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  • JOELLE TUERLINCKX | d11

  • _em_ton_sti_ JOELLE TUERLINCKX | d11
    http://www.budesheim.de/documenta_board/JOELLE_TUERLINCKX.jpg

    Vielleicht hat es jemand gesehen. Eine wunderbare Installation auf der letzten documenta. Ich hatte einen kleinen Text dazu geschrieben:

    17. Zu schell.

    Nicht schreiten! Schlendern ... Ich versuche es noch einmal.

    21. Schon besser ...

    22 Museumsschritte entlang einer Linie - ein Test, ob ich noch museumstüchtig bin? Nein. Joëlle Tuerlinckx' Vorschlag für einen Raum im Fridericianum von 15 Min 7 Sek in der Ausdehnung mal 22 Museumsschritten in der Länge.

    Warum bin ich gleich bereit, diesem Vorschlag zuzustimmen? Vielleicht weil er beiläufig, leicht und hell daherkommt und ich gerade das bedeutungsschwere, schwarze Keller-Archiv von Chohreh Feyzdjou hinter mir gelassen habe?
    Sicher mit ein Grund.

    Ich mag sofort dieses Ready-Made aus dem Papierspender. Ich muss an das berühmteste aller Ready-Mades denken: Auch aus dem sanitären Bereich, aber in der Geste doch ziemlich skandalheischend. Dieses hier - ruhig und zurückhalten - gibt mir augenzwinkernd für einen Moment, was mir auf der Documenta11 manchmal ein wenig fehlt: Farbe, Form, Textur, Papier - doch ohne die schützende Vitrine wäre das grüne Blatt, das sie hier im Museum gefunden hat, längst entflogen ...
    (Ich frage mich, warum diese Künstler immer gerade meine Erwartungen unterwandern wollen, welche Erwartungserwartungen die wohl haben?)

    Witzig ist auch die schwarze Umkleidekabine, die mir zeigt, dass alles, was ich sehe, bzw. empfange postwendend in eine Projektion verkehrt wird und mich so quasi mit dem Dia-Projektor - einen Schritt weiter - gemein macht.

    Gut gewählt ist die Holz-Latte aus einem Eimer weißer Farbe: Ist das alles, was der White-Cube mir noch zur Malerei zu sagen hat, das Weiß der Wände, eine Erinnerung an Malerei, meine Vorstellung, dass hier mal "gemalt" bzw. Malerei gezeigt wurde? Ein paar Schritte weiter sehe ich, wie jemand eine Wand weißt, aber ich sehe natürlich nicht "wirklich" Malerei, sondern nur Projektionen.
    Ich sehe dutzendfach, wie jemand zeichnet. Schön und einfach zeichnet. Ich sehe zeichnen, aber keine Zeichnungen: gerahmt und aufgehängt. Ich sehe, wie jemand zeichnet? Ich sehe nur die Hand, die Hand-lung.
    (Auf Marketingdeutsch hieße das vielleicht: statt ergebnisorientiertem Handeln findet man eine handlungsorientierte dynamische Stabilität - oder so ähnlich.)

    Andere Monitore zeigen gefundene Wörter und Zahlen: Wörter, aber keine Erzählung, Zahlen, aber sie zählen nicht.
    Ich sehe "Fake-Walls", auf die Bilderschatten geworfen werden: Eine Kirchenwand zum Beispiel. Ursprünglich hingen dort wohl Kacheln. Portugal sei bekannt für seine historischen Kacheln, lese ich in irgendeinem Begleittext. Jetzt sind sie abgeschlagen, gestohlen. Ein Sprayer hat dort, wo ehedem Geschichte hing, seine Botschaft hinterlassen: "Früher gab es hier Kultur und heute null." Da wo früher Bilder hingen, ist heute nichts? Ich vor der bilderlosen Museumswand und - weit weg - schlummernde Rentner vor der kachellosen Kirchenwand - die Ruhe nach dem Bildersturm.

    Ein weiterer Ready-Made-Text: "Zero is the Number of things you have when u dont have anything." Zero, Null, eine Installation aus nichts? Nur fast: 20 Monitore immerhin stehen auf dem Museumsboden. Große und kleine Kuben, ziemlich massiv, genommen an der Leichtigkeit des spielerischen Nichts, das sie zeigen... und verbergen. Sorgfältig aufgereiht sind sie, rhythmisch, fast tänzelnd, aber doch streng parallel zur Linie der 22 Museumsschritte. (Nur ein einziger Abweichler: Er hat mit einer Überwachungs-Kamera den Platz getauscht und zeigt, wie diese Installation entstand.)
    Dazu Beamer, Diaprojektoren und wie Dinosaurier: Overhead-Projektoren - die letzten Skulpturen?

    Vier weitere Monitore hängen im Himmel der Installation: In strengem Takt - über alles unterschiedslos hinweg - zeichnet jemand Punkt um Punkt um Punkt um Punkt ... Hypnotisch.
    Langeweile, Melancholie, Vergänglichkeit ..?

    Da schrecke ich aus der Trance auf und erinnere mich, dass die Arbeit Tuerlinckx' ganz einfach sehr schön ist. Und sehr poetisch. You only have to choose a moment.
  • lisa
    lisa
    danke.

    Du hast mir eine Tür geöffnet.
    Signatur
  • _em_ton_sti_
    :-) danke
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  • lisa
    lisa
    tja, gegen nacktmalerin kommst Du nicht an :))
    Signatur
  • _em_ton_sti_
    :-) Ich hab ein schlechtes Marketing. Muss ich noch dran arbeiten :-)
  • rep
    ich glaube kaum, dass man für so etwas ein übliches marketingkonzept anwenden kann.
    ich vermute, das entsteht entweder oder nicht.
    und zwar durch die direkte interaktion von sender und empfänger, wobei diese rollenverteilung fliessend ist.
    beide akteure (oder aktionsgruppen) bewegen sich mental auf ähnlichen wellenfrequenzen oder sind in der lage, diese zu interpolieren.
    das spielt sich in einer ganz anderen zone ab, als das anbieten von basic requirements.
    willst du diesen bereich mit abdecken, dann bekommt die installation ganz einfach entsprechende zusätze verpasst.

    :)))
  • _em_ton_sti_
    Es ging nicht um das Marketingkonzept von Frau Tuerlinckx, sondern um meines :-) Und außerdem stand der Begriff in dicken (unsichtbaren) Anführungszeichen :-)
  • odnaliW_ocsicnarF
    Das was mir an dir so gefällt itsnotme ist, dass du so wahnsinnig tiefsinnig bist. Habe leider nicht immer die Zeit, mich in deine Dinge die du vorbringst zu vertiefen weil ich doch mit mir selbst sehr beschäftigt bin.

    Ich versuche jedoch die Innovationen die du aussendest in mich aufzunehmen.

    Danke dafür.
  • rep
    ... itsnotme ist, dass du so wahnsinnig tiefsinnig bist. Habe leider nicht immer die Zeit, mich in deine Dinge die du vorbringst zu vertiefen weil ich doch mit mir selbst sehr beschäftigt bin.
    Ich versuche jedoch die Innovationen die du aussendest in mich aufzunehmen.


    dann treib dich nicht dauernd in gänseställen rum! was machst du dadrin eigentlich, hmm...?
    spring in tiefe gruben und grabe dort nach "it´s_not_me"...
    wenn du merkst, dass du es dort nicht findest, geh, und kauf dir ne parabolantenne mit integrierter mindmachine.
    :))).
  • siku
    Hallo its_not_me
    ... mir hast du die Tür zwar nicht geöffnet, aber auf jemanden wie mich, der die Installation nicht im Original gesehen hat, wirkt sie gut beschreiben. Momentaufnahme – im nachhinein formuliert?

    Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem Kurzführer zur documenta 11 über die Intentionen der Künstlerin.

    „Joelle Tuerlinckx’ intuitive, poetische Vermessung des Raums befasst sich eingehend mit Rahmenbedingungen von Wahrnehmung als Parameter künstlerischer Produktion. In ihren „film objects“ und „exhibition objects“ verwebt Tuerlinckx’ transitive Praxis die phänomenologische Realität von Objekten und Subjekten als gleichwertige, sich gegenseitig definierende Körper im Augenblicke des sich in der Zeitbefindens....“
    Wer weiterlesen möchte: documenta 11_Platform 5, Kurzführer S. 228

    na wenn das keine Konkurrenz für „nacktmalerin“ ist ;-)
    gruß siku
  • _em_ton_sti_
    "... im nachhinein formuliert?"

    Ich wohne in Kassel. Daher war ich Dauergast auf er d11 :-) Irgendwann zwischendurch hab ich eine Reihe von Texten dazugeschrieben.
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