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  • Prenzlmaler: EIN CHAOTENNEST IN FREIBURG IM BREISGAU

  • relamlznerP Prenzlmaler: EIN CHAOTENNEST IN FREIBURG IM BREISGAU
    Prenzlmaler | Das Chaotennest von Freiburg im Breisgau.Die Willy-u.Ela-Gang und ihre WG - Bewohner. Glosse

    Wer sich das Ziel setzte, eines Tages Freiburg im Breisgau zu verlassen, um seine Chaoten - Karriere in Berlin fortzusetzen, musste eine Grundausbildung für die zu erwartenden Hauptstadtverhältnisse in Freiburg in Anspruch nehmen. Inzwischen hat sich alles geändert, aber vor einer langen Weile musste man einen Grundkurs erfolgreich in der Moltkestraße bestehen, um als qualifizierter Reisekader anerkannt zu werden.

    Im vierten Stock des berühmten Hauses, dessen Nummer ich aus diplomatischen Gründen verschweigen möchte, übte man sich Tag für Tag mit Überlebenstraining, Anpassungspsychologie, Ernährungsersatzstrategien, Organisationsmanagement, Floskelkursen und Clevernis. Im Wechsel der Jahreszeiten wurde der gesammelte Erfahrungsschatz Newcomern injiziert, die wiederum nach bestandenem Examen Einreisewilligen frisch von der Leber weg ihre Fachkenntnisse unterbreiteten. Wer aus gutbürgerlichem Hause anrückte, hatte umfassenden Nachholebedarf und war hartnäckig bestrebt, sich aus Meisterhand die Lehrstunden reinzulöffeln. So blieb den Wohnern über Jahre hinweg ein hohes Insiderniveau erhalten.

    Während man in anderen Freiburger Terrains mit hohen Mieten konfrontiert wurde, waren die Wohnpreise in diesem Stabsgebäude erschwinglich und vergleichbar mit der Mietpreisbindung für Hühnerställe. Außer dem eigentlichen Wohnbereich, der gewöhnlich nicht sehr üppig ausfiel, gab es noch die sogenannte "Loge unterm Dach". Zu diesem Domizil in Messi-Art, führte eine wacklige den Gesetzen der Statik nicht gehorchende Steiltreppe. Diese mit lockeren Dachziegeln überdeckte
    Museumseinrichtung, die ein unüberschaubares Depot von Artikeln jeder Art war, konnte man nur am Tag betreten, da aus unerklärlichen Gründen nachts der Strom nicht die angebrachten Steckdosen fand. Das Angebot war derart umfangreich, so dass es nicht Wunder nahm, dem eingeladenen Chefrequisiteur der ARD das Staunen zu lehren. Man hatte im Laufe des quartierbewohnenden Unterfangens rausgekriegt, wie man in eine überfüllte Stapelbude weiterhin lebenswichtige Allzweckgüter reinmurksen konnte. Doch wenden wir uns zunächst den Wohnverhältnissen in den Stuben der Obergeschossigen nahe dem Dach zu.

    Die Wohneinrichtungen machten einen abwechslungsfreudigen und geschmackskompetenten Eindruck auf unvorstellbarem Level. Man hatte alles, weil man alles irgendwie verwerten und gebrauchen konnte. Der Variantenreichtum des schönen Wohnens schien grenzenlos zu sein und schwappte von Nest zu Nest. Verzierte Stühle, die nicht nur den II.WK, sondern auch die Biedermeierzeit überstanden hatten, fühlten sich in dem in keinem Ratgeber stehenden Möbelgerangel erstaunlich wohl. Sitzmöbel einfacherer Art waren bis zum Kälteeinbruch auch zugegen und im Winter hatte man erfahrungsgemäß mehr Platz in den Räumen, da auch Vertikos, Kleiderschränke und Küchenmöbel, Tische, Gitarren, Blockflöten und Bücherregale der Schleuse anderer Verwendungszwecke nicht widerstehen konnten. Hauptache es war warm. Dieses bewegte Wohnen legte Zeugnis von der Vitalität und dem schier unendlich erscheinenden Einfalls - reichtum der jungen in Ausbildung stehenden Bundes - bürger ab. Sparbücher wurden nicht verbrannt.

    Der bunte Fundus von Einrichtungsgegenständen stammte keineswegs aus einschlägigen Möbelgeschäften. Die Quelle von Möbeln und Dingen täglichen Bedarfs wurde vom Rat der Stadt Freiburg zweimal im Jahr der Avantgarde zuverlässig garantiert:
    S p e r r m ü l l z e i t !
    An diesen Tagen des paradiesischen Rumwühlens, Sortierens und Einsammelns herrschte Hochbetrieb im Messi-Center. Der Kommandeur der abwechslungsfreudigen
    Abfallverwertungstruppe hieß Willy, trank niemals Alkohol und fuhr einen in die Jahre gekommenen ehemaligen Sanitätswagen Ford Transit, der eine Ähnlichkeit mit einem mobilen Dino-Vehikel eines Schrottplatzes hatte, jedoch niemals mit der berühmten "Pflaume aller Zeiten" konkurrieren wollte: er war einfach universeller. Auf die Behauptung, der Straßendrachen stamme aus der Dreschhalle von Stockum-Püschen, sollte man nichts geben.

    Mit Willy's Streckenungeheuer klapperte man die nahegelegene Gegend der Moltkestraße nach Verwertbarem ab und wurde fündig. Am Stadttheater begrüßte sie der weggeworfene Frisierstuhl des Barbiers von Sevilla, gleich nebenan 'ne in die Jahre gekommene Harfe vom Konzerthaus, und einen Berg abgetragener Stiefel, Halbschuhe und Sandalen klaubte man in der Hans-Sachs-Gasse in die Messi-Karre. Vor der Handwerkskammer lagen Äxte, Beile, Hobel und ein alter Werkzeugschrank. Ein ebenfalls wie neu aussehender Fahrradanhänger wurde sogleich an den Ford montiert. In der Eisenbahnstraße fand man seltsamerweise nichts und war voll überschäumender Freude beseelt, als in der Poststraße eine alte Telefonzelle den Besitzer wechseln konnte. In der Rosastraße stand ein Rokoko-Kanapee, das mit Zielrichtung Winter verladen wurde. Am Colombischlösschen angekommen, lag unver - wertbares Zeug rum, alles mit einem Zettel von irdendwelchen Archäologen versehen. Gagatfigürchen aus
    dem 10. Jahrhundert vor Christi sowie römische Gläser und der Neulinger Runenstab. Solchen Erdplunder konnte man nicht gebrauchen und es ging langsam über den Rotteckring Richtung Heimat. Die Forstdirektion bot noch eine arg mitgenommene Halleluja-Staude an und danach ging's rechts in den Gegenverkehr, weil man in der Sedanstraße noch einen höhenverstellbaren Tisch für das ergonomische Büro der Raff-Gang fand.

    Auf Sammel-Willy hörte man. Wenn er sagte:
    "Ela, zieh' dich aus !",
    flogen in Windeseile die Klamotten vom Körper. Das liebte er und so wurde Ela seine angestammte Braut. Seine neue große Liebe war eine talentierte Malerin. In den Fluren des Stammhauses prangten eine Unzahl Selbstporträts der Künstlerin, die sich bis zum Dachgeschoss nachhaltig verewigte. In ihrem Kopf ging alles sehr diffus zu: Saß Willy Modell, konnte er hinterher den Kopf seiner Geliebten auf dem Packpapier
    bestaunen. Wählte sie den alten Ofen als Motiv, kam dabei ihr eigener Akt raus. Nur ein einziges Mal schaffte sie ein anderes Bild, als sie Tamara de Lempicka kopierte. Seit dieser Zeit trägt sie nur noch weiße Handschuhe und würde liebend gern "Kizette" heißen, zumal sie Männer wie Frauen liebt, getreu der großen Lempicka. Willy störte das nicht, weil er ihren Hang bis zum heutigen Tag nicht schnallte.

    Während der Weihnachtszeit brach eine Art Hunger - periode in der Willy-Ela-WG aus, da man den anderen Mitbewohnern während der Adventszeit laufend 15-Liter-Rotwein-Tanks vom Italiener um die Ecke schenkte. Das hatte tiefgläubige Gründe, die mit einer Dankbarkeit während dieser sensiblen Zeit verbunden schienen. Willy nannte das ungeschminkt Treue-Prämie. Unklar war, woher der Weihnachtsbraten kommen sollte.

    Nachdenklich schritt Willy in die Tiefe des Schweigens und war zu seiner Verwunderung soeben im Begriff, die Bahnbrücke der Bertoldstraße zu überqueren. Mit einem Mal blieb er wie angewurzelt stehen und traute seinen Augen nicht. In der Ferne sah er ein schneeweißes Kaninchen aufgerichtet ihn anblicken und in diesem Moment fiel ihm nur noch die Heilige Maria ein. Magnetisch von Maria angezogen, ging er, halb schwebend, auf das Wildkarnickel zu, das keine Anstalten machte, sich vom Stühlingerplatz zu entfernen. In seinem Kopf spielte das Wort "Braten" Ringelringelreihe. Das Karnickel nickte und Willy nahm
    Anlauf. In einer unbeschreiblichen Verfolgungsjagd näherte er sich dem frechen Tier und setzte zum Fangsprung an, wobei er mit Volldampf gegen die Herz-Jesu-Kirche prallte, die er bei der Hatz völlig übersehen hatte. Gekrümmt lag er am Kirchenschiff und hörte in der Nähe ein unverschämtes Gekicher, während das Kirchgemäuer verdächtige Geräusche des Verfalls von sich gab und augenblicklich Risse in den Kirchwänden sichtbar wurden.

    Das ganze Ausmaß der Katastrophe hat man erst jetzt in der Herz-Jesu-Kirche bemerkt, worauf sie umgehend geschlossen wurde. Den Gläubigen der katholischen Gemeinde steht nur noch zum Anhören der Predigt ein 50-Stuhl-Gebetsraum zur Verfügung, ohne genau von der eigentlichen Ursache zu wissen.

    Willy humpelte schwer enttäuscht zur Moltkestraße und wollte wenigstens seiner geliebten Malerin Ela ein Weihnachtsgeschenk unterm Sperrmüllbaum legen. Die gebrochenen Rippen beachtete er nicht, zumal er sich endgültig "berlinreif" fühlte. Trotz großer Schmerzen hangelte er sich über die Steiltreppe zum Dachdepot, in der finsteren Hoffnung, ein Geschenk für seine Ela zu ertasten. Als er eine Stehlampe mit Messing - beschlägen beim Wickel hatte, kam ein leiser Hoffnungsschimmer der Freude in ihm hoch. Er zerrte einmal kurz und flog samt Lampe mit lautem Getöse die Treppe runter. Blitzartig traten verwundert alle WG-Leute auf den Flur und fragten ihn wie im Chor:
    "Was hat denn das zu bedeuten ?"

    Willy antwortete nur kurz:
    "Ich fahre morgen mit Ela nach Berlin !"

    Mit Gruß Prenzl.
  • Robert Wolter
    Robert Wolter
    Du solltest wirklich ein Kurzgeschichten-Buch schreiben ;)
    Signatur
  • flow_thgin
    Wieder ganz großes Kino!
    *GRINS*
    Das schreit wirklich nach nem Verlag!!!
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  • relamlznerP
    *grinsunddanke*

    lg przl
  • emarap
    *japs* :-))))Ein Genuß!!
    Scheint sich nicht wirklich was verändert zu haben. In den Siebzigern ging es z.B. in der Sierichstrasse in Hamburg ähnlich zu, wie ich aus erster Hand weiß*breitgrins*
    Deine Glossen haben es in sich und verlustigen einem den Tag.
    Danke und guten Rutsch!
    Antje
  • relamlznerP
    Danke, Antje ! Schön, von dir gehört zu haben.

    Ich wünsche dir ebenso gute Ankunft im Neuen !

    LG Prenzl.
  • efwe
  • tsaG
    Als ich mal im Kunstnet nichts Interessantes fand, hab ich mir Deine ganzen Kurzgeschichten durchgelesen. Diese hat mir am besten gefallen; ich habe mich köstlich amüsiert.
    Konnte mich da auch gut reinversetzten. Habe in der Ostzonenzeit in Kommunen gelebt, wo es ähnlich zuging (übrigens hatten wir auch eine befreundete Hausbesetzerbesatzung in der Dunckerstraße, die wir manchmal besuchten). Naja, da ist das so ein Stück Nostalgie und auch Lachen über sich selbst.
    Schönen Dank für die Erinnerungsauffrischung.
    lg. jerryhill
  • relamlznerP
    Hallochen, jerryhill !

    Danke für deinen Eintrag.
    Die Duncker kommt mir irgendwie bekannt vor ... :o))

    LG Prenzl
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