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Schott, Links, Rechts, Zeichnungen, Abstrakt

SchottLinksRechts

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    Von Tim Weber hochgeladen am 06.02.2017

    Ted Schneider hört auf zu zähnen (Teil III) (Teil IV unter folgendem Bild)

    „Dad? Was denkst du?“

    „62, 63, 64, 65, 63, 67…. Ich fange wieder bei Null an. Ich fange wieder bei Null an, ich fange nur mit dem Wissen darum wieder an.“

    Sein Gerichtsverfahren hatte er Maggy gegenüber immer verschwiegen. Über die Vergangenheit zu reden, sollte es auch kaum einen Anlass zwischen den beiden gegeben. Ted hätte darin keinerlei Sinn gesehen. Sowas weckte nur schlafende Hunde, wo es aus seiner Sicht nichts zu wecken gab. Dinge geschahen nun mal. Und zwar nach vorgegebenen Mustern, sonst nichts. Warum er der Sache so emotionslos gegenüberstand, wollte der Staatsanwalt von ihm wissen. Mr. Donaldson, sein Anwalt, intervenierte zwar, doch der Richter ließ die Frage zu. Er zeigte ihm Fotos vom Tatort. Wollte dadurch eine Reaktion provozieren. Als ob sowas nicht durchschaubar wäre.

    Kurze Zeit nach seinem Freispruch lernte er dann Maggy kennen. Sie kellnerte in einer Bar, ihm fielen sofort ihre zarten Züge auf. Nach dem Abbruch der Schule war sie zu ihrer Tante mütterlicherseits nach Chicago gezogen, so erzählte sie es Ted. Sie hätte es in dem Nest in Ihowa einfach nicht mehr ausgehalten. Als die beiden sich das erste Mal näher kamen, war sie 18, und Ted ihr erster Mann. Ihre anfängliche Irritation, wenn er mit ihr schlief, legte sich mit der Zeit. Von den Hinterlassenschaften Maggys bei einem Unfall verunglückten Eltern hatte man den Umzug finanzieren können. Als kleine Familie lebten sie nun in einem Reihenhaus mit akkuratem Vorgarten. Gelegen in einer idyllischen Vorstadtsiedlung, die nicht weit von der Wyoming County Fabrik gelegen war, Teds neuer Arbeitsstelle, einer Legebatterie für das amerikanische Frühstücksei. Lebten dort Maggys Traum. Maggys Kleinstadttraum, vor dem sie einst davongelaufen war, weil sie ihn angeblich so sehr hasste.

    „Dad? Nun sag schon.“

    Ted versuchte sich wieder zu konzentrieren, zählte die Anzahl der Blätter. Ähnlich dem Abzählen von Baumstammringen, was allerdings schwierig war, aufgrund des geringen Abstandes zwischen den einzelnen Schichten die sich im Zuge der schon erfolgten Umläufe zu einem dichten Labyrinth aus Röhren überlagert hatten. Sein Blut, das sich von Faser zu Faser summierte, und die vielen Lichtabsorptionen durch die feinen Nebelspritzer, welche die Oberfläche benetzten und somit die Durchsicht beschlugen, trugen das ihrige dazu bei, dass es Ted auf Anhieb nicht gelingen sollte. Er wollte schon von vorne beginnen, als er erneut das Klicken vernahm, diesmal allerdings etwas leiser. Die Röhre setzte sich wieder in Bewegung. Diesmal aber anders. Dort wo sie stehen geblieben war, also geradewegs vor Teds Augen, dehnte sich ihre Mündung erst ein wenig, wurde größer, und die scharfe Kreiskante ihrer Öffnung stülpte sich danach, ähnlich einem übergeschlagenem Kragen, oder einem gewölbten Pils, von außen über die Röhre, also sich selbst hinweg, so dass die Kreiskante nun in die andere Richtung zeigte und zwischen ihrem gezogenen Durchdringungsselbst aus dem vorherigen Umlauf und dem jetzigen lag in dem Ted augenblicklich fest saß. Dann fing sie wieder an ihre Bahn zu ziehen, durch ihre Neuausrichtung nun im Uhrzeigersinn. Sie hatte über den Umweg des Stülpvorganges eine Kehrtwende gemacht, zog sich also nicht einfach nur zurück. Als strebe es die Öffnung nach draußen, wieder aus sich selbst heraus, als habe sie die Ausweglosigkeit ihrer Bahn erkannt, könnte aber nicht einfach zurückfließen, müsste stets mit der scharfen Schnittkante ihrer Endung voraus wandern.

    Aus sich selbst wandern? Vor allem wo? An welcher Stelle? Wo sollte das sein? Wo wollte sie hin, fragte sich Ted. Sie war ja in sich, war in sich selbst eingedrungen. Und mit jedem weiteren Umlauf, immer und immer wieder, die wiederholte Einschiebung innerhalb ihrer ausgehölten Eigenständigkeit. Andererseits, das ließ sich nicht leugnen, lief sie entlang ihrer selbst. Und zwar zurück. Also müsste sie doch irgendwann wieder dort angelangen, wo sie ursprünglich gestartet war. Sofern sich ihr kein Hindernis in den Weg stellte. Aber das konnte ja auch nicht sein, da sie zwar nach wie vor eindeutig in sich selbst war, aber seit ihrer Kehrtwende sich irgendwie auch außerhalb ihrer selbst bewegte. Doch ließ sich diese Argumentation als Beweis hernehmen? Für etwas, das sich Ted ohne zeitliche Auflösung in seiner Gesamtheit nicht mehr vorzustellen imstande war? Was war denn noch Außen, und was noch Innen? Aber tatsächlich, an seiner Argumentation musste etwas dran sein. Denn nach der zweiundfünfzigsten Umdrehung in die andere Richtung - Ted sollte diesmal mitgezählt haben - kam das ehemals rechte Endstück aus dem linken, oberen Ende wieder zum Vorschein. Sie war wieder außerhalb, hatte es bis dorthin nach draußen geschafft. Bewegte sich dort aber nicht gleich weiter, sondern stülpte sich durch ein weiteres Klickgeräusch eingeleitet mit einem Kragen erneut über sich hinweg, so dass sich die beiden Kreise der Öffnungen nun wieder deckungsgleich gegenüberstanden. Nur, dass jetzt durch deren Mitte die übereinander liegenden Wände der Röhrenläufe verliefen.

    An der Stelle blieben sie erst einmal. High Non. Es passierte zunächst nichts weiter. Als zögere sie durch Verschmelzung mit dem anderen Mündungsstück ihr absurdes Theater nun endlich zu einem ordentlichen Abschluss zu bringen. „Na los, bring es zu Ende!“, schrie Ted durch die Röhre. Doch was war das? Reagierte sie etwa auf ihn? Denn nach seinem Ausruf erfolgte ein Klickgeräusch und abermals ein Stülpen. Diesmal allerdings über ihr vorausgegangenes Stülpen hinweg, so dass sie mit Hilfe eines Doppelkragens wieder im Uhrzeigersinn ausgerichtet stand. Jetzt erst setzte sie ihre Bewegung fort. So als hätte sie beschlossen den Spieß umzudrehen, als ob sie es nun war, die sich auf den Weg machen wollte sich selber zu verschlingen, obschon ihr Löwenanteil ja schon verschlungen war. Mit dem ersten Umlauf im Freien hatte sie auch gleich schon das linke Ende verschluckt und war nun ihr alleiniges Außen, anstelle alleiniges Innen. Ted verfolgte jetzt jede ihrer Umdrehungen. Um ihn herum lagerte sie sich fortwährend ab. Irgendwann müsste sie zum stehen kommen. Irgendwann wäre ihr Material aufgebraucht, oder alles ausgefüllt, und er läge als organischer Überrest in einem riesigen Ringkonstrukt, was von außen betrachtet einem Schneckengehäuse mit einer menschlichen Füllung gleichen mochte. Wenigstens wurde er nicht mehr weiter abgeschabt.

    „Dad, jetzt sag doch mal was. Du machst mir langsam Angst. Darf ich das Küken mit nach Hause nehmen?“

    Ted war sich sicher er liebte sein kleines Mädchen, seinen kleinen Spatz. Er war sich dieser Sache eigentlich sehr sicher. Es würde nun nicht mehr lange dauern, vielleicht nur noch den einen oder anderen Sommer, und dann würde seine kleine Flattermaus, wie er Clare seit ihren ersten Gehversuchen gelegentlich nannte, sich allmählich zu einem jungen Fräulein mausern. Sehr gut möglich, dass sie dann aufs College zum Studieren ging. Ihre Lehrerin, Miss Wuds, war der Ansicht, dass Clare überdurchschnittlich talentiert sei. Vor allem ihre Phantasie sei stark ausgeprägt und artikuliere sich für eine Zehnjährige doch recht ungewöhnlich. Beinahe schon besorgniserregend. In einem Aufsatz sollten die Kinder ihre Urlaubserlebnisse aus den zurückliegenden Sommerferien schildern. Während die anderen Kinder ihrem Alter gemäß über kleine Abenteuern und verbrachte Familienstunden mit Nudelsalat und Softeis berichteten, war alleine schon die Überschrift von Clares Schulaufsatz befremdend. Er lautete: „Mein Dad hat die Welt immer nur von innen gesehen.“ Ted verstand nicht was das mit ihm zu tun haben könne, geschweige denn mit seiner Tochter, als ihm Miss Wuds am Elterntag die folgenden Zeilen von Clare zu lesen gab, und ihn um Erklärung bat: „Man sieht Vieles im Leben, doch sich selbst sieht man nie. Nur verfremdet, wenn überhaupt schon. Im Spiegel vielleicht, sich selbst gegenüber, im Raum gedreht, links und rechts gleich auch noch vertauscht. Oder vielleicht auf einem Foto. Auch hier, aus der eigenen Perspektive, seinem vertrauten Blick fern entrückt, irgendwie komisch herausgenommen, irgendwo ganz anders. Möglicherweise sogar ein selbstgedrehtes Video, auf dem Handy aufgenommen. Auch hier, alles untrüglich klar vor den Augen. Aber wo auch immer, wo es sich auch befindet, oder stattfindet, alles mutet stets so komisch bildhaft an, ist immer so unnatürlich eingerahmt. Als ich meinen Physiklehrer Mr. Tounsand danach fragte, meinte er, dass man für gewöhnlich die Theorie verfolge, dass sich alle Augenblicke zu einem Bildobjekt zusammenfügen lassen. Durch unser erfolgreiches Alltagsagieren dränge sich diese Vorstellung alternativlos auf. Doch die Unmöglichkeit sich selber zu betrachten, kann man doch nicht leugnen? Man sieht doch alles immer nur eingerahmt. Wenn ich darüber nachdenke, bekomme ich Angst. Genauso, wie manchmal vor meinem Dad. Ganz genauso, wie im Sommer vor der Krähe. Sie attackierte mich. Flog stets von hinten auf mich zu. Immer auf meinen Kopf. Versuchte mich mit ihrem Schnabel zu hacken. Während des Sturmes fiel dann ihr Nest von der Regenrinne in unseren Vorgarten. Ein Jungtier lag tot daneben. Es war total zerzaust und ganz abgemagert. Im Nest fand ich allerlei Krimskrams. Kleinode, die die Rabenmutter längs der Straße aufgeklaubt haben musste. Ich fand ein gelbes Feuerzeug, die silberne Plastikhülle eines Schokoriegels, eine türkisgrüne Glasscherbe, ein abgerissenes Kinoticket, ein zerknüddeltes Papiertaschentuch und ein benutztes Kondom.“

    „82, 83, 84, 85, …….“

    „Daddy? Kann ich es mit nach Hause nehmen? Ich verspreche dir auch, dass ich gut für das Küken sorgen werde.“

    „…85, 83, 87…. Ich fange wieder bei Null an. Ich fange wieder bei Null an, ich fange nur mit dem Wissen darum wieder an. Ja, es muss ständig stimuliert werden, sonst verliert der Prozess an Schwung. Das Dopamin hört auf im Kreislauf zu strömen, manchmal sogar der gesamte Kreislauf und die Leere verschafft sich durch die Umkehrung eines keinesfalls Banalen gefälligen Tagtraum. Ziel kann es also nur sein, den Leerraum mit Sinnhaften zu füllen. Das Unsichtbare zwischen Handlungen und Gedanken zu erfassen, alles Unnütze auszumerzen. Aber warum dann immer wieder diese Stute mit ihren kiffenden Fickern? Was soll das? Das hat rein gar nichts mit mir zu tun.“ Dann befiel Ted ein Verdacht. Es waren die Bilder. Die von ihm anfänglich kaum beachteten, mosaikhaft zusammengesetzten Bilder. Sie gaben der Röhre ihre Richtung vor.

Titelround and round and round
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Info232 2
  • 2 Kommentare Melde Dich an, um einen Kommentar zu schreiben.
  • Juffy
    Juffy
    meine auch -
  • Volker Mersch
    Volker Mersch
    Sorry aber sie Bombadieren gerade alle mit diesem Schrecklichen durcheinander,von dem ich echt nichts abgewinnen kann, sorry aber ist meine Meinung