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Schleim, Arzt, Gotik, Hendrik de vriesstipendium, Sehnsucht, Tobias crone

Arzttobias cronehendrik de vriesstipendiumGotik

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    Gedruckt auf Hahnemühle Kupferdruckkarton (300 g/m²).
    Das angegebene Format bezieht sich auf die Größe der Druckplatte.
    Erster Platz beim Allianz Niederlande Grafikpreis 2009.
    Im Rahmen des Hendrik de Vries-Stipendiums wurde diese Arbeit 2012 in eine experimentelle Theaterperformance umgesetzt.
    - Musikwissenschaften -
    Das Laboratorium ist abgelegen, verborgen, und nur einem engen Kreise von Wissenschaftlern bekannt, die auch gemeinsam dort hausen, verteilt in den unergründlichen Verwinkelungen eines enormen Komplexes. Der geflieste Boden der zentralen Halle versinkt stets ein wenig in sich selbst und schenkt kaum Halt und Trost, ganz im Gegensatz zur hohen Decke dieses Raumes, denn sie ist den anwesenden Wissenschaftlern ein Nährboden der Lust. An ihr wuchert und keimt ein offenes Geschwür, das aus vielen einzelnen, verschieden großen Kugeln besteht. Die Theorie, es könne sich bei diesem Geschwür in seiner Gesamtheit und Unerschöpflichkeit um eine mutierte Form einer monströsen Brustwarze handeln, konnte von den Wissenschaftlern nie eindeutig bestätigt werden, doch geben sie sich diesem Glauben nur allzu dankbar hin. Die Kügelchen fühlen sich rauh an, trocken, und sind umso steifer und härter, je größer sie herangewachsen sind. Hat eine Kugel eine gewisse Größe erreicht, so verliert sie die Haftung zur Decke und fällt plump herab auf die Fliesen; die Kugeln selbst zerbrechen dabei nicht, denn ihre Konsistenz ähnelt der von Hornhaut und wirkt ohnehin tot, zäh und unverletzlich. An der offengelegten Stelle der Decke aber bleibt nach der Loslösung einer solchen Kugel eine charakteristische Rötung zurück, wie die einer entzündeten und gereizten Hautpartie; manchmal auch werden dabei ganze klaffende Wunden in den Mörtel gerissen und ein süßlich-saurer Geruch fällt hinunter wie schwerer Rauch – so schwer, daß man den Geruch zu sehen glaubt –, schnell aber kriecht neues Gewebe über den verletzten Nährboden, um ihn zu schließen. Aus den wuchernden Ausstülpungen der Haut formen sich neue Kügelchen.
    Die herabgefallenen reifen Kugeln sind Zentrum allen Begehrens der Wissenschaftler; ihre Sehnsucht und Leidenschaft ist in ihnen verborgen, sie keimt mit ihnen. Sie strömen unaufhörlich aus dem lichtüberluteten Gang zur Halle, sammeln die gefallenen Kugeln ein und schneiden sie zunächst sorgfältig und liebevoll, dann zunehmend gieriger und gröber in dünne Scheiben, um sie mit zitternden Fingern auf die Plattenteller der im ganzen Saale herumstehenden Grammophone zu legen. Die Plattenteller beginnen sich zu drehen, auch die steifen Arme der Grammophone beugen sich widerwillig und die Nadel sticht in die hornige Platte. Sie kratzt sich gewaltsam in sie hinein, doch ist abgesehen vom Ächzen und dem dumpf tönenden Klagen der Schallplatte unter der Nadel kein weiterer Klang zu vernehmen, keine Musik zu hören, doch bildet sich ein zäher warmer Schleim, der manchmal nur träge aus dem Trichter tropft, manchmal roh und ungehalten sich ergießt, oft aber fiebrig und erregt im stockenden Rhythmus spritzt – abhängig von der Beschaffenheit und Reife der verwendeten Kugel. Diese gallertartige und eigentlich in jeder Hinsicht so widerwärtige Masse wird von den Wissenschaftlern hinuntergeschlungen, sie ist scharf, erinnert an Knoblauch und schwache Lauge. Beim geringsten Schluck versetzt sie den Konsumenten in körperlose Benommenheit, in Gleichgültigkeit, bis hin zum tiefsten inneren Frieden. Jeder Saft variiert im Ton seines Geschmackes, und auch hat jeder seine eigene Konsistenz, manchmal ist er wie sprödes festes Gel, das hastig und wölfisch mit offenem Mund zerkaut wird, oder wie eine mehlige dünne Flüssigkeit, in der vereinzelte ölige Brocken schweben, die beim Verschlingen in die zu enge Speiseröhre rutschen, langsam, aber stetig hinab, vorbei an den unsicher zitternden Lungenflügeln, die inne zu halten versuchen und nicht können, und dem durch das unaufhörliche Verkrampfen völlig verausgabten Herzen. Sie ziehen eine Spur von kaltem klumpigen Öl hinunter und vergehen im Magen in sich selbst. Ursprünglich wurde das Deckengeschwür zufällig vom damals noch einzigen Wissenschaftler des Laboratoriums entdeckt, einem gelangwelten Allgemeinmediziner mit einem Hang zur Musikwissenschaft. Es wurde von ihm zunächst gar für Schimmel gehalten und er versuchte, ihn von der Decke zu entfernen, doch merkte er, daß sich bei zu kräftigem Reiben der Kügelchen der Deckenputz zu bewegen begann. Er zog sich bei Berührung zusammen, wie die Haut des Hodensacks, und der weiche Putz war ganz faltig und wund, so als füge man ihm Leid zu; in seiner steten Bewegung, im Zusammenziehen und Entspannen der vielen verschiedenen intensivroten Hautpartien war es, als täte sich ein See von glühender Lava an der Decke auf, schwelend und wogend und alles in sich aufnehmend. Auf Fußspitzen stand so der Wissenschaftler auf einem hohen Stapel von Stühlen, streckte sich so sehr er konnte und begann, die gerötete und geschwollene Haut zu streicheln, ganz unterwürfig und voller Sorge; er ließ ihre Bewegung in seine eigene übergehen, und er fühlte, daß er in diesem Moment nur ihr gehöre. Doch er verspürte ein ambivalentes Verlangen, das ihm fremd war, denn ebenso wollte er ihr weh tun und ihr seine Hände in die Haut krallen, bis sie tief in den Falten verschwunden sein würden, vollständig bis zu den Ellenbogen in der geschundenen Haut; dann würde er die gestapelten Stühle mit seinen nackten kalten Füßen von sich stoßen, und er würde hängen und sie nie wieder verlassen. Dieser ungewöhnlich sentimentale Zustand war jedoch nur von kurzer Dauer und nahm in seiner Intensität linear und rapide ab, bis von ihm nicht einmal eine ungefähre Erinnerung übrig blieb. Gleichzeitig ging die Rötung der Decke zurück, wie im gegenseitigen Einverständnis, und auch die Falten verschwanden, in denen seine Arme steckten; er fiel auf den Boden, überlebte und begann sogleich mit der Zucht seiner Kugeln am Deckengewölbe. Nach langem Experimentieren verteilte er Kostproben des Saftes unter seinen Kollegen, und nachdem sich die außergewöhnlich hohe Qualität und Reife in den Kreisen vieler Wissenschaftler herumgesprochen hatte, entwickelte sich das Laboratorium zu einem Rückzugsort, einer dem Einfluß der Außenwelt entzogenen Brutstätte der Leidenschaft für viele Ärzte und Wissenschaftler. So musste es unweigerlich zum Exzess und zur Orgie im Dienste der Wissenschaft kommen, und die einstige Kathedrale verwandelte sich in ein frivoles Versuchslabor, welches angesichts der ansonsten schweigsamen Art der Wissenschaftler und trotz der klagenden Plattenspieler zwar weiterhin ein Ort der akustischen Stille blieb, doch ebenso eine Stätte von Verlangen und Maßlosigkeit. Dieses Versuchslabor wurde mit dem Ziele eingerichtet, durch verschiedene Mischverhältnisse und Destillation der Säfte die potenteste noch trinkbare Lösung zu entwickeln, doch schon nach dem ersten Schluck des schleimigen Saftes vergehen die Wissenschaftler in Wollust, in Verzweiflung und Schlaf. Etwas hatte sich in ihnen verändert; sie kriechen die Treppe hinauf und verlieren sich in der Dunkelheit der endlosen Gänge.

TitelMusikwissenschaften
Material, TechnikÄtzradierung & Aquatinta
Format 85 x 55 cm
Jahr, Ort2009
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Info1875 6 44 10 5.8 von 6 - 6 Stimmen
  • 6 Kommentare Melde Dich an, um einen Kommentar zu schreiben.
  • Gurus
    ja auch toll. gibt hier doch versteckt ganz große
  • Rolf Freericks
    Rolf Freericks
    Absolut grandios. Großes Kompliment.
  • otto_incognito
    otto_incognito

    Exorbitant hervorragend. Muß man sich, um es würdigen zu können, wirklich en detail anschauen.
    Dafür ein paar Dutzend Sterne.
  • Christian Bisping
    Christian Bisping
    ganz großes Kino
  • simulacra
    simulacra
    Allerfeinst :)
  • Gast , 1
    Ich verneige mich.
    Dein Stil ist Spitzenklasse!
    ;-)