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Zeichnungen, Abstrakt, Weg,

EinsZweiDrei

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    Von Tim Weber hochgeladen am 25.04.2017

    Der Entschluss in eine Wohngegend zu ziehen, die den wohl jegliche kindliche Vorstellungswelt augenblicklich in Verzückung versetzenden Namen Zooviertel trägt, sollte genau genommen kein richtiger sein, war vielmehr eine etwas verquere Überlagerung des situativen Gefühls aus der Bauchregion die innere Trägheit nun endlich überwinden zu müssen, und einfach günstige Fügung. Denn die Wirtschafterin seines Übergangsquartiers, einer Billigpension in einer dörflichen Gemeinde am Rande von Hannover gelegen, welche vorrangig auf ihren Montagezügen quer durch das Land fahrenden Handwerkern und Bauarbeitern aufgesucht wurde, fing schon an für Herrn H zu denken. Sie muss sich irgendwann im Laufe seines ca. halbjährigen Aufenthaltes gefragt haben, wieviel ihr allmählich zum Dauergast avancierte Sonderling aus Zimmer 14, scheinbar ganz unbehelligt von jeglicher Außenwelt und ohne einschreitendes Regulativ, wohl noch vorhaben dürfte von seiner Lebenszeit in einer Art Verharrungszustand totzuschlagen. Zu ihr kamen Männer, die in aller Herrgottsfrüh, wenn das Dorf noch schlief und auch der Dorfhahn noch weit davon entfernt war, die ihm anbefohlenen Hennen mit einem lautstarken Kikeriki auf den anbrechenden Tag einzustimmen, mehr früh als göttlich aus den Federn sprangen, sich die in Folge von körperlicher Tätigkeit stark abgenutzte und oftmals ebenso verdreckte Arbeitskluft überstreiften, nach einer Katzenwäsche dann vor dem Eingang der Pension sammelten, einige mit Arbeitsgerätschaft, andere ganz ohne, um alsdann in einem Gemeinschaftskombi osteuropäischer Zulassung die Landstraße Richtung Stadt im dunkelgrauen Horizont zu verschwinden. Sie gastierten bei ihr für ein-zwei Wochen, manch einer für ein- zwei Monate, und zogen dann weiter. Wenn jemand mal länger blieb, was selten genug vorkam, so handelte es sich meist um vereinzelt anzutreffende Deutsche, die für eine komplette Saison auf einer der hiesigen Großbaustellen angeheuert hatten. Es ist allerdings als recht wahrscheinlich einzustufen, dass erst seit dem Tag an als Herr H ihr morgens auf seinem Weg zur Arbeit noch schnell einen guten Tag wünschte, und nur 4 Stunden daraufhin schon wieder vor den Treppenstufen des Einganges mit bleichem Gesicht aus einem Taxi stieg, sich ihre Überlegungen dahingehend konkretisierten was sich tun ließe, damit der eigentümliche Mann womöglich nicht noch anstelle eines Dauergastes zu einer Art Dauerpatienten für sie würde. Und damit lag sie vielleicht nicht ganz so verkehrt. Herr H spürte es jedenfalls gleich, dass das aufkommende Schwindelgefühl am besagten Morgen nicht ganz alltäglich auf die Tagesfrühe zurückgeführt werden konnte. Aber was sollte er machen? Es war schließlich ein Werktag. Unter der Woche also, und er stand ja schließlich auch schon unter der Dusche. Sich am Riemen zu reißen, kam ihm daher in den Sinn. Das gibt sich schon wieder. Für wieder hinlegen, einfach weiterschlafen, ein genesendes drüber hinweg Schlafen, solange die Augen geschlossen zu halten, bis man wieder klar im Kopf ist, schien es ihm schon zu spät. Wie lange lässt sich denn schlafen?

    In der Straßenbahn Richtung Stadt, Haltestelle Orpheus Weg, legte er sich dann allerdings wieder nieder. Und zwar auf den Boden des ansonsten leeren Abteils. Weiter sitzen bleiben, ließ sein Kreislauf einfach nicht mehr zu. Er sträubte sich, fing an zu rebellieren, hatte wohl ganz grundsätzlich gegen sein Vorgehen irgendetwas einzuwenden. Und so kam Herr H zu der Überzeugung das hier sollte es gewesen sein. Einer nickt in seinem Bett weg, ein Zweiter kippt von der Leiter, und über den Dritten trampeln die hinzusteigenden Fahrgäste drüber, ganz einfach, weil er ihnen im Wege liegt. Als Autofahrer hat man es da komfortabler, überlegte sich Herr H, während er vom Boden seinen Blick auf einem fixen Punkt der Wagondecke zu halten versuchte, das hin und her Schaukeln der Lederschlaufen an den Haltestangen bot ihm in seiner Lage schon zu viel Abwechslung. Denn die anderen Autofahrer müssen letztendlich stehenbleiben und sich irgendwie kümmern, ansonsten geht’s ja für niemanden weiter. Und man weiß doch schließlich auch, ist ja allgemeinhin bekannt, wie der Regelfall für am Boden liegende Penner so aussieht. Man klappt die Scheuklappen hoch und läuft dran vorbei, oder springt drüber hinweg. Oder, wie möglicherweise in seinem Fall, steigt ein Abteil weiter vorne, oder hinten ein. Da kräht später kein Hahn mehr nach.

    Wir wollen aber Niemandem einen Spiegel vorhalten, bei uns verhält es sich ja nicht anders. Tagsüber auf der Arbeit echoviert man sich über gesellschaftliche Kälte und dergleichen. Wie schon gesagt, bei uns nicht anders. Abends dann vor dem Fernseher hört man sein Herz wehklagen, beim lauschigen Gesäusel von irgendeiner Schauspielerin aus irgendeiner Talkshow, wie sie während des Yogas auf ihrer Finka zu ihrer Mitte fand. Und nun, geläutert und geliftet, aus dem Talkshowsessel heraus diagnostizieren muss, wie unfassbar eigennütz alle Menschen nur auf sich fokussiert seien. Ganz uneigennütz erfahren wir dann noch, fast so nebenbei, dass sie diese Erkenntnisse aus ihrer Mitte in einem bebilderten Buch verarbeitet hat, um auch noch den allerletzten Fernsehzuschauer die Teilhabe an ihrem spirituellen Gewinn zukommen zu lassen. Ein Foto beispielsweise zeigt sie dezent abgelichtet auf ihrer Terrasse. Aus dem Halbprofil geschossen. Im Lotussitz hockt sie dort auf einer Matte. Besieht innerlich gesäubert und äußerlich mit Botox vollgespritzt, die langsam im Meere versinkende mallorcinische Abendsonne. Um sie herum bewimpelnd, lauter drollige Hunde. Ein kleines Rudel bis vor kurzem noch gänzlich verwahrloster Straßenköter, die nun ihr neues Zuhause in einem beschaulichen 600 qm Erholungsanwesen gefunden haben. Aber wir sollten hier nicht zu arg zaudern. Eine Liegestelle auf so einer Sonneninsel käme uns auch gelegen, und sei es nur in dem Rudel.

    Doch dass alles augenblicklich immer weiter, weiter und weiter gehen muss, davon kann einem zu weil schon regelrecht übel aufstoßen. Nicht nur in einem Straßenbahnabteil, an der Kasse eines Supermarktes, oder aber der Arbeit. Selbst aus den Träumen wird man gerissen, durch den Tages-, den Wochen-, den Jahresrhythmus, das stete Auf und Untergehen der Sonne, zum ständigen weitergehen gedrängelt. Alles muss fortwährend in Bewegung sein. Eine Lebensstation, eine Phase, eine Marotte des biologischen Uhrwerkes einfach aussetzen, in seinem Fall in Stillstand aussitzen, in liegender Position, ist ohne Konsequenzen im Hergang nicht vorgesehen. Wenn Herr H ganz großes Pech habe, so dachte er sich, steigt an einer der nächsten Stationen so ein Gutmenschtyp ein, zerrt an ihm herum, meint, er müsse unbedingt wieder aufstehen, sei es nur des Kreislaufs wegen, obwohl er doch jetzt hier, genau an dieser Stelle, vor Ort also, einfach nur liegen bleiben mochte, sonst weiter gar nichts. Nur ein paar weitere Stationen, und es hat sich womöglich schon eine ganze Traube dieser Typen um ihn gebildet. Beugt sich kollektiv vorne über, erlaubt ihm nicht einmal mehr seinen Fixpunkt oben an der Decke zu halten. Er könnte ihnen sagen, lasst mich doch bitte einfach nur hier unten liegen, ich störe doch niemanden. Doch sie werden ihre Handys zücken, telefonieren, und weiter auf ihn einreden und herumzerren. Solange, bis er ihnen entweder die Schuhe vollkotzt, oder aber das Zeitige segnet.

    Eines sollte Herrn H seither jedenfalls klar geworden sein, nämlich, warum die meisten Menschen lieber zu Hause sterben wollen. Dieser Blöße möchte man im Angesicht des Verschwindens nicht ausgesetzt sein. Macht sich unter anderem Lichte betrachtet ja auch nicht wirklich gut, so ein Aussetzer im Lebenslauf. Eine posthum Umtaufe in Lebensstopp ist auch nicht drin, wie schon gesagt, wegen der Konsequenzen. Richtungswechsel laut Regelwerk, und handele es sich nur um einen Stopp, ein abruptes Anhalten, ein Heraustreten aus der Bewegung, ist im Lebenslauf nicht vorgesehen. Obschon doch auch ein Stopp, ein auf der Stelle tretender Punkt, ein Weg ist.

    Schlagzeile: „Am soundso Vielten kippte Herr H in einer Straßenbahn um, und beschloss dieses Ereignis zum Anlass zu nehmen zunächst einmal an Ort und Stelle liegen zu bleiben. Die Arbeitswelt musste solange auf seine Anwesenheit verzichten, bis der Entschluss in ihm zu genüge ausgereift war, seinen damaligen Job zu beenden, die Zertifikat zum Dippel Irgendwas, einschließlich sämtlicher Zeugnisse über vollbrachte oder nicht vollbrachte Taten und Missetaten zu verbrennen, und mit einer vom Arbeitsamt geförderten Umschulung zum Eisverkäufer in einem gute Laune Umfeld nochmals neu zu starten.“

    Es dauerte dann jedenfalls noch eine Weile, vielleicht zwei, drei Stationen, bis man ihn bemerkte. Zu diesem Zeitpunkt war Herr H bereits in der komfortablen Lage nicht mehr als das Allernötigste mitzubekommen. Er begann sich allmählich mit der veränderten Perspektive anzufreunden. Wäre die Bahn bis zum Nordpol gefahren, er wäre mitgefahren. Nicht, weil Herr H etwa die Auffassung vertrat, man müsse einmal im Leben das ewige Eis gesehen haben. Genauso wenig, wie er an ein Muss für Lebenserfahrung und Reife dachte, vom Boden eines Straßenbahnabteils erst abgekratzt, dann aufgebahrt und mit Blaulicht abtransportiert zu werden. Nein, das nicht. Aber wer weiß? Vielleicht wäre es ihm im Verlaufe seiner Expedition zum Nordpol in den Sinn gekommen schon einige Haltestellen vor dem Ziel ausgestiegen? Er wäre dann an irgendeiner Senke in einen ihm geneigten Waldweg eingebogen, der nach kurzem Marsch zu einem See hinführte, und ihm dort fortan ein Leben in einer Holzhütte bescherte. Oder aber doch weiter bis zur Endstation. Bis zum never returning point. Auf dem Bildschirmprompter seines Abteils ließe der Hannoversche Verkehrsverbund dann eine Dokumentation über Polarlichter und Eisbären laufen. Sobald es ihm wieder besser ging, könnte er die Arme hinter seinem Kopf verschränken, die Dokumentation verfolgen und anfangen von der neuen Heimat zu träumen. Von reiner, kristalliner Eiseskälte umgeben zu sein, muss nicht so verkehrt sein. Der Körper sollte hin und wieder ganz auskühlen. Wenn sich alle Lebensenergie verflüchtigt hat, lässt er sich am Effektivsten wieder neu booten, um fortan nur noch seine originären Betriebsfunktionen zu sättigen. Die ersten Schritte im weißen Niemandsland hätte er dazu genutzt sich seiner Standfestigkeit zu vergegenwärtigen. Danach dann ein Iglo bauen. Denn in einem Iglo liegt es sich gewiss auch nicht schlecht. Man hört den Schneesturm draußen toben, während drinnen, im neuen Zuhause, sich der Körper die undurchlässige Eiseskälte wärmend zu Nutzen macht.

    So aber mussten erst zwei Kochsalzlösungen durch seine Vene tropfen, bis er wieder einigermaßen geradeaus sehen konnte. Ob er Medikamente nehme, fragte der Notarzt in der Klinik. Ja, Venlafaxin, die nahm er. Wie sein behandelnder Arzt denn hieße? Er notierte sich auch diesen Namen. Herr H lag eigentlich auch hier recht gut, konnte sich nicht beschweren und hätte es auch weiterhin bestens auf der Notstation ausgehalten. Es kam immer mal jemand in sein Zimmer, mal eine Schwester, mal ein Arzt, mal legten sie einen neuen Patienten in das Nachbarbett am Fenster. Die Umstände der Einlieferungen konnte er dann beim Verhör durch das Klinikpersonal aus bequemer Position verfolgen. Besonders bei einem Mann seiner Fasson hörte er aufmerksam zu. Die Kurzfassung: Job weg, Frau weg, dann war da noch das mit dem Alkohol und vor ein paar Monaten dann der Infarkt. Heute Morgen sei er schon wieder umgekippt. Ob er jemand angeben könne, der ab und an nach ihm sehen könnte, vielleicht ein Freund, oder ein Nachbar, wurde er gefragt. Fehlanzeige. Was lässt sich dazu noch hinzufügen? Selbst Schuld, selber ausgesucht, selbst verbockt, mein Guter, lautet die Devise. Denn verschönen tut man die eigene Geschichte ja immer. Man will schließlich nicht als Verantwortlicher dastehen. Ruhe also recht zünftig in Frieden. Es sei denn, dass hier ist nicht das Ende sondern erst der Anfang eines Zustandes, den dir dein damaliger Arzt mit Sicherheit schon vor Jahren prophezeite. Dann bleibt dir vielleicht noch was.

    Alles in Allem konnte Herr H sich also recht zufrieden schätzen. Für Unterhaltung und Abwechslung war gesorgt, und man kümmerte sich sogar um ihn, danach sah es jedenfalls aus. Unregelmäßig zwar, aber nun ja, man kann nicht alles auf einmal vom Leben erwarten. Auch sein Arbeitgeber war inzwischen über seinen neuen Aufenthaltsort informiert, sein Zustand also von allen Seiten hoch offiziell legitimiert. Ihm ging es also gut wie lange nicht mehr und unser Bericht hätte hiermit schon enden können. Wenn da nicht die Sache mit diesen Dingern gewesen wäre. Dass man ihn für alle Zeiten hier nicht weiter liegen lassen würde, kam Herrn H in seiner Lage nicht in den Sinn, aber dass er es selbst vorziehen würde diesen Ort wieder zu verlassen, schon. Denn als der Bettnachbar bei Gelegenheit sein Hemd lüftete, versetzten Herrn H die auf seinem Oberkörper durch die Enthüllung zum Vorschein kommenden dunklen Flecken arg in Zweifel. Sie gaben ihm zu bedenken, denn wie wollte man diese Ekzeme noch plausibel auf den Alkohol, den Lebensstil, oder eine Herzschwäche zurückführen? Bei dem Auswuchs einiger, müssen wir richtig stellen, handelte es sich schon eher um pralle Beulen, als nur um Flecken. Herr H wollte sich wirklich nicht ausmalen, so dicht wie die Betten nun einmal beisammen standen, was passieren würde, wenn jemand vom Klinikpersonal auf die glorreiche Idee käme, mit einer dünnen Nadel in eine der Beulen hineinzustechen. Der zum Konsultat gezogene Assistenzarzt war allerdings der Ansicht, als er den Beulenbefund näher in Augenschein nahm, es könne sich um eine stark allergische Reaktion auf den verabreichten Medikamentenmix handeln. Genaueres ließ sich jedoch erst sagen, wenn das Blutbild vorläge, man müsse also noch abwarten. Er gab ihm noch schnell eine Spritze mit auf den Weg, die ihn bis auf weiteres ruhig stellen sollte, deren durchgreifende Wirkung Herrn H in seiner brisanten Lage der unmittelbaren Nachbarschaft allerdings nur bedingt beruhigte. An der Menge Toten lag es ganz sicherlich nicht die man ihm vorstellte, eher schon an der Zeit die man ihm gewährte, den Gedanken mal wieder ungehindert freien Lauf zu gönnen, sie hernach mit platzenden Furunkeln schwarz zu füllen. Es lag ja auch erst ein paar Tage zurück, als im Fernsehen die Verfilmung von Brian Gordons Der Medicus lief. Wie sollte unter diesen Umständen der vom gewohnten Koordinatensystem befreite Gedanke in dieser seiner Lage nicht eine Linie quer ziehen? Sowas lässt sich nicht unterbinden, und verübeln kann man es ihm auch nicht. Denn mal ganz im Ernst, neben der Bruderschaft der Gläubigen, verstörten Herrn H vor allem die vielen Pestbeulen, die er dort zu Gesicht bekam. Obschon uns natürlich durchaus bewusst sein soll, dass man sich über derartige Dinge in unserer Zeit nur sehr behutsam äußern darf. Und wir meine damit nicht die schwarzen Eiterbeulen, sondern diese spezielle Art von Bruderschaft. Die aus dem Film der Medicus. Herr H fand den Streifen übrigens grandios, trotz der Beulen, da er ihm aufzeigte, was für eine bereichernde Kultur der arabische Raum im Mittelalter einstmals hervorgebracht hatte. Gefühlte Lichtjahre der damaligen Europäischen voraus. Aber was sind schon Lichtjahre im Angesicht Gottes, wenn man denen glaubt, die rufen,……ach, das Thema lassen wir doch besser fallen. Der Gedanke an die andere Art der Pestbeulen verstimmt schon genug.

    Außerdem wurde Herr H nun regelrecht ungehalten. Nicht etwa wegen Gottes, auch nicht wegen seiner gedanklichen Liegestütze, nein, das Gegenteil war der Fall, weil er nämlich mit störenden Nützlichkeiten konfrontiert wurde, die auch noch weit jenseitig seiner Auffassungsgabe liegen sollten. Eine Schwester kam ins Zimmer und fragte ihn bohrend, wie groß denn sein Schwindel auf einer Skala von eins bis zehn sei. Nachdem Herr H zunächst gar nichts zu antworten wusste, wollte er später auch nicht mehr antworten aufgrund ihres penetranten Weiterbohrens, selbst dann nicht, wenn er ihre Frage verstanden hätte, denn bedingungsloser Kadergehorsam war nun mal seine Sache nicht. Als ihm jedoch klar wurde, dass sie nicht locker lassen würde, sagte er, der Schwindel sei schon aller Achtung wert. Eine Zahl, er solle ihr eine Zahl nennen. Ja Herrgott, ich weiß nicht was die gute Frau von mir will, grummelte es Herrn H in seinem Inneren. Kann sie nicht einfach wieder verschwinden wie sie gekommen war? Wozu sie eine Zahl benötigt, weiß ich nicht, und wie mein Schwindel hier numerisch einzustufen ist, erst recht nicht. Ich war nie im Krieg, habe keine Granatsplitter im Kopfe vom Felde getragen, mir ist auch nie das Trommelfell durch eine Selbstmord Attentäter Bombe geplatzt. Ich kann nicht aus der Fülle eines reichhaltigen oder gar nachhaltigen Schwindellebens schöpfen. Er sagte also entnervt einfach acht, damit sie endlich Ruhe gebe. Doch dazu sollte es vorerst nicht kommen, denn es breitete sich plötzlich hektische Betriebsamkeit auf dem Stationsgang aus. Türen knallten schallend, angebundene Stimmen schlugen Brückenköpfe durch nicht einsehbare Räume. Die starke Reibung von Gummisohlens auf dem PVC Boden hinterließ abgerissene, hohe Geräusche, die seine Haut schrumpeln ließ. Die Zählschwester, grad eben noch mit schwindelerregender Akkuranz auf Punkt und Nachkommastelle bedacht, scherte sich nicht mehr um Maß noch Fliehkraft, schaffte es sich in einer ansehnlichen Pirouette um die eigene Achse zu drehen, und stürmte einer schneidigen Ruf Order folgend zur Tür hinaus. Nach einer Weile schien alles im Flur soweit gebündelt, man hörte es, etwas Großes war da in Anmarsch. Ihm gelang durch die offen stehende Tür ein Schnappschuss. Ein Bett wurde von einer Meute Klinikpersonal in Windeseile den Flur entlang geschoben. Auf dem Bett machte er einen jungen Mann im besten Alter aus. Eine Sauerstoffmaske verdeckte die untere Hälfte seines Gesichtes. Herr H erinnerte sich so gut an diese Szene, weil zeitgleich Musik aus dem Handy des Beulenmannes tönte, als er sich über den immensen Schiebekrach aus dem Flur in seiner Ruhe gestört zu ärgern glaubte. Erst als der Konvoi um die Ecke gebogen war, seine Schiebebewegung akustisch durch Wände und Entfernung dumpf abschottetet wurde, konnte er seine Lage wieder genießen. Die schöne Musik sollte ihn mit dem Ort und seinen dunklen Flecken wieder versöhnen. Ach herrlich, Petula Clarks großer Hit aus den Sechzigern. Vorgetragen vom I-Phone des Beulenmannes.

    “When you‘ re alone and life is making you lonely
    You can always go – downtown
    When you’ve got worries, all the noise and the hurry
    Seems to help, I know – downtown
    Just listen to the music of the traffic in the city
    Linger on the sidewalk where the neon signs are pretty
    How can you lose?

    The lights are much brighter there
    You can forget all your troubles, forget all your cares
    So go DOWNTOWN, things’ll be great when you’re
    DOWNTOWN – no finer place, for sure
    DOWNTOWN – everything’s waiting for you“

    Mit diesem schönen Lied auf seinen zum Pfiff gespitzten Lippen ließ es sich gleich schon wieder doppelt so gut liegen. Beschwingt und im Herzen Petula Clarks Gesang mit sich tragend, entschloss er sich den jungen Mann auf seiner Fahrt durch die vielen Flure zu begleiten.

    Das waren doch mal großartige Aussichten. Er fühlte sich wie in einer Zeitblase, nur dass hier drinnen allerhand passierte. Gleich schon würde jemand freundlich Gesinntes an ihn herantreten, und ihm eine dieser Glücksspritzen setzen. Was dann genau passierte, bliebe im Dunkeln. Er würde es im Einzelnen gar nicht recht mitbekommen. Wo er sich z.B. dann befände, wer kann das schon sagen? Oder wie lange es dauern wird. Ob er währenddessen ein Zeitgefühl registrierte, ob er träumen werde, oder aber einfach nur wieder aufwachen, oder selbst das nicht mehr. Wen kümmerte es? Ihn jedenfalls nicht, denn er lag ja äußerst günstig. Wie gesagt, großartige Aussichten, ein großartiges Leben.

    We can forget all our troubles, forget all our cares
    So go downtown, things’ll be great when we’re
    DOWNTOWN – don’t wait a minute for
    DOWNTOWN – everything’s waiting for you

    Er stellte sich vor, während der Glücksstoff durch seine Venen fließt, wie schön das Leben an seiner statt hätte sein können. Wie schön nochmal so jung zu sein. Wie schön verliebt zu sein. Er stellte sich ein Mädchen vor, an einem sonnigen Tage. Vielleicht irgendwo in Amerika. Ach, was soll’s. Er war in seiner Vorstellung. Er platzierte sie also direkt in die schönste Stadt, nach San Franzisco. Auf einer kleinen Anhöhe steht sie dort. Unten die belebte Stadt. Sie dreht sich zu ihm um, breitet die Arme aus und singt ihm ihre Lebensfreude beherzt entgegen:

    DOWNTOWN – waiting for you tonight
    DOWNTOWN – you’re gonna be all right now

    Nun ist es allmählich soweit. Aufbruch Stimmung. Auch bei ihm. Er wird komfortabel die Flure entlang geschoben, sieht sich in aller Ruhe die Gesichter über ihm an. Hier mal ein aufmunterndes Lächeln, dort der stramme Blick geradeaus. Wenn er genug davon bekommen sollte, könnte er immer noch die vorbeihuschenden Neoprenröhren an der Decke zählen. Vielleicht hatte er sogar ein besonderes Glück und eine junge Schwester, eine Polin z.B. - die sind häufig sehr nett - würde mit ihrem Oberkörper weit nach vorne gebeugt von hinten helfen mitanzuschieben. Dabei sollte sie den obersten Knopf ihres Schwesternkittels neckisch aufgeknöpft haben. Sie könnte seine eingerosteten Flirtqualitäten wieder zu neuem Schwung behelfen. Warum eigentlich nicht? Großartige Aussichten.

    Aber er will nicht gleich zu übermütig werden, zu viel des Guten auf einen Schlag solle man nicht erhoffen. Er denkt auch, dass seine Chancen grad nicht zum Besten stünden, so unvorteilhaft mitanzuschauen, wie er da lag. Nur in dieser weitmaschig genetzten Op-Unterhose. Dazu nur spärlich in ein weißes Laken eingehüllt, welches, zu seinem großen Verdruss, nach hinten auch noch weit offen steht, wo er sich doch den Po nicht immer rasierte. Passend zum Gesamtoutfit, quasi als Sahnehäubchen, noch enganliegende, kniehohe, weiße Strümpfe. Sehr sexy dürfte das in den Augen der jungen Schwester - so wie er es sich vorstellt - ganz sicherlich nicht sein. Zumal dieses besondere Vergnügen, wenn es trotz des üblen Handicaps was die Kleidung betraf dazu kommen sollte, ja nur von kurzer Dauer wäre. Denn bald schon sollte unser Tross die letzte Biegung passiert haben. Jetzt noch ein schneller Durchstoß durch die bulläugig verglaste Doppeltür, und sein Oberkörper wird schon gleich in einem schick ausstaffierten Raum mit ansehnlich bunten Kabeln verdrahtet, während simultan sein linker Arm sehr zuvorkommend auf einer Art Lehne zur Seite hin montiert wird.

    Downtown – waiting for you tonight
    Downtown – you’re gonna be all right now

    Er denkt sich, bei Allem was um ihn herum passiert, jetzt ja nur keine Müdigkeit vortäuschen. Beginnt also gleich mit den Anwesenden zu flachsen. Fragt in die Runde, ob sie so was schon mal zu Gesicht bekommen hätten. Eine Stimme über ihm antwortet, dass die Wunde schon beachtlich sei, aber keinen Einzug in die intern gepflegte Skurrilitäten Liste fände. Schade eigentlich. Er gibt sich dessen ungeachtet allerdings noch nicht geschlagen, flachst also weiter im gleichen Stile, dass ihn das schwer beruhigen täte, zu mahl er dank des freundlichen Lachgases ja auch nicht mitbekommen müsste, was sie sogleich mit ihm alles anstellen würden. Na, zum Glück müsse er nicht bei zusehen, das wirklich Ekelige bleibt ihnen vorbehalten. Er hört eine Stimme sich lächelnd auf sein Gesicht legen, und fühlt noch eine beruhigende Hand auf seinen Beinen. Dann geht es endlich vorwärts. Der Anästhesist schließt ihn nun an, sticht mit einer dicke Nadel durch seinen rechten Handrücken. Er taped die Stelle noch ordentlich, will wohl alles niet- und nagelfest machen. Er muss sagen, das hatte er sich etwas schöner vorgestellt.

    Das EKG lässt uns jetzt seinen Herzschlag hören. Es schlägt zwar schnell, pa poch, pa poch, 120 hört er eine Stimme hinter sich, aber was will das schon bedeuten. Das ist nur das Außen, denkt er sich. Eine verdrahtete und vernetzte Welt, mit der er nichts mehr am Hut hat. Seiner inneren Verfasstheit kann es jedenfalls nichts mehr anhaben.

    Downtown – you’re gonna be all right now

    Die wohl passende Person zur Stimme legt ihm nun auch noch eine Maske auf sein Gesicht. Für so einen Service geben Frauen mitunter viel Geld aus, ha, ha. „Keine Angst, das ist nur Sauerstoff. Atmen sie tief ein und aus“, hört er sie aussprechen. Gleich darauf eine andere Stimme von rechts: „Ich spritze ihnen jetzt das Narkosemittel. Es kann sein, dass sie dabei Schmerzen im Arm bekommen. Aber keine Angst, das ist nur das Narkotisiakum.“

    Downtown – waiting for you tonight

    Wovor sollte er Angst haben? Er findet es rührend, wie sich alle um ihn bemühen. Er weiß nicht, wann ihm das letzte mal soviel Aufmerksamkeit zuteil wurde. Die Geräusche vom EKG Gerät werden jedoch hörbar schneller, das muss er schon zugeben. Das hätten sie dann aber verbockt, durch ihre unnötige keine Angst Ansprache. Und gleich schon wieder: „Keine Angst, atmen sie nur tief ein und aus. Merken sie schon, dass ihre Augen schwer werden?“ „Nein, aber der Arm fängt nun an stark weh zu tun.“ „Keine Angst, das kommt von der Infusion.“

    Gleich muss es wohl soweit sein, denkt er. Er sollte versuchen den genauen Moment abzupassen. Ob ihm das wohl gelingen wird? Der Schmerz schleicht immerhin schon hoch. So als würde sein Arm in einem Schraubstock eingeklemmt sein, und jemand dreht kontinuierlich an der Winde. Das EKG gibt nun in der Tat sehr schnelle Töne von sich. Pa poch, pa poch, pa poch, pa poch. Seine Augen sind jedoch noch ganz klar, nicht trübe, keine Spur von Schwere. Es zeichnet sich alles gestochen vor ihm ab. Er erkennt noch die Umrandung seines Augenfeldes, wird also noch ganz in sich gehalten. Kann noch unterscheiden zwischen draußen und drinnen. Er sollte sich konzentrieren, sollte sich erinnern. Vergisst immer wieder ein und aus zu atmen.

    Holt tief Luft ein, tief Luft aus. Aus, ein. Luft ein. Ein, aus. Pa poch, pa poch, pa poch.

    How can you lose?

    Happy again

    Downtown – waiting for you tonight

    Downtown, happy again, downtown, Luft ein, Luft aus

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