KunstNet nutzt Cookies. Details.
Lauschangriff, Fremdgesteuert, Wanze, einbildungsspirale, Hineinziehen, Immermehr

LauschangrifffremdgesteuertWanzen einbildungsspirale

Titellauscheranderwand - hasengruben XI
Material, Technikfineliner, digitale computerbearbeitung (colorierung)
Jahr, Ortle., 2012
Tags
Kategorien
Info275 1 5 von 6 - 2 Stimmen
  • 1 Kommentar Melde Dich an, um einen Kommentar zu schreiben.
  • rose_kane
    rose_kane
    Der Lauscher an der Wand

    Es ist zwei Uhr dreißig, und Rosa liegt schlaflos im Bett. Wütend wälzt sie sich hin und her. In dreieinhalb Stunden klingelt der Wecker unerbittlich, … dann rufen sie die alltäglichen Verpflichtungen zur Arbeit.
    Ihre junge Nachbarin, Nadin, macht mal wieder die Nacht zum Tag und schmeißt eine Party für eine Tischrunde von sechs Leuten, … angeregte Gesprächsfetzen sind, durch ordentliches Bassgerumpel überlagert, zu hören.
    Das bleibt auch dem Vermieter nicht verborgen, denn der wohnt im selben Haus. Doch er stellt sich wie fast immer tot und wird am nächsten Morgen nichts mitgekriegt haben wollen. Das ist ebenso absehbar wie die umherschleichende Gut-Wetter-Stimmung nach dem Aufstehen am kommenden Tag.

    Rosa ist stinksauer. Und die Wände sind hier so hellhörig wie der beste Lauscher-an-der-Wand. Man kann in diesem Haus alles mitbekommen, wenn man das denn will …

    Seit zweieinhalb Stunden ist Rosa damit beschäftigt, sich zu überlegen, ob sie nebenan klopfen und um mehr Rücksichtnahme bitten oder ob sie sogar mit der Polizei drohen soll.
    Sie macht sich Gedanken darüber, was ihre "Lieblingsnachbarin" über sie denken könnte, wenn sie das täte …
    Es vergehen noch einmal dreißig Minuten bis Rosa vom Feierlärm aus dem Bett getrieben wird, in ihren Bademantel schlüpft und ihren gesamten Mut zusammen nimmt, um auf sich aufmerksam zu machen …

    Jetzt steht sie in der Holzdiele, vor Nadins Tür, und zögert mit erhobener Hand. Das Mondlicht fällt von draußen durchs Dachfenster herein. Und die Wände sind hier sehr dünn … Man könnte meinen, dass Wanzen ihr Abhörwerk tun, um den jeweils anderen über das Gegenüber zu unterrichten ...

    Eine der Partystimmen klingt plötzlich glasklar an Rosas Ohr. Mit einem lachenden und zeitgleich ernst gemeinten Unterton meint diese, „Also ich möchte dich nicht zum Feind haben.“ …
    Rosa steht noch immer vor der Tür ihrer Nachbarin.
    Sie muss schlucken, obwohl ihr Mund trocken ist. „Wie soll ich jetzt noch anklopfen können?“, überlegt sie zögernd … "Ich will kein Gegner sein.", flüstert sie leise. ...
    Es vergehen einige Minuten im Mondlicht, bevor sie sich unverrichteter Dinge wieder in ihre kleine Einzimmerwohnung zurückzieht.
    Im Dunkeln tappt sie leise durch die Küche, so als ob sie zu viel Lärm machen und gehört werden könnte, um ihren Zahnputzbecher zu holen.
    Dann klettert sie in ihr selbstgebautes Hochbett, kuschelt sich an die nackte Zimmerwand und hält den Becher verkehrtherum an die tapezierte Mauer. Die alten Zahnpastaspuren stören sie dabei nicht.
    Ihr Ohr legt sich lauschend an den Becherboden, in der Hoffnung noch weitere Gesprächsfetzen über sie selbst zu erhaschen …

    Es ist inzwischen drei Uhr fünfzig. „Die Wände hier sind sehr dünnhörig. Sie beherbergen Kabelwesen, die eine Verbindung nach draußen, in die weite Welt, darstellen. …“, denkt Rosa müde und legt den Zahnputzbecher beiseite.

    Erschöpft fallen ihr die Augen zu. Sie schläft immer mit Licht. Und sie weiß, morgen früh wird sie sich wieder nackt im Spiegel betrachten.
    Sie wird nach juckenden, roten Einstichstellen suchen und vermutlich fündig werden, ...

    © Rose Kane, C., April 2016