heimatscholle und er sei für immer und ewig unentwurzelbar? Wer schwätzt von der Gegenwart als von einer Leere, und wer faucht und wispert böse Flüche in die Leere? Das ist der Armenhasser, das ist der Frauenhasser, das ist der Fremdenhasser. Sie fluchen, als ginge es darum, eine Sittenlockerung zu beschelten.
    Sie sagen: Wir geben acht auf unsere Hinterlassenschaft, auf unser großes Erbe! Sind ihre Ahnen Götzen? Und bringen sie den Götzen stumpfe Scherben als Opfer dar? Sie sagen: Im Namen der Ahnen und der Bräuche, die uns überliefert sind, wehren wir ab den Feind, der sich verhüllt. Uns ist jede fremde Art und jede neue Sitte Bedrohung!
    Sind die Alten, die sie preisen, kein wallender Nebel? Haben die Alten nicht Geschichte gemacht durch Mord und Gemetzel? Es sind doch fast nur steingewordene Männer, die sich auf Denkmalsockeln recken. Es ist nicht die Stunde, zu Füßen der toten Riesen Kranzgebinde abzulegen. Wer ist bestürzt, dass der Arme sich erfrecht, mit der Bettlerschale
    herumzugehen? Es sind die Gerüchtemacher, die die üble Botschaft bringen, dass alles verkauft und vermacht sei. Es sind die Herrenmänner, die uns einflüstern:
    Bald streunen wilde Hunde und wilde Hirten durch die Straßen unserer besetzten Städte. Wehrt euch gegen die invasiven Kräfte! Jeder Einflüsterer presst sich die Totenmaske seines Helden aufs Gesicht, er ist kein Zungenredner,
    er ist ein maskierter sprechender Schädel, und er spricht: Schluss mit den Artigkeiten, wir rüsten nun zum Rachekampf. Dem asiatischen Menschen, aber auch dem Slawen und dem Kaukasier, ihnen allen ist der Zugang zu unserem Kulturgut verwehrt. Wir bleiben auf ewig unverstanden, wir dulden es nicht länger.
    Wie oft habe ich das Gerücht vom Ende der Duldsamkeit gehört? Wie oft riefen die Tribunen nach einer strengen Ständeordnung, in der die Unteren als unterlegene Klasse gehalten werden sollen? Die Alten haben sich aber selber
    gerichtet, das Alte ist aber an Fäulnis eingegangen. Es träumt manch ein Schreiber, er möge erwachen in einer unverkeimten Gnadenwelt; er entwertet die Gegenwart als Ausdruck eines Lumpenregiments. Ich frage: Wer ist der Lump – der Schreiber oder sein Zeitgenosse? Ich frage: Soll ich mich von ihm anstiften lassen zum Gebrauch schadhafter Werkzeuge? Der Schreiber beseufzt das alte Blut, das die Neuen verdünnten. Der Dünkel macht ihn zum Reaktionär. Er wäre gerne groß, er würde gerne alle Zonen sprengen. Wer hindert ihn daran? Wer die Finger zwischen Tür und Angel steckt, der klemmt sich gern. Der schmerzgeplagte Reaktionär schreit Tür und Wände nieder, dann schreit er nach dem mächtigen Zimmermann, der grobe Klötze klieben soll. Er zieht, da ihm die Entrüstung wenig bringt, in die Einsiedelei: Dort steht sein Haus auf festem Grund; dort kann er die Fabel seiner Unbestechlichkeit fortschreiben.
    Der eingebildete Schreiber ist ein gebildeter Esel, denn er bläht sein Wissen auf zur Wissenschaft. Aus der Ferne besehen erscheinen ihm die Städter klein. Der moderne Zivilist gilt ihm geringer als eine huschende Fledermaus. Angespornt von den Knacklauten des Gebälks verfasst er Tränenheftchen. Er schreibt: Selig ist der treue Knecht, der die Mütze lüpft, wenn er des hohen Herrn ansichtig wird. Selig ist die Frau, die sich als Weib versteht und die niemals die Trennung vom Mann erwägt. Selig ist der ergebene Fremde, der uns sein Fleisch und seine Seele verkauft.
    Es durchfährt den Schreiber eine Kraft, wenn er im Geiste die Schwächlinge niederknüppelt. Ich erkenne in seiner Klage keinen Schmerzensschrei, ich erkenne darin das Geschrei eines trotzigen Knaben. Der Schreiber geht in die Abgeschiedenheit, er nennt es Entrückung. Selten geschieht es, dass man ihn zu einem Auftritt bewegen kann. Denn nichts erzürnt ihn mehr als Widerspruch, als ein Gespräch unter Gleichen. Sitzt er denn vor Anverwandten, und erhofft er sich Beistand, ist der Reaktionär entflammt. Er spricht von dem Anfang der Wehen, als stünde eine Endzeitschlacht bevor. Er benennt die Missstände in seltsam verbrauchten Worten: Der Muttersprachler stammelt, er sprotzt ein unmögliches Deutsch, er stößt die falschen Laute der Missbilligung aus. Es muss alles nach seinem Willen gehen. Er bellt die Mängelrügen, er verbellt die Verräter, die er allüberall wirken sieht. Das Volk, ruft er, muss in einer schleunigen Erhebung alle Bande reißen. Das Volk, ruft er, soll die große Wende möglich machen. Der erboste Reaktionär begreift das Volk als meuternde Rotte. In der alten Welt, die er herbeisehnt, war er aber selten mehr als das Vieh, das man gefügig schlug.
    Was ist jedem rückschrittlichen Mann ein Gräuel? Die höfliche Anrede. Das Mitgefühl. Die gedankenvolle Ansprache. Ich will keinen Menschen eine Schwarzhaut nennen, weil er schwarzhäutig ist. Was ist damit gewonnen, dass ich mich als bleichen Weißen ausweise?
    Man kann seinem Wunsch, Mauldreck von sich zu geben, in einer Bierschänke entsprechen. Dann freuen sich die Gleichgesinnten wie die Affen im weißen Menschenkostüm. Der Prolet ist in allen Gesellschaftsschichten zuhause. Er wallt auf in der vulgären Ausschreitung, er nennt sich mutig. Ich nenne ihn lumpig.
    Zeugt es von Mut, wenn ein Kerl auf zwei Beinen einen versehrten Mann als Krüppel beschimpft? Ein Lump, der wider die Weiberwirtschaft hetzt, wird nichts als nur seine eigene Gewöhnlichkeit belegen. Das Schandmaul triumphiert, wann
    immer es sich mit dem Mund verschnappt.
    Verlassen sind die Armen. Sie müssen nach vorne drängen, sie müssen allen Stolz vergessen, sie müssen sich ausweisen als Hungerleider, dass man ihnen den Kanten Brot und die Schüssel Erbsensuppe aufs Tablett stelle. Es leben viele Arme in meiner Straße und in den Nachbarstraßen. Die Witwe im letzten Haus am Rondell, noch vor den verbeulten Metallpollern, spricht vom Verlust ihrer Anstelligkeit: Dies ist ein Wort aus ihrer Zeit als junge Frau. Sie meint,
    dass sie nicht mehr geschickt darin sei, das Nötigste zu erschnappen. Sie geht hungrig zu Bett. Wäre es nicht gut und gerecht, der Dame ihr Los zu erleichtern?
    Vor dem Discounter, in einigem Abstand zum Eingang, kauern die Obdachlosen. Sie schwitzen im Sommer und sie frieren im Winter, sie haben das Wort Sozialromantik noch nie gehört, ihr Leid ist echt. Keiner von ihnen käme auf den Einfall, ihre Gleichheit im Elend zu rühmen. Würde man nicht das Böse von sich tun, hielte man sie nicht länger für Parasiten?
    Die sonderbare Russlanddeutsche, die im Kellerloch neben dem Altersheim haust, wird oft von Schülern mit Erdbrocken
    beworfen. Die bunt bedruckte Haarhülle knotet sie im Gehen am Nacken, den jungen Flegeln ist sie unheimlich. Sie putzt bei den Reichen: Sie hat noch kein Stuhlbein zerschrammt und keine einzige Vase zerschlagen. Wäre es von den Herren Spaziergängern zu viel verlangt, wenn sie sie freundlich grüßten?
    Der alte Mann mit dem halben Gebiss geht die Bahnsteige nach Pfandflaschen ab, das bisschen Rente ist zur Monatsmitte aufgebraucht. Er nennt sich Überlebsel, ein lebendes Überbleibsel. In den Raucherzonen stehen die Kerle, die Bierbüchsen in vier Zügen leeren und sie in der Mitte mannhaft zerdrücken. Beim Anblick des alten Mannes erwacht in ihnen ein kranker Eifer, sie schlagen ihn mit ihrem Lärm in die Flucht. Ich lobe die Bürger, die zur Börse greifen und den Alten beschenken. Ist mein Hass auf die johlende Rotte eine ungesunde Regung?
    Die Armen erben den Besitz. Die Rechten verstehen sich als unbewaffnete Bürgerwehr. Sie möchten die Plätze säubern von unverträglichen Elementen in ihrer Idylle. Sie schützen ihren Besitz. Sie ertragen es nicht, dass die Niederen durch ihr Viertel streifen. Die Zähne werden ihnen vom Fluchen stumpf sie fluchen:
    Man muss sie herausschaffen, man muss sie aus unserer Welt schaffen, die Herumtreiber, das arbeitsscheue Pack, das Gesindel. Jeder ist vom Glück begünstigt, jeder verdient den Wohlstand, den er hat. Wer nichts leistet, gehört
    ausgejätet, er gehört ausgemerzt!
    Wie oft hat man einen Obdachlosen zu Tode getreten und verbrannt? Wie lange sollen die Armen, die noch leben dürfen, die Demütigung erdulden und Demut zeigen? Wer den Armen sein Ohr verstopft, wer von lohnender Leistung schwätzt, hat kein Herz. Die Armen erben das Land. Der Reiche, der die Bettlerschale übersieht, der Lästerworte redet wider die Armen, ist verroht und verstockt. Auch wenn die Reichen viel auf Manieren und Etikette geben, eine feine Seele haben sie nicht.
    Verlassen sind die Frauen. Sie leben in der größten Lüge des Mannes, dass es seine Bestimmung sei, zu führen, zu lenken und zu herrschen. Im Krieg hat sie nicht von der Tugend zu weichen. In friedlichen Zeiten hat sie Zuversicht
    auszustrahlen. Ich kenne Frauen, die, geschürzt und geknebelt, dem dummen Orientalen hinterherlaufen. Ich kenne Mädchen, die sich den dummen Brüdern unterordnen. Ich kenne Frauen, die, gestöckelt und frisiert, für den dummen Europäer die Empfangsdame spielen. Ich kenne begabte Töchter, die sich dem Mittelmaß ergeben. Sie tun es, weil man sie dazu drängt. Sie werden belogen und gebrochen, sie werden belästigt und geschändet.
    Die Welt ist schlecht, weil die Männer nicht ohne Gewalt glauben leben zu können. Sie sind niederträchtig, weil sie die Schlechtigkeit im Fleisch der Frau vermuten. Ehre, Anstand, Vaterland, Moral: schmutzige Worte, des Mannes
    Machtbekundung, der wahre Dreck der Welt. Jede Tradition, die auf dem Vorrang des Mannes beharrt, ist verachtenswert.
    Die neuen alten Patrioten erzählen die neuen alten Märchen. Sie sprechen: Die Frau ist eine Meisterin der Betörung. Deshalb schützen wir sie vor Übergriffen! Sie sprechen: Unsere Frauen haben sich befreit. Sie machen sich nackt vor uns, das ist der schönste Aspekt der Befreiung. Es geht dann doch zu weit, wenn sie uns mit den Waffen ihrer Geschlechtlichkeit bekämpfen. Eine Frau als Kameradin schreckt uns nicht. Eine Frau als Furie hat die Natur nicht vorgesehen!
    Der Jammer des Reaktionärs über die dreiste Frau findet seinen Niederschlag in tausenden Seiten Literatur. Es jammern die Potentaten und die Generäle, es jammern die alten Säcke in den Schreibstuben und die Peniskrieger in den Ghettos. Es jammert der Jüngling über das andere Geschlecht, es jammert der ganze Kerl auf der Baustelle. Sollte man ihnen allen Tränentüchlein reichen?
    Sollte man sich abwenden ob der elenden Heuchelei? Der romantische Mann, der gelobt werden will, weil er der Frau in den Mantel hilft; der aufgepumpte Rüpel, der den Benimm verrülpst; der wilde Mann, der in seinen Waldschratbart Locken dreht; der Bauer, dem in der Stadt die Verstädterung misslingt; der Städter, der nicht begreifen mag, dass
    seine Griffe und Kniffe untauglich geworden sind: Sie sind Barden einer falschen Bekümmerung. Insgeheim wünschen sie die Frau als folgsame Magd, als dienstbaren Geist.
    An der Seite der Patrioten kämpfen auch Frauen. Wollen sie beweisen, dass ihnen die Männlichkeit doppelt so gut gelingt wie einem Mann? Glaubte man daran, würde man sie der Puppenhaftigkeit beschuldigen. Sie wissen, was sie tun.
    Verlassen sind die Fremden. Sie müssen ertragen, dass man sie als Keimträger, als Wühler und Agenten, als unbrauchbaren Menschenmüll beschimpft. Die Rechten kennen keine Gnade, wenn es gilt, die Neuankömmlinge zu verfratzen. Sie rufen: Ihr gehört nicht zu uns, wir sind uns selbst genug, wir brauchen keine weitere Gesellschaft. Ihr seid hergeholt worden, um uns zu unterwandern. Fühlt euch hier bei uns nicht zuhause, wir lassen euch niemals in Frieden!
    In was für eine Welt sind die Fremden hineingeraten? In eine Welt ohne Tyrannen und Despoten, in den Frieden haben sie sich gerettet. Sie stehen aber plötzlich im Spuckeregen der Verachtung. Es hilft nichts, den Rechten edle Motive zu unterstellen, wie es mancher Feuilletonist tut. Es geht ihnen einzig und allein um die Fremdenabwehr, die Vaterländerei ist ihre Phrase der Stunde. Der Moslem, der Morgenländer, der Einwanderer, der Flüchtling: Sie sind in ihren Augen Geschöpfe dritten Ranges.
    Der Rechte ist kein Systemkritiker, kein Abweichler und kein Dissident, er ist vor allem kein besorgter Bürger. Wer die Eigenen gegen die Anderen ausspielt und hetzt, ist rechts. Punkt. Wer für das Recht der Armen streitet, ist ein
    Menschenfreund. Punkt. Es gibt keinen redlichen rechten Intellektuellen. Es gibt keinen redlichen rechten Schriftsteller.
    Mit wem reden? Die Patrioten können nur skandieren, als wären sie auf einer Kundgebung. In Deutschland, in Österreich, in der Schweiz haben sie sich in die Parlamente geblökt. Manch ein Schreiber oder Kulturredakteur, manch ein Bürgersohn mit einem reichen oder prominenten Vater, manch ein Philosoph und Jubeljahrbiograph sieht sich schon im Krieg als Frontberichterstatter. Sind sie erregt, weil sie über das Tamtam der unredlichen Empörer endlich von ihrer
    Langeweile wegkommen? Ich sage: Sie sollten die Spielchen lassen, sie sollten auf solche Sensationen wenig geben. Der wahre Skandal ist das Geschwätz vom großen Erwachen. Dies Wort hat keinen Wert. In diesem Wort verbirgt sich die böse Lust, Menschen Entartung anzudichten. Der Patriot ist ein wahnverstrickter Kleingeist mit einem auf- und
    niederwellenden Gemüt. Er ist ein Kraftprotz, der von einem Reich der Untertanen träumt. In diesem Traum herrschen Männer mit säuischer Natur. Aufgehoben wird dann sein das Erbarmen, aufgehoben der gute Friede, aufgehoben das Recht des Armen auf Salz und Brot. Die Ruhmesschlacht, von der die neuen alten Rechten träumen, bekommen sie
    nicht. Wir sind aus der Schrift geboren. Wir schreiben unsere kühnen, kühlen und wilden Geschichten. Wir lieben die leise Art und den lauten Hall. Niemals aber schreiben wir den Verzweifelten eine Abart zu. Diese Unterscheidung lässt sich nicht verwischen.
    Der feste Halt ist nicht das Volk, nicht die Sippschaft, nicht eine heilige Erde und nicht eine versunkene Welt. Ich finde festen Halt im Recht, dem Ausdruck des Gewissens. Daran glaube ich, davon rücke ich nicht ab. Auf den Glanz der
    Geschichte einer Nation gebe ich nichts. Es soll ein Menschengesicht glänzen.
    Klagenfurt ist ein Ort der vielen Geschichten.
    Es ist ein Ort der Beseelung.
    Wir schreiben, wir lesen, wir kämpfen.
    Wir stehen bei den Verlassenen.

    Feridun Zaimoglu
    gestern, zur eroeffnung klagenfurt 18
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