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  • Der Fado

  • iriJ Der Fado
    Vorsichtig bricht das milde Sonnenlicht durch den Dunst über dem Fluss. An diesem Morgen war ich schon früh unterwegs gewesen und saß jetzt im Cafe am Placa de Repubic unweit der Brücke, auf der sich wie jeden Morgen der Verkehr staute. Leise schwang ungeduldiges Hupen, getragen durch eine Atlantische Brise in die Stadt. Von meinem Standpunkt aus konnte man gerade noch einen Teil der Brücke des 25 April erkennen die über den Tejo in die Stadt führt und sich wie eine Miniaturausgabe der Golden Gate Bridge ausnahm. Weiter unten im Hafenbecken legten immer neue Fähren an und entluden die Pendler die unweit in den Märkten, Werkstätten und Büros ihr Auskommen hatten.
    Trotz der langen Zeit die ich schon in Lissabon lebte, stockte mir immer noch der Atem Wenn, ich auf die Silhouette der Stadt und rüber zum Ufer des Tejo blickte, wo sich das einst weiße Lisabon erhob.
    Zufrieden und auch ein wenig vergnügt nippte ich an meinem Bica, wie man hier einen Espresso zu nennen pflegte und blickte dem morgendlichen Treiben der Geschäftsleute und Touristen zu. Ich liebte diese Zeit in der es in den Sommertagen noch nicht zu warm war.
    Ich liebte es umso mehr, weil ich nach all den Jahren die ich an der Londoner Kunstbörse verbracht hatte endlich für mich war.
    Ich liebte es, weil meine Geschäfte hier in der Provinz wie von alleine zu laufen schienen.
    Die Künstler die ich in meiner Galerie unweit des Stadtzentrums am Rossio unter Vertrag hatte waren bis jetzt noch immer ein gutes Geschäft gewesen.
    Ich wartete auf Jorge, einer meiner Künstler die ich unter Vertrag hatte.
    Er war ein lebenslustiger Typ und seine manchmal Überladen wirkenden und Monumentalität ausstrahlenden Werke waren im letzten Jahr der Renner gewesen.
    In diesem Jahr schien sein Stern etwas zu verblassen, die Arbeiten fanden nicht mehr den Anklang den ich mir finanziell erwartete. Die durchweg großformatigen Werke waren schon etwas besonderes
    jeder dachte bei seiner, Malerei an einen Expressionistischen Modernen mit naiv verspielten Elementen dessen exponierte Grundströmungen nur verdeckt wahrnehmbar waren.
    Mit äußerster Beliebtheit hingen seine Werke in den Privaten Kunstsammlungen und Vorstandsetagen
    Sein Geheimnis steckte in der Struktur, das die Grundlagen seiner Malerei bildete.
    Er benutzte, sorgsam am Rande der Landstrassen gesammelte zuvor überfahrene Tierkadaver als Malgrund, die er, nachdem er ihnen in den Atlantischen Salinen die Flüssigkeit entzog und mit einer Mischung aus Äther und Parafinöl konserviert auf die Keilrahmen spachtelte. Mit den hochwertigen Ölfarben, modellierte er die Konturen und zog die einzelnen zerquetschten Körperpartien nach. Die Perfektion seiner man könnte es schon Illusion nennen, hatte er über die Jahre zur Meisterschaft entwickelt. Und sich durchaus mit den großen messen konnte.
    Aus diesem Grunde und natürlich auch weil ich ihn mochte, organisierte ich für ihn einen Event der besonderen Art.
    Mit einigem Verhandlungsgeschick und der Herauskehrung der besonderen unverwechselbaren Merkmale in Jorges Arbeiten, sowie natürlich die obligatorischen Höflichkeitspräsente an geeigneter Stelle, war es mir gelungen eine Ausstellung im Seitentrakt des Museo Art de Decorativa zu organisieren.
    Dieser exponierte Ort im Herzen Lissabons, sollte jedem in Kunstkreisen beheimateten Interessierten einen ehrfürchtigen Schauer entlocken.
    Auch die nicht so bewanderten Sammler die den Kunstmarkt als erweitertes Wertpapierdepot betrachteten sollte das Museo Art de Decorativa zumindest eine beeindruckende Lokalität im Barocken Stil bieten.

    Entspannt wickelte ich, die der Boca beigelegten Schokolade aus und lies sie im Mund zergehen. Die runden Tischchen waren sorgsam in zweier Reihen entlang der Strasse gestellt,
    Links von mir, etwa zwei Tische weiter saß ein älteres Ehepaar, unschwer erkennbar Briten.
    Der etwas dürre Mann trug halblange Khakihosen und Sandalen, die Beine waren rotgebrannt und erst im zweiten Blick erkannte ich das er wohl bis gestern noch Strümpfe trug, dessen schützende Wirkung sich mit der, nun noch hellen Hautfarbe die dem Sonnenlicht nicht ausgesetzt war abzeichnete.
    Seine Partnerin, war durch die mediterrane Sonne ähnlich gezeichnet, in ihrem Gesicht konnte man den Abdruck, der jetzt natürlich nicht mehr vorhandenen Sonnenbrille erkennen.
    Im Türrahmen des Cafes lehnte der Kellner, einer dieser für den Landstrich typisch scheinenden Männer.
    Mittelgroß etwas lichtes Haar, kantiges leicht eingefurchtes Gesicht, so ca. Mitte Dreißig. Unter der Sonne altert hier die Haut schneller, so das er schon zehn Jahre älter wirkte.
    Er beobachtete aufmerksam seine an den Tischen sitzenden Gäste, geschäftstüchtig doch zurückgenommen und gepflegt unaufdringlich.
    In angemessener Zeit erkundigte er sich mal hier mal da nach dem Befinden und nahm die Bestellungen entgegen, brachte den Cafe oder die Tageszeitung.
    Manchmal auch hielt er mit einem Stammgast wie auch ich einer war einen Plausch übers Wetter oder die Lotterie.
    Kurzum man fühlte sich Wohl hier in diesem Cafe, dessen Namen ich besser nicht nenne.
    Durchaus möglich das sich dann einige Touristen die dieser kleinen Geschichte folgen bei ihrem nächsten Lissabonbesuch meiner Empfehlung folgen.
    Nicht auszudenken...
    Über der Strasse hinweg lag ein Platz, dessen Mitte ein steinerner Springbrunnen zierte, die Fontaine sprudelte unregelmäßig, daneben leuchtete die bunte Pracht eines Blumenstandes und im Hintergrund dröhnte die alte Trambahn ihrer Haltestelle entgegen.

    Jorge wirkte leicht gehetzt als er aus der Tram stieg, und über den Platz eilte. Seine ansonsten so sorgsam gekämmten Haare hingen ihm heute wie eine aufgestellte Antenne rechts des Scheitels in die Höhe.
    Schon aus dieser Entfernung erkannte ich, das er beim zuknöpfen seines Hemdes wohl in der Knopfleiste verrutschte.
    Er zog er es vor seine Hemden über der Hose zu tragen.
    Durch den unbewussten Versatz wirkte seine Statur ein wenig grotesk und unbeholfen.
    Ich konnte mir bei seinem Anblick einen Seufzer nicht verkneifen und schüttelte leicht den Kopf.
    Jorge stoppte auf der anderen Straßenseite und blickte suchend in Richtung der Tische.
    Ich hob kurz die linke Hand in seine Richtung und blickte durch meine getönten Gläser in sein Gesicht. Sein suchender Blick entspannte sich erkennend und er lief zu mir.
    Mit einem kurzen Nicken lies er sich in den Stuhl fallen und legte seine mitgebrachte Tageszeitung auf den Schoß.
    „Bom dia Carlos“ sagte er
    „Bom dia Jorge, wie geht es dir“
    Sein Hals wirkte leicht angeschwollen und auf seiner Schläfe pulsierte ein Äderchen rhythmisch unter seiner faltigen Haut.
    Er war unrasiert und seine ansonsten wachen Augen wirkten müde.
    Mit einer etwas hektischen Handbewegung Richtung Kellner wies er ihn zur Aufmerksamkeit. „Einen Meija de lete und noch einen Boca für meinen Freund Carlos“ rief er ihm zu.
    „Was ist los mit dir“ sagte ich und blickte ihn fragend an.
    Erwähnte ich schon? Er war sonst ein eher Lebenslustiger Mensch den die Nächtlichen Freuden in Form von Alkohol, Frauen und dem zelebrieren des Fado in den Gassen und Kneipen seines Viertels, in dem das Atelier beheimatet war genoss.
    Doch heute wirkte er wie einer der Typischen Bewohner des Bairo, dessen Leben nicht auf der Sonnenseite Lissabons stattfand sondern bedrückt durch die Traurigkeit die dort so Alltäglich ist, weil der Alltag Traurig ist. In dem Viertel wo schwarzgekleidete Frauen den Blick des Fremden meiden und in den Häusern verschwinden.
    Er nahm die mitgebrachte Zeitung auf und blätterte kurz, faltete sie mit bedacht, so das der ihm anscheinend so wichtige Artikel isoliert war und schob ihn über den Tisch.
    Mit seinem Zeigefinger rubbelte er über die Zeilen und sagte „ eine Katastrophe“
    Ich musste wohl ziemlich verdattert ausgesehen haben als ich mir den Artikel ansah, den ich spürte den neugierigen Blick der beiden Briten, die in unserer nähe saßen.
    Leicht unbeherrscht entwich es ihm „ Enrique Waldes“
    Ich begann langsam zu ahnen, worauf es hinauszulaufen schien. „Enrique?“ Fragte ich kurz. „Das ist dein Problem?“
    „Ja, aber“ entgegnete er, „stehst du zu mir? ... wirst du mir helfen?“ Ich blickte ihn ernst an.
    „Er ist dein Problem. Nicht meines. Ich weis gar nichts.“
    „Enrique kennt mich, und nun ist er hier in Lissabon“
    Natürlich Wusste ich von Enrique Waldes, er hatte sich über die Jahre einen äußerst fragwürdigen Namen als Enthüllungsjournalist gemacht, dessen Interesse vornehmlich der faschistischen Vergangenheit Portugals galt. Und seit einem Monat der neue Mann fürs Grobe.
    In dem Artikel den er mir zuschob wurde mit einigen Sätzen auf die bevorstehende Ausstellung hingewiesen und in einigen etwas verschachtelt wirkenden Sätzen eine Sensationelle Enthüllung bezüglich meines armen Freundes Jorge zur Vernissage angekündigt.
    Als Galerist und Kunstexperte wusste ich natürlich über die Ungewöhnlichen Arbeitsmethoden meines Freundes genauso Bescheid, wie ich als erfahrener Geschäftsmann auch über die Vergangenheit meiner Klienten so einiges in Erfahrung gebracht habe.
    Über ihn waren einige Gerüchte im Umlauf, so musste Enrique erfahren haben, welche unrühmliche Rolle mein Künstler damals spielte als die Diktatur am 25 April 1974 endete und die Geheimpolizei Pide sich am Lago do Carmo verbarrikadiert in die Menge schoss.
    Ich sagte nochmals „Es ist dein Problem und du musst es lösen“
    Kurz darauf noch einmal etwas eindringlicher
    „Ich weis gar nichts über deine Probleme, sei kreativ.“
    Sein stechender Blick hätte mich in diesem Augenblick pulverisiert und in alle Himmelsrichtungen geweht würde er über diese Art Macht verfügen.
    Der Kellner kam kurz an unseren Tisch und servierte den Frischen Boca und die Meja.
    Er nippte kurz an seiner Tasse und verzog seine Mundwinkel, neigte seinen Kopf leicht zur Seite und strich sein Haar glatt. Bevor er mit seiner Ansprache begann wiegte er nochmals seinen Kopf, so als wollte er die Worte und Sätze die er sich nun zurechtgelegt hatte nochmals prüfen, bevor er flüsternd begann.
    „Es ist mein Problem, ja du hast Recht, es ist aber auch dein Problem und ich sage dir auch warum.“
    Er lächelte kurz, bevor er fortfuhr. „Du, verlierst genauso viel, wie ich in diesem Spiel. Ich möchte dich nur ungern an deine Rolle beim Verschwinden wichtiger Kunstgegenstände aus dem Nationalmuseum von Osttimor nach der Räumung 1975 erinnern, oder die finanzielle Unterstützung der FRETLIN Rebellen 1995.“

    Er lehnte sich nun ein wenig zurück und genoss triumphierend die Sonnenstrahlen die sich zwischen den Schattenspendenden Markisen ihren Weg suchte, zusehends entspannter beobachtete er meine Reaktion aus den Augenwinkeln und fügte hinzu. „Du solltest meine Verbindungen nicht unterschätzen.“
    Das hatte gesessen, das musste ich ihm leider zugestehen. Die Frente Revolutinario de Este Timor Independe kämpfte nach dem Rückzug der Portugiesen gegen die Indonesische Regierung. Unter anderem auch finanziert durch Ausbeutung des eigenen Kulturellen Erbes.
    „Jorge mein Freund, lass uns ein Glas Port trinken und gemeinsam überlegen wie wir dieses Problem angehen werden.“
    Wir saßen noch eine Weile zusammen und besprachen das eine oder andere, bezüglich unseres gemeinsamen Freundes, seiner Ausstellung und der geladenen Gästeliste.

    Die Vernissage Sonntags nach dem Kirchgang war ein voller Erfolg, alle waren sie gekommen. Donna Isabella, der Ministerpräsident nebst Kulturattache genauso wie der Lissabonner Magistrat, Internationale Industrie und weitere Vertreter von Wirtschaft, Politik, Showbizz, neben Kunstsammlern der eine oder andere Liebhaber und Spekulant, Selbst der Bischof von Se machte seine Aufwartung.

    Zunächst, hatte man mit Spannung, auf Waldez gewartet, das Lisboa schickte an diesem Tage nur einen jungen Kulturjournalisten und die Society Expertin Eva Milan der staatlichen Rundfunkgesellschaft.
    Ein Skandal blieb aus.
    Nach der Eröffnungsrede, die der Rektor des Museo hielt mischten wir uns unter die Leute.
    In den Vergangenen Tagen hatte ich ihn selten so gelöst gesehen. Mit einer Blonden Schönheit im Arm unterhielt er sich angeregt mit dem derzeitigen Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei über die Kunst des ausgehenden Zwanzigsten Jahrhunderts und erörterte dem Bischof von Se seine Theorie des Weges der religiösen Malerei im Kontext zur Katholischen Kirche.
    Später zu vorgerückter Stunde unterhielt er die Gesellschaft mit einigen Anekdoten aus seinem künstlerischen Leben.
    Und ich?
    Ja auch ich war erleichtert und stolz auf die Organisation dieses Events.
    Ich betrachtete mein Personal das herum lief die Gäste bediente und die obligatorischen roten Punkte an die verkauften Bilder klebten.
    Jedoch an einem Bild, das mir besonders am Herzen lag, bat ich es mir aus dem Ritual der verkauft Etikettierung persönlich vorzunehmen.
    Eine kurze Zeit verweilte ich in angemessenem Abstand und betrachtete Jorges jüngstes Werk.
    Ein Großformat von gigantischen Ausmaßen. Drei mal zwei Meter, eine Sternstunde Zeitgenössischer Malerei.
    Ein Werk, von dem ich mir sicher war, das es in der Zukunft in einem Atemzug mit Micheangelo´s Fresken, Rembrandts Nachtwache und Van Goghs Blumenwiese genannt wird.
    Exquisit ausgeleuchtet mit insgesamt 12 Halogenstrahlern, die durch einen geschickt gewählten Lichteinfall, die Strukturen seiner einzigartigen Schabe und Spachteltechnik unterstützten und verstärkten.
    Geschickt zwischen zwei barocke Polstersäulen gefasst, dessen Kapitelle mit einem Kämpfer artigem Aufbau ihren Abschluss fanden.
    Doch was mich an diesem Werk, vor Rührung am meisten aufwühlte, war, der wunderbare Preis.
    Eine Träne der Rührung und Ergriffenheit rann warm über meine Wange, als ich das Pflaster in die rechte untere Ecke setzte.
    Es wird seinen Platz in der Lobby des Internationalen Währungsfonds finden.

    Ach ja, Waldez. Nun er blieb verschwunden.
    Seine Frau, lies sich im dritten Jahr seines Verschwindens vor dem Gesetz zur Witwe erklären.
    Übrigens eine durchaus attraktive und liebenswürdige Frau.
    Ich habe sie heute abend zum Nachtessen ins Avenida eingeladen, mal sehen vielleicht machen wir einen Bummel rund um den Rossio, oder beenden unseren Abend in einem der vielen Lokale in denen noch immer der Fado zelebriert wird bei dem wir Portugiesen so wunderbar im Weltenschmerz zergehen können.
    In diesem Sinne bom dia.
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