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Zeichnungen, Abstrakt,

EinsZweiDrei

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    Von Tim Weber hochgeladen am 06.05.2017

    Herr H war in einen Feldweg eingebogen und dann immer geradeaus weiter gegangen. Als sich vermehrt Wolken am Himmel bildeten, überlegte er umzukehren. Doch nun saß er schon eine Weile auf einem Betonsockel unter einem Windrad und betrachtete in der Ferne die vier Türme von Gropiusstadt, deren mittelalterliche Manifestierung aus geschlagenem Stein weit über die Giebeldächer des Dorfes hinausragte. Die Autobahn konnte man hier schon hören. Daran lag es wohl. Denn es wollte ihm vorkommen, als hätte er an dieser Stelle schon einmal gesessen. In seiner Hand hielt er ein paar Kieselsteine, die er vom Boden aufgeklaubt haben sollte, und dachte an seinen Großvater. Als kleines Kind hatte ihm jemand in der Schule erzählt, dass alle Tiere, und auch die Menschen einmal sterben müssen. Selbst er einmal. Man sei dann ganz einfach nicht mehr da. Er erinnerte sich daran, wie sehr er damals mit dieser Vorstellung zu kämpfen hatte. Es bereitete ihm entsetzliche Bauchschmerzen, da er mit der Aussage rein gar nichts anzufangen wusste, einfach nicht mehr da zu sein. Als an einem Wochenende die Familie zusammenkam, fragte er seinen Großvater, ob dieser denn auch bald sterben müsse und was dann mit ihm sei. Der Großvater nahm ihn beiseite und erzählte seinem Enkel die Geschichte seiner Wanderschaft. Mit dem Rad sei er damals losgezogen, vor vielen, vielen Jahren. Als junger Mann. Zu Zeiten der großen Wirtschaftsdepression, als das gedruckte, geldwerte Vermögen sich in die Trilliarden belief. Damals hätte es noch kaum Autos gegeben, die Natur sei vielerorts noch unbelassen gewesen, und als junger Mann auf Wanderschaft fand er auf Bauerngehöfen meist nicht nur eine Bleibe für die Nacht, sondern verdiente sich durch Hilfsarbeiten ein Zubrot und seine Mahlzeiten. An einem schönen Tage, er war schon weit gereist, fuhr er entlang einer Mohnblumenwiese, deren gegenüberliegende Seite ein Wald mit mächtigen, alten Buchen säumte. Er war da schon sehr lange unterwegs. Stunden schon an diesem Tage. Monate schon auf Reisen. Ab und an mal ein kleines Dorf, ab und an mal eine Stadt. Es fuhr ihm schlagartig in den Kopf, wie von einem Blitze getroffen. Es sollte nicht nur ein auf dem Rad mitreisender Gedanke sein, keine bloße, mit der Landschaft vorbeiziehende Illusion. Es war vielmehr ein die Seele durchdringendes Gefühlsmoment, eine just auftauchende, intensive Klarheit in der Reflexion. Im Versunkensein der monoton auszuführenden Tritte, breitete sich jählings jener Graben einer vom Fiktionalen in die Gewissheit geleiteten Bewusstseinsströmung vor ihm aus, die ihm einflößte, dass er einst nicht mehr hier sein würde. Er hielt an, stieg von seinem Rad ab und machte Rast am Wegrand. Setzte sich dazu auf den Boden und lehnte seinem Rücken an den dicken Stamm einer Buche.

    Auf diesem Teil seiner Wegstrecke begegnete man nur selten Menschen. Man blieb weitestgehend unbehelligt, war nur mit sich und der Stille der gar nicht mal so stillen Umgebung. Um ihn summten Hummeln und Bienen, Vögel zwitscherten in den verschiedensten Tonlagen. Unten an seinen Füßen verbrachten emsige Insekten ihr Tageswerk, deren Trippeln man fast zu hören glaubte. Ab und an ein Knacken von morschem Holz, dessen Nachhallen die schattenspendende Tiefe des Waldes vermaß. Als der Großvater einem Zug Ameisen dabei zusah, wie der sich gerade anschickte seine Beine hoch zu krabbeln, entdeckten seine Augen einen schönen, runden Kieselstein. Er hob das Kieselsteinchen auf, und betrachtete es ausführlich zwischen Zeigefinger und Daumen.

    Hier am Boden mochte es wohl schon lange so gelegen haben, dachte der Großvater. Kein schlechtes Leben. Jeden Morgen ging für das Steinchen über der Wiese die Sonne auf, später hinterm Wald dann auch wieder unter, lud es über den Tag hinweg mit ihren kräftigen Strahlen bis zur Dämmerung wärmespendend auf. Ameisen und kleine Spinnen schauten regelmäßig vorbei, krabbelten um das Steinchen, manchmal sogar drüber hinweg, vielleicht auch mal eine kleine Eidechse die bei ihm vorbeischaute, aber ansonsten blieb hier am Rande des Weges seine Existenz unbemerkt. Und zwar über Jahre, Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte. Nun aber wurde es hochgehoben, gedreht und gewendet, von zwei großen Augen eingehend gemustert. Eine vollkommen neue Sichtsphäre für das Steinchen. Ein hervorgehobene Stellung, die schon wieder verschwinden würde, sobald er sich aufmachte weiterzufahren. Der junge Großvater spielte mit dem Gedanken das Steinchen tief in den Wald zu werfen, konnte sich dazu aber nicht recht durchringen und entschied, es wieder an seine alte Stelle zu legen. Dort, von wo er es aufgehoben hatte. Denn vielleicht, so sein sentimentaler Gedanke, wäre es dem Steinchen nicht recht gewesen. Es lag schließlich schon so lange an dieser Stelle und er war nur ein zufällig vorbeikommender Reisender auf Zwischenstation. Und für das Steinchen wohl nicht vielmehr, als eine flüchtig vorbeiziehende Erscheinung. Auch wenn sein gewohntes Umfeld nur ein paar winzige Quadratzentimeter ausmachen mochte, so kam er zu dem Schluss, dass es dort gut lag, wo er es gefunden hatte. In der Welt also, die dem Steinchen vertraut sein sollte. Und im Übrigen, was ist schon Größe? Mit seinem Wurf wäre es im Wald womöglich unter Blättern gelandet, und fristete fortan ein Dasein im Dunkeln, wohingegen hier am Wegrand gelegen, ihm doch ständig die Sonne schien. Er erzählte dem jungen Herrn H dann noch, wie er sein Gesicht seitlich auf den Boden des Weges legte. Ganz dicht neben das Steinchen, um die Welt aus seiner Perspektive zu sehen. Wenn auf dem Weg mal jemand vorbeikäme, wäre es für das Steinchen vermutlich nicht vielmehr, wie für den Menschen die kurz anhaltende Helligkeitsspanne eines Blitzes, die einen grollenden Donner nach sich zieht.

    Ja, in dieser Einsamkeit, am Wegrand seiner Reise, fühlte er sich wohl. Er schwor sich im hohen Alter genau hierher, genau an diesen Ort, an diese Stelle, zu seinem Steinchen zurückzukehren. Zu genau eben diesen Baum am Rande des Weges. Genau hier, wo nun das Erdreich eine seiner Wangen kühlte, und die Ameisen sich anschickten über die andere ihre Straße zu bauen. Er stellte sich vor, er würde als alter Mann zurückkommen. Stellte sich vor, er müsste Ort und Stelle, noch die unauffälligste Beschaffenheit ihrer, sofort wiedererkennen. Die Erinnerung an diesen Landstrich, und der ihm einverleibte Gedanke, wäre über all die Jahre geblieben. Er würde noch einmal seine Wange auf den Boden neben das Steinchen legen, sich vergewissern, dass sich an seiner Position nichts geändert hatte, und erst dann fragen, wie es ihm ergangen sei. Seinen jugendhaften Träumen und Hoffnungen, all das gelte es jetzt zu beantworten. Sie würden sich vergewissern, beim Betrachten ihres Steinchens. Er stellte sich vor, dass ein erfülltes Leben hinter ihm lag, auf das er ohne Wehmut zurückblicken konnte. Stellte sich vor, dass er hier, an genau dieser Stelle nun, genau so wie er nun lag, als ein an Jahren gealterter Mann mit einem Lächeln auf dem Gesicht unter der Buche bei seinem Steinchen liege. In sanftmütiger Erwartung. Hier, am ehemaligen Wegrand aus der Jugend, der nun ihr Scheideweg war. Er und sein junges Ich. Denn beide erkannten sich über das Steinchen gleich wieder. Wussten, der Junge wie der Alte, dass sie den damaligen Weg mit dem jeweils Anderen gegangen waren, und alle drei nun friedlich beieinander lagen. Erst dann durfte er sich eingestehen, dass er zu jener Stelle, dem Baum am Wegrand aus seiner Jugend, zurückgefunden hatte. Und konnte sich mit dem jungen Manne, für den dort einst, wie nun dem Alten, in der Sonne das Kieselsteinchens so wunderschön glänzte, in Freundschaft umarmen. Stellte sich vor, sie gingen dann mit ihrem Steinchen in den Wald, und die Blätter der hohen Buchenbäume umhüllten sie.

    Natürlich sollte der junge Herr H jede Menge Fragen haben, und die Geschichte war ja auch nicht sonderlich geeignet für sein Alter. Aber er spürte intuitiv, dass er nicht weiter nachbohren sollte und schaute daher dem Großvater nur etwas verlegen in die Augen. Der verstand natürlich die Verunsicherung seines Enkels und erzählte noch schnell in forscher, abenteuerlicher Weise, dass er sich eines schönen Tages noch einmal auf den Weg machen würde, und ob er, der Enkel, denn nicht Lust verspüre mitzukommen. Er war der Ansicht, dass jeder Mensch solch ein Steinchen irgendwo am Wegrand benötigte. Und dass man vor allem in jungen Jahren sorgsam danach Ausschau halten sollte, um auch ein besonders schönes Exemplar an geeigneter Stelle zu finden. Und ja, er wolle seinem Enkel dabei helfen eines zu finden. Der Großvater sollte hier geflunkert haben. Denn schon mit 65 waren seine Knie so lädiert gewesen, dass an Radfahren nicht mehr zu denken war. Aber damals, als 7 oder 8 jähriger Junge, glaubte Herr H die Geschichte, und war von der Vorstellung einer gemeinsamen Reise mit dem Großvater hellauf begeistert.

    Nun, als Mann, der unter einem Windrad inmitten eines baumlosen Erdbeerfeldes hockte, war sich Herr H selbst darüber gewiss, dass es das Steinchen im Leben des Großvaters niemals gegeben hatte. Nur eine von jenen Anekdoten, wie man sie in der Rolle als großväterliches Vorbild wohlwollend seinen Enkelkindern erzählt. Die Schilderung einer Geschichte, die sozusagen für den Enkel den Stein auf seinem Wege zum Rollen bringen soll. Falls aber doch, falls es diesen Stein tatsächlich gegeben haben sollte, ist er dorthin selbstverständlich niemals zurückgekehrt.

    Herr H kannte so einen Ort jedenfalls nicht. Er konnte sich an keinen Stein erinnern, der irgendwo lag. Natürlich auch nicht auf ihn wartete, aber vielleicht immer noch dort war, wo er ihn zurückgelassen haben sollte. Er war nur ein an Jahren gereifter Mann, in Stoffhose und gestärktem Hemd gekleidet, und wünschte sich dennoch, mehr denn je, die Stimmung dieses Jungen in sich. In dem Punkt gab er dem Großvater recht. So ein Steinchen lässt sich nur in jungen Jahren finden.

    Er warf seine Steine wieder weg, behielt nur den Größten in der Hand. Ja, wie sah er aus? Wie soll ein Kieselstein schon aussehen? Ein Kieselstein halt, den man bald schon wieder vergessen hat, weil einer wie der andere ist. Und in seiner momentanen Verfassung, das kam erschwerend hinzu, gab es ohnehin nichts zu beobachten. Er könnte es wie der Großvater versuchen. Wenn er allerdings wieder käme, müsste er sich eingestehen, dessen war er sich sicher, dass der alte Mann den hier nun Sitzenden hasste. Und auch andersherum, er jetzt schon den Alten. Denn seine Schritte wären es gewesen, die durch die Unwucht der stillen Last auf seinem Rücken, ihn unbemerkt immer nur im Kreise gingen ließen. Und der Alte, da er nur noch das reinstes Zerrbild für ihn war. Er zeigte ihm schließlich auf, dass seine Vorstellungen und Gedanken immer schon nur die Ähnlichkeit eines kränkelnden Traumes annahmen. Ja, selbst das Kieselsteinchen am Wegrand seinen Teil dazu beigetragen hatte. Er platzierte den Kieselstein trotzdem in eine kleine Mulde unter dem Betonsockel. Dann machte er sich auf den Heimweg, denn es fing an zu nieseln. Während des Rückweges dachte er bereits nicht mehr an das Steinchen. Kurz vor dem Ortseingangsschild hatte er die Mulde schon wieder vergessen.

TitelIm Erdbeerfeld
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