KunstNet nutzt Cookies. Details.
  • Eismännchen

  • Robert Wolter
    Robert Wolter Eismännchen
    Der Wald war dicht, die Bäume standen kaum einen halben Meter
    voneinander entfernt. Es war neblig trüb, ein typischer Herbsttag,
    Krähen erfüllten mit ihrem "Kraah Kraah" die kühle Luft.

    Ein wohliges Gefühl der Wärme durchsog seinen Körper. Wärme
    inmitten dieser kühlen, alten Wildnis, wo hatte sie ihren Ursprung?
    Er konnte sich keinen Reim darauf machen. Diese Wärme strömte von
    seinen Füßen die Beine hinauf, durchströmte seinen Rumpf und fand
    schließlich ihren Weg in seinen Kopf. Dort angekommen, brachte sie sein
    Gehirn in wenigen Sekunden auf Hochtouren. Er stand noch immmer in dieser
    abweisenden Wildnis, in der kein Mensch auch nur eine Woche überleben
    konnte. Wer konnte sich schon von Beeren und Wurzeln ernähren, wer kannte
    sich gut genug aus, um die giftigen Pilze von den eßbaren zu
    unterscheiden?

    Seine Gedanken fokussierten sich. Er war schließlich nicht ohne Grund in
    dieser menschenfeindlichen Gegend. Seine Mission wartete darauf, von ihm
    allein erfüllt zu werden.

    "Wie fühlt es sich an, anders zu sein als ich?"
    Dieser Satz wanderte ständig durch sein Gehirn. Ein Mädel hätte
    ihn wohl ausgesprochen haben mögen. Ein Mädel hatte diesen Satz
    tatsächlich gesungen. Würde er sie jemals wiedersehen? Wohl kaum, das
    war zu unwahrscheinlich. Er hatte sie ohnenhin nur in seinen Tagträumen
    getroffen, daher machte das keinen Unterschied.

    Ein Mann in der Wildnis, konnte es noch mehr dem Klischee entsprechen?
    Wohl kaum, aber das kümmerte ihn nicht. Er war auf seinem, dem richtigen
    Weg. Die Natur ringsum schien friedlich, also schritt er voran, um seine
    Mission zu erfüllen. Eine Mission, wie sie nie zuvor ein Mensch
    erfüllt hatte. Wie hieß es doch so schön? "Einmal ist immer das
    erste Mal." Und dieses erste Mal war für ihn jetzt und hier.
    Wieder einmal...

    "Vergessen" hauchte der kalte Herbstwind, der ihn umwob. Er sah sich um.
    Um ihn herum waren nur Bäume. "Vergessen" paßte demnach sehr gut. Keine
    Menschenseele kümmerte sich um ihn. Wenn er jetzt tot zusammenbrechen
    würde, könnte es einige Tage dauern, bis ihn jemand findet.

    "Warum siehst du so bekannt aus?", dachte er beim Anblick des nächsten
    Baumes. Der Baum regte sich nicht. "Wie kannst du immer eine Meinung
    haben?", dachte er bei sich. Eine Meinung zu allem und jedem. Wie war das
    möglich? Es konnte nur mit Lebenserfahrung zusammen hängen. Wenn du
    alles schon einmal erlebt hast, hast du auch eine Meinung zu allem.
    Aber was ist diese Meinung wert?

    "Ich möchte alles wissen", ein oft von jungen Menschen gesagter Satz.
    Aber niemand kann alles wissen, also gibt es keine Hoffnung für
    diese Jugendlichen.

    "Versuch doch mal, mir zu sagen, was ich nicht tun sollte". Ein leicht
    gesagter Satz, jedoch ist es unmöglich, darauf eine vernünftige
    Antwort zu geben. Das muß wohl jeder Mensch für sich selbst heraus
    finden.

    "Laß es heraus", ist ebenfalls ein oft gesagter, aber selten so
    gemeinter Satz. Wenn jede/jeder das tun würde, wären wir ein Haufen
    von komplett gestörten Psychos. Ok, was sind wir denn eigentlich? Ein Haufen
    von komplett gestörten Psychos.

    "Am Tag, als du hinweg schlüpftest", ein wahrlich pathetischer Satz.
    Was war an diesem Tag? Dem Tag, als Conny Kramer starb? Alle Glocken
    läuteten. Sonst geschah nichts.

    Er sammelte seine Gedanken. Das Eismännchen. "Mein Eis ist das beste
    Eis!" Die Zeit des Eismännchens war vorbei, die Menschen wollten kein
    Eis mehr. "Mein Eis ist das beste Eis!" schrie das Eismännchen noch ein
    letztes Mal, bevor sich sein Plakat von der Litfaßsäule löste und
    sanft auf den Gehweg in die nächste Pfütze schwebte. "Mein Eis\"
    schallte es dumpf aus der Pfütze empor, als die Schulkinder arglos
    darüber hinweg stapften.
    Signatur
  • relamlznerP
    Lieber RoWo !

    Du hast mich hell begeistert mit deiner Geschichte. Sie ist derart fantasiegeladen und gut geschrieben, dass ich am frühen Morgen sofort von der guten Laune eingeholt wurde. Und eins kann ich dir auch garantieren: Dein Eismännchen werde ich ewig in Erinnerung behalten.

    Ich schreibe bei KN nichts mehr, und so freue ich mich, dass das nun andere Leute tun. Bestens !

    Ich wünsche dir einen Tag der Freude und der Lust an der Kreativität.

    Mit ganz lieben Wünschen Dieter.
  • Katrin Mocker
    Katrin Mocker
    Einfach herrlich zu lesen, aber das Ende stimmt nachdenklich.

    Trotzdem, danke für diesen Auftakt des Tages.
    Signatur
  • Jetzt bei Amazon günstig Kunstbedarf kaufen.- Werbpartner -
  • Robert Wolter
    Robert Wolter
    @Dieter: Ich danke dir für dein Feedback. Ich finde es sehr schade, dass du hier nichts mehr schreiben willst, denn deine Geschichten waren sehr anregend.

    @Katrin: Danke auch dir. Grübele nicht allzuviel über das Ende, die Geschichte ist trivialer, als es vielleicht erscheint ;)
    Signatur
  • Seite 1 von 1 [ 4 Beiträge ]

  • Anmelden um auf das Thema zu antworten oder eine Frage zu stellen.

Ähnliche Themen