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Fotografie, Mythologie,

EinsZweiDrei

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    Von Tim Weber hochgeladen am 09.05.2017

    Sonne, ja Sonne. Die braucht man unbedingt hier unten. Ein strahlendes Antlitz, eine Korona. Also dachte er an sie. An seine Sonne. Aber oftmals sind es dann doch nur Worte, die trügerisches Bild vor eigentlicher Stimmung liefern. Trügerische Gedankenreflexionen. In Wahrheit aber sind das alles nur Fetzen. Manchmal lichterloh, manchmal bruchstückhaft. Und zur Wahrheit gehört auch, dass ein lichterloh Feuer aus Fetzen niemals ein Herz erwärmen kann, sondern manchmal nur alles zunichte macht. Wie lange kennen wir uns jetzt schon? Ja, so lange schon. Damals rieb er sich schnell mit den Handrücken über die Augen, versuchte ihr mit einem Wink gen Himmel zu signalisieren, dass die Sonne ihn wohl ein wenig blendete. Hoffte nur, dass seine vorgetäuschte Blendung zu seinem Gesichtsausdruck stimmig passte. Eine seiner handerlesenen Geschichten. Seine Sonne, einstmals seine Sonne, in diesem abgegrenzten Karre, inmitten von städtischer Wüste. Lärm von der Straße kam nur gedämpft hinein. Die dem Eck seine Gestalt verleihenden Häuserschluchten brachen sich zur einen Seite, nach unten hin, an einem kleinen Mäuerchen mit auslaufenden Gitterstäben, nach oben am Himmel, zur anderen Seite in der spiegelnden Fensterscheibe des Cafes, welches gebrochen im Schatten des dunklen Glases und seiner Reflexionen, auch noch nach außen die anheimelnde Atmosphäre von im Handwerk geschnitzten Stühlen, Bänken und Tischen, und vielerlei selbstgebackener Leckereien verströmte. Der Blick schweifte während Gesprächspausen mal diagonal, schräg nach oben rüber auf die andere Straßenseite. Zur alten Uhr über dem Pharmaziestübchen unten am gegenüberliegendem Eck, auf die sich jeder berief, jeder auch immer wieder schaute. Auch Jahre später noch, nachdem sie schon längst abgehangen war, dieser stete Blick nach oben auf ihren zurückgelassenen Schatten. Zur Sommerzeit, meist am späten Nachmittag, sah man Tarzan mit freiem Oberkörper auf dem kleinen Eckbalkon stehen. So nannte das Pärchen zumindest jeder. Tarzan und Jane, die dort wohnten, droben über der Uhr, wo jetzt nur noch ihr Schatten war geblieben. Es ließ sich bildhaft vor Augen führen, wie er an der Regenrinne hinab zur Apotheke glitt, um seiner Jane neues Haarwasser zu besorgen. So war man miteinander verbunden, über die vergehende Zeit und auch in Gedanken. Unzählige Male also, tick tack, tick tack, hatte er hier schon gesessen. Darüber auch ihr Empfinden aus den Augen verloren. Ins Konzert ging er schon manchmal, vielleicht auch in die Oper, oder ins Theater noch, wohin auch immer. Zog aus, mal ein Schritt vor die Türe wagen, andere Eindrücke gewinnen, kehrte heim, vergaß alsbald schon das Erlebte. Das Cafe war sein Taktgeber, nicht nur der des Viertels. Kam er, der Fremde, öfter, und das tat er meistens, war er nicht mehr jener, der Fremde, sah im Raum alsbald lauter bekannte Gesichter und dazugehörige, vertraute Stimmen. So war auch er, Herr H, einst kurz nur ein Fremder, bis er dann immer wieder kam. Um sein Verhalten ihr gegenüber vorherzusagen, waren keine hellseherischen Fähigkeiten mehr von Nöten. Es war alles nur noch eine Sache der steten Wiederkehr. Lauschte also weiter nur den Stimmen zu ihren Bildern. Was anderes blieb ihm nicht. Denn hatte er doch hier, hier unter ihrem Schatten, die Reste seiner Jugend als Mann verbracht. Tick Tack, Tick Tack.

    Und dann kam der Clown. Im Kostüme eines langhaarigen Polizisten. Hätte der nur nicht so blendend dagestanden. Sie ließ ihn auflaufen: "Wie lange kennen wir uns jetzt schon? Mehrere Jahre!" Ja, mein schöner Vogel, mein wunderschöner Vogel. Mehrere Jahre. Ja, mehrere Jahre schon. Das war keine Fragestellung, das kam einem Urteil gleich. Mehrere Jahre schon. So lange schon. Nichts bleibt. Wenn alles Erzählbare erzählt worden ist, vergisst man es alsbald schon wieder. Hätte er doch wenigstens einen Mord begangen, es wäre etwas geblieben. So aber blieb ihr nur seine Authentizität im Festhalten an einem Bierhumpen. Banalitäten. Vielleicht gibt es ja die Niagarafälle, als wahrscheinlicher anzunehmen, nur Ponyreiten durch die Prärie, wenn überhaupt. Diese eine Geschichte. Dieses Geschichte, an die man sich unbedingt erinnern will, da sie mit dem Höhepunkt zusammenfiel.

    Ein weiterer Blick durch die Scheibe. Der langhaarige Polizist saß jetzt an der Theke, direkt vor seinem Spiegelbild, hinter ihm die Scheibe, unterhält sich mit ihr. Ganz nach seiner Art, will die Zusammenhänge kennen. Gut kennen. Insiderwissen, sein formales Gewand. Sein Trugbild, die informative Hohlheit. Gleich einer Stätte formativer Autosuggestion. Allgemeinschau, das kam ihm zugute. Insiderwissen. Immer dazu geeignet, um die Aufmerksamkeit des Gegenübers zu gewinnen.

    „NSA, NSA, davon wussten wir alle schon lange. Die Tätigkeit verlangt dies so, bringt es mit sich. Aber wenn du wüsstest. War neulich drüben. Sondereinsatz. Streng geheim. Alles Top Secret. Da erlebt man schon so manches. Insiderdinge. Das ist die Realität, was dort geschieht. Ich könnte dir noch Allerhand zu sagen. Konzerne sind mit drin. Alles verstrickt. Insiderwissen. Ja, Insiderwissen. Dinge, über die ich nicht sprechen darf.“ „Letzte Nacht habe ich im Bett laut Mantras gesungen. Das begleitet mich bis in die Träume. Es ist ein Lebensgefühl, weißt du.“ „Da spazierst du nicht einfach rein und erfindest das Rad neu. Da herrscht Krieg. Alles streng geheim. Alles nur mit Insiderwissen durchschaubar.“

    Ohne dass er es bemerkt haben sollte, hatte er seinen Platz draußen im Gärtchen verlassen. Er hörte sich etwas aussprechen. Versuchte vergeblich ihren Blick zu finden. Aber nur der Polizist taxierte ihn aus dem Spiegel heraus, seine linke Hand zur Rechten geballt. Eines seiner Augen, das spiegelbildlich Linksplatzierte, musterte ihn argwöhnisch unter zusammengezogener Braue. Es ließ vermuten, dass es an dem doch allzu offensichtlich Veräußerten, billig zur Schau Gestelltem, nichtmateriellen Wert seines Gegenstandes, doch redlich zweifelte. Die ausgesprochenen Worte hinter seinem Rücken, die nur zwischen ihr und ihm stehen sollten, seine Einschätzung darüber und über die Dinge, nur für eine ausgemachte Finte hielt.

    „Insiderwissen, ja Insiderwissen. Und noch einen schnellen Espresso bitte.“ „Gerne, mache ich dir gerne.“ „Da herrscht Krieg, glaube mir. Das wissen nur die Wenigsten. Alles verwanzt. War jedem von uns klar. Schon seit langem, eigentlich immer schon. Das geht aber noch viel weiter. Das bringt es mit sich, darf aber nicht darüber reden. Insiderwissen.“ „Yoga ist für mich mehr als nur eine Lebensart. Das verstehen viele nur nicht. Schade.“

    Er besah sich im Spiegel wie er vor ihr stand. In Mitten des Raumes. Sein halbleeres Glas vorhaltend, stand er etwas endäußert. Besah seine von hinten nach vorne gekippte Stellung, die zweifelsohne der anziehenden Spannung zuzuschreiben war. Der Polizist schaute auf ihn hinab, nicht nur in der gedanklichen Flucht seiner erhöhten Position. Es erklärte sich schon alleine von seiner Perspektive vom Stuhle aus her, die mutmaßliche, mit bloßem Augenmaß genommene Höherlegung des Schwerpunktes im Spiegel. Seine Schärfe ließ kurz ab von ihm. Die Peripherie wanderte zum wachsamen Wippen. Über den Fußboden aus, hoch an dem senkrecht nach oben ragenden Bein, zum überdimensioniert mündenden, mächtigen Knie. Es stand kurz vor einer Beuge. Er würde von seinem Hocker springen. Sie überging ihn, beschenkte dafür den Polizisten mit einem verführerischen Liebäugeln, beschwichtigte ihn so wieder. Ja, er war kein willkommener Gast mehr. Nur noch einer, der sich vor den anderen würde rechtfertigen müssen, für sein grundloses Stehen.

    „Insiderwissen. Kann ich dich alleine lassen? Komme später nochmal vorbei.“

    Der Ordnungshüter stand von seinem Hocker auf. Als er das Cafe verließ, streifte er seine Schulter und grinste nur. Dieses verhöhnende Grinsen, von seiner Hand im Spiegel zuvor wohl noch verdeckt, was die klaren Züge eines anfänglich nicht ausgesprochenen Wortes annahm, wurde in der künstlich anmutenden Kühle seiner Lautlosigkeit dem Gesicht nun entrissen. Es lüftete sich die Visage eines Übeltäters. Insiderwissen, ja Insiderwissen. Denn sie bediente ihn schon lange unbemerkt. Jetzt noch mehr. Fragte dann nur: "Möchtest du zahlen?" Noch ein letzter Blick durch die Scheibe, dann machte er sich mit seinem Koffer Richtung Bahnhof auf. Mehrere Jahre schon. Ja, so lange schon. Er hatte es gehörig verbockt. Insiderwissen, ja Insiderwissen, was hätte er darum nur gegeben.

    Dieser abscheuliche, fette Brummer vor dem Auge. Als wolle die Fliege ihm ständig in Erinnerung rufen: Jetzt dreh ich mich, jetzt wende ich mich, dann dreht sich’s dir, dann wendest du dich. Er schloss das Auge. Sollte sie sich an seinen Säften ruhig weiter verköstigen. Ihm egal. Es wäre zu anstrengend gewesen sie zu verscheuchen. Sie käme ohnehin immer wieder. Ja, immer wieder. Immer und immer wieder. Wozu also die Mühe. Immer, immer wieder. Insiderwissen. Immer wieder. Er fing an wegzusinnen, fing an zu erträumen, begab sich zurück in eine laue Sommernacht. Ein warmer Wind strömte milde die Straße vom Berg hinab, fing sich am Ende, im Tiefpunkt der Topographie, auf dem Platz mit dem musikalischen Haus. Wird von der sich ihm entgegenstellenden Häuserfront aufgesammelt, schwungvoll gebogen und bündelte sich zu strömenden Aufwinden. Aufwinde die zu tragen vermögen. Er wird von ihnen getragen. Er fliegt. Fliegt mit weit ausgestreckten Armen über dem Platz. Gekreuzigt gleich. Lässt sich treiben von den Winden. Kann Höhe und Richtung des Fluges durch die Kraft seiner nach unten gegen die Winde drückenden Arme frei mitgestalten. Ist so schon oft geflogen. Immer in der Nacht. An Häusern entlang über Straßenschluchten. Vorbei an großen Städten und unbewohnten Landstrichen. Drohte zu fallen, wenn die Frequenz seiner schwingenden Arme nicht die Richtige war. Konnte aufsteigen, wenn er sie wieder fand. Erst ganz langsam und dann kontinuierlich steigernd, durch sein schneller vibrierendes Arm Werk. Flog die vor ihm sich auftürmenden Wände mit Leichtigkeit empor. Die Nacht bot ihm Schutz, ließ ihn unsichtbar werden. Er konnte hindurchschauen, durch die beleuchteten Fenster. Konnte in alle Räume sehen. Konnte einfach alles sehen. Hatte Zugang zu sämtlichen Wohnhabitaten. Konnte sich aussuchen wohin er flog, was er erspähen, wo er dabei sein wollte. Unentdeckt, in der Dunkelheit und Dank seines Fluges, als stiller Beobachter. Diesmal jedoch schwebt er mehr, als dass er fliegen soll. Es liegt wohl an den warmen Aufwinden, es liegt wohl an dem Ort, wohl an der Beschaffenheit, der Topographie des Platzes unter ihm. Er fühlt sich auch sehr erhaben, mehr als sonst, so gravitätisch schwebend, sacht mit weit ausgestreckten Armen, hoch und runter, im sanften Strömungsrhythmus der milden Winde von den Bergen. Er spürt im Rücken, hinter sich, das musikalische Haus. Kann es sehen, hinter sich. Lässt sich noch höher treiben, über die Fenster des Dachgeschosses hinaus. Vor ihm nun die lange Straße, die sich vom Berg hinabschlängelt, um in einem langen Geradenstück auf dem Platz zu münden. Unter ihm der Platz mit seiner beleuchteten Bushaltestelle. Fächergleich strahlt das Licht von der Laterne in alle Himmelsrichtungen, um nach wenigen Metern seinen Kampf mit der Nacht zu verlieren, von dort scheinbar ins Nichts abzutauchen. Er macht die Konturen eines Klumpens aus, einer Gestalt, welche in gebückter Haltung mutmaßlich Schutz vor dem strahlenden Fächer zu finden sucht. Er spreizt die Arme leicht nach oben. Lässt hinter sich die Fenster des Dachgeschosses, nun schon über ihm. Nähert sich dem gebückten Klumpen. Jedoch nicht zu nah. Macht halt zwei Meter über dem Boden. Eine nicht ganz ungefährliche Höhe, denn das Schwanken der Winde ließe ihn leicht auf den Gehweg fallen. Sein Flug, seine Autonomie wäre beendet. Auch nicht ganz ungefährlich, da er in die Reichweite des Klumpen gelangen könnte. Sie könnte sich aufrichten, die Gestalt. Ihre Größe lässt sich nur schwer abschätzen.

    Ein Kopf löste sich vom Relief des Klumpens, positioniert sich, windet sich zu ihm hoch. Er macht etwas aus, es kommt ihm vertraut vor. Das Gesicht eines verschmitzten Mannes. Er wirkt auf ihn nicht bedrohlich, eher verängstigt, scheint sich ertappt zu fühlen. Seine Züge lassen erahnen, dass er sich am Rande des Fächers unter der Laterne zu verstecken suchte, um ihn von dort aus unbehelligt zu beobachten. Ein kleiner, stämmiger Mann, dennoch sollte er aufgrund seiner geringen Flughöhe auf der Hut sein. Ihm fiele es sicherlich leicht mit nur einem Satz zu ihm hoch zuspringen, ihm habhaft zu werden.

    Der Mann streckte ihm nun seinen linken Arm entgegen, umschließt etwas in seiner Hand. Er fühlt sich schon geneigt noch ein Stück tiefer zu gehen, bis kurz vor den Boden, die Hand zu ergreifen, um nachzusehen, was sie für ihn bereithielt, da sprach der Mann zu ihm: „Mein Herr, ich schleiche diese Wege öfter bei Nacht entlang, doch habe ich sie hier noch nie fliegen gesehen. Woher nur der plötzliche Tatendrang?“ Fest verankert am Boden, schaute er rückwärtig gewunden an ihm vorbei nach oben. Jetzt erkannte er ihn. Ein Penner von der Straße. Rund um seine Schuhe hatte sich eine Pfütze gebildet. Die Spitzen des strahlenden Fächers spiegelten sich zu einer platt gedrückten Kugel mit Zacken, auf der der umgedrehte Mann halb stand, halb aus ihr stach. Er nässte und grinste, wollte ihn wohl verhöhnen. „Ah, verstehe. Die Liebe. La Amour. Aber so nehmen sie doch schon. Greifen sie nur zu. Das wird ihnen behilflich sein.“ Er weiß genau, welches Dokument die Hand des Mannes umschließt. Und er weiß auch, dass ihm nichts Dienliches darin zu finden ist. Als der Mann den Unwillen erkennt, versucht er mit einem halbherzig angesetzten Lupfer sein Hosenbein zu erhaschen, zielt jedoch zu kurz, fasste ins Leere. Nach der misslungenen Aktion gliederte er Arm und Kopf wieder ein, krabbelte nun wie eine Schabe auf allen Vieren in seiner Pfütze.

    Ihn widert es. Der Mann braucht weder mehr was zu sagen, noch weiteres zu tun. Er spannt seine Arme erneut zum vollen Kreuz. Die Aufwinde sind günstig. Lässt den Mann, die Laterne und die Bushaltestelle zurück unter sich. Steigt auf seine Ausgangshöhe empor. Blickt geradewegs wieder auf den Berg, hinter sich das musikalische Haus. Hört nun durch ein Fenster ihren Gesang. Spürt ein wonnevolles Kribbeln den Bauch aufsteigen. Der warme Wind, das erhabene Schweben mittig über dem Platz, ihr wunderschöner Gesang. Ja, dies hier ist der denkbar schönste Ort, die schönste gefühlte Situation. Er lässt sich noch weiter treiben, bis auf Höhe des Dachgeschosses, sein Blick ruht nun auf dem Gipfel. Vernimmt dann monoton, quietschende Geräusche hinter sich. Zeitgleich Klackende unter sich. Er dreht sich. Die Fenster sind dunkel, der Gesang war verstummt, man kann ihn sehen, ja, er war sichtbar geworden, die Jalousien werden geschlossen.

    Jetzt erst schaute er wieder nach unten. Der Mann unter der Laterne war nicht mehr vorhanden. Dort, wo er in seiner Pfütze gekauert hatte, türmte sich eine Kaskade in sich gesackter Glieder. Schmorend in einem gärend Bräu aus Mus. Mus und Kompott. Zu einem schwellenden Haufen kompostiert. Eine Makulatur aus Mus und Kompott, unter dessen Oberfläche aus Absonderungen von Fäkalien und Gebein sich etwas bewegte. Dem träumerischen Augenmaß folgend, wölbte sich nun in einer großen Blase, aus der Tiefe etwas Lebendiges aus den Überresten des Kadavers. Einen Leib machte er aus. Unterhalb ihrer durchsichtigen Haut. Ja, ein Leib rekelte sich innerhalb der Blase. Von oben betrachtet, sah es beinahe so aus wie ein Kind. Er bemüht die Augen zu einer eindringlicheren Schärfe. In der Tat, es sollte ein kleines Kind sein, ein Neugeborenes, doch die Geburt schien noch nicht in Gänze vollzogen. Ganz oben, am Pol der Blase, buchtete sich nunmehr ein kleines Kreisstück in ihr Inneres. Ähnlich einem aufgeblasenen Gummiballon, auf den man mit dem Finger drückt, und die Kuppe, nachdem die Oberfläche unter ihrem Druck nachgegeben hat, sich dort wiederfindet, wo noch kurz zuvor das Balloninnere gewesen sein sollte. Der Durchmesser des entstehenden, an seiner Mündung kreisrunden Trichtergefälles, blieb jedoch konstant. Das Teilstück im Inneren wurde allerdings immer größer, blähte sich seinerseits zu einer Blase auf. Es musste sich zwar immer noch um ein und dieselbe handeln, denn es hatte keinen Knall gegeben, kein Platzen des ehemals sphärischen Konstruktes, aber ein Teil ihrer, vormals außen gelegen, befand sich ganz offensichtlich nun in ihrem Inneren. Zumindest das, was ursprünglich ihr Inneres gewesen war, jetzt war es das ja nicht mehr, es ließ sich nicht mehr so einfach davon sprechen. Erschwerend kam hinzu, dass der Ausdehnungsdrang der neuen Blase im alten Inneren der sphärischen Ausgangsblase nicht einfach stehen blieb. Als sie die Hülle der Alten von Innen erreichte, glitt sie ganz einfach nach außen hindurch. Es gab zwar Schnitte, aber dennoch kein Platzen, kein Verknautschen. Auch am Mündungstrichter, am ehemaligen Pol, sollte sich was geändert haben. Er hatte sich in die Länge gezogen, war nun mehr zu einem Oval geformt, an dessen langen Enden er dem fortwährenden Eindringen folgte. Aber nicht ins Innere, vielmehr entlang der äußeren Haut der Ursprungsblase, so dass alles wie ein fünfzähliges Gespann aus Blasen wirkte. Das brachte ihn etwas durcheinander. Er schielte von Jugend an, hatte somit immer schon Schwierigkeiten die Dinge vor seinen Augen ungebrochen zu sehen. Hatte sich jedoch daran gewöhnen müssen, beispielsweise bei eingehender Betrachtung einer Person, immer auch den Schatten einer weiteren zu sehen. Doch schien es ihn vor dem aktuellen Hintergrund jetzt noch mehr zu irritieren, als vielleicht manch anderen in seiner Lage. Schien ihn nun jene gebrochene, ungerade Zahl an fünf Blasen, durch den Stellungsfehler seiner Augen gedanklich vollkommen zu ermüden. Er zählte daher konzentriert nach. Ja, alles passte. Auf seine Augen war Verlass. Fünf Blasen. Vier nach oben, eine nach unten, in einer alles umspannenden Hülle. Die Vermutung lag jetzt nahe, dass sich die Bewegung so weiter fortsetzen würde, bis zu einer kritischen Stelle vielleicht, ein Meridian, wo sich Innen und Außen gegenüberliegend trafen, an dieser Bruchkannten Linie dann ineinander überschwenkten, unter Begleitung eines floppenden Geräusches, ganz ähnlich einem Gummitwist. Aber das sollte nicht geschehen. Vielmehr hörte die stete Ausdehnung auf, und es entstanden durch den Schlängelkurs des Ovals immer mehr Blasen, bei denen es ihm vorkommen wollte, als würden sich einige von ihnen, von ihren Polen angefangen, wiederum mit besagtem Mechanismus nach Innen durchdringen. Ein Teil schien sich auch noch zu drehen, längs einer Geodätischen zu bündeln und an ihr entlang zugleiten. So als ob die Blasen sich vor sich selbst herschöben. Und mit zunehmender Zahl an Operationen wurde alles immer undurchschaubarer. Er sah nur noch sich wölbende, nur noch in sich dringende und durchdringende Blasen. Alles aus einem Einzigen heraus. Und dennoch war da irgendwie noch etwas innerlich enthalten, obwohl es sich nur noch schwerlich als Kind ausmachen ließ. Nichts gleicht der Vollendendung einer Kugel, eine Sphäre, so dachten es sich die alten Griechen. Sie teilt Alles in ein Innen und ein Außen. Doch diese Blase schien ihr eigenes Leben mit sich zu führen. Das, was noch zum Vorschein kam, hatte kaum mehr Ähnlichkeit mit Menschlichem.

    Dann war es über den nächtlichen Gedanken hinaus irgendwie geschehen. So als hätte sich die Blase unter penibler Vermeidung und Umgehung jeglicher Riss-, Knautsch- und Knickstellen in ihrer Gänze von Innen nach Außen gestülpt. Mit samt ihrer beherbergten Leibesfrucht. Denn auch das Neugeborene sollte sich nun außerhalb befinden. Außerhalb der Blase, denn eine runde, gänzlich unversehrt Blase war es ja nun wieder. Chirurgisch diffus ins Unwirtsame der fächernden Strahlen geworfen, krabbelte es ein paar Meter am Boden, richtete sich dann auf und schaute zu ihm hoch. Mit generös ausfallender Segmentierung des Rumpfes und seiner Gliedmaßen vom Filigranen zum Grobschlächtigen, zeichneten sich zwar immer noch untrügerisch die Züge eines Kindes ab, eines Neugeborenen, aber nun eines mit fürchterlich entstellter Fratze. Das linke Auge befand sich oberhalb versetzt zum rechten. Beide versprühten in ihrer asymmetrischen Ausdrucksform den Anschein eines boshaften Derwischs. Der geöffnete Kindesmund entblößte zwei Reihen verfaulter Stummelzähnchen, und die Wangenknochen waren soweit nach außen gebogen, dass sich die Backenhaut bis zum spitz zulaufenden Kinn wie ein nasser Lappen spannte. Der komplette Körper war zerfurcht und mit schrumpeligen Beulen übersät. Einige aufgeplatzt, grün gelbliches Eitersekret quoll aus ihnen hervor. Die Bauchnabelschnur war nicht abgetrennt, oder was immer das sich Windende auch sein mochte, denn es bewegte sich in der Luft wie eine Schlange, wie eine Art Rüsselfortsatz für neugeborene Dämonenkinder.

    „Da staunst du, was?“, zischte es provokant durch die Nacht nach oben. „Ganz recht. Und zwar gleich doppelt und dreifach. Nicht nur, dass ich reden kann, verblüffen dich obendrein noch meine Züge. Meine Ähnlichkeit mit einem Kind. Bin aber keines. Diese Hülle habe ich mir nur geborgt. Nur angeeignet, von denen ganz weit oben. Wir sind ja unter uns. Es merkt sonst ja keiner. Ja, ja, die körperliche Übung findet ihren Widerhall mitunter auch in den Gedanken.“ Es formte nun seine Arme über dem Kopf zu einem großen Kreis zusammen, und ließ sie langsam wieder zur Seite gleiten. Sprach zu ihm indes wie mit einem Kinde. „Der Apfel ist soooo groß. So, so, so, so groß. Und nun pass schön auf.“ Ohne auszumachenden Ansatz schoss das Ding zu ihm hoch, packte ihn von unten an seinen Füßen, schwang sich dann in einer viertel Kreisbahn weiter nach oben, wobei es sich die eigene Aufwärtsbewegung und die größere Trägheit der gepackten Masse zu Nutzen machte, verlagerte dadurch seine lotrechte Flughaltung in eine horizontale Schieflage und rammte ihn dann mit dem Schädel voraus durch eines der geschlossenen Fenster ins Dachgeschoss.

    Er steckte fest. Kam nicht mehr heraus, konnte nicht mehr fliegen, schaute stattdessen nun auf einen Parkettboden. Blut tropfte von seiner Stirn runter auf eine der geschliffenen Planken. Seine vordere Hälfte registrierte ihre Nähe. Er drehte den Kopf. Kopflinks. Die Verbindungstür zum Nachbarzimmer stand offen. Sie trug nur ein weites Shirt und sah durch ihn hindurch als sei er nicht vorhanden. Als ob kein halber Mann aus dem Fenster in ihre Wohnung stach. Ihre Beine waren bis nach oben entblößt, sie trug nichts drunter. Ja, nun sollte er hier sein. Nun war er bei ihr, in ihrer Wohnung. Dort, wo er immer sein wollte. Sah sie halb, sah sie halbnackt. Zur Hälfte. Angespitzt und blutend. Keine günstige Lage. Und er wusste das braune Ding noch hinter sich. Sehen konnte er es jedenfalls nicht, steckte ja mit eng anliegenden Armen im Rahmen fest. Er fühlte aber, wie an seiner anderen Hälfte, derjenigen außerhalb der Mauer, sich etwas sehr Weiches und auch Glitschiges, etwas sehr Formbares an ihm zu schaffen machte. Hätte er nicht zuvor mit eigenen Augen den aus dem Bauchnabel sich schlängelnden Rüssel gesehen, das Gefühl wäre ihm vorgekommen, wie das durch eine nasse, über seine Knöchel leckenden Zunge Ausgelöste. Ja, es musste der Rüssel sein. Er schlang sich um seine Beine. Von den Fußgelenken aufwärts. Bis hoch zu den Oberschenkeln. Surrte sich dann straff zusammen, so dass sich ein Einzelnes nicht mehr bewegen ließ. Er wurde nervös, wurde panisch. „Lass mich los“, brüllt er. „Du raubst mir meinen Platz. Du nimmst mir die Luft zum atmen.“

    „Platz, Platz, ja natürlich, mehr Platz. Das Leibthema des Menschen. Aber ich sage dir, wir alle brauchen mehr Platz. Und weich mir jetzt ja nur nicht aus, etwa ins Dimensionale, du Großmaul. Begnüge dich damit wo du dich befindest. Im Übrigen würde es dir dort auch nicht gelingen dich zu befreien. Denn wenn eine Hand gespiegelt wird, und übergeht in eine entstellte Kindesfratze, dann geht das nicht so nebenbei, so nebenbei daher. Ja nebenbei, was für eine herrliche Wortschöpfung. Spricht sich so leicht, so leicht daher. Sprechen alle Stimmen oft und leicht und immer wieder. Nebenbei. Nebenbei, jawohl, mach es nebenbei. Ja, nebenbei. Die Sinnhaftigkeit dessen was wir tun. Jawohl, nebenbei. Und wohin willst du denn mein Freund? Wohin wolltest du nur? In dieser gequetschten Haltung wird dir gar nichts mehr gelingen. Nein, nein, das Plätzchen hier ist schon genau das Richtige für dich. Sieh nur schön zu, Zeit und Ort sind gut gewählt.“

    Es passierte. Es hatte geklopft, jemand trat ein, er wusste, das würde einmal so geschehen. Der Obhut Mann stand vor seinem Kopf. Er zögerte einige Augenblicke, ging dann schnurstracks an seinem sich aus der Wand in den Raum reckenden Torso vorbei ins angrenzende Zimmer, ohne dabei von der Umgebung irgendwelche Kenntnis zu nehmen. Zunächst musterte er eindringlich ihre entblößten Beine, hockt sich ihr dann gegenüber, und entledigte sich nach kurzer Verweilphase am Boden seiner Uniform. Jetzt holte ihn die Illusion ein. Er vergaß sich gänzlich darüber. „Lass mich los, du Unding. Lass mich kurz nachdenken. Nur einen Moment lang, nur für einen Augenblick“, brüllte er rasend vor Schmerz und Verzweiflung aus seinem Fenster. „Nein, nein, du bleibst schön hier hängen“, entgegnete ihm das Ding außerhalb, von der anderen Seite. „Aus diesem Rahmen sollst du mir nicht mehr entkommen. Nein, nein, du bleibst schön hier drinnen stecken. Deine Stimme zählt hier nicht. Musst bei allem zuschauen und zuhören. Das ist es doch, was du wolltest. Das war es doch, was dich hierher trieb, die Absicht hinter deinem Fliegen. Oder belügst du dich etwa, du Sprücheklopfer? Du weißt doch, wie sie zu dir steht. Der gefühlt schönste Ort, pah, was für eine Farce.“ „Warte, ich verstehe das nicht. Es fehlt da was. Es geht sich nicht auf.“ „Nun quengle nicht so. Ja glaubst du denn, der Betrachter, der Außenstehende, befände sich in einer anderen Lage? Er teilt deine Misere, und so soll es auch sein, so steht es für euch geschrieben. Ich handle nur danach. Das muss man wegschneiden, operativ entfernen. Das Vor- und Einbehalten von vermeintlichen Tatbeständen, ist nun mal nicht gleichzusetzten mit dem Aufbau eines Mysteriums. War es noch nie. Dionysisches und Apollinisches können nicht miteinander. Denn wenn die Idee dem Bild vorrauseilt, und ihm keine Zeit lässt sie wieder einzufangen, wird das nichts. Hopsala, vorbei ist’s ganz plötzlich mit der Güte. In umgekehrte Richtung gilt das ganz genauso. Aber das nur am Rande. Und deine Akte besteht nur aus Zahlen. Abstrusen Zahlen, welche keinerlei Verständnis für die Musik dieses Hauses haben. Solltest also besser deine Einstellung überprüfen. Dein Schutz hinter den Kolonnen. Ja, das Leben lässt sich so schön aussitzen. Sinniere also ruhig drüber weiter, im Tatendrang die neue Tat zu beginnen. So findet selbst der Tölpel zum Ausdruck von Mut und Wille. Und so kann es für ihn dann auch keine Treppe geben, hinauf zum betörenden Gesang. Nur dumpfe Schmerzen im Erdgeschoss. Lähmendes, betäubendes Bohren im Gewande eines weißen Engels, welcher in dein Innerstes dringt, und zu diesem gleichermaßen werden soll. Muss ich’s dir weiter vorsagen? Etwa soufflieren? Ja, ihr Engel, ihr seid Grund, weshalb es keine Treppen gibt. Treppen die du hinaufsteigen könntest, um an ihre Türe zu klopfen. Treppen hinauf, hinauf im musikalischen Haus. Also sieh an, ich pisse anstelle deiner auf sie. Auf euch, ihr steinernen Welse, ihr Nelken. Ich pisse euch alle an. Ihr, ihr in Kuh Nabel. Ihr Inkunablen, ihr Führer dieser Welt. Ich pisse auf euch. Warum? Weil ich zum Mensch geworden, nur darum. Downtown – waiting for you tonight? Downtown – you’re gonna be all right now? Nein, nein, mein Bester, so verhält es sich nicht. Anstelle des jungen Mädchens auf ihrer Anhöhe, ist es nur eine dicke Tante. Sie steht auf ihrem Grabe. Geh, lauf ins Tal und hole frische Erde, ruft sie dir zu. Geh, lauf geschwind. Und du läufst. Läufst mit den Händen auf einer Karre. Rollst hinunter, purzelst ins Tal. Gleich dem Horizont. Wickelst dich ein in ihm. Denkst, hebst gleich ab. Doch das Flugzeug kommt dir zuvor. Steigt schon auf, von unten aus dem Tal. Und du rollst weiter mit dem Horizont. Das Flugzeug steigt und steigt, bis auf Augenhöhe. Du siehst die Tante von unten. Über dir, aus dem Grab. Über dir, frische Erde. Ja ihr. Ihr inkunablen Führer dieser Welt. Ja, ich hasse euch, und du gleich mit mir. Denn nun dreh ich dich, nun dreh ich dich, dann dreht sich‘s dir, mein Freund. Wirst bald schon richtig liegen und alles ringsum vergessen haben.“

    Die Umschlingung seiner anderen, im Freien gelegenen Hälfte, erschien ihm jetzt noch fesselnder. Die Beine waren abgeschnürt, das Blut konnte nicht mehr richtig zirkulieren. Der Obhut Mann tauchte nach unten in die Tiefe ab, nein, es war nur sein Kopf, der sich zur Seite raus, bewirkt durch den sich enddrillenden Rüssel, nach oben zu bewegen begann. Er wurde gedreht. Gedreht in dem Rahmen in dem er fest hing. Wie ein Schraubstock, so präzise. Ein Holzbrett zerberstender Schraubstock. Seine Arme schrammten an der mit Glassplittern übersäten Kante längs, schmirgelten sich ab. Ein kurzer Moment der Befreiung, schon spürte er wieder die Enge.

    „Sieh nur, sieh nur genau hin“, verhöhnte ihn das Ding. „Bist nun ganz dabei. Kein Spuk und kein Traum mehr. Bist einverleibt. Das, was ich dir anzubieten habe. Die Realität. So sind nun mal die Dinge. Hiernach soll es dir nicht mehr gelingen dich in den Schlaf zu beruhigen. Die Variationen deiner Allmachtgeschichten werden sich verlaufen. Selbst mit geschlossenen Augen kreist es sich dir. Ein Beschluss zum einzig Sinnvollen, um dem Kreisen ein Ende zu gestalten, wieder Herr über die Variationen zu werden, nämlich dir den Finger in den Hals zu stecken und dich über der Kloschüssel zu erleichtern, hernach mit kaltem Schweiß gebadet wieder ins Bett zu begeben und dich in den Schlaf zu wiegen, kann dir in deiner Lage, in der Phase der gequetschten Schwebe, nicht mehr gelingen. Wirst nicht einmal mehr an die Decke starren können. Tageswerk der eigentliche Skandal? Die Groteske? Pah, dass ich nicht lache. Die wahrhafte Erniedrigung in euerm jämmerlichen Dasein besteht einzig und allein darin, dass alles immer nur so ist wie es ist, sich niemals ändert und ihr keinen Einfluss darauf habt. Eine Akte ist eine Akte, ein Dokument ein Dokument und ein Stuhl ein Stuhl. Ihr betrachtet Ereignisse in geometrischen Figuren. Kreise, Kugeln, Bänder. Kategorisiert fein säuberlich, bildet Gruppen, sogar in jeglicher Dimension. Zeichnet Diagramme anhand dieser Gebilde und findet darin wieder nur die alten Formen. Ruft dann Heureka, welch immenser Gewinn. Zeichnet erneut Netze und Gebilde, und spiegelt darin wieder und wieder nur die gleichen Strukturen. Verdenkt euch darin. Gitterstäbe, mein Freund, sind nur zu dem Zwecke gut, damit das Tier nicht aus dem Zoo kann. Die Frage die sich aber immer stellt, wenn man sich vor einem Gitter aufhält, auf welcher Seite steht man nun? Du denkst du seist frei, weil der dich umgebende Raum weit und groß ist. Doch stülpe ihn mal nach Außen und vergewissere dich, ob du die ganze Zeit nicht nur in einer Zelle gehaust hast. Selbst dein Richter ist niemals frei von der Handlungsperspektive. Aber das überschreitet deinen Horizont. Ja, Merkwürdigkeit der selektiven Wahrnehmung. Merkwürdigkeit der unterbewussten Steuerung. Loszulassen von den Bildern die man hat. Die ewig gleichen Bilder. Selektive Wahrnehmung. Selektive Bilder. Über Jahre geschaffen, über ein Leben hinweg. Vom Unterbewusstsein der Gesellschaft, den logischen Routinen.“

    Der Fensterrahmen verzog sich, vielleicht aber auch nicht, vielleicht lag es nur an seiner Drehung, er konnte das nicht mehr genau sagen. Durch seinen Spalt hindurch ließ es sich nicht mehr deuten. Das Zimmer war allerdings schräg versetzt. Bald mal oben, bald schon wieder unten, die Münder zu einem leidenschaftlichen Kuss verschlungen. Ihre Beine jetzt weit über seinem Rücken. Kurz darauf schon die Handflächen der Obhut an ihrem Kopf vorbei zu ihm gestreckt.

    „Ich drehe dich und dreh dich, bis du es kapierst. Durch meinen biegsamen Rüssel, von Muskelfasern zusammengeknüpft, vor und wieder zurück. Ein Blick von dir, du drehst dich, ein Zweiter und immer so fort. Klebst eins nach dem andern zusammen, und glaubst so alles zu ermessen. Pah, du unverbesserlicher Tor.“

    Über ihm nun die Decke, grad eben noch unter ihm. In seiner schwindelerregenden Lage war jetzt nichts mehr klar auszumachen. Er verfolgte alles nur szenenhaft, schnappschussartig, was auf der Bühnenfläche des sich vollziehenden Aktes geschah. Wie das Ding empfohlen hatte, wie er es zu verstehen glaubte, musste er sich die ihm fehlenden Bilder hinzudenken. Verklebte sie mit den ihm Zugängigen, um noch die Reste von Möglichkeit einer räumlichen Vorstellung aufrecht zu wahren. Was er sah, versetzte ihn außer sich. „Lass mich los“, brüllte er abermals. „Lass mich los.“ „Ptschhht, mein Freund. Ganz Ruhig. Gleich schon ist es vorbei. Warum nur so in Rage, gleich schon hast du’s hinter dir. Sieh‘s dir bis dahin nur weiter an, und wie toll sie dabei abgehen. Dann und wann nur eine Pause, und schon beginnt es von Neuen. Jetzt hörst du ihre Stimme. Ihre dir wahrhaft niemals Veräußerte. Nur das Liebliche, das immer nur draußen, in deinem kognitiven Außerhalb Vorgestellte, rekrutierte sich als Balsamen für deine Seele. Das hier jedoch ist was anderes. Von viel gröberer Natur. Nur etwas für Hartgesottene. Jawohl, sieh nur, jetzt spreizt sie ihre Beine, macht sie wieder breit. Jawohl, nebenbei. Ganz so nebenbei. Wie einst Adam und Eva im Paradise. Sieh nur und fühle, wie sich seine Finger hingebungsvoll um ihren Arsch kümmern, und ich dir deinen mit meinen gleich aufreiße. Oder besser noch, mit meinem Rüssel.“

    Der Nabelfortsatz drang nun in ihn ein, und wühlte sich querbeet durch seine Eingeweide. Es fühlte sich an, als würde ihm alles unterhalb der Bauchdecke eingeschnürt. Oben im Hals umwickelte er sich um die Luftröhre, bog dann von dort nach unten ab. Am Ende angelangt, kam die Spitze durch sein Arschloch wieder raus. Machte an der frischen Luft jedoch gleich wieder kehrt, und drang erneut von außen in sein Loch. Er versuchte sich dagegen zu Wehr zu setzen, machte sich steif.

    „Na, na ,na. Entspanne dich. Verkneif dir nicht so den Arsch. Das ist ungesund. Wo einer drin ist, passt gut und gerne noch ein zweiter rein. Ja, die Reinheit des Gedankens ist immer nur so rein wie ein aufgerissener Arsch. Also entspann dich. Wie früher. Damals war doch auch alles gut für dich. Was du nicht alles träumtest. Was nicht verborgen hieltest in deinem Herzen, es niemals mit anderen teiltest, nur alles zum Scheine spieltest. Es vorgabst, dich selbst über die Zeit so belogst. Ja, du kanntest sie über all die Jahre in deinen Vorstellungen, und doch redlich nicht. Nun mach es dir und mir doch nicht so schwer. Schau ihnen zu und entspanne dich dabei.“ Etwas fummelte an ihm unten rum. Ihm wurde anders. Wusste nicht, ob es schön war oder nicht. „Hör auf. Hör auf mit all dem“, schrie er. „Ja was beklagst du dich, fühlst doch nun Beides in Einem. Welch Privileg. Aber um Gottes Willen, du wirst mich doch nicht etwa vollnässen, nun, wo ich dich küsse? Verpasse dir lediglich ein paar Schmatzer. Mphii, mphii, mphii. Ja was ist? Nun mach schon. Küss mich auch. Hat dir das denn keiner beigebracht, diese Art des Küssens? Eu, sieh einer an. Jetzt nuckelt sie. Warte, das sollst du ihr gleich tun. Noch einmal rein, noch einmal raus und dann wieder Schicksalssprung. Zweitsicht, jawohl Rundumsicht. Wir ejakulieren jetzt alle beisammen. Und zwar im gehobenen Stile. Denn dein Inneres will gründlich gespült, deine Eingeweide gut geschmiert sein. Freue dich also, jubiliere hoch zum Herrn, denn jetzt sollst du es auch noch schmecken dürfen. Bist nun mit all deinen Sinnen vollends zugegen.“

    Der Obhut Mann dort oben über ihr, er rieb sich ab. Es schmerzt nur noch in diesem wie aus Blei gegossenen Rahmen. Draußen, wie war es bis dorthin zu schaffen? Wie hat er sich hier nur eingeschlichen? Was musste er dafür tun, was hergeben, und was nicht, weil es ihm angeboren war? Er versuchte sich zu beruhigen, versuchte wieder Herr der Dinge zu werden, indem er sich beschwörend in seinem Drehschwindel überlegte, dass auch diese Erscheinungen, wie alles im Leben, irgendwann einmal vorübergingen. War es bisher nicht immer so gewesen? Es handelte sich doch alles nur um solches, musste es doch, nur um Erinnerungen und schwere Last. Mehr nicht. Alles nur im Kopf, als Zerrbild längst Geschehenen, das sich ständig um sich selber drehte.

    Der Obhut Mann jetzt wieder unten, nun wieder auf ihr. Ihre Beine fest um ihn umschlungen, diesmal weit oberhalb seines Körpers, über den Schultern. Er betrachtete sie. Sah auf ihre Leiber. Und fühlte gleichzeitig den Rüssel in seinem Schädel. Alles zu seiner Rechten war von ihm aus kurz links gesehen. Aus überkreuz wurde verschlungen. Sah nun auf ihrer Liebespose einen sich bewegenden Schatten. Sah seiner Siluette dabei zu, wie die Rüsselspitze in seinem Inneren sein rechtes Auge abtastete. Sein Spiel fand eine natürliche Erweiterung im Außen. So besah er sich also den Rüssel. Sah durch ihn seine Gedanken. Fühlte sie sich von Innen nach Draußen stülpen. Ja, sie lagen nun auf ihren Posen im Außen. Sie ließen sich plastisch betrachten. Doch der Druck in ihm stieg, er glaubte, sein Rechtes würde platzen. Es beulte sich aus, so dass die Leiber eine Delle bekamen, wobei sie nun Schulter auf Schulter lagen, just ins Eck versetzt und mit dem Rücken an die Wand gequetscht. Mit der Unwucht dieses neu Entstehenden, gelang das Drehen in seine letzte Phase. Das sah und spürte er ganz deutlich. Denn der Schatten machte eine Wende, löste sich von seinem Grund, löste sich von den Leibern. Er kam auf ihn zu, quetschte sich mit seinem Ende durch die Lippen in seinen Mund. Verspritze dann in gebündelten Schauern das sich in seinem Fortsatz angesammelte Eitersekret aus den schrumpeligen Beulen. Einbalsamierter, verfaulter Quark. Schaler Geschmack, der sich ausschließlich nur noch im lüsternen Wohlwollen offenbart. Eine Partitur aus Quark.

    „Nun hör es dir an. Auch sie ist jetzt soweit. Und danach alles wieder von vorn. Nur noch einen Dreh schneller. Jawohl, ganz so nebenbei. Jawohl, jawohl, du selbstgebeutelter Affe. Ab ins Paradies. Ab ins Vorwärts.“

    Es kam nun immer näher. Das Fenster kam ihrem Keuchen immer näher. Immer näher, immer näher. Das Geräusch war nun ganz dicht. Ganz dicht bei seinem Fenster. Er würde zucken. Wieder da. Entäußert riss er die Decke beiseite, sprang aus dem Bett, zog sich T-Shirt und Unterhose aus, machte nackt und voll erregt, auf und ab ein paar ausfallende Schritte. Dann brüllte alles aus ihm heraus: „Komm schon her, sieh mich an. Ja, hier unten bin ich. Hier unten. Zeig dich mir. Schau zu mir hinunter, hier stehe ich, Goliat der anständigen Welt von oben. Dein maschinelles Treiben bringt uns Kellerloch Insassen zum abzahnen. Dein Wahnsinn, tu nicht gut der Alma Vera, steht zwischen uns. Zeig dich dem Fliegendreck, dessen brennender Dampf das Hirn umnebelt und sich in alle Poren ätzt. Ich werde dir schon Beine machen. Nun stell dich mir.“ Erschrocken über seine Reaktion, griff er hastig nach Handtuch und Seife und huschte durch die Tür. Als er vom Duschen zurückkam, war der Rasenmäher verstummt. Im Zimmer roch es nach frisch gemähtem Gras. Er trat ans Fenster und schaute über die Wiese auf die angrenzenden Felder. Von dem Mann war weit und breit nichts mehr zu sehen. Er sollte sich mehr bewegen. Ja, das sollte er. Bewegung und frische Luft würde ihm gut tun. Draußen zeichnete sich ein wunderbarer Frühlingstag ab, und Herr H beschloss eine Wanderung durch die Erdbeerfelder zu machen.

TitelIm Kellerloch II
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