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    rose_kane
    Geschwisterliebe

    „Ich habe sie erdrückt?“, fragte Dodo lauter als gewollt in die Nacht hinein. Er saß kerzengerade da. Seine nackten Beine hatten sich in der Steppdecke verheddert. Und seine rechte Hand suchte den Lichtschalter der Leselampe, die bis gerade eben noch am Bücherbord über dem Kopfende des sehr großen Bettes gehangen hatte.
    Eckstein sagte nichts …
    „Ich, … ich habe die Fee zwischen meinen Fingern zerdrückt?“, japste Dodo nach einer ganzen Weile noch lauter, „Meine kleine Fee? …“ Er rang mit dem inneren Wirrwarr und wollte sich von seinen Gedanken-Qua-r-k-Fröschen befreien, die immer weiter anschwollen, sich und ihn dabei angifteten und einander zu übertönen suchten. Pinkfarben waren sie schon lange nicht mehr.
    Eckstein lachte auf, sagte jedoch noch immer nichts.
    „Wie einen Nachtfalter?“, flüsterte Dodo und hielt sich plötzlich die Ohren zu.
    „Schäbig!“, brüllte es nun über den Gedankenlärm hinweg. Eckstein lachte erneut. Er saß vis-à-vịs von Dodo auf dem viel zu großen Bett. Einem Spiegelbild ähnlich. Ihre Zehen hätten sich fast liebevoll berühren können, wenn da nicht Ecksteins Augen gewesen wären. Diese funkelten sein Gegenüber lauernd und voller Hohn an …

    Dodo schwieg.

    Den Kopf ein wenig zur Seite geneigt verdrängte er für einen Moment seine Fee und Eckstein und das ganze Drumherum. Denn er fragte sich gerade, ob es dem anderen Sucher, eben jenen den er damals - nach langem Schweigen - in dieser launischen Nordstadt wiedergetroffen hatte, inzwischen gelungen sei, das eigene Ich auf dem Weg der Wallfahrtspilger kennenzulernen oder vielmehr neu zu erfahren. Ohne Flucht und Selbstbetrug.
    Und ein wehmütiges Lächeln huschte um Dodos Mundwinkel …
    Er ahnte, dass er selbst wohl noch nie in seinem bisherigen Dasein unbeschwert ausgesehen, geschweige denn sich so gefühlt hatte. Weder in den Jahren vor seinem Finde- und Namensgebungstag, als der Alkohol sich erst noch die Bruderrolle erschleichen musste. Noch in der Zeit, als er dessen verführerischen Armen längst erlegen ward und diese ihn immer unerbittlicher umschlossen hatten. Auch nicht als er sich vor einem Jahr endgültig in den Kampf gegen seine Sucht begeben hatte, um sein Leben endlich in die Hand zunehmen und während der Wanderschaft durch seine Wüste neu zu entdecken …

    Eckstein räusperte sich. Er hatte sich ein wenig in den Hintergrund zurückgelehnt. Sein Gesicht lag im Dunkeln.
    „Bedenke gefälligst immer, dass es deine Fee sein könnte, auch wenn sie dir auf den ersten Blick als gemeine Motte erscheinen mag“, ermahnte er Dodo mit trockener Stimme.
    „Egal ob im Nacht- oder im Tagtraum, ob in der lebensalltäglichen Tristesse oder in phantastischen Anderswelten, ob in der Langsamkeit oder in der Schnelllebigkeit, ob im pergamenthäutigen oder in anderen Seelen-Zuständen! Hörst du?“, fügte er hinzu.

    Dodo nickte mechanisch. Eine Unbestimmtheit kroch in ihm hoch, und Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn. Der Lärm in seinem Kopf dauerte unvermindert an. Schon überlagerte er die Erinnerung an das Von-Planet-zu-Planet-Gespräch mit dem Sucher und schob sie zurück an ihren Platz, als Dodo eine andere hervor holte, um diese sogleich Revue passieren zu lassen …

    „Es ist die mit dem Würfel“, murmelte er und beugte sich zum Licht der Straßenlaterne hin, das diffus durch die geschlossenen Fensterläden ins Zimmer fiel. Ecksteins Linke strubbelte ihm dabei das Haar, wirr stand es nach allen Seiten ab. Und Dodo rieb sich mehrmals mit der Hand unsicher über seine Denkerfalten.
    „Der, der dich und mich in diesem schäbigen Treppenhaus gefunden hat. An jenem sonnigen Oktobertag, als die Kinder unten auf der Straße Himmel und Hölle gespielt haben und das Leben des Stadtviertels zu uns nur gedämpft vorgedrungen ist, so als ob wir Schaumwasser in den Ohren gehabt hätten“, ergänzte Eckstein leise und grinste.
    Dodo sagte nichts. Noch immer stand Schweiß auf seiner Stirn.
    „Und du hast das Zählen der Stufen unterbrochen, um dich verwundert nach dem Würfel zu bücken“, fuhr Eckstein gedankenversunken fort.“. Seine Augen waren nun Dodos Augen. Sie schienen mondwärts gerichtet zu sein, waren rund und groß und glänzten mattkalt.
    „Weißt du noch, wie du ihn ständig in deiner Hosentasche mit dir herumgetragen hast?“, fragte Eckstein nach einer Weile. Und sein Spötteln war nicht zu überhören.
    „Ja“, sagte Dodo, „dort drüben liegt er - neben unseren Ringen und der Kette mit dem Anhänger meiner Mondfrau.“ Sein Kopf deutete sanft in Richtung Schreibtisch.
    „Und morgen früh wirst du ihn und die anderen Kleinode für uns wieder an dich nehmen. So wie immer, nicht wahr?“, fragte Eckstein weiter. Sein Blick hatte nichts mondisches mehr an sich, sondern etwas taxierendes.

    Dodo aber reagierte nicht. Er fand sich plötzlich inmitten der Novembernacht wieder, in der er mit Hilfe des Würfels dem Alkohol unwiderruflich den Rücken zugekehrt hatte, Eckstein ihm jedoch vorerst innerlich nicht gefolgt war.
    „Seltsam“, dachte Dodo, „als ob es hier für mich noch irgendetwas zu erledigen gäbe“ und schaute flüchtig um sich …
    Dieselbe Bank an der Bushaltestelle gegenüber. Derselbe Würfel in seinen Händen. Dasselbe Wohnsilo. Dieselben vereinzelt noch erleuchteten Fenster. Dasselbe Klirren. Derselbe Glascontainer. Dasselbe Grölen, Lärmen und Näherkommen irgendwelcher Leute.
    Und Ecksteins Ausbleiben.
    „Wahrscheinlich wartet er noch immer ausgezehrt und mit dem Rücken zur Wand in der verwahrlosten Küche und stiert das in der Ecke stehende, über Monate angewachsene und verstaubte Arsenal leerer Flaschen an“, überlegte Dodo. Er spürte, wie eine Kälte allmählich in ihm hoch kroch.
    „Und ich wette mit dir, werte, kleine Fee, um mein letztes Hemd, dass er sich mal wieder an seinem Spiel mit dem Kinder-Abzähl-Reim versucht und sich dabei ausmalt, wie es wäre, wenn meine Tagträume eigenmächtig durch das Schaufenster meiner Clowns-Theater-Bühne nebenan in unsere Hier-und-Jetzt-Realität herübertreten könnten, ohne dass er oder ich oder wir beide zusammen uns bewusst für irgendetwas aus ihrem Repertoire entscheiden müssten, um dieses dann mit der Zeit für uns umzusetzen …“, dachte Dodo weiter.
    Und noch mehr machte sich neben dem schalen Nachgeschmack in seinem Mund und dem Gefühl, als ob ihn alles einholen würde, in Dodo breit …

    Eine schallende Ohrfeige, dann noch eine und noch eine weitere rissen Eckstein endlich aus seiner Trance und wirbelten seinen Kopf - einem Punchingball fast ähnlich - herum. Tränen rannen Ecksteins blasse Wangen hinunter.
    „Hör auf … So hör doch bitte auf …“, nuschelte er mit halberstickter Stimme und versuchte, sich zitternd Dodos Zugriff zu entziehen.
    „Nicht bevor du nicht endlich ’nen Arsch in der Hose hast“, erwiderte Dodo.
    Eckstein schluckte. Seine Blicke wollten sich erneut wegflüchten. Weg von den durchdringenden Augen seines Gegenübers. Hin zu den dunklen Fugen des schmutzigen Fliesenbodens. Doch es gelang ihnen nicht …
    „Ich kann das so nicht mehr alleine durchziehen“, fuhr Dodo eindringlich leise fort, „Verstehst du?“
    Keine Antwort. Nirgends ein Uhrenticken in der kleinen Wohnung. Und nur ein - im Nebenzimmer an der Wand hängender - veralteter Kalender von Anno dazumal für das mittlerweile schon rasch dahinsiechende Jahr.
    „Das ist für uns beide der einzig akzeptable Weg nach draußen, hin zum Zurück-ins-Leben, und die ersten Schritte sind längst getan ...“, versuchte es Dodo noch einmal. Seine Stimme schien zu beben, auch er hatte nun Tränen in den Augen.
    „Du musst es dir nur Wert sein“, fügte er nach einer Weile noch hinzu.

    Eckstein wippte zögernd von einem Fuß auf den anderen. Sein Gesicht war tränenverquollen, fröstelnd hielt er sich selbst im Arm.

    Knallkoller ließen die Nachtluft vibrieren. Einige von Dodos Gedanken-Qua-r-k-Fröschen waren soeben geplatzt und spuckten nun grausamtenes Konfetti über dem wirklich viel zu großen Bett aus.
    Eine ferne Stimme drang leise vertraut an Dodos Ohr. „Stücke, die an ihren Platz fallen …“, flüsterte sie ihm zu, während Dodo eingerollt unter seiner Decke lag und im Schlaf die Wärmflasche fest umarmt hielt.
    Eckstein, unterdessen, hockte in sich zusammengesunken am Fußende des Bettes. Er wirkte übermüdet und mitgenommen. „Wo seine Fee jetzt wohl sein mag?“, fragte er sich.

    Der Lärm in Dodos und seinem Kopf war inzwischen zu einem stetigen Gedankensummen abgeebbt und würde alsbald in ein sanftes Schmerzrauschen übergehen und später dann in einer Leere münden, das kannte Eckstein schon.
    „Ob sie unseren Spuren durch die Wüste abermals folgen werden?“, zweifelte er …
    Schließlich, jedoch, schlossen sich seine Lider. Leise Seufzer drangen erst fern, dann langsam näher kommend aus dem Irgendwo-und-Nirgendwo-Niemandsland herüber …

    Und als auch Eckstein schon längst wieder ins Traumlose gesunken war, hatte sich das Katzen-Streuner-Wesen für den Rest der Nachtstunden dicht neben ihnen schnurrend niedergelassen.


    R.K., Stg., Nov. 07
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    ---- musikalische hintergrundbeschallung ----

    JayBee feat. RainFlow - Geschwisterliebe