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  • Fremd

  • Peter Pitsch
    Peter Pitsch Fremd
    Da senkte sich aus dem Chaos der undefinierbaren Impressionen ein ätzend penetranter Geruch in sein Bewusstsein, und in jenem Augenblick seines angewiderten Schnüffelns vollzog sich ein erster, noch vager Kontakt zur äußeren Realität.
    Pisse! Entsetzlicher Uringestank, er schnupperte eine kräftige Brise, ja, Pisse, und darüber hinaus ein modriger Mief, ein Hauch von Fäkalien und ein säuerlicher, unwiderstehlicher, Übelkeit erregender Schweißgeruch.
    Wo bin ich gelandet? Dieser überraschend zusammenhängenden Frage folgte sogleich das fundamentalste aller Rätsel: Wer bin ich?
    Den Körper bewegend so als wäre dieser ein Gigant auf dem Rücken einer Schrottlavine, stemmte er sich in die Höhe. Nichts als Müll und Dreck und plastikbunte Verwesung um ihn her. Die Sonne am glasklaren Firmament stach in seine Augäpfel mit dolchartigen Blitzen. Eine mit Graffiti übersäte Mauer fiel schwerlastig in seine Richtung und richtete sich im Bruchteil einer Sekunde erneut auf. Vibrationen. Signale. Aus der Ferne ertönte das langgezogene Tuten eines Frachters, ein rostiges, mit Containern beladenes Ungetüm auf den Wassern eines Schiffskanals. Die massigen Konstruktionen empor ragender Lastkräne, Skeletten von Dinosauriern ähnelnd, erhoben sich in Reih und Glied am Pier. Befremdliche Hafenszenerie, die Richtung Westen, jenseits der Lagerhallen und asphaltierten Areale, in die Ausläufer einer unbekannten Stadt überging.
    Langsam, wie nach tausendjähriger Bettlägrigkeit, kam er auf die Beine, sah forschend an seiner eigenen Gestalt herab und erschrak ob des grässlichen Anblicks. In schmierigen Fetzen hingen ihm die Lumpen vom Leib, ein doppelt geschlungenes Seil befestigte eine aufgerissene Baumwollhose an der Taille, die Füße steckten in globigen ölig-fleckigen Halbstiefeln, denen als Schnürsenkel-Ersatz zwei dünne Drähte dienten, und sein Torso war über und über von schimmeligen löchrigen Lappen bedeckt. Hätte er seinen Mageninhalt über den Unrat zu seinen Füßen ergießen können, er hätte es als Akt der Befreiung mit Erleichterung getan. Doch während er noch schwankend vor der eigenen Darstellung erstarrte, ereilte ihn die Einsicht, dass er seit geraumer Zeit, vielleicht seit Tagen nichts Essbares zu sich genommen hatte. In diesen widerstreitenden Tumult der Empfindungen mischte sich zudem eine schwer nachvollziehbare Tatsache, nämlich dass sein ausgemergelter Körper die Quelle des aufdringlichen Gestankes war.

    Mithin geriet er tiefer und immer tiefer in die Straßenschluchten der fremden Stadt, der Lärmpegel von abertausend rastlosen Fahrzeugen umtoste seinen Schädel, von überall her wogten murmelnde Menschenmassen auf ihn ein. Er lauschte desorientiert den flüchtigen Satzfetzen, aufspritzend aus dem Stimmengewirr der Passanten.
    „ ... som du ved, er vi .... “ - „Jeg har glemt ... “ - „ ... i morgen er jeg ... “ - „Kommer du maske senere ... “ - „ ... vil det sige, at han ... “ - „ ... for fanden da, er du ikke ... “ - „Mor, jeg ønsker bare ... “
    Jählings öffnete sich in seinem Verstand eine Schleuse und hervor quollen unzählige Assoziationen, ineinander verwobene Gedankenmuster und Bruchstücke von Erinnerungen. Die weißen Lettern der Straßennamen vergeudeten sich nicht länger ins Leere, sattdessen formten sie in seiner Vorstellung einen nachvollziehbaren Sinn, Anhaltspunkte, denen er sich anzuvertrauen bereit war. Innerhalb eines Wimpernschlags nahm der Himmel eine purpurfarbene Tönung an und ein sphärisches Leuchten badete die Welt in pulsierendes Zwielicht. Kraft heftiger Kontraktionen schwebte über seinem Haupt ein glitschig glänzender Tintenfisch, und aus einem geöffneten Torbogen sprühte die blendend grelle Kaskade eines Funkenregens. Ein Neutronenbeschleuniger erfasste seinen Blick und raste unendliche Male ins Runde, vergebens kämpfte er ums Gleichgewicht, fiel vornüber kippend auf die Knie und fing seinen Sturz mit den Handflächen ab; die Poren grauer Steinfliese saugten an seinen Pupillen.
    Endlich hob er die Stirn, und von einem Moment auf den nächsten war die Welt zu augenscheinlicher Normalität zurückgekehrt.
    Zielstrebigen Schrittes stapften die Leute an dem kauernden Menschen vorbei, gönnten ihm keinerlei Beachtung, nichts als hastige Aktivität und Vorwärtsdrang. Schuhe klapperten über das Pflaster und die endlosen Gespräche in einer fremden Sprache setzten sich unbeirrt fort.

    (c) P.Pitsch
  • regnarts
    Ich bin ein freund des blumigen Ausdruckes, und schätze einen großen Wortschatz.
    Der Text ist sehr melodisch zu lesen. Jedoch gewinne ich den Eindruck, alls hättest du versucht, in jeder Zeile so viel wie möglich an gehobenen blumigen Ausdruck unterzubringen,um zu zeigen wie Wortgewand du bist. Jedoch fühlt man sich gleichwohl fast erschlagen von der flut an Eindrücken und Ausdrücken.
    Manchmal ist weniger mehr.
    Sehe hier aber viel Potenzial
    lg
  • Peter Pitsch
    Peter Pitsch
    Meinen herzlichen Dank für diesen Kommentar!

    Der vorgestellte Textauszug entstammt meiner vorletzten Veröffentlichung, einem Thriller, der sich teils ironisch mit den Stereotypen des Genres auseinandersetzt, teils eine Allegorie auf die Verlorenheit des Menschen in der modernen Welt darstellt. W-E-L-T lautet der Titel des Buches, und dieser wiederum setzt sich aus den Anfangsbuchstaben folgender Wörter zusammen: Wahnsinn-Einsamkeit-Leidenschaft-Todesangst.
    Ein Mensch erwacht verwahrlost und ohne Erinnerung inmitten einer Großstadt, seine Suche nach Identität nimmt daraufhin ihren bizarren Anfang. Hinter der beschriebenen Realität, dem verzweifelten Ringen um Erlösung, verbirgt sich noch eine weitere bedrohliche Dimension. Diese wächst in gleichem Maße wie sich aus bruchstückhaft wiederkehrenden Erinnerungen das Puzzle des Daseins zusammensetzt. Der seelische Spießrutenlauf führt unabänderlich auf diese erschreckende Erkenntnis zu.

    Jeder Eingebung gingen elektronische Impulse voraus

    Der gewohnten Kausalität des Erlebens steht die Frage nach Ursache und Wirkung gegenüber. Wer oder was sind wir? Im Grunde genommen ... Oder gründlich eingenommen, durchdrungen von unserer eigenen Idee von der Welt?


    2. Textpassage:

    Steen Kofoed war der alleinige Herrscher auf dem blank polierten Parkett des Konferenzsaals, sein Wort hatte mehr Gewicht als jene Pomp und Pracht symbolisierenden Säulen zu beiden Seiten des Podiums. Die anwesende Menge, darunter die journalstische Kompetenz aller namhaften Zeitungen sowie auserwählte Vertreter der Ärzteschaft und der Pharmaindustrie, hatten ihre Plätze bezogen und blickten ehrfürchtig zur charismatischen Lichtgestalt empor. Ans Mikrofon tretend, tadellos gekleidet, hob Steen Kofoed fordernd eine Hand und antizipierte Ereignisse von denkwürdiger Tragweite.
    „Meine Damen und Herren“, eröffnete er seinen Monolog, „noch vor wenigen Jahren galten in Forscherkreisen die Fachgebiete der Neurologie respektive Psychotherapie als seperate, unvereinbare Größen. Gemäß des von mir entwickelten und seither erfolgreich angewandten Multi-Event-Prinzips durfte die Wissenschaft etliche Heilungen von Gehirnerkrankungen und zelebralen Funktionsstörungen verbuchen. Durch die Patentierung des Nervenheilmittels Genophostat ist uns nachweislich ein medizinischer Quantensprung geglückt, der nicht zuletzt in Verbindung mit moderner Hypnose-Therapie wahre Mirakel bewirkt hat. Basierend auf einer intensiv vorangetriebenen Auseinandersetzung mit der neuropathologischen ...“
    „Heiliger Strohsack!“, dachte Robert alias Vogtmann, und klammerte desperat beide Hände an die vordere Kante der Sitzfläche. Eingeklemmt zwischen einem Pulk andächtig lauschender Journalisten, die dem Kluggeschwätz offenkundig eine Menge abzugewinnen hatten, knirschte unter ihm der Plastikstuhl.
    Mirakel hin, Mirakel her, Kofoed müsste allein schon für sein nervtötendes Gefasel unschädlich gemacht werden!

    (c) P.Pitsch (aus WELT, Thriller)
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