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Fliegen, Quer, Zeichnungen, Abstrakt,

FliegenQuerHoch

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    Von Tim Weber hochgeladen am 06.02.2017

    Er sollte wohl besser zunächst damit beginnen, wie er anfänglich eines Sonntages phlegmatisch und mit stumpfen Blick den Bildern und Stimmen aus dem Fernseher folgte, bis dann das Nachbarhaus, zur gewohnt üblichen Stunde für die Jahreszeit, sich an der Sonne langsam vorbeischob, und er ihr Wirken durch das induzierte Verblassen der Gestalten auf dem Schirm vernahm, so nur noch die hohlen Phrasen der Talkshowgäste vom zurückliegenden Fernsehabend hörte, und teilnahmslos registrierte, dass sich draußen wohl ein wunderschöner Sommertag abspielten musste. Eine halbe Kopfdrehung von der dröhnenden Kiste und ihrem Gequatsche weg, nur ein flüchtiger Seitenblick gen Fenster ihm im Nacken, bestätigte seine Vermutung durch gewahr werden von unzähligen Schmierflecken an der Fensterscheibe, welche im Zwischenraum von Wohnung und Himmel scheinbar angesiedelt vor der Hintergrundkulisse eines strahlend blauen, ätherischen Himmels ihr schmutziges Eigenleben führten. Weniger aus einer Laune heraus, mehr um sich und seiner freien Zeit angesichts der misslichen Sicht, denn Jalousien besaß er nicht, über den Tag zu verhelfen, entschloss er sich nach mehrmaligen, zögerlichen Anläufen schließlich von der Couch zu erheben, die Wohnung zu verlassen und vor die Tür zu treten. Auf dem Weg zum nahegelegenen Park, welchen er gedanklich im Treppenhaus schon anvisierte, wobei ihm die Bilder des verzehrt ausgeblichenen Fernsehspektakels immer noch quer durch den Kopf spukten, kreuzten nebst dem üblichen Sonntags gut Wetter Publikum, also vor allem Spaziergänger, verliebte Pärchen und Familienbanden, auch vermehrt Hundebesitzer mit ihren bei solchen Wetterbedingung wie immer selbstlaufend und fröhlich gestimmten Vierbeinern seinen Weg. Im Park dann angekommen, entschied er sich auf einer hügeligen Wiese, die etwas abseits und erhöht von denen auf den Hauptwegen flanierenden Besucherscharen gelegen war, unterhalb einer Platane mit verschränkten Armen hinter dem Kopf liegend auszuruhen, und dem Parktreiben zuschauend zu folgen. Auch hier sollte er wohl besser zunächst wieder damit beginnen, wie er anfänglich mehr im Halbbewusstsein, soll heißen er lag auf dem grünen Anhang und war gedanklich immer noch mit anderem beschäftigt, einen jungen Mann mit Irokesenschnitt, Dog Martins und in verfranzter Lederklamotte, somit also klar für jedermann als Punk auszumachen, pfeifend und immer wieder einen Namen rufend, aus dem Augenwinkel nur beim Vorübergehen registrierte. Nur wenig später dann tauchte neben ihm der kleine Dackel auf.

    Da hatte er den Punk allerdings längst schon wieder vergessen. Der sollte ihm erst später wieder in Erinnerung kommen, und zwar nachdem er nach ausgelassenem Spiel und Toberei mit dem kleinen Hund, was dieser ihm regelrecht abnötigte, denn Entkommen war in seiner halbliegenden Position nur schwer, sich allmählich zu fragen begann, wo wohl sein Herrschen steckte. Der kleine Dackel schien es jedenfalls nicht zu vermissen. Er wälzte sich neben ihm auf der Wiese, kämpfte kameradschaftlich locker verbissen mit seinen Händen und glich im Naturelle wohl ganz seinem mutmaßlichem Herrschen, dem Punker, war nämlich selber ein kleiner, ein kleiner Rebell, ein Raudi, welcher die Freiheit schier über alles liebte und das Herumtollen draußen im Park bei Sonnenschein wohl weitaus spannender fand, als das alternative Leben seines anzunehmenden Herrchens. Er hatte den Rauhaardackel jedenfalls sofort ins Herz geschlossen, und der kleine Hund ihn wohl auch. Mehr noch, so beherzt wie er neben ihm auftauchte und freier Dinge raufte, sich neben ihn ins Grün lümmelte und mit den Grashalmen balgte, wollte es scheinen, als ob der kleine Hund ausgebüchst wäre, und einfach beschlossen hätte sich einem neuen Rudel anzuschließen. Einem, das weniger laute Krachmusik hörte, sondern ganz nach Vorliebe und Naturell des Hundes die Zeit am liebsten bei schönem Wetter im Park verbringt. Jedenfalls war das Zutrauen des kleinen Rabauken und Ausreißers ihm gegenüber erstaunlich. Als er aufstand und ein paar Schritte umherging, um nach dem Punker zu suchen, folgte der Dackel gleich schon so, als seien sie über Jahre hindurch ein eingespieltes Tandem und dickste Freunde gewesen. Er durchschritt mit dem zugelaufenen Freund kreuz und quer den Park, ohne dabei auf die Architektur der Landschaft, und die vorgegebene Richtung seiner Gehwege, noch das flanierend Publikum selbst zu achten, sondern nur nach dem Punker Ausschau haltend, als auch mit Umsicht die Interessen des Hundes fest im Auge behaltend. Denn der schien seine neu gewonnene Freiheit schier unendlich zu genießen, stöberte in allen Gebüschen, schnupperte an sämtlichen Blumen, Kräutern und Bäumen, und wälzte sich überall und auf jedem für ihn zugänglichem Erdhügel ganz nach Hundemanier ausgelassen und glücklich herum. Zwischendurch versuchte er ihn, nach ungestümen Anläufen und mit angedeuteten Bissen in seine Waden, immer wieder zu animieren mit ihm tollkühn zu toben und das neu gewonnene Terrain ausgiebig zu erkunden. Kreuzten anderer Hunde ihren Querfeldeinweg, so ließ er seinem kleinen Freund auch genügend Raum und Zeit mit Seinesgleichen kameradschaftlich zu tollen, währenddessen das andere Herrchen und er sich etwas abseits hielten, sich beiläufig über Hunde und das schöne Wetter unterhielten, und dabei der wilden Rangelei ihrer Kameraden mit heiterer Gelassenheit sinnlich folgten. Er begann sogar vollkommen willkürlich, ganz zuwider seinen gängigen Gepflogenheiten, vorbeilaufende Passanten zu grüßen, denn das schien ihm mit einem Partner an der Seite nun kinderleicht. Und meistens bekam er dann von seinem Gegenüber, ganz zu seinem Erstaunen, eine spontan Erwiderung des Grußes, ja manchmal sogar mit einem herzlichen Lächeln im Gesicht.

    Im Laufe ihres Streifzuges an dem kühlen Bächlein angekommen, welches sich von den Bergen kommend durch die Mitte des Parks schlängelte und kaum mehr als drei Manns Ellen breit und zwei Kinderhand tief war, ließ es sich der Dackel nicht nehmen plätschernd hindurch zu warten, und auch er tat, wie schon mehrmals an diesem sonnigen Tage, erneut etwas sehr untypisches, hockte sich auf einen Stein am Rande des Bächleins, zog Schuhe und Strümpfe aus, krempelte die Hose bis über die Knie und ließ seine Füße im kühlen Nass baumeln.

    Plötzlich jaulte der kleine Dackel erschrocken auf, kam gleich wassertretend angelaufen, versteckte sich hinter seinen Beinen, und lugte nach kurzer Weile zaghaft, sein Schnäuzchen dabei vorsichtig durch seine Waden schiebend und am ganzer Körper wie Espenlaub zitternd, Richtung vermeintlichen Übeltäter. Ein Flusskrebs hatte sich zum Sonnenbade eingefunden. Auf einem inmitten des Bächleins flachen Stein gelegen, spreizte er nun bedrohlich seine zwei Zangen gen Aggressor und Territoriums Eindringling, sprich, den kleinen, aus seiner Sicht wohl riesenhaft großen Dackel. Ein wenig furchteinflößend sah er ja schon aus, der kleine Krebs, nicht nur in den Augen des Dackels. Auch ihm zog es in einer Schrecksekunde die Füße aus dem Wasser. Was heißt hier überhaupt klein? Geschätzt sicherlich zehn Zentimeter lang. Doch kühner Entdeckerwille, der ängstlichen Neugier des Dackels geschwind folgend, ließ Schrecksekunde alsbald auch ihn vergessen, übermannte hernach sie beide. Vorsichtig tasteten sie sich heran. Er nun schon inmitten des sprudelnden Bächleins kniend, sein Freund ihm stets dicht auf den Fersen. Schön sah er aus, der kleine Krebs. Sein schwarzer Panzer vom Wasser benetzt, reflektierte das gesamte Spektrum des Sonnenlichts. Mal grün, mal blau, mal anthrazit, mal violett. Wundervolle Farben, die dicht vor ihren Augen flimmernd, sich mit dem Näherkommen in Zyklen stetiger Metamorphose wandelten. Vom Lichtspiel verzaubert, gar mystisch in seinen Bann gezogen, pirschten sie sich vorsichtig noch ein Stück näher heran. Dann noch ein kleines Stückchen, und noch eines, stießen schließlich fast allesamt mit ihren Köpfen zusammen. Das vormals leise Plätschern des Bächleins nun immer lauter und lauter, nun vielmehr gleichend einem reißend, tosend Strom. Tauchten so allmählich hinab in diese seine Welt. Sowohl Geräuschkulisse wie auch Szenerie des Parks nun gänzlich verschwunden. Und an ihrer statt helle klar, riss ein gewaltiges Felsmassiv von brausender Gicht und Wasserfontänen umhüllt, auf dem ein gigantisches, furchteinflößendes Ungetüm mit Riesenzangen gewappnet thronte, berauschende Läufe, Abenteuer mit wilden Breschen und Seeungeheuer in ihre stromversunkene Welt. Eine riesige Hydra, aus dem Fluten Nass emporgestiegen, wand sich nun die steilen Klippen hinauf. Ihr trotziger Widersacher harrte stoisch dort oben und war willentlich zur Tat entschlossen, sich in gestählter, glänzender Rüstung mit dem Schlangenbieste aus dem Tiefenschlund im Kampfe zu messen. Der mehrköpfigen Hydra aus dem dunkeln Nass im Zweikampf Aug in Aug standhaft zu blicken, dem diabolisch sich windend Ungetüm mit bodenständig Panzerkrust und Zangenwaff furchtlos entgegen zu fechten. Metallische Schnapplaute von gewaltig Kriegswerkzeug, und schlängelndes, dämonisch Zischen. Alles atemraubend durchzogen von der peitschenden Gicht. So die akustische Umspielung des kulissenhaften Urzeitdramas. So die Umrahmung dieser Titanen Kampfesstätte. Um der Hydra vielen Köpfe die raumumfassenden Zangenwaffen zum Todesstoß gespannt gespreizt. Auf Messers Schneide stand es nun. Doch eh noch der Kampf so recht entfachte was er versprach, oder anders herum, versprach was ihn entfachte, war es dann in einer Blitzaktion um die mehrköpfige Hydra schon geschehen. Der kleine Flusskrebs schnappte nach einem seiner Finger. Mit der gleichen nicht vorhandenen Eloquenz wie kurz zuvor sein Freund schnellte er, so als sei er nun von der Tarantel gestochen, auf, und nur ein weiterer stümperhafter Halbsatz, und er stand schon wieder am sicheren Ufer, schüttelte sich von Gänsehaut überzogen und konnte kaum fassen, was da grad geschehen war. Der Freund folgte selbstverständlich gleich bei Fuß, sprang ebenfalls mit nur einem ungeschickten Satz aus dem Bächlein, und anstelle von Gänsehaut wälzte er sich im Grün, rieb Kopf und Schlappohren längs des Grases hin und her, und gab dabei knurrende, quengelnde Laute von sich, so als wolle er das Erlebte, die bittere Schmach, die verloren gegangene Auseinandersetzung mit dem Ungetüm aus seinem Verstande jagen, auf diese Weise das zurückliegende, gespenstische Abenteuer in gehöriger Hundemanier vertreiben. Und der kleine Krebs? Angesichts dieses nervenzerreibenden Spektakels machte der sich lieber von dannen. Hüpfte in sein angestammtes Element, die Fluten des Bächleins aus den Bergen, tauchte ab und verkroch sich im Sande unter dem Stein. Nachdem sich die Freunde mit Streicheleinheiten und Handablecken zu genüge beruhigt hatten, zog er sich die Schuhe wieder an, und gemeinsam trollten sie von dieser Stätte, zogen weiter, und gingen querfeldein ihrer Wege. Erlebten noch das ein und andere kleine Abenteuer. Was es halt zu erleben gibt für zwei Freunde an einem wunderschönen Sonntag im Park.

    Wohl gute zwei Stunde liefen sie so noch gemeinsam. Er versäumte es zwischenzeitlich nicht vorbeigehende Passanten zu befragen, ob sie einen Punker, den vermeintlichen Besitzer seines Freundes, gesehen hätten. Vergebens. Niemand wollte einem Punker begegnet sein. Am Ende entschied er sich zum Ausgangspunkt zurückzukehren, dorthin also, wo ihm der Dackel zugelaufen war. Sie legten sich erneut nebeneinander auf die hügelige Wiese, blinzelten in die Abendsonne, der Dackel mit offenem Maul und hechelnder, halb aufgerollter Zunge, offensichtlich pudelwohl und im Reinen mit sich und dem Leben an der Seite seines neuen Herrchens, und dieses schmiedete schon Gedanken, was es denn tun könne, wenn der Punker nicht mehr auftauchte. Er würde natürlich überall Zettel im Park aushängen, mit seiner Adresse und Telefonnummer darauf, so dass der Punker die Chance bekäme seinen Hund wiederzubekommen. Doch insgeheim malte er sich schon das Leben mit dem neuen Freund aus. Er mochte Hunde, und der kleine Draufgänger an seiner Seite machte es ihm nun wahrlich nicht schwer. Er hatte den Dackel und sein ungestümes, vagabundierendes Naturell gleich schon zu Beginn ihrer Begegnung ins Herz geschlossen. Hätte er nur genügend Zeit, überlegte er, hätte der Hund wohl ein schönes Leben an seiner Seite. Er stand allerdings alleine, führte einen Singlehaushalt, musste schließlich auch jeden Tag zur Arbeit und im Büro waren Hunde nun mal nicht erlaubt. Dachte auch an sie, und bei dem Gedanken begann sein Herz neben der ohnehin schon heiteren Laune vor Freude gar Purzelbäume schlagen zu wollen. Denn sie hatte doch zumindest Tags über Zeit, das Cafe, ihre Arbeitsstelle, öffnet erst gegen Mittag, und selbst doch einen kleinen Hund und wahrlich nicht nur ein großes Herz für Tiere. In der warmen Jahreszeit nahm sie ihren Hund regelmäßig mit ins Cafe. Dort, im kleinen Gärtchen des gemütlichen Hauses, ließ es sich für einen Hund gut aushalten. Für Abwechslung und kleine Abenteuer war immer reichlich gesorgt. Von allen Seiten. Von links wie recht, vorne wie hinten, oben wie unten, durch all die vorbeifliegenden und zwitschernden Vögel, und all die andere Vierbeiner, welche mit ihren Herrchen beim Spaziergang vorbeikamen um kurz Halt zu machen, sich mit ihr zu unterhalten, oder aber einen frisch gemahlenen Kaffee in der Sonne zu genießen. Vor allem aber immer draußen im Freien an der frischen Luft und in Gesellschaft. Das vor allem und zuerst. Frei sein und herumstreunen so wie der Patron im Himmel es für alle Wolfsnachfahren einst vorgesehen hatte, jedoch mit festem Anker versehen, mit Wohnsitz und Herrchen, mit angestammten Territorium, welches selbstverständlich ganz nach Hundelaune durch von Schwanzwedeln begleitendes, sich echauffierendes und krawallmachendes Bellen abgesteckt und verteidigt werden darf, aus Hundesicht unbedingt sollte, ja gar muss. Das wäre doch ein wunderbares Leben für den kleinen Rabauken, seinen neuen Freund, seinen Punkerdackel, überlegte er sich. Am Wochenende würden sie dann lange Ausflüge im Park und durch die Wälder machen. Überall dorthin eben, wo es ihnen beiden gefiel. Vielleicht sogar, wenn es sich ergeben sollte, mit ihr und ihrem Hund zusammen. Gemeinsam wären sie dann ein richtiges Rudel, eine richtige, kleine Sippschaft. Und wer weiß, vielleicht sogar mehr. So zumindest seine Gedanken.

    Auf dem Heimweg vom Park zu seiner Wohnung begleitete ihn sein neuer Freund schon ganz selbstverständlich. Auch die Wohnung gefiel dem kleinen Dackel wohl sehr, fand sich jedenfalls schnell zurecht, fand auch schnell, nach einigen Schnüffelstationen, den für ihn geeignetsten Platz auf der Couch direkt neben ihm. Ohne jedoch genau zu wissen warum, ohne auch, dass es ihm lieb und recht gewesen wäre, verblassten vor seinen Augen die fröhlichen Eindrücke des Tages hier in seiner Wohnung wieder schnell. So gern er den Dackel jetzt schon hatte, ihn befremdete die Situation dann doch ein wenig, war einfach irritiert durch den lieben und anhänglichen Gast, und das Leben, welches aus heitern Himmel vollkommen überraschend und unvorhergesehen Einzug fand in seine Wohnung. Denn auch ohne dass es ihm immer recht bewusst gewesen wäre, noch, dass ihm viel daran gelegen war, hatte er über die Jahre hinweg ein strenges Einsiedlerleben geführt. Die Woche über hieß es zwar morgens aufstehen, Tags über zur Arbeit zu gehen. Belanglose Gespräche mit den Kollegen, und somit ein gewisser kommunikativer Austausch, ließen sich nicht gänzlich unterbinden. Auch hatte er ja eine Art Freundeskreis und Lebensmittelpunkt im Cafe gefunden. Man kannte sich, doch richtige gesellschaftliche Kontakte? Freunde gar, die auch mal unangekündigt, also spontan, vorbeischauten? Überhaupt irgendwelchen Besuch? Erst der kleine Hund an seiner Seite ließ ihn schmerzlich spüren, welch ein abgekapseltes Dasein er über Jahre hindurch praktizierte, sich scheinbar damit arrangiert hatte. Nach außen, nach draußen hin, also oberflächlich betrachtet, führte er ein anständiges Leben. Hatte einen festen Job, einen routinierten Tagesablauf, verstand sich ordentlich zu kleiden, zu benehmen, gesellschaftlich zu behaupten, konnte auch im Kreise seiner Bekanntschaft den Schein eines geordneten, bürgerlichen Rhythmus vortäuschen. Er schlug sich in derlei Disziplinen zwar nicht grad fürstlich, eher schlecht als recht, war dennoch nach Einschätzung Vieler, wenn nicht der Meisten, als Mensch mit sittsamen, auf den ersten Blick nicht weiter zu hinterfragenden Attributen versehen. Doch sobald sich die Türe seiner Wohnung schloss, das gespielte Draußen, bzw. das draußen Gespielte, durch die Drehung des Schlüssels seinen Abschluss fand, ließ sich das Innere und Isolierte alleine schon durch den verwahrlosten Zustand der Wohnung nicht mehr gänzlich verbergen. Er machte erst gar keine Anstalten seinen privaten Lebensbereich sich schön zu gestalten. Wozu auch? Für ihn etwa? Und Besuch kam eh nie vorbei. Nur der Elektriker vom Stromanbieter, in seiner Funktion als Ableser, drohte ihm einmal jährlich mit seiner Anwesenheit. Das war jedoch absehbar, somit planbar, man hatte also genügend Zeit sich darauf vorzubereiten, und einmal im Jahr die Wohnung provisorisch auf Vordermann zu bringen, war zumindest eine Abwechslung von der alltäglichen Routine. Doch wenn es auch jedes Mal nur für kurze Zeit sein sollte, ein paar Minuten vielleicht, länger nicht, so kam ihm dieses ungewollte Eindringen in seine Privatsphäre stets unwirklich vor. Er war regelrecht perplex angesichts der Tatsache, dass sich neben ihm nun jemand Weiteres in der Wohnung aufhalten sollte. Es passte da irgendwie nicht hinein, verstörte ihn in seinem Inneren, konterkarierte sein Empfinden, den Mann genau dort stehen und fuhrwerken zu sehen, wo sich sonst über das gesamte Jahr nichts Nennenswertes zutrug. Er benötigte jedes Mal eine gewisse Zeit lang, dieses einmal jährlich stattfindende Ereignis genügend zu verarbeiten, um dann wieder zu seinem alten und gewohnten Rhythmus zurückzufinden. Und mit ihm, dem Alten, beinahe fast genauso schnell, eben nur ein paar Tage schleichend nach vorn verschoben, verwandelte sich seine Wohnung erneut in den ursprünglichen Zustand ihrer inneren Verwahrlosung zurück. Die provisorische Ordnung verschwand alsbald wie sie gekommen war, und an ihrer statt übernahm häuslicher Unrat das Kommando, schuf wie von fremder Hand gesteuert das innenarchetektonische Fundament seiner Dachgeschosswohnung. Kleidungsstücke wahllos im Raum verteilt, es war ja schließlich genügend Platz vorhanden, zumindest am Boden, vermischten sich mit Pizzakartons und Bierdosen. Dazu die Müdigkeit hervorrufende Helle räumlich variierender Lichtuntermalungen durch den ewig gleich laufenden Fernseher, mit all seiner bekannten Stimmen und Gesichter, den Melodien und Geschichten aus Planetopia. Das Inkubatoren gleichkommend Vertraute in und mit ihnen, den Schilderungen von sonnigen Stränden, Urlaubs- und Einkaufsparadiesen, mitsamt ihrer Erzählungen aus Tausend und einer Nacht. Das stete Palaver der Kochprofis und Politiktalkrunden, welche sich sämtlich zyklisch mit Themen beschäftigten: „Wie wollen wir leben“. Und natürlich, nicht zu vergessen, allseitiges Präsent und allgegenwärtig, das Grundrauschen jedweder modernen Zivilisationsform, der durch Werbung forciert, real konsumierte Sondermüll, gut gestreut fein säuberlich nicht auf dem Boden über den Herrschaftskleidern, sondern als Kit im Zwischenraum der bewegten Bilder.

    Nun aber lag ein kleiner, treuer Freund, ein Wesen, ein atmendes Geschöpf mit Sinnen und Leben, zufrieden, und wohl auch ein wenig müde von den vielen Eindrücken der zurückliegenden Geschehnissen, direkt neben ihm, und ihn quälten große Zweifel. Im Park im Freien, an frischer Luft unterm Himmel gelegen, mit weiter Aussicht für das Auge, schien es noch so einfach. Schien ihm alles so einfach. Dort draußen unter der Sonne auf der Wiese, im freien Raum der Vorstellung seiner Gedanken. Doch hier, in der Beklemmung seiner Behausung? Wo der Blick in überschaubarer Einhegung geschult, und auf den Gleichklang seiner Bewegungslosigkeit konditioniert worden war? Wo sein einziges Handeln oftmals nur darin bestand die Werbepausen der Blockbusters durch einen Toilettengang sinnhaft zu gestalten? Gleich morgen früh musste er auch schon wieder zur Arbeit. Er schaffte es kaum für sich selbst zu sorgen, die Wohnung hielt für sein Unvermögen nur als ein veräußerlichter Beweis her. Vor allem aber wurde ihm schlagartig bewusst, dass sich sein Leben radikal ändern würde und auch müsste, ja sogar schon dabei war. In eine Richtung zudem, die er nicht geplant hatte. Eine Richtung, die er nicht genau einzuordnen wusste, ja überhaupt keine rechte Vorstellung von ihr besaß. So aufregend die Gedanken einerseits darüber waren, so sehr verunsicherten sie ihn auch.

    Es war dann der analytische Verstand, der ihm in dieser Zwickmühle scheinbar behilflich war. Der ihm mit moralischem Unterton und vorgespieltem Gewissen fast zwingend versuchte aufzuzeigen, dass er seinen kleinen, neuen Freund nicht behalten könne, ja nicht einmal dürfe. Dass dort draußen nun wahrscheinlich ein freundlicher und liebenswerter Punker verzweifelt umherirrte, und sich große Sorgen um seinen Hund, seinen treuen Weggefährten machte. Der doch zudem auch der rechtmäßige Besitzer des Dackels war. Doch wohl auch der eigentliche Freund. Vielleicht hatten sie sich einfach nur verzankt. Vielleicht war der kleine Rabauke ohne die Konsequenz seines Handelns besonnen abwägen zu können nur aus einer Laune heraus ausgebüchst, um halt noch ein wenig länger den schönen Sommertag auf der Wiese mit Rumtollen auszukosten. Wahrscheinlich würde er ihn schon bald vermissen, seinen alten Freund, den Punker. Wahrscheinlich hatte er es besser bei ihm.

    Es war dieser Gemütszustand, diese Art von Überlegungen, die ihn dazu bewogen mit seinem kleinen Freund noch einmal vor die Türe zu gehen. Draußen schien schon nicht mehr die Sonne, es dämmerte bereits, war schon mehr dunkel als hell, und die oftmals Hunden nachgesagte Empathie gegenüber dem Menschen, ihr vermeintliches Vermögen Gefühlszustände ganz direkt und unmittelbar zu erspüren, äußerte sich in den eindringlichen und leicht verunsicherten Blicken, mit denen ihn sein kleiner Freund überhäufte. Er spürte wohl, dass etwas nicht stimmte, spürte, dass dieses erneute, abendliche Gassi gehen nicht das Übliche war, spürte augenscheinlich, dass sein neuer Freund nicht mehr ganz der Alte vom Tage war.

    Ihm sollte es erst später vollends bewusst werden, dass es einer der traurigsten Momente in seinem Leben war, als er sich mit seinem kleinen Freund zum nahegelegenen Polizeirevier begab, und den Beamten dort die Geschichte erzählte. Sich eingehend erklären ließ, dass sie gut auf den Hund aufpassen, und sein mutmaßliches Herrchen den Punker bestimmt ausfindig machen würden, ja es ihrer Erfahrung nach sogar der Regelfall sei, dass der Besitzer eines ungewollt entlaufenen Hundes schon gleich am Folgetage des Verschwindens bei ihnen vorbeischaute, kurz, er sich keine Sorgen zu machen brauchte. Von seiner Seite aus versprach er noch Zettel im Park auszuhängen.

    Beim Verlassen des Büros sollte es sich ihm in die Erinnerung einbrennen, wie sein kleiner, treuer Freund jaulte und winselte. Ihm mit feuchten und ängstlichen Augen nachschaute, es nicht verstand, ihm hinterherlaufen wollte, es nicht konnte, da ihn die Leine, von den Beamten um seinen Hals gebunden, zurückhielt.

    In seinem Mietshaus dann wieder angekommen, stieg er die Treppen rauf bis unters Dachgeschoss, schloss die Türe wie immer hinter sich ab, und setzte sich auf die Couch. Dort, wo er noch vor kurzem mit seinem Freund zusammen gesessen war. Um ihn herum der gewohnte Zustand. Dosen, Pizzakartons und alles totenstill. Er machte nicht gleich den Fernseher an wie er es sonst immer tat. Blieb einfach nur sitzen und registrierte, wie er heimlich zu schluchzen und weinen begann. Nicht schlimm, niemand sah es, niemand bekam es mit. Es war seine Wohnung. Der Schlüssel steckte in der Tür, die Tür war abgeschlossen. Er dachte an seinen kleinen Freund. Dachte, was er jetzt wohl für eine schreckliche Nacht durchleben müsste. Er wünschte ihm ein wunder-, wunderschönes Leben voller Abenteuer, Raufereien und Tollereien im Freien, schaltete dann den Fernseher wieder an.

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