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Biest, Runter, Zeichnungen, Abstrakt,

BiestHochrunter

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    Von Tim Weber hochgeladen am 06.02.2017

    Ted Schneider hört auf zu zählen (Teil I) (Teil II unter nächstem Bild)

    „Daddy“, sagte das Mädchen, als sie zu ihrem Vater hochblickte, „können wir das kleine Küken mit nach Hause nehmen?“ ….…6023, 6024, 6025. 6025, 6025, 6025. 6025. Ted Schneider unterbrach das stumme Zählen, und figurierte phlegmatisch aus verdrillter Oberkörperhaltung heraus die kindlichen Gesichtszüge seiner vor ihm am Boden hockenden Tochter. Unter verkrampftem Lächeln bemühte er sich die Chipkarte mit Zeige und Mittelfinger der rechten Hand aus der linken Gesäßtasche zu fischen. Die Legeans war von seiner Frau erst vor ein paar Tagen frisch gewaschen worden, und somit wie immer beim ersten Tragen viel zu eng anliegend. Von einem ungläubigen Kopfschütteln begleitet, kam es ihm in den Sinn, dass er sich wohl schon gut und gerne einige Minute in dieser Schieflage abmühte, wohingegen es doch ein Leichtes gewesen wäre, den Autoschlüssel zunächst aus der linken Hand in die Rechte zu nehmen, um dann anschließend einigermaßen mühelos die freie Linke dafür zu benutzen, die Karte aus der stark spannenden Gesäßtasche zu befördern. Aber als Clare gleich nach dem Aussteigen das Küken entdeckt haben sollte, und er ihr dabei zusah, wie ihre Fingerkuppen sacht das Köpfchen des Tieres zu streicheln begannen, kamen urplötzlich die Bilder aus dem Saint Johanna Hospitals wieder hoch. Vor allem jener Augenblick, als eine Schwester leise das Zimmer betrat, und ihm wortlos, unter einer Geste des Einvernehmens, behutsam sein neugeborenes Töchterchen in die Arme legte. Seine Frau schlief da noch.

    Die Geburt war äußerst schwierig verlaufen, es gab Komplikationen. Das Fruchtwasser war während der Schwangerschaft sehr trübe gewesen, und dann wollten auch noch die Wehen nicht einsetzen. Erst nachdem zwei Wochen über den kalkulatorischen Termin hinaus verstrichen waren, entschieden sich die Ärzte zu einer Zwangseinleitung. Die Hebamme sollte Ted darüber informieren, dass sich das Kind nicht in die richtige Lage gedreht hätte, sondern äußerst ungünstig zwischen Gebärmutterhals und Bauch verkeilt lag. Und da Maggy, seine Frau, zu diesem Stadium schon viel Blut verloren hatte, durfte ein Kaiserschnitt nicht zwangsläufig nur mehr als einzige Option in Betracht gezogen werden. Für die Mutter als Bluterin wäre nämlich der Eingriff über die geöffnete Bauchdecke mit einem erhöhten Risiko verbunden. Die von den Ärzten favorisierte Alternative war der Zugriff mit einer Geburtszange, was allerdings dem Kind hätte schaden können. Nur schnelles Vorgehen sei jetzt unabdingbar, da die Sauerstoffzufuhr, aufgrund der extremen Schieflage des Kindes, nicht mehr mit Sicherheit gewährleistet werden konnte. Bis dann endlich die Nachricht kam, dass alles gut verlaufen sei, verbrachte Ted die Zeit auf einem Wandstuhl im Flur der Geburtsstation mit warten. Sein ansonsten gutes Gefühl für alles Gegenwärtige sollte ihm diesmal einen Strich durch seine Rechnungen machen. Wie lange er schon auf diesem Stuhl hockte, vermochte er nach einer Weile nicht mehr genau einzuschätzen.

    Ted Schneider hasste jegliche Form des Kontrollverlustes. Und nicht mehr Herr über das Zeitempfinden zu sein, war für ihn das Abscheulichste von allem Schlechten. Beinahe gleich zusetzten mit dem Tod. Sollte er etwa wieder neu anfangen? Bei einer Zahl, die er grob auf 50000 schätzte? Aber was hätte er davon? Überprüfen lässt sich im Nachhinein ohnehin nichts mehr. Alles schien ihm verloren. Alles, was er bis dahin glaubte schon zu haben. Zerstört durch die bloße Willkür. Und durch Gehässigkeit. Sie, ja sie war daran schuld. Sie hatte es auf dem Gewissen. Diese verfluchte Geburt, dieser verhasste Tag. Sie wusste es, ja sie musste es doch wissen. Und obwohl sie es wusste, tat sie ihm das hier nun an. Womöglich mit voller Absicht, und auch schon von langer Hand geplant. Einfach nur, um ihn zu testen. Sie muss es doch wissen. Widerwärtig. Alle glaubten, Maggy sei eine Herzensgute, aber ihn konnte sie nicht täuschen. Er kannte sie, kannte sie besser als jeder andere. Sie hatte die Wehen einfach hinausgezögert, damit sich nichts planen ließe. Das ist es. Natürlich. Wahrscheinlich steckten sogar die Ärzte mit drin. Wahrscheinlich waren sie von ihr beschwatzt worden. Hatten ihr ein Mittel verabreicht, was die Wehen aufschob. Natürlich, das ergibt einen Sinn. Diese Schlange, dieses verhasste Kind. Schlangenbrut. Er sollte der Erzeuger sein, und nun schickte es sich an, ihn hinterrücks zu vergiften, noch bevor es überhaupt auf der Welt war. Ja natürlich, das erklärte auch das trübe Fruchtwasser. Sie will mich zu etwas zwingen. Ja, das ist es, sie will mich einfach dazu zwingen. Was für eine Anmaßung von den beiden. Und wenn es auch nicht ganz zutraf, so war es doch unstrittig. Sie hatten ihn in diese Situation gebracht, obwohl sie es doch hätten wissen müssen.

    Teds Hände begannen zu schwitzen. Er wischte sie an seiner Jeans ab, und lockerte sich anschließend den Hemdkragen, um etwas gegen das beklemmende Gefühl zu tun, auch wenn die Ablenkung nicht helfen sollte. Wenn er eines nicht ausstehen konnte, dann Hilflosigkeit, was seiner Ansicht nach nur als Synonym für Kontrollverlust verstanden werden konnte. Und das Rasen seiner Pumpe, das knallende Pochen gegen seinen Brustkorb, war nun alles andere als eine beeinflussbare Reaktion. Und wenn schon. Wenn alles verloren sein soll, dann ist das jetzt auch egal. Er könnte also zum Hudson runterfahren. In die Elm Street. Doch wahrscheinlich ist es schon zu spät dafür. Ted schaute rechts den Flur hinunter. Der kleine Zeiger der Wanduhr am Ende des Korridors war schon über die Zwölf gerückt. Der große Zeiger musste abgebrochen sein. Er war zumindest nicht mehr vorhanden. Aber wenn er abgebrochen war, überlegte sich Ted, musste definitiv jemand das Glas geöffnet und ihn entfernt haben, denn sonst befand sich nichts im verschlossenen Gehäuse der Uhr. Und wenn dem so war, wieso hatte man die Uhr nicht gleich repariert, oder reparieren lassen?

    Die Öffnungselektronik der Glastür, welche sich am linken Ende des Flures befand, zog Teds Aufmerksamkeit nach sich. Zuerst war das Klickgeräusch zu hören, und wenig später klappten dann verzögert die zwei Flügeltüren perfekt synchronisierter nach Innen auf. Begleitet wurden ihre harmonischen Bewegungen von einem Brummton, welcher vom elektrischen Schiebemotor herrührte. Es tauchte nicht gleich jemand auf. Das wunderte Ted allerdings nicht. Die Verschiebung zwischen Türöffnung und dem Erscheinen einer Person hatte Ted schon während der Routineuntersuchungen im Laufe von Maggys Schwangerschaft studiert. Seiner Ansicht nach konnte da nur jemand von der Verwaltung hinter stecken. Jemand der mitgedacht hatte. Er hatte es genau nachgemessen, als sich Maggys Ultraschall aufgrund eines Notfalls unvorhergesehen in die Länge gezogen hatte. Unmittelbar hinter den beiden Flügeln der Glastür machte der Korridor einen scharfen Knick. Und zwar exakt um 90 Grad nach links. Von Teds Position aus ließ sich der Trakt hinter der Biegung zwar nicht mehr einsehen, aber anhand der schneidig verlaufenden Linie der Mauerkante, die sich klar und deutlich von der hinteren Wand absetzte, immer noch indirekt darauf schließen. Ca. 10 Meter von der scharfen Kante den seitlich angrenzenden Trakt hinunter, befand sich auf Hüfthöhe der Wandschalter. Bei einer Schrittgeschwindigkeit von etwa drei Meilen, die Ted gemäß seinen Beobachtungen als Durchschnittswert für die Ärzte und das Pflegepersonal unterstellte, setzte der hydraulische Öffnungsmechanismus zeitverzögert nach den ersten fünf der zehn zurückzulegenden Meter vom Wandschalter bis zur Biegung ein. Nach den zweiten fünf Metern waren die zwei Türflügel, von Teds Stuhl aus gesehen, dann ganz in den Flur nach innen geklappt, so dass einem flüssigen Hindurchgehen nichts mehr im Wege stand. Dahingehend musste also ein vom Verwaltungsteam beauftragter Techniker den Öffnungsmechanismus adjustiert haben. Äußerst clever, dachte sich Ted. So eine Arbeit hätte ihm auch gefallen. Er stellte sich vor, wie er Klinikleitung und Personalrat detailliert vorrechnete, dass schon alleine durch diese simple Maßnahme eine Effizienzsteigerung des täglichen Klinikbetriebes, um sagen wir mal 0,012647 Promille, zu erreichen sei. Weitere positive Echtzeiteffekte, die noch hinzukämen, lägen auf der Hand. Denn bei einem durchschnittlichen Zeitgewinn von 1,932 Sekunden pro Türdurchquerung, müsste mit einer bezifferbaren Senkung der Mortalität zu rechnen sein. Nämlich aus dem Grund, weil im Notfall der Stationsarzt schneller beim Patienten wäre. 1,932 entscheidende Sekunden, die beispielsweise die Insulinspritze, oder aber der Elektroschocker, früher angesetzt werden könnte. Ein technikfeindlich gesinnter Utopisten aus dem Kreise des Betriebsrates mochte ihm vielleicht dezidiert versuchen darzulegen, dass wenn es im tagtäglichen Ablauf weniger durchoptimiert zuginge, die Menschen wieder mehr zu ihrem eigenen Rhythmus fänden, und als Folge dessen, es auch zwangsläufig soundso viel Prozent weniger Hertzattacken geben dürfte. Es sei zwar nicht von der Hand zu weisen, dass im Falle einer Herzattacke dann der Notarztwagen auch um soundso viel Sekunden oder gar Minuten verspätet in der Klinik einträfe, und die Behandlung durch den Stationsarzt sich womöglich auch noch um weitere wertvolle Sekunden verzögere, nämlich exakt im Schnitt um 1.932 Sekunden, aber in Summe wären es halt immer noch weniger Attacken mit tödlichem Ausgang. Denn die impliziten Zusammenhänge fänden im Kalkül der meist eindimensionalen Berechnungen in aller Regel keine Berücksichtigung, schon gar nicht, wenn es sich nur um Semantisches handele, also nichts Messbares, wie beispielsweise das Lebensgefühl. Aber dennoch, der Zusammenhang bestünde. Solche Argumente hätte Ted Schneider allerdings nicht gelten lassen. Er hätte sie abgestempelt als das, was sie sind, nämlich als bloßes Scheißgeschwafel. Mit einem lapidaren Handwischer hätte er zu verstehen gegeben, was er von solchen Ansichten hielt. Diese Arschwichser sollte man seiner Ansicht nach am besten gleich ans Bett knebeln, einen Trichter auf ihr Maul aufsetzten und dann kiloweise Gülle reinschaufeln. Die ganze Natur funktionierte nach solchen Regelwerken. Alles andere war faules Gerede, dummes Geschwätz, vertane Lebenszeit, Wichtigtuerei.

    Aber jetzt war es dafür zu spät. Es sollte alles vorbei sein. Seiner Verstandesmöglichkeiten war er niederträchtig beraubt worden, und falls doch noch nicht in voller Gänze, würde es bald passieren. Er könnte eigentlich ab nun an die Dinge freier angehen, unbeschwerter, mal sehen, was noch da ist, aber wozu? Vielleicht sollte es ihm auch gelingen die Sache wieder gerade zu biegen, aber im Augenblick sah es schlecht aus. Sie hatten die Kontrolle übernommen, ohne ihn zu fragen, einfach übergangen. Er war bis auf weiteres nicht mehr als ein biologisches Abfallprodukt. Ein Häufchen Dreck. Ohne Verstand ist man nichts wert, nicht einmal liebenswert. Was sollte also jetzt noch kommen. Verdummt und nicht mehr lebenswert. Die Nazis in Europa hatten das damals schon ganz richtig gemacht.

    In einer prozessgesteuerten Welt, in der Stillstand nicht mehr mit einkalkuliert war, auch nicht mehr denkbar, und vom Herzen nicht mehr verwertbar, ließ man Ted Schneider nun mit sich alleine. Seine Verfassung, seine Gehirnchemie, sein gesamter Organismus, war für dieses ungerichtete Warten nicht mehr genügend trainiert. Diese Vakuums, was nur noch durch das sterile Licht der Neonröhren von der Decke behaust wurde. Ja, bis dann irgendwann jemand aufkreuzen würde. Er glaubte, er müsste es an seinem Blick sofort erkennen.

    Von einem weiteren Klickgeräusch eingeleitet, schlossen sich die Flügel wieder, ohne dass jemand um die Ecke gebogen wäre. Das Licht hinter den beiden Türen ging nach einer Weile aus, die scharfe Kante verschwand, und es erschien wieder der gespiegelte Flur. In der Mitte des Glases der rechten Tür die Seitenansicht des Kaffeeautomaten. Auf der anderen Seite, auf gleicher Höhe, ein Mann auf einem Stuhl, der sich beim Warten zuschaute. Eine Uhr vor ihm, ans andere Ende des Korridors gespiegelt. Der einzige Zeiger stand auf Elf. Ja, alles hatte seine Richtigkeit.

    Das letzte und bis vor wenigen Stunden auch einzige Mal, jedenfalls soweit sich Ted erinnern konnte, auch nur annähernd so einer beschissenen Lage ausgesetzt zu sein, in der sich nichts, aber auch rein gar nichts mehr tun ließ, waren die zermürbenden Stunden, während der er in der Mac Avenue Street in einem Aufenthaltsraum des Gerichtsgebäudes auf das Urteil der Geschworenen wartete. Da war er Anfang 30. Ein Mann im besten Alter. Ein Mann, der sein Leben noch vor sich haben sollte. Freispruch aus Mangel an Beweisen hieß es. Zwar nicht haargenau das, was sein Rechtsanwalt Mr. Donaldson im Abschlussplädoyer mit seinen Worten verstanden haben wollte: "Unter Würdigung der Gesamtlage und dem besonderen Umstand, dass Miss Deleware vom hohen Gericht nachweislich der gemeinen und hinterhältigen Lüge überführt worden ist, war es, wie die Verteidigung im Verlaufe der Verhandlung präzise nachweisen konnte, für meinen Mandant gänzlich unmöglich, um 15.52 Uhr Ortszeit, also zum exakten Zeitpunkt des vom Täter abgefeuerten, tödlichen Schusses, sich in Miss Delawares Wohnung aufzuhalten. Schlussfolgernd kann also mein Mandant nicht der Täter gewesen sein. Er kann die abscheuliche Tat an Charlett Blomefield nicht begannen haben, und das Urteil für meinen Mandanten kann somit in jeglicher Hinsicht nur Freispruch lauten." Aber für Ted fühlte es sich damals an, als hätten die Geschworenen ihm eine zweite Chance bewilligt, und sein Leben dürfe nochmals von vorne beginnen. Schlussfolgernd. Ja, zum Glück gab es das.

    Noch einmal das Klickgeräusch, dann das Brummen, und nichts. Die beiden Flügel standen schon wieder sperrangelweit auf, und Ted schaute durch die im Halbdunkeln liegende Öffnung, denn das Licht im angrenzenden Korridor blieb diesmal aus. Na komm schon. Worauf wartest du so lange? Er sah dabei zu, wie sich die Tür wieder schloss, und der gespiegelte Flur erneut vor ihm auftauchte. Hatte sich etwas geändert? Ja, da war was. Ted sah jetzt in der Spiegelung des rechten Flügels das Abbild der schräg verzerrten Vorderseite des beleuchteten Kaffeeautomaten. Nicht mehr die Seitenansicht. Er hatte sich im Glas nur wenig gedreht, so dass wenn er nicht gewusst hätte, was auf der Werbefläche des Automaten abgebildet war, es ihm Mühe bereitet hätte, im gespiegelten Bild die blonde Frau mit ihrer Tasse Cappuccino zu identifizieren. Die Türen klappten in seine Richtung auf, blieben aber selbstverständlich an den Wänden in ihren Scharnieren befestigt. Eine leichte Drehabweichung beim Stopp in ihre Ruheposition nach Innen oder Außen, was für sich genommen schon seltsam genug war, wäre von Ted aus gesehen einer Verschmälerung der Automatenseite gleichgekommen, nicht aber einer Drehung. Aber nein, das war es nicht. Er glaubte damit verkehrt zu liegen, als er über den Unterschied von Verschmälerung und Drehung nachdachte. Drehung bleibt Drehung. Egal in welche Richtung. Es sei denn, da stimmte etwas mit der Äquivalenz von Standpunkten nicht. Denn wenn die Tür sich drehte, musste es damit gleichkommen, dass der Flur sich in die andere Richtung drehte, die Tür aber nicht. Seltsam war nur, dass sich seine Position in Bezug des Raumes zum virtuell gedrehten Flur ja nicht geändert hatte. Dieser übergeordnete Raum war schließlich sein Beobachtungsstandpunkt für den Virtuellen, der aber auch gleichzeitig noch sein realer Standpunkt sein sollte, denn er war es ja, der von sich aus die Verzerrung im gespiegelten Flur ganz eindeutig sah. Das war nun mal ein Fakt. Daran ließ es sich nicht deuteln. Mehr noch als Drehung gleich Drehung sein sollte. Wenn aber sein Standpunkt schon wichtig war, was er allerdings nur daraus gefolgerte hatte, dass er die Unabhängigkeit des Betrachters stillschweigend vorausgesetzt hatte, dann lag doch etwas mit der gesamten Argumentation im Argen.

    Ted wurde wieder schlagartig bewusst, dass er zu solchen Überlegungen gar nicht mehr in der Lage sein konnte. Die niederträchtige Handlung des Raubes seiner Möglichkeiten durch den Komplott. Ja, er war zu einem Nichts geworden. Dass er sich diese Sache nicht mehr zu erklären vermochte, konnte nur als Beweis für den Umstand angesehen werden, in was für einer hinterhältigen Falle er saß. Dieser vermaledeite Automat. Ihre verfluchte Geburt. Sie musste es doch wissen. Sie musste es doch wissen. Diese Hexe.

    Er legte eine seiner verschwitzten Hände aufs Gesicht, schloss die Augen. Jemand hatte ihm dazu geraten sich nur auf seine Hand zu konzentrieren. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9. Er zählte das Pochen in seinen Schläfen. Vielleicht sollte er es mit Brüllen probieren. Ja, wie irre brüllen. Was im Flur sicherlich einen beachtlichen Nachhall zur Folge hätte, und die ungeborenen, kleinen Monster verschreckte, die alles auf den Kopf stellten, noch bevor sie ihr erstes Neoprenlicht sahen. Vielleicht würde dann auch endlich mal eine der Türen geöffnet, und er bekäme ein Medikament gegen sein beschmutztes Dasein. Wenigstens ein Aspirin müsste drin sein, was er ganz dringend benötigte. Denn dieses Geräusch machte ihn schier wahnsinnig. Entweder war es tatsächlich lauter geworden, oder er hatte es zuvor nicht genügend wahrgenommen. Jetzt summte der Kaffeeautomat allerdings so laut und unregelmäßig, wie ihr alter Kühlschrank aus der Dillon Street. Als ob er jeden Augenblick verrecken müsste. Noch durch seine dicken Schuhsolen hindurch konnte Ted das über den PVC Boden geleitete Vibrieren spüren. Ja, vielleicht war er wirklich ein Stück gewandert. Er sollte ihn im Auge behalten. Doch diese verfuckte Blondine auf seiner Vorderseite, die ihn mit ihrem dämlichen Cappuccino Grinsen immerzu anstarrte, raubte ihm den letzten Nerv. Als wolle sie ihn verhöhnen. Er wusste, an wen sie ihn erinnerte, und überlegte vom Stuhl aufzustehen, ließ es aber. Vielleicht besser so. Reichte überhaupt die Zeit noch? Um Eins schloss Dominique ihr Studio. Ted verspürte jetzt großen Drang zu rauchen, musste es aber lassen. Er dachte über seine Optionen nach. Er könnte aufstehen, den Flur hinunter, Schalter betätigen, um die Ecke biegen, nochmal ein langes Geradenstück bis zur Eingangshalle und dann raus aus diesem verfuckten Krankenhaus. Doch so kurz vor Eins? Lass es! Lass es! Er könnte warten bis kurz nach Eins. Könnte sich einen Kaffee ziehen. Er kannte ihre private Adresse. Wahrscheinlich holte sie sich wie üblich auf dem Heimweg noch etwas beim Chinesen. Daher müsste sie um ca. Zwei mit ihrem Chevi in der Carnevue sein. Die Litfaßsäule auf der gegenüberliegenden Straßenseite bot einen guten Sichtschutz. Von dort aus hatte man freien Blick über die Straße und zu ihrer Eingangstür. Wie lang ließ es sich denn hinauszögern? Einfach die Straße mit dem Caddy runter. In einer Seitenstraße parken. Lass es! Und wenn es ihm doch noch gelänge? Aus diesem beschissenen Ort raus und sie abzufangen? Lass es! Lass es! Lass es! Ted fühlte kalten Schweiß seinen Nacken runterrinnen. Es schien für ihn keinen Ausweg zu geben. Keine befriedigende Lösung. Das Leben schien ihm beendet. Dominique hatte gut reden, dieses Miststück. Er schloss erneut kurz die Augen mit vorgehaltener Hand, glaubte sich an etwas zu erinnern. Du kennst diese Situation. Von früher. Also lass es! Als er sie wieder öffnete, war es noch da. Das unregelmäßige Vibrieren des Automaten und ihr penetrantes Grinsen. Sie starrte ihn immerzu an. Die ganze Zeit über. Er erinnerte sich an ihr Lied, spitzte schon die Lippen. Lass es! In den Oberschwingungen des Automaten verhärtete sich das Muster. Sie wollte es also. Ja, du willst es. Gib‘s zu.

    "Na du. Hast dich ja lange nicht mehr blicken lassen. Wir haben dich vermisst. Was hast du in der letzten Zeit so getrieben? Komm schon Teddy, rede mit mir." "Hab mich auf meine Arbeit konzentriert. Und geheiratet habe ich. Du erinnerst dich? Die kleine Magda Middelton aus der Destillerie. Ponto Street, Ecke Marvin Place. Und nun sitze ich hier und warte." "Tja, so läuft es nun mal. Aber wer hätte das gedacht, dass Ted Schneider mal heiratet. Vater wirst du? Scheinst mittlerweile ja ein anständiges Leben zu führen." "Maggy will, dass wir aufs Land ziehen." "Ach wie goldig. Herzallerliebst dein kleines Frauchen. Wie drollig, Ted Schneider wird Farmer." "Mach dich nicht lustig. Du weißt, wozu ich fähig bin." "Ach mein Teddybärchen, das hier lässt sich mit damals doch nicht vergleichen. Du bist dein eigener Herr. Brauchst dich vor niemanden und vor nichts zu rechtfertigen. Und ich sehe es dir doch an. Schau bei der Kleinen doch mal vorbei." "Damit habe ich Schluss gemacht. Ein für alle mahl." "Kannst du dich noch daran erinnern? Aber natürlich kannst du, was für eine dumme Frage. Wie sollte mein Teddybärchen das jemals vergessen." "Ich warne dich. Ich sagte bereits, ich habe damit Schluss gemacht." "Na dann will ich dich nicht länger stören. Hock nur weiter auf dem Stuhl. Du sitzt das schon aus. Falls es dir zwischen Hühnerstall und Babywickeln jedoch anders in den Sinn kommt, du das Kribbeln aus alten Zeiten vermisst, dann weist du ja, wo du mich findest. Ich sag dann fürs erste ciao bello, und bin schon wieder weg." „Daddy, geht es dir wieder mal nicht gut?“

    Herrgott, was ist nur mit dieser verfuckten Tür los, verfluchte Ted innerlich das erneute Klicken. Danach schlummerte er weg. Erst in seinem Traum sollte er sich wiederfinden.

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