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Dreizehn, Vierzehn, Fünfzehn, Zeichnungen, Abstrakt

DreizehnVierzehnFünfzehn

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    Von Tim Weber hochgeladen am 29.03.2017

    Meine lieben, kleinen Wespen. Als Raucher stand mein Fenster immer weit offen für sie. Jeden Tag kamen sie zu mir geflogen, steuerten zielsicher die untere Fensterkante in meinem kleinen Zimmer unterm Dachgeschoss an. Manchmal schrieb ich dabei ein wenig, manchmal zeichnete ich was. Doch immer war ich in Gesellschaft. Die zwei Löcher an der Unterkante des Fensterrahmens war der Eingang zu ihrer Burg. Meine Couch war direkt ans Fenster gerückt, und so war ich mit meinen Augen meist nie mehr als 10 oder 20 Zentimeter von ihnen entfernt.

    Früher hatte ich immer Angst vor Wespen und ihrem scheinbar aufdringlichen Benehmen. Ich war noch nie gestochen worden und wollte dies auch dabei bleiben belassen. Oft wiederholte sich auf einem öffentlichen Platz, oder in einem Straßenkaffe, im Sommer die Szene eines blitzartig aufspringenden Mannes mittleren Alters, dem man die Schnelligkeit und Jugendhaftigkeit seiner Bewegungen wohl gar nicht mehr recht zugetraut hätte. Es waren immer die Erkundungswespen, die auf der Suche nach einem neuen Terrain scheinbar aggressives Verhalten während ihres Streiffluges an den Tag legten. Sie tauchten einfach vor meinem Gesicht auf, oder flogen es unverhohlen an. Drohten sogar mir in den Mund zu fliegen. Totale Versteifung kann helfen, muss es aber nicht. Die abrupten Zickzackbewegungen vor den Augen, das stehen bleiben im Raum, scheinbare Verschwinden und an anderer Stelle wieder auftauchen, das Zuckende dabei, liegt der menschlichen Seele nicht. Verwirrt sie nur. Grad noch einige Zentimeter vor der Nase, schon einen halben Meter nach rechts versetzt, ohne dass man es bemerkt hatte, ohne dass man es verfolgen konnte. Und immer dazu der Gleichklang im Summen der schnell vibrierenden Flügel, welches ihre Anwesenheit niemals aus dem Gedächtnis verschwinden lässt.

    Es ist schon ein paar Jahre her, aber ich weiß noch, wie ich mir am Wochenende mal einen Schinken kaufte und es nicht schaffte ihn an einem Stück aufzuessen. Die Reste standen das ganze Wochenende über auf dem Tisch. Eine Wespe entdeckte sie auf einem ihrer Streifflüge. Es dauerte nicht lange und ich konnte im Minutentakt verfolgen, wie eine Wespe das Stück Schinken verließ und die nächste gleich darauf schon wieder im Anflug war. Nicht irgendein gewöhnlicher Anflug. Sie flogen nicht in direkter Verbindung, einer Geraden, vom Fenster aus auf den Schinken. Es war vielmehr eine merkwürdig wohl durchdachte Zickzackbahn durch den gesamten Raum bis hinunter zum Schinken. Besonders die kleine rechts, links, nach vorne und wieder zurück Bewegung kurz vor dem Ziel verfolgte ich besonders gerne. Ich machte mir den Spaß und verschob den Schinken ein klein wenig. Die Irritation war nur bei der nächsten Wespe zu beobachten. Rechts, links, nach vorne und wieder zurück, und der Schinken war nicht mehr dort, wo er hätte sein sollen. Meist flog sie dann zum Ausgangspunkt ihrer Zickzackbahn zurück und versuchte es erneut. Klappte dies wieder nicht, so variierte sie nun leicht ihre Bahnen, bis sie wieder zum Schinken fand. In leicht abgewandelter Zickzackbewegung flog sie wieder durch den Raum zurück, und kurze Zeit danach imitierte die nächste Wespe ihre neu studierte Bahn. Nicht eine einzige Aggression ging von ihnen aus. Einmal überzog ich allerdings mein Spiel. Ich versteckte den Schinken unter dem Tisch, weit nach hinten versetzt, und stellte mich auch noch in die gedachte Anflugschneise des Wespenvolkes. Die Irritation war nun verständlicherweise groß, und ihre einstudierten Bahnen lösten sich vollkommen auf. Die Wespe wurde wieder zur Kundschafterin, zur Entdeckerin des neuen Terrains und bald schon hatte ich sie auch wieder vor meiner Nase, begann sie zu fürchten und musste fluchtartig das Zimmer verlassen. Kurze Zeit später wieder Waffenstillstand. Einstudierte Zickzackbewegung durch den Raum bis runter zum Schinken. Es machte mir sehr viel Freude dabei zuzuschauen. Ich beschloss den Schinken also stehen zu lassen, wo er war.

    Eine neue Wespe direkt vor meinen Augen. Sie schwirrt entlang der Unterkannte des Fensters. In ihrem gravitätischen Hauruckflug fällt es ihr nicht ganz leicht den Eingang anzuvisieren. Sie stößt mit den Flügeln gegen die Kante, hat aber ihre Beine noch nicht platziert. Es muss ein heftiger Schlag für die kleine Wespe sein, denn ihre Flügel schlagen schnell und man kann den harten Impuls spürbar sehen. Unbeirrt versucht sie es aber von neuem. Ich habe Wespen beobachtet, die sofort beim ersten Anflugmanöver das Loch unter dem Fenster trafen. Vollkommen stetig war ihre Bahn und ihr Eindringen in die Tiefe meines Fensters. Andere wiederum benötigen bis zu drei und mehr Anflüge. Manchmal bröselte es ein wenig aus dem Loch. Abends, wenn ich und meine Wespen zu Bettruhe gehen, befindet sich immer eine kleine Schicht aus Staub und gelblichem Pulver auf meiner Couch. Ich bräuchte wohl ein Mikroskop, um näher zu untersuchen, was es mit der gelblichen Substanz auf sich hat. Vielleicht Blütenstaub? Ich kann es jedoch nicht genau erkennen. Im Grunde genommen, ist es mir auch nicht so wichtig.

    Meine Wespen verhalten sich so friedlich, dass ich fast alles tun kann. Mehrmals habe ich schon an den Fensterrahmen heftig geklopft und daran gerüttelt, während sich eine in ihm befand. Keine Reaktion, keinerlei Aggression. Sie tauchte nur mit ihrem Köpfchen nach einer Weile aus dem kleinen dunklen Loch hervor, und flog wieder aus dem Fenster in den Himmel. Selbst eine brennende Zigarette habe ich mal unter das Loch gehalten. Vielleicht kam nur nicht genug Rauch hinein, vielleicht. Jedenfalls bewirkte dies auch nichts. Meine Hauswespen waren entspannt wie eh zuvor. Sie wirken auf mich noch entspannter und friedlicher, wie die Schinkenwespen von vor einigen Jahren. Zumindest noch zielgerichteter in ihrem Tun. Eine riesenhafte Gestalt mit zwei Augen, die größer sind als sie selbst, ist nur wenige Zentimeter von ihnen entfernt. Ob sie sich ruckartig bewegt, die Gestalt, oder nur ruhig dasitzt und beobachtet, all dies scheint meine Wespen nicht zu interessieren. Ihre einzigen Bemühungen, ihre gesamte Konzentration, gilt nur der Unterkannte meines kleinen Fensters und den zwei Löchern darin. Ich habe noch nie so entspannte Wespen beobachtet. Nicht ein einziges mal, dass nur eine auf die Idee gekommen wäre in den Raum zu fliegen. Es ist, als bestünde im stillen Einvernehmen eine friedliche Koexistenz zwischen mir und meinen Wespen.

    Was sie wohl in der kleinen Röhre im Fensterrahmen zu schaffen haben? Ich begab mich mit einem Auge direkt vor eines der kleinen Löcher. Konnte aber grad mal ein paar Millimeter hineinblicken. Noch näher heran nutze nichts, da sich mein Auge dann nicht mehr scharf stellen ließ. Insgesamt war die Unterkannte des Fensters vielleicht einen halben Meterlang. Doch wie groß war wohl die Aushöhlung in ihr? Ich weiß es nicht. Hineinkriechen müsste man können, wie meine Wespen.

    Ich versuche noch tiefer mit dem Auge in ihre Burg hineinzuschauen. Plötzlich lugen zwei Fühler aus dem Löchlein, und bald darauf auch schon das dazugehörige Köpfchen. Aug in Aug sind wir uns. Ich und meine kleine Wespe. Schön sieht sie aus. Ich lasse ihr höflich Platz, beuge mich zurück. Sie dankt es mir und schwirrt friedlich davon.

    Wer weiß, vielleicht haben sie dort drinnen ein kleines Nest, in meinem Fenster zur Außenwelt. Vielleicht müsste ich etwas unternehmen. Vielleicht gibt es hierzu extra Bestimmungen in meinem Mietvertrag. Aber ich kann ihnen doch nicht einfach ihr Nest kaputt machen, meinen kleinen, lieben Wespen. Es ist auch zu klein. Nein, ein Nest kann es unmöglich sein. Vielleicht ein Futterdepot? Vielleicht befindet sich auch Madenvolk in meinem Fenster? Wundern täte es mich nicht. Vielleicht helfen sie mir nur, das Innere meines Raumes von ihnen zu befreien. Vielleicht sind sie mir wohlgesonnen, so friedlich wie sie mir gegenüber auftauchen. Helfen mir ein wenig dabei, mein Inneres vom Madenvolk zu befreien und mein Fenster zur Außenwelt sauber zu halten.

    Nein, ich werde euch nichts tun, meine lieben, kleinen Wespen. Ihr dürft mich weiterhin besuchen kommen. Dürft weiter an meinem Aug und meinem Ohr vorbeifliegen. Hinein ins Dunkle des kleinen Loches, in euren Mikrokosmos, eure Welt. Wer bin ich, dass ich es euch verbieten könnte?

    Fliegt weiter eure Zickzackbahnen. Erkundet weiter die Welt in diesem Zickzacknetze. Findet neue Lebensräume.

    Ich habe sie lieb gewonnen. Meine kleinen, lieben Wespen. Meine lieben, friedlichen Freunde. Mein einziger Besuch aus der Außenwelt.

TitelMeine kleinen Wespen
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  • 12 Kommentare Melde Dich an, um einen Kommentar zu schreiben.
  • Thomas Lenz
    Thomas Lenz
    ...und Gratulation zum Nichtrauchen! ;-) Ich selbst habe Anfang Februar aufgehört, meine geliebte Pfeife und Tabak in den Schrank gelegt! EINFACH, ist was anderes!
  • Thomas Lenz
    Thomas Lenz
    Das habe ich mehrmals mit Hummeln erleben dürfen und kann gut nachempfinden wie es sich anfühlt. Bei Wespen allerdings wäre mir nicht ganz so wohl, was aber an einem ungeliebten Kindererlebnis liegt. Das Du die so wichtigen Insekten mit Deinen Künsten zum Thema machst... Daumen hoch!
  • Michael Dübler
    Michael Dübler
    Zeichne mich mal Tim, mach Dir nen Spaß draus, benutze Deine Fantasie!
  • Tim Weber
    Tim Weber
    Hallo Jens, freut mich sehr, dass dir die Geschichte gefällt. In letzter Zeit habe ich mehr geschrieben. Wird mal wieder Zeit, dass ich wieder anfange zu zeichnen. Liebe Grüße, Tim
  • Michael Dübler
    Michael Dübler
    Ich gebe mir Mühe, ehrlich zu sein, wenn mir nichts einfällt schreib ich auch nichts.
    Habe auch gar nicht gleich gecheckt, das es eine Fotomontage war, Dali hat Körperkunstfotos gemacht, ich weis nicht ob Du es im Netz findest, er hat ein Foto aus nackten Frauenleibern in der Form eines Totenschädels arrangiert zum Beispiel.
    Aber wenn mans genauer ansieht, Dein Bild...naja!
  • Jens_N_H_Erdmann
    Jens_N_H_Erdmann
    Tim, ich finde die Geschichte beeindruckend und an sich schon Kunst.

    Ich bin auch Liebhaber von Insekten und habe letzte Woche eine Wespe aus unserem Boden befreit. Mein Großvater war Imker.

    Es ist erstaunlich, dass du mit deinen Wespen zusammenlebst und sie dich akzeptiert haben. Eine Geschichte, die mich berührt und die ich nicht so schnell vergessen werde.

    Grüße, Jens
  • Tim Weber
    Tim Weber
    Äh, hallo Jens, grüße dich. Mein Kommentar unten galt übrigens Michael.
  • Tim Weber
    Tim Weber
    Meine Meinung: Du bist echt witzig und davon könnte man hier durchaus mehr haben. Immer nur: "Großartig, Ich bin beeindruckt, tolles bild etc. etc., bläh, bläh, bläh" die üblichen Kommentare hier... Das wird auf Dauer doch irgendwie eintönig. Vor allem der xt2yz4 (oder so) mit seinen bissigen Kommentaren zwischendurch :-)
  • Jens_N_H_Erdmann
    Jens_N_H_Erdmann
    Du bist Teil ihres Volkes geworden, von ihnen anerkannt. Das finde ich wunderbar.
  • Michael Dübler
    Michael Dübler
    Gut das Du gelacht hast, zum Glück hast Du Humor:).
    Nein Das Bild ist irgendwie ungewöhnlich, hab bis auf Deine komischen Fotomontagen noch gar nichts weiter von Dir gesehn.
  • Tim Weber
    Tim Weber
    Hi Michael. Nö, wieso? War doch lustig unsere Konversation am Samstag. Ich habe mich schlapp gelacht, ganz ehrlich. Mir persönlich gefällt das Bild übrigens nicht so gut. Aber es passt irgendwie zum Text, finde ich. Grüße, Tim
  • Michael Dübler
    Michael Dübler
    Dein Bild gefällt mir Tim, auch der Text dazu ist schön.
    MAchmal kann auch ich leider eine Wespe werden, sollte ich Dich gestört haben in Deiner Ruhe so tut es mir sehr leid. Ich möchte eigentlich Freundschaft mit jederman halten, sorry TIm für mein unsägliches Benehmen. Ich hoffe Du nimmst meine Entschuldigung an.
    Michael

    Kleine Anektode(Rachtschreibung?, aber egal), habe mal für ein paar Jahre in dem Dorf gelebt, vile Grünpflege betrieben dabei ist es mir leider einmal passiert, dass ich mit nem viertackter Rasentrimmer in ein Wespennest am Baumstumpf getrimmt habe, dre Stiche später bin ich aber sowas von gerannt...