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  • Der Abstraktionsbegriff

  • Julia Kaidisch Der Abstraktionsbegriff
    Hallo an alle,

    ich denke in letzter Zeit viel über den Abstraktionsbegriff nach und mich würde einfach interessieren, was andere Leute davon halten. In der Philosophie versteht man unter "Abstraktion" das "Abziehen" fundamentaler Eigenschaften, sogenannter "Wesenseigenschaften", von einem Gegenstand, um einen Begriff von diesem zu bilden - man formt aus den Wesenseigenschaften den Begriff. Abstrakten Bildern liegt Ähnliches zugrunde, zwar keine begrifflichen Wesenseigenschaften, aber fundamentale Züge, Merkmale, die der Künstler herausarbeitet, sie in den Fokus stellt. Nun werden oft Werke als "abstrakt" bezeichnet, die eindeutig noch gegenständlich sind. Hier ist die Abstraktion deutlich einsichtig.

    Schwierig wird es mit ungegenständlichen Bildern - wovon wird hier noch abstrahiert? Wovon ist eine monochrome Leinwand eine Abstraktion? Man könnte entgegnen, von der Farbwahrnehmung allgemein, oder eine spezifische Abstraktion der Welt mit eben diesem speziellen Fokus.

    Die Künstler der sogenannten "Hard edge"-Malerei, eine US-amerikanische Bewegung in den 50ern und 60ern, meinten, die von ihnen dargestellten Formen sollen den Betrachter an keine je von ihm wahrgenommenen Formen erinnern. Offen bleibt jedoch die Frage, woher die Künstler ihre Formen nahmen - aus der Abstraktion, oder aus der Kreation. Wie ich herausgefunden habe, gab es sogar eine Ausstellung mit dem Titel "Abstraction - Création", die wohl genau dieses Problem beleuchtet hat.

    Sollten wir nicht oft besser von "Kreation" als von "Abstraktion" sprechen? Oder aber schließt sich eine Vereinigung nicht aus - ist ein abstraktiver Prozess nicht immer auch ein kreativer? Der Künstler geht ja nicht so vor wie der Philosoph, seine Auswahl an Merkmalen ist eine viel subjektivere (auch darüber kann man diskutieren).
    Oder aber wir fassen den Begriff von Abstraktion so weit, dass er jegliche selektive Darstellung von Merkmalen der Welt umfasst und handle es sich auch nur um eine einzige Farbe.
    Vertritt man keinen solchen weiten Abstraktionsbegriff, so muss man ihn an vielen Stellen durch "Kreation" ersetzen, sonst macht das für mich nur wenig Sinn.

    Ich hoffe, ich hab mich einigermaßen klar ausgedrückt und freue mich über eure Gedanken zum Thema :)
  • siku
    @Julia Kaidisch

    Vertritt man keinen solchen weiten Abstraktionsbegriff, so muss man ihn an vielen Stellen durch "Kreation" ersetzen, sonst macht das für mich nur wenig Sinn.[...]

    Ich hoffe, ich hab mich einigermaßen klar ausgedrückt und freue mich über eure Gedanken zum Thema :)


    das ist klar ausgedrückt. Mir ist eine engere Definition nicht bekannt: abstrakt ist ein unscharfer Begriff für jegliche Kunst, in der die Farbe nicht mehr im Dienst der Form steht - und selbst hier greift ja schon der Begriff abstrakt, z.B. bei "konkreter Kunst, die auf geometrischen Figuren beruht, sie wird allgemein auch als abstrakte Kunst bezeichnet.
    Bei dem Begriff "Kreation" fällt mir spontan Willi Baumeister ein, der in seiner Schrift "Das Unbekannte in der Kunst" mit der schöpferischen Kraft des Künstlers auseinander gesetzt hat.

    Der Künstler findet einen Weg, die Bildproduktion mit den ihm vorhandenen Mitteln (Material) , Kreativität, Befreiung von äußeren Einflüssen während der Schaffensphase zu kreieren.
    Wie weit das vollständig gelingt, oder doch im theoretischen hängenbleibt ist offen.
    Viele Künstler (alle?), die sich vom einem abbildenden Gegenstand im Motiv getrennt haben, können ihre Seherfahrung in der Kunst nicht gänzlich ausschalten. Das gilt auch für monochrome Motive oder Farbfeldmalerei.
    Die Befreiung vom äußeren Gegenstand strebten auch die Surrealisten an, sie blieben zwar in der Form, brachen jedoch mit den typischen Sehgewohnheiten.

    Die Philosophie versucht das Wesen der Dinge, die uns erscheinen durch Beschreibung zu erfassen. Die abstrakte Kunst soll ja gerade das Gegenteil bewirken: nicht beschreibbare Eindrücke sinnlich zu erfassen, da ist Sprache nur hinderlich - und dort wo es ohne sie kein eindrucksvolles Kunstwerk gibt, hat Bildende Kunst ein Manko. denn Sender und Empfänger benötigen Sprache als Hilfsmittel, um etwas der Kunst zuordnen zu können. Baumeister hat seinen Kompositionen teilweise absichtlich irreführende Tiitel gegeben, um die Aufmerksamkeit des Betrachters durch Verwirrung auf die eigentliche nonverbale Aussage des Bildes zu lenken.
    Der Begriff abstrahiert ist da eher ein Zwischending zwischen gegenständlich und abstrakt. Abstrahiert heißt ja, das der Gegenstand noch assoziierbar ist, wie z.B. beim abstrakten Expressionismus. z.B.Willem de Kooning
    Diese Thematik lässt sich nicht mit ein paar Zeilen klären. sie bleibt zu weitgefasst.

  • Julia Kaidisch
    Erstmal danke für deine ausführliche Antwort!

    Ich bin auch der Meinung, dass es eine vollkommene Befreiung von der äußeren Wahrnehmung nicht geben kann, wer anderes behauptet ist in meinen Augen unrealistisch. Die Frage ist eben, wieviel von sich selbst sozusagen der Künstler beimengt, seine eigenen präferierten Kriterien der Auswahl, also was an dieser unendlichen Vielzahl an Eindrücken ihn am meisten fasziniert, was er als das Fundamentalste betrachtet. Man darf diesen Prozess aber eben nicht reduzieren auf ein einfaches Auswahltreffen, das wird wohl auch keiner behaupten - durch seine ständige Konfrontation mit der Welt ist der Künstler als intelligentes Wesen dazu in der Lage, auf dieser Basis eigenständige Formen und Farben zu erdenken, die er aber noch nie gesehen hat, indem er sie sich vorstellt und nach dieser Vorstellung zeichnet oder mischt.

    Ich beschäftigte mich erst vor Kurzem mit dem Surrealismus, aber hauptsächlich auf die Literatur bezogen, hier bemerkte ich vor allem eine Dekonstruktion des Praktischen und Gewohnten durch Neukombinationen aus scheinbar Zusammenhanglosem. Dadurch werden wohl, so wie du schreibst, in der bildenden Kunst die "Sehgewohnheiten" gebrochen, aber auch unsere gesamten Lebensgewohnheiten werden auf den Kopf gestellt. Das erste Manifest des Surrealismus von Breton ist fantastisch zu lesen, kann ich nur empfehlen.

    Ich würde Philosophie auch beschreiben als einen großen Definitionsprozess, in welchem die Welt geordnet wird, in Kategorien gegliedert, die Begriffe möglichst klar gefasst.

    Eine Gegenüberstellung von Philosophie und Kunst als Konkurrentinnen, wie ich es leider schon an manchen Leuten bemerkt habe, ist absolut sinnlos, da Erstere einen wissenschaftlichen und die Kunst eben einen künstlerischen Zugang zur Welt hat. Die Philosophie muss sich durch und durch erklären können, das ist ja ihr Ziel, die Künstler verstehen sich, wie es mir scheint, oft nicht einmal selbst und das ist gar keine Kritik - ich kenne dazu ein Zitat von Matisse, kann es aber nur sinngemäß zitieren: "Sobald man nicht mehr weiß, warum man diese Farbe setzt oder jene Linie zieht, wenn die Hand sozusagen von selbst arbeitet, dann praktiziert man Kunst in ihrer vollendetsten Form." Andere dagegen schreiben Unmengen an Abhandlungen, ich lese gerade "Über das Geistige in der Kunst" von Kandinsky - er versucht hier teilweise zu beschreiben, wie eben der Geist in der Kreation arbeitet. Wäre interessant, ob man seine Beschreibungen als solche nehmen kann, also ob sie hinreichend sind oder nicht, ob sie zu vage sind. Denn wenn sie es nicht sind, dann hat er sprachlich ausgedrückt, was er bildlich schafft. Ich bin leider noch nicht weit genug, um hier Auskunft geben zu können.

    Ja meine Frage reißt tatsächlich einen riesigen Problembereich auf, der es aber wert ist, behirnt zu werden, da wir mit dem Begriff "abstrakt" so gedankenlos um uns werfen, ohne ihn wirklich definieren zu können. Also ich kann es jedenfalls nicht/ noch nicht. Die Philosophie als begrifflichen Ausgangspunkt zu wählen halte ich in diesem Fall für sehr sinnvoll, da die Kunsttheorie sich den Begriff sicherlich aus der philosophischen Tradition herausnahm - eine Identifikation ist aber eben nicht möglich und hier beginnen eben die Probleme, hier wird es interessant.

    Vielen Dank jedenfalls nochmals für deine Anregungen und auch Hinweise!
    LG, Julia
  • siku
    @Julia Kaidisch
    ich finde nicht, dass wir mit dem Begriff abstrakt gedankenlos um uns werfen, ich sehe Begriffe wie abstrakt oder Romantik eher als eine Vereinbarung, die wir getroffen haben, etwas zu benennen, einen Bereich abzustecken, ohne dass wir bei jeder Erklärung immer wieder "in der Steinzeit" anfangen müssen. Welcher Teil dieser Begriffe angesprochen ist, ergibt sich aus dem Kontext.

    Zitat:" ich lese gerade "Über das Geistige in der Kunst" von Kandinsky - er versucht hier teilweise zu beschreiben, wie eben der Geist in der Kreation arbeitet."

    Hier könnte man die Herangehensweise Kandinskys an Kunst mit der Herangehensweise in der Philosophie vergleichen. Es ist der Versuch zu einer Erkenntnis zu kommen, wie die Wahrheit in die Kunst kommt, Hier versucht Kandinsky mit einem wissenschaftlichen Ansatz, Theorienbildung, den Schaffensprozess offenzulegen. Wie auch in der Philosophie findet hier die Suche nach Erkenntnis statt, wohlbemerkt die Suche, also Verfahrensweisen wie wir Dinge, die uns erscheinen erklären können. Philosophie bietet keine Gebrauchsanweisungen und auch keine Lösungen an, sondern es werden immer neue Fragen aufgeworfen, bei denen man glaubt, dass unterschiedliche Lösungsansätze einen genaueren oder eben nicht so zielführenden Weg darstellen können: z.B. Rationalismus, Realismus, Idealismus, Empirismus: dort wo die ganzen Ismen auftreten wird es vielfältig, aber nicht unbedingt klarer.
    Man kann nicht etwas "klar machen", das auf unscharf angelegt. ist.
  • Julia Kaidisch
    Natürlich, und das gilt für alle unsere Begriffe, denn sie sind ja von uns geschaffen - sie sind Konstruktionen, die auf die Welt gestülpt werden, um diese zu kategorisieren.
    Ich bin die Letzte, die behauptet, KünstlerInnen müssten sich darüber im Klaren sein, ob sie nun "abstrahieren" oder "kreieren", darum geht es doch gar nicht, mir geht es es nicht um das Eigenverständnis der KünstlerInnen, sondern um die Kunsttheorie und philosophische Ästhetik, die doch ihre Begriffe sozusagen "im Griff" haben sollten. Eine Wissenschaft muss wissen, was ihre Begriffe bedeuten. Nun entspricht es der Natur des Untersuchungsgegenstandes, dass klare Kategorisierungen meist unmöglich und sogar schädlich sind, da sonst Theorien das eigentlich Authentische erdrücken würden. Trotzdem kann es vorkommen, dass ein Begriff dermaßen ausgeweitet wird, dass er geradezu ausgeleiert wird und seine ursprüngliche Bedeutung zu verlieren scheint, was den Gebrauch desselben schwierig macht. Deshalb braucht es solche Begriffsanalysen. Ich selbst bin vollkommen unentschlossen, wie weit ich "Abstraktion" fassen möchte, ich tendiere manchmal zu einem sehr weiten Begriff, dann wieder scheint mir das zu ausgeleiert, ich bin noch unentschieden. Ein großes Problem, das sich hier auftut, ist der Fakt, dass der Künstler oder die Künstlerin natürlich behauten könnte, es handle sich um reine Kreation und dies auch so fühlt, jedoch könnten hier natürlich auch unbewusste Vorgänge eine Rolle spielen, da KünstlerInnen als sinnliche Wesen, wie es alle Menschen sind, stets damit zu tun haben, das Wahrgenommene zu verarbeiten. Was ist nun dieses Verarbeiten? Wollen wir Abstraktion auch nur als etwas bewusstes bezeichnen, eine Intention? Das würde, so meine ich, viele Probleme mit sich bringen.

    Zwischen "unscharf" und "weit" ist ein Unterschied - das muss man hier beachten, nur so am Rande.

    Die Kunst erschafft sich ständig neu, nimmt immer neue Gestalten an - einst verwendete Begrifflichkeiten können dem vielleicht nicht mehr gerecht werden. Darauf will ich eigentlich hinaus - wenn sich ein Gegenstand verändert, dann muss sich auch das Begriffsinstrumentarium ändern, falls eine Ausweitung des Ursprünglichen zu einem Verlust der eigentlichen Bedeutung führt, wie es im Falle von "abstrakt" der Fall sein könnte.

    Die Kunsttheorie muss sich einfach die Frage stellen, wie sie am besten arbeiten kann, wie sie am adäquatesten beschreiben kann - wenn die Begriffe zu weit gefasst werden müssen, dann ist das nicht zielführend.

    Ich will wirklich nicht behaupten, dass man Kunst "erklären" kann - man kann nur versuchen, mögliche Zugänge zu finden. Ich bin selbst, wenn auch momentan leider viel zu selten, künstlerische tätig - mein Freund fragt mich dann immer aus, wie ich darauf gekommen bin, was mich hier angetrieben hat, warum gerade diese und nicht die andere Farbe, warum überhaupt so? Ich kann es oft nicht beantworten und grüble sehr lange darüber. Über die Verhältnisse zwischen Farben habe ich mir einige Gedanken gemacht, das ist wohl mein Hauptanliegen, die Formen kommen dann ganz von alleine. Aber ich könnte nicht sagen, ob dies nun Abstraktion sein soll, woher es denn kommt usw.

    Mit diesen Ismen muss man ohnehin aufpassen, reine "Rationalisten" oder "Empiristen" wie im Bilderbuch trifft man gar nicht so oft an, die meisten werden in Schubladen gesteckt.
    Naja es kommt darauf an, was dir selbst am meisten einleuchtet - manche Zugänge erscheinen einem doch sinnvoller als andere. Die Philosophie liefert uns eine Vielzahl an Positionen, die einander eben auch widersprechen können in den fundamentalsten Ansichten über die Welt, etwa in Fragen, ob es denn Geistiges gäbe oder nicht. Letztlich gibt es nur eine Wahrheit, folglich hat notwendigerweise eine Position Recht und die andere nicht. Außer, dies ist auch noch möglich, unser Verstand ist zu begrenzt, um die Wirklichkeit zu erfassen und die Beschreibung derselben kann durch unsere Begriffe gar nicht erfolgen.

    Sich zu positionieren ist oft notwendig, vor allem in ethischen Fragen, würde ich meinen, um einfach in sich sinnvoll handeln zu können. Ich persönlich halte beispielsweise überhaupt nichts von einem Utilitarismus und würde niemals demgemäß handeln. Als gewissenhafter Mensch kann einen einfach nicht alles in gleicher Weise ansprechen, denn dann wäre man willkürlich. Vor allem in der Ethik ist es somit sehr gefährlich, die Positionen als ein "Nebeneinander" zu betrachten, denn das sind sie nicht.
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