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Digitale kunst,

EinsZweiDrei

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    Von Tim Weber hochgeladen am 07.04.2017

    Es ist noch nicht so lange her, da konzentrierten sich meine gesellschaftlichen Aktivitäten auf den Durchgangsverkehr einer in unmittelbarer Nähe zu meinem Wohnviertel gelegenen Rauchereckkneipe. Zunächst vertrat ich den Standpunkt, dass man nicht allzu oft hingehen dürfe, denn das färbe mit der Zeit sicherlich ab, dann aber kam es, dass ich immer häufiger dort anzutreffen war. Viel gefahrenvoller, als den ganzen Abend in seiner Kemenate vor dem Fernseher abzuhängen, konnte es dem Grunde nach ja auch nicht sein, redete ich mir ein. Und in der Tat, richtig Erwähnenswertes gab es über diese Dunsthaube von einer Lokalität, welche am Eck eines alten Backsteinhauses zu finden war, an und für sich auch nicht zu berichten. Nur einer jener bejammernswerten Horte, in dem sich Schluckspechte und Gesinnungsverlorene, jenes aus der städtischen Ballungszone eingerückte Gesindel, die Kakerlaken des Untergrund Gründigen also, sich die verwanzte Lebenszeit bei Bier, Schnaps und Korn verballern. Das eingezimmerte Juwel der Lokalität, die Diaspora des ars vivendi jeglichen auf Hockern gezieferten Geschmisses, wie sollte es anders sein, das Rund der Theke. Ich fand also schnell den mir angestammten Platz.

    Nach mehrmaliger Einkehr sprachen mich einige der Mitteilsameren beim Vornamen an, insofern ich bei den Saufkumpanen nicht schon einen Spitznamen weg hatte, wenn es sich ergab, hier und da belangloses Gequatsche. Man schlägt die Zeit tot in der vagen Hoffnung bis zur nächsten Runde könne etwas passieren, was nie der Fall ist, in aller Regel. Aber immerhin man sitzt, und zwar in gesellschaftlicher Runde. Nicht unbedingt die aller Feinste, zugegeben, aber immerhin man sitzt. Sitzt umschlossen von Backsteinziegeln in einem sozialen Gefüge am Thekenrund, starrt wie alle andern auf seine Tulpe. Die Muster der lieblos an die Wände gekleisterten Tapeten sind durch den Einzug des Rauchs bis in die letzten Fasern nicht mehr zu identifizieren, man hat schon Mühe ihren graubeigen Ton von den sich wodurch auch immer angeglichenen, aschfahlen Gesichtern der Insassen zu unterscheiden. Der Spielautomat neben dem Durchgangsflur, der auf einem abschüssig verlaufenden Geradenstück direkt zum Klo führte, gab hin und wieder Lebenszeichen von sich, blinkte durch Schwaden abgestandenen Rauches, versuchte zu animieren, rief in verspielter Weise allen anwesenden Trunkenbolden, wie aus einer entrümpelten Verlegenheit hin und wieder akustisch in den Erinnerungsdunst, dass man auch an diesem Ort, wie wohl an jedem Ort, König sein könnte. Man müsste es nur wagen und ein paar Euro investieren, dafür aber erst einmal seinen Arsch hochheben. Wenn das Glas leer war, gab es Grund zum Reden. Man fand direkt hinter der Theke ein gespitztes Ohr für seinen lichten Moment. Eine schmierige Hand, dann ein Strich auf den Deckel, danach wieder Funkstille, denn alles Wesentliche hatte sich bereits vollzogen. Kurz, ein Ort also, der es verstand die Person nicht über ein Maß zu strapazieren.

    Ab und an, vor allem aber an den Wochenenden, kam eine von den wegelagernden Nutten des Viertels herein, man hörte es gleich schon an ihren Schritten. Sie stöckelte sofort zum Spielautomaten, blieb dort stehen und warf ein paar Münzen ein, unterließ es jedoch augenfällig unauffällig, ganz entgegen ihrem extrovertierten Auftritt, Blickkontakte zu suchen. Einige der Männer musterten sie von Kopf bis zu den Füßen. Manchmal, aber auch nur manchmal, glaubte man in den Gesichtern so etwas wie Frische aufkeimen zu sehen. In ihrem Beisein entstand für den kurzen Moment eines Spieles eine Mitwisserschaft unter Männern die Blicke kreuzen lässt. Man fragte sich, wann wohl der Erste von seinem Hocker aufstehen würde. Passierte dann nach einer Weile nichts, und wie gesagt, das war der Regelfall, hörte man den Automaten die restlichen Münzen wieder ausspucken. Grad hier ließ es sich keine fette Beute machen, und die Lady stakste auf ihren Stiefeletten wieder zur Tür hinaus. Einige schauten ihrem Abgang hinterher, andere auf den Automaten, nach kurzer, mentaler Irritation richtete sich die allgemeine Konzentration schon wieder auf das Stückchen Theke vor der eigenen Nase.

    Was gab es sonst noch? Ach ja, das kleine Mädchen. Menschliche Züge wie man sie nur selten in einer Kneipe zu Gesicht bekommt. Die kleine Tochter des Wirts. Das wusste ich bei meinen ersten Besuchen allerdings noch nicht. Anfänglich tat sie mir ein wenig Leid, obwohl das sicherlich fehl am Platz war, denn einen unzufriedenen Eindruck machte sie nicht. Kaum dem Krabbelalter entwachsen, hielt sie sich meist am Boden in der Nähe eines Tisches auf, der im vorderen Bereich, also ein wenig abseits zur Theke stand. Wenn frühkindliches Bewusstsein prägt, was allgemein hin ja angenommen wird, würde sie später einmal gewiss die Hölle dem Himmel vorziehen, dachte ich mir. Ganz einfach deshalb, weil es da mehr qualmen dürfte, und auch weiterhin anzunehmen ist, dass dort unten, genau wie hier oben, weniger Oh du schöner Götterfunken die Musik macht - gesungen beispielsweise von den Fischerchören -, sondern wohl eher Hölle, Hölle, Hölle von Wolfgang Petri, abgespult in der Endlosschleife einer Musikbox, was dem sterilen Düdeldidü eines Geldspielautomaten ja auch viel näher kommt. Aber wer weiß schon so genau wie es in der Hölle aussieht? Ganz allgemein gesprochen, geht man jedenfalls nicht davon aus, dass ein Kleinkind in einer am Eck eines Straßenkreuzes gelegenen Spelunke, in der der Rauch zum Anbeißen vor sich her wabert, zu niemandem der Insassen gehören soll. Und so vermutete ich in der Frau mit der weniger vornehmen als blutarm zu bezeichnenden Blässe, die an dem Tischchen saß und ab und an nach dem Mädchen Ausschau hielt, gleich auch zutreffend die Mutter, fragte mich nur, was die mit ihrem Nachwuchs hier verloren habe. Erst nach wiederholter Einkehr sollte ich erfahren, dass sie nicht nur die Mutter, sondern auch die Frau des Kneipiers war. Mit der Grundhaltung einer jener Frauen saß sie die Abende an dem Tisch, die in der Würde ihres Nichtstuns dem Umfeld signalisieren soll, sie müsse nichts mehr tun, die Herausforderung sei nun zu Ende, das bunte Kleid und der gefiederte Schmuck schon im Keller in der Mottenkiste verstaut, das von der Vorhersehung vorgesehene Soll schließlich erfüllt, denn man sei nun Mutter. Jutta war ihr Name, richtig. Der Kneipier hatte sie geheiratet als sie schwanger wurde, bzw. kurz danach. Für gewöhnlich galt Juttas Augenmerk dem am Boden mit Bierdeckeln spielenden Nachwuchs, aber ebenso sehr auch ihrem I-Phone. Oftmals ließ sich beides kombinieren, denn auch das Mädchen wurde auf die zukünftige Welt sinngeleitet vorbereitet, folgte den Blicken der Mutter auf den Bildschirm magisch, vergaß darüber sein Spiel mit den Bierdeckeln gänzlich.

    Also auch hier, dachte ich mir. Selbst an diesem, nicht nur aufgrund seines verqualmten Thekenrunds, fraglos nur als rückständig und unwirtlich zu kennzeichnenden Ortes, an dem man es gar nicht für möglich halten mochte, da man gleich mit den ersten, gewonnenen Eindrücken beim Betreten vom Speziellen auf das Allgemeine schließt, nämlich, dass diese Art von Lokalität, dank auch ihres Nikotin konservierten Zustandes, über Äonen unverändert bestehen bleiben müsste, ließ sich der Siegeszug des technischen Fortschrittes nicht stoppen. Und zwar in Gestalt von I-Pad und Co. Gleichgültig in welche Richtung ich auch schaute, wurden hinter den Biergläsern die schalen Gesichtsausdrücke der Männer in Zeitintervallen von erstaunlich synchroner Längendistanz durch nicht minder schales Konzentrationsblinzeln auf die elektronischen Displays dezent aufgehellt. Dem innerlichen Reiz die Zwischenzeiten gedanklich durch rhythmisches Zählen (21, 22, 23… usw.) zu erfassen, um dem Zyklus „Griff nach Griff“ zum I-Phone des mir im Rondell diametral Gegenüberhockenden auf die Schliche zu kommen, hätte ich beinahe nicht wiederstehen können. Doch ich beließ es bei meinen qualitativen Beobachtungen. Und die waren nicht minder erhellend.

    Es hatte etwas Zeremonielles an sich. Das Thekenrund, die Männerschar, die Trinkkelche, der Rauch, der Vater, die Mutter, das Kind. Wenn Joseph der Wirt, ich will ihn hier mal so nennen, seine Schalen füllte, wurden sie im Tafelrund von Bruder zu Bruder gereicht. Und gleichsam einer apodiktischen Brotvermehrung leerten sich die Schalen auf wundersame Weise nie, befanden sich immer genügend Chips und Flips vom Billigdiscounter drinnen. Maria Magdalena, auch dieser Name sei nur frei erfunden, stakste auch ab und an pittoresk für jedermann herein. Aufklärerisch und erfrischend zudem, und sei es nur der frischen Brise geschuldet, die sie von draußen in den muffigen Stall mitbrachte. Dann noch Joan der Engländer, der zu meiner Linken saß und mit sprühendem Geisteswitz nahezu das komplette Rund zu taufen gedachte, was aufgrund des Fehlens seiner oberen Zahnreihe aber vor allem an der wässrigen Aussprache lag. Ja, und auch Esel gab es hier drinnen wahrlich zu genüge, fast schon zu viele.

    Vielleicht lag es an all diesen Umständen zusammen, dass ich es beinahe mit religiöser Offenbarung verwechselte, als in den Minuten des Alleingelassen Seins (Joseph, der Wirt, war mal kurz groß austreten), durch das von einem plötzlichen Knall begleitete Wegfallen der Tresen Beleuchtung (Joseph sollte bei seiner Widerkehr mit den Resten einer bunten Bildzeitung unter seinem Arm die Predigt dazu halten. Dass nämlich dieses Phänomen des gleichzeitigen Versagens des Innenraumlichtes beim Anknipsen der Klo-Birne mutmaßlich von ganz unten her stamme, dem Keller also, wo der Funke der Elektrik nach gut Dünken schalte und walte), sich eine ehrfürchtige Andachtsstille im Männerbund einfinden sollte.

    Ich glaubte es mochte am Licht gelegen haben. Ja, das wird es gewesen sein. Denn wie Sterne am Firmament strahlten zunächst all die glimmenden Stängel, bewegten sich alsdann auf scheinbar vorhersehbaren Bahnen.

    Nein, nicht ganz, das trifft es noch nicht. Die Erscheinung glich doch eher einer Anderen. Am Anfang war das Licht, soll es irgendwo geschrieben stehen. Ja, das kommt der Sache näher. So war es. Am Anfang war das Licht.

    Nur der Liebe zum Detail wegen, mein Versuch den mystischen Moment auch wirklich ganz exakt in Wort und Schrift festzuhalten, also der Wahrheitsfindung halber: Vielleicht sollte es dort besser geheißen haben, am Anfang war der Funke. Ja, das ist es jetzt. Am Anfang war der Funke. Und mit dem Funken und jedem weiteren tief inhalierten Zuge kam dann das Licht.

    Dieses wundersame, bläuliche Licht, welches augenscheinlich mit Einsetzen der Dunkelheit aus dem Nichts auftauchte, und mir segnend erschien, oder einfach nur schien? Nein, segnend erschien ist hier schon ganz zutreffend. Denn alles Sichtbare, alles im Rund, war nunmehr nur in einem einzigen, ätherischen Licht gehalten. Dieses schimmernde Licht aus den vielen, kleinen Geräten, welches im direkten Anschein die Antlitze bis zum Halse freizulegen begann, alles andere aber weiter im Dunkeln beließ. Freigelegte Gesichtszüge und Hälse der Gattung Homo Sapiens Kneipensikus, wie sie ein Rembrandt nicht erhabener hätte einfangen können. Selbst dann nicht, wenn er gewollt hätte.

    Ja, genau so, oder aber so ähnlich. So muss es wohl gewesen sein. Ganz am Anfang. Und Joseph, der Wirt, sein großes Geschäft der Urknall, mit dem alles begann.












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  • Tim Weber
    Tim Weber
    Ja danke Melli. Auf wen ist das den gemünzt?
  • RISG
    RISG
    Die Frau, die niemals lächelte

    Das war mir noch nie begegnet!
    Ein Mensch, der niemals lächelte!
    Vielleicht glauben Sie mir ja nicht!
    Unglaublich genug ist es ja, ein Mensch, der niemals lächelte!
    Sicher denken Sie, nein, das war sicher nur einer von diesen Tagen.
    Werden abwinken.
    Hat doch jeder mal!

    Aber hören Sie, ich beobachte diese Frau seit Langem schon!
    Niemals habe ich sie erwischt.
    Nicht der leiseste Hauch, kein kleinster Anflug eines Lächelns.
    Anfangs war es reine Neugier gewesen.
    Später hatte sich meine Phantasie eine traurige Geschichte um sie zusammengereimt.
    Sie litt unter einem Geheimnis.
    Einem dunklen Fleck in ihrer Vergangenheit.
    Irgend etwas würde sich offenbaren.

    Aber die Zeit verging und verging.
    Und eigentlich sah sie auch nicht traurig aus, sie lächelte einfach nur nicht.
    Keine noch so komische Situation,
    nicht der humorvollste Witz,
    nicht der charmanteste junge Mann.
    Nichts und niemand konnte ihr ein Lächeln entlocken.

    Klar, im Märchenbuch meiner Nichte hatte ich wohl darüber gelesen,
    die Geschichte der Prinzessin, die nicht lachen konnte.
    Aber hier?
    Und jetzt?
    Wir waren doch nicht im Es war einmal…!

    Lachen ist ein angeborenes Ausdrucksverhalten, hatte ich nachgelesen.
    Das war kein Märchen.

    Lange Monate hindurch gab ich die Hoffnung nicht auf.
    Versuchte es auf die eine, und auf die andere Art.
    Holte Rat ein von Freunden, Bekannten, ja selbst Psychologen konsultierte ich.
    Nichts half.
    Kein Vorschlag fand den Ausweg, die Lösung.
    Die Tür zum Lächeln blieb verschlossen.

    Aus den Blühten der Kastanienbäume in unserer Straße
    wurden stachelige Wurfgeschosse
    und später welke Blätter.
    Und auch meine Hoffnung welkte, jemals ein Lächeln auf ihrem Gesicht zu erhaschen.

    Mit sinkender Hoffnung wuchs meine Wut.
    Mir selbst verging das Lachen.
    Wie konnte sie wagen, nicht zu lächeln!
    Wie konnte sie mir den Anblick ihrer weißen Zähne verweigern!
    Und die hochgezogenen Mundwinkel, die ein Gesicht so sehr veränderten!

    Heute versuche ich nicht mehr, sie zum Lachen zu bringen.
    Spüre mildes Interesse.
    Beobachte sie still, wenn ich ihr zufällig begegne.
    Und ertappe mich ab und an bei einem Lächeln.
  • Tim Weber
    Tim Weber
    Hallo Jens. Vielen Dank.
  • Jens_N_H_Erdmann
    Jens_N_H_Erdmann
    Wunderbares Bild und toller Text.