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    Von Tim Weber hochgeladen am 06.02.2017

    Die Stunde morgens nach dem Aufstehen ist mir die liebste. Ich habe aufzustehen. Habe mich zu waschen, anzuziehen, das Haus zu verlassen, zu gehen. Ich gehe die Straße hinunter, links die Apotheke, vor mir das musikalische Haus mit der warmen Dachgeschosswohnung. Ich schaue hinauf.

    Ich steige in die Linie 33, fahre bis zum Einkaufszentrum. Die freundlichen Bedienungen in der Bäckerei am Platz der Einheit schenken heißen Kaffee aus, verkaufen belegte Brötchen und ich versuche ihnen ein Lächeln speziell für mich abzugewinnen, was nicht immer gelingt, wie jeden Morgen. Aber manchmal schon, wie jeden Morgen. Nachdem ich meinen Kaffee getrunken, eine Zigarette dabei geraucht habe, ist die schöne Stunde vorbei. Sie sollte, aber sie tut es nicht. Doch der Tag tut es. Beginnt von neuem. Ich gehe weiter, gehe ins Büro.

    Ich steige Treppen auf, steige Treppen ab. Menschen und Akten begegnen mir. Reden sich zu. Steigen auf und steigen ab. In durchplanten Architekturen, die ihnen den Weg vorgeben. Eine spricht zu mir: „Hallo, wie geht’s?“ Ich mache einen Fehler, ich tue ihn dennoch, ich reagiere: „Danke, und selbst?“ „Großartig. Wir haben am Wochenende gegrillt. Alle waren sie da. Alle die mich mögen. Alle Akten. Alle, alle sind gekommen. Alle, alle waren da. So viel Spaß. Wir haben gequatscht, gelacht, und ferngesehen, und telefoniert. Alle, alle. Und gegrillt haben wir auch, und Bier gab es auch. Alle, alle. Oh es war so schön. Alle waren da. Alle sind zu mir gekommen. Und wir hatten so viel Spaß und es war so schön………….“

    Ich versuche höflich zu sein, muss es, obgleich mir diese ständigen Rituale einer vorgespielten Menschlichkeit nur gewollte und wohl kaum umgehbare Aufdrängung sind. Dazu ist der Raum zu klein, zu verschachtelt, zu wenig Platz in den Gängen. Zu viele Akten. Ich versuche auch ab und an mal zu nicken, doch die Quasselstrippe mir gegenüber will gar nicht mehr aufhören.

    „Es war sooo schön, so kommunikativ, so bereichernd. Alle, alle haben das gesagt. Alle, alle waren sie bei mir. Und Wein haben wir getrunken, und telefoniert. Alle, alle. Es war so kommunikativ, so bereichernd, so stimulierend.“

    Ich nicke beständig weiter, und warte auf etwas aus ihrem Mund. Das Finale der Akte. Es wird sich herauswinden aus dem Munde der Akte. Das, was ihrem Reden einen Sinn verheißen will.

    „Und telefoniert haben wir, und gegrillt. Och, war das schön. So schön, so kommunikativ, so stimulierend.“

    Ich blicke jetzt in den Mund der Akte, stelle mir das so Schöne vor, in ihrem Mund, aus ihrem Munde, das Stimulierende. Das, wovon sie die ganze Zeit erzählte, die an Zahlen gebundene Quasselsakte.

    „Alle, alle, alle. Alle bei mir. Und telefoniert haben wir. Und gesurft. Und gepostet. Och war das schön. So schön, so erfüllend.“

    Ich öffne jetzt den Mund mit meinen Fingern, blicke tiefer hinein. Die Akte quasselt weiter, währenddessen dringe ich in sie ein, durch den Mund der Akte. Krieche nach Innen vor. Bin nun in der Akte. Überall leere Wände, leere Flure, vereinzelt Nischen mit bunt bemalten Akten gefüllt. Am Boden ein verstaubtes Poster von einer Theateraufführung. Es schallt im Innen nach: „Alle waren sie da. Alle, alle, alle. Und telefoniert haben wir, und gesimst, und geliked. Alle, alle, alle.“

    Ich sitze vor dem Computer, gedrungen. Ein Knopf wird zum tausensten mal gedrückt und Kolonnen von nackten Zahlen zum tausensten mal abgehakt, in grauen Akten abgelegt. Ich sehe in der Reflexion meines Monitors die Kollegen hinter mir. Glasscheiben trennen und verbinden uns. Auch sie drücken Knöpfe, wirken wie versteinert. Gebannt in einer Denker Pose. Gekniffene Augen und gedrungene Gestalten. In der Denker Pose, vor dem Monitor, gedrückte Zahlenkolonnen, hinter mir. Quasselstrippen kommen und gehen, Akten bei der Hand.

    Ich genehmige mir eine kleine Auszeit. Heimlich und kurz, so dass es keiner merkt, mache kurz die Augen zu, schaue dann aus dem Fenster. Auf den Baum davor. Sehe mich im Fenster, der Baum dahinter, beides zugleich. Ein Vogel zwitscherte leise sein Lied. Träume vom Cafe. Träume von ihrer Musik. Von meinem Vogel, meinem wunder, wunderschönem Vogel.

    Ich höre Stimmen im Gang, von hinten posaunt der Chor: „Och wird das schön, so schön. Alle werden sie da sein. Alle, alle, alle. So stimulierend, so kommunikativ.“

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