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  • Der schöne Körper zerfällt in Trümmer | Helmut Hein (Mittelbayerische Zeitung) | Barbara Rapp und Vanessa Dakinsky

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    klimperdibimper Der schöne Körper zerfällt in Trümmer | Helmut Hein (Mittelbayerische Zeitung) | Barbara Rapp und Vanessa Dakinsky
    Der schöne Körper zerfällt in Trümmer
    Neue Arbeiten von Barbara Rapp und Vanessa Dakinsky in der Galerie ArtAffair


    Von Helmut Hein, MZ

    Regensburg. Vielleicht kann man über diese zwei Künstlerinnen sagen, was die FAZ-Kritikerin über die „Schoßgebete“, den neuen Roman der „Feuchtgebiete“-Bestsellerautorin Charlotte Roche schrieb: Sie sind, nach den strengen Regeln der Zunft, ästhetisch nicht unbezweifelbar, aber ihre Bilder sind „infektiös“. Man wird sie nicht so rasch wieder los. Sie erzählen Geschichten, die scheinbar zumindest kein Ende finden können: weniger von den Massakern auf den Schlachtfeldern des ewigen Kriegs der Geschlechter, sondern von den „stummen“ Verwundungen tief drinnen.

    Es geht darum, wie das Bild des eigenen Körpers aufwendig in Szene gesetzt wird – und wie es sogleich wieder zerfällt, in Stücke reißt. Bei den frühesten Avantgarden war es noch ein Versprechen: dass man der Schöpfer seines eigenen Daseins und natürlich auch seiner physischen Existenz wird. Die Verwirklichung wurde aber schon bald zum puren Horror.

    Preis der realisierten Vision

    Die Frauen schnürten sich, bis sie buchstäblich vergingen: Die Ohnmacht war der Preis der realisierten Vision. Und wie bei den heutigen Magersüchtigen nahm schon damals das Schönheitsverlangen Suchtcharakter an. Die Modellierung des eigenen Körpers musste permanent weitergehen, auch wenn die Frau darüber zur Comic-Version ihrer selbst wurde.

    Die Österreicherin Barbara Rapp, Jahrgang 1972, und die Französin Vanessa Dakinsky, ein Dutzend Jahre jünger, sind durch die Lehren der „gender studies“ gegangen, die aus der frühen Einsicht Simone de Beauvoirs, dass man nicht als Frau geboren, sondern zur Frau gemacht wird, radikale Konsequenzen zogen: Die Natur ist und bewirkt nichts, das Geschlecht ist ein soziales Konstrukt. Und unser Schönheitsempfinden ist antrainiert, so lange, bis wir den selbsterzeugten Bildern nicht mehr entgehen.

    Für Barbara Rapp ist Schönheit eine Falle. Sie findet für die Enteignung der Frau entschiedene Bilder: Sie ist an den Rand gedrückt, zutiefst melancholisch; und die sexuellen Attribute, all die Brüste, sind um sie herum zerstreut. Identität gibt es nicht mehr; oder nur noch als Wahn. Formal regiert bei Barbara Rapp die Collage, die das längst Zerfallene noch einmal zusammenzwingt. Inhaltlich geht es längst um Klon-Existenzen. An die Stelle des (weiblichen) Menschen tritt die sexuelle Maschinerie. Aus dem, was einmal Wunsch oder Lust war, ist längst eine traumatische Fantasie geworden, die dem Bann des Wiederholungszwangs oder, ästhetisch, der unendlichen Vervielfältigung unterliegt.

    Zerstückelt und zerschnitten

    Während bei Rapp die Figuration entweder vom Messer zerschnitten oder zeichnerisch ausgezehrt wird, regiert bei Vanessa Dakinsky, scheinbar!, noch das pralle Leben. Ihre jungen, halb oder ganz nackten weiblichen Körper, gehorchen vordergründig einem tief verankerten pornographischen Programm. Nur wer genauer hinschaut, sieht, dass sie sich an den Rändern auflösen, dass sie zerfressen werden und längst Teil von Arrangements sind, die noch das Vertrauteste, die Bilder des Begehrens, fremd, seltsam, ja bedrohlich machen.

    Auch Dakinskys Figuren sind depersonalisiert: die Gesichter halb weggeschnitten bzw. von Stoffen und Gegenständen verdeckt oder entstellt. Eine Arbeit wie „Helium“ zeigt, je nach Perspektive, die Schrumpf- oder Mega-Version der Frau, reduziert vor allem ihre primären Geschlechtsmerkmale auf die wesentliche Eigenschaft in einer Comic-Welt seelenlosesten Sexes: auf ihre Aufpumpbarkeit.

    Beide Künstlerinnen mögen politische Aktivistinnen sein. Aber ihre wesentlichen Mittel sind Spott, Hohn und Ironie. Manches muss man nur vorzeigen, um es zu erledigen. Vor allem Vanessa Dakinsky steht aber auch in der Tradition der Romantik und des Surrealismus. Ihre Bilder fügen sich nie den Vorgaben einer zensierenden Vernunft. Der Ort, an dem sie entstehen, ist der Traum, manchmal auch der Albtraum.

    „Der letzte Mensch“ ist in ihrer eher oberflächlichen Apokalypsen-Version, ein ballettöser Strauß mit Gasmaske und einem Vogel auf dem Scheitel. Und im Hintergrund rauchen noch dekorativ die Kühltürme der AKW, die anscheinend an dem ganzen Schlamassel die Schuld tragen.

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    Quelle: Mittelbayerische Zeitung | Kultur | 11.08.2011, 21:09 Uhr
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  • reniek
    Die Werke von Vanessa Dakinsky sind einfach geil !
  • Seite 1 von 1 [ 2 Beiträge ]

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