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Fackelzug, Quer, Zeichnungen, Abstrakt,

FackelzugQuerHoch

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    Von Tim Weber hochgeladen am 06.02.2017

    So blieb er wohl noch ein Weilchen sitzen, genehmigte sich eine Auszeit von den Strapazen, dem Griesgram und seiner harten Szenen mitsamt all ihrer misanthropischen Gestalten und Partikularinteressen, die ihm für gewöhnlich im Kopf rumschwebten, und fing an in einer Flachlandschaft, wo Einkehr gleich Auszug bedeutet, unbehelligt zu schwelgen in der Stimmung von Verheißung, dank eines Blümchenslips. Und so wäre er wohl gerne noch eine Zeitlang weiter gesessen, wäre es auch, Vorwürfe machte er sich keine, denn ohne diesen Wohlfühlfaktor belief sich alles nur auf ein einziges Martyrium, doch eine Fliege machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Im Fernseher liefen gerade Bilder vom römischen Kolosseum, in dessen Arena ein riesiges Kleinkind stand, welches das monumentale Bauwerk um eine ganze Kopflänge überragte. Dann kamen zwei Arme von rechts ins Bild, sie waren so groß wie Kolosse, und hoben das Kind aus der Arena. Mit ihren Bewegungen schwenkte die Kamera, und damit wurde schnell ersichtlich, dass es sich nur um eine nachgebaute Miniatur handelte, aus der eine Frau ihr Kind hob. Eine Stimme aus dem Off verkündete grad, man dürfe nicht den neu gestalteten Blumenpark verpassen, da machte sie sich bemerkbar. Zunächst versuchte er die lästige Schwebefliege mit den Handflächen zu verscheuchen, er probierte es auch mit Pusten, doch sie blieb hartnäckig, flog immer erneut sein Gesichtsfeld an, als kenne sie kein anderes Ziel, und wolle ihn beharrlich daran hindern die Bilder zu verfolgen, und gleichzeitig auch nicht, nur genau hinzuschauen. Die Mutter und ihr kleiner Sohn schlenderten gerade vom Spielplatz weiter, auf dem sich europäische Sehenswürdigkeiten in Miniaturformat mit Klettertürmen und Karussells im gewohnten Maßstab abwechselten.

    Sie schlenderten durch den Park, schlenderten ein bisschen umher. Schlenderten durch die Themenfelder, die Kamera folgte ihnen. Kamen dann an einen Toreingang, über dessen Bogen ein Schild Auskunft darüber gab, dass man gleich den Piazzo Medici betrete, und dessen schmaler Gewölbedurchbruch an seinem Ende in ein architektonisch gestaltetes Rondell aus Renaissancegebäuden mündete. In der Mitte des Platzes blieben sie stehen, und schauten sich um mit fester Richtung. Jedes Gebäude glich dem nächst Folgenden. Unterschiede bestanden nur in kleineren Details. Aus einigen Fenstern hing Bettwäsche wie zum Lüften, andere waren mit Holzverschlägen sicher verriegelt. Es war nicht auszumachen wann das eine Haus endete und das nächste begann, nicht einmal, dass sich die Fassade krümmte, aber das musste sie, da sich die Häuser von keinerlei durch Trennwände herbeigeführten Fugen voneinander abgrenzten.

    Sie hatten sich vielleicht schon einmal ganz umgeschaut, vielleicht aber auch noch nicht, als der Junge am Rocksaumen seiner Mutter zupfte und mit waagerecht vom Körper gestreckten Arm auf eine Gruppe verkleideter Schausteller aus dem neunzehnten Jahrhundert zeigte, die eine stehengebliebene Standuhr aus einem parterre gelegenen Geschäft trugen. Ihre Rücken wurden vom Gewicht der schweren Last nach unten gedrückt, so dass es ihnen große Mühe bereitete, die Uhr ihrer Länge nach behutsam auf eine am Boden ausgelegte Plane abzusetzen. Trotz der Bemühungen von Seiten der Männer verkündete sich im Rondell, wie zum Protest zu ihrer Schieflage, aus dem Gehäuse der scheppernde Klang ihres Schlagpendels und Räderwerks. Ein kurzes Nachhallen ihres letzten Einsatzes, dann wurde der Reizverschluss der Plane von einem der Schausteller geschlossen, und den Beutel auf den Schultern tragend, verschwand die Gruppe durch ein Ausgangstor auf der anderen Seite.

    Er holte tief Luft und pustete mit vorgezogener Unterlippe die Fliege vom Glas, um alles besser festhalten zu können.

    Stellte sich dann vor, wie er gemeinsam mit der Mutter und dem Kind den Park durchstreifte. Erst durch das große Eingangstor, und von dort aus quer durch buntes Treiben. Stellte sich vor, wie sie einen Boulevard entlang schlenderten, die Menschen in den angrenzenden Cafes und Restaurants beobachteten, aus nichtigen Anlässen kurz verweilten, währenddessen der Knabe dem Werben eines Handwerkers um eine Gastronomin zuschaute. Stellte sich vor, er wäre noch einmal so jung, so jung wie das Kind an der Hand der Mutter.

    Sie schlenderten weiter. Ließen hinter sich den Piazzo Medici. Kamen vorbei am Eifelturm, an Flanierpromenaden, an kleinen Seen und Flüssen. Schlenderten durch Blumenfelder. Besichtigen die Akropolis und das Brandenburger Tor. Machten halt an Wasserfällen und Burgen. Durchschritten Tropfsteinhöhlen und überquerten Gebirge. Dann hörte man in der Ferne eine Explosion aus der Westernstadt. Vom vielen Gehen wohl ein bisschen müde geworden, blieben sie stehen, und beschlossen auf einer Bank, gelegen auf einer kleinen Anhöhe, sich ein wenig auszuruhen. Schön war es dort. Ihr Blick war in die Weite gerichtet, auf die Bündelung europäischer Landschaften in überschaubarem wie durchschreitbarem Raum, der bis in die historische Ideenlandschaft trug. Sie schauten auf Europa, ihren Park, den alten Lebensraum. Die Sonnenstrahlen hatten noch Kraft, fielen ihnen wärmend ins Gesicht, zwangen sie ihre Augen leicht zu verkneifen. Nun hatte auch die Fliege ihren Platz wiedergefunden, hatte sich erneut auf das rechte Glas seiner Brille gesetzt. Er beobachtete die Fliege. Beobachtete sie vor seinem Auge, wurde von ihr dazu gezwungen. Verfolgte über das Bild der Fliege sein Auge in der Reflexion seiner Brille. Faltig sah es aus. Faltig und müde. Vielleicht lag es am Licht, an den Reflexionen, am großen Bildausschnitt. Vielleicht an der Fliege, vielleicht auch nicht. Vielleicht war er tatsächlich alt geworden, stellte sich noch einmal vor, er wäre es nicht.

    Die Frau sprach nun zu dem Knaben, der gar nicht mal so klein war wie ursprünglich angenommen. „Weißt du“, sagte sie, „es sind doch letztendlich alles nur nachgestellte Bauten. Es sind nur Ideen, aus denen die Vorbilder einst entstanden sind. Ich wollte dir alles nur zeigen, damit du es verstehst.“

    Sie schlenderten weiter, schlenderten durch die laue Sommernacht, schlendern entlang der nun schon beleuchteten Straßen. Kamen vorbei an einem geöffneten Kiosk. Ein freundliches, nepalesisches Paar hieß sie willkommen. Die Mutter grüßte dankbar zurück und kaufte dem Sohn noch schnell eine Tüte Lakritz Bonbons. Dann stellten sie sich vor die Tür des Kiosks, die durch das Glas dem Gehweg vor ihren Füßen Licht spendete. Jeder mit einem Lutschbonbon auf seiner Zunge sogen sie noch einmal die milde Würze der südlichen Sommernacht ein, bis hinter ihren Rücken die Fensterrolladen heruntergelassen wurden. Dann tauchten sie ab ins Dunkel einer Seitenstraße, machten erst wieder halt vor einem Backsteinhaus. Sie lächelte, gab ihrem Knaben einen Kuss. Er verabschiedete sich noch flüchtig von seiner Mutter und schaut ihr schon nach, wie sie die Metalltreppen des Außengeländers emporstieg.

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