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Fotografie, Abstrakt, Rund,

EinsZweiDrei

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    Von Tim Weber hochgeladen am 02.06.2017

    Das Herrn H bis zur Veranstaltungsstätte voranschreitende Germanenpaar sollte sich im anschwellenden Tumult des dichter werdenden Gedränges unbemerkt aus seinen Augen gestohlen haben. Er entschloss sich daher etwas abseits neben eine Frau reiferen Jahrganges zu stellen. Die hochgesteckten Haare und die viele Schminke im Gesicht hoben ihre ohnehin schon stark affektierten Züge noch hervor, kaschierten dafür umso mehr jeglichen, auf den Alterungsprozess zurückzuführenden, natürlichen Verfall, und ließen somit eine genauere Einschätzung, was das Alter betraf, kaum mehr zu. Ihre Handgelenke waren umringt mit silbernen Reifen und allem möglichen Klimbim. Die vielen Amulette, die sie um den Hals trug, drohten ihr in den verwelkten Ausschnitt zu fallen, der alleine schon für die Jahreszeit viel zu viel von ehemals wohl Gutem preisgab, was man sich aber nun, in dem nicht nur mehr für die Jahreszeit als überreif zu kennzeichnendem Zustand, ohne die enganliegende, tragende Stütze ihres monströsen, schwarzen Riesen BHs, ohne Mann in Not auch gar nicht vorstellen wollte. Ihr Aussehen sticht selbst noch aus dem Össelser Germanenkarneval, dachte Herr H. Schrill sah sie aus. Schrill und kontrastreich, mit all den Reifen und glänzenden Amuletten im unkonventionellem Erscheinungsbild der gräulichen Horde. Es lag wohl auch daran, dass man nicht den Eindruck gewann, sie wäre verkleidet, obschon die Ausgehtauglichkeit ihres Outfits sicherlich in Frage gestellt werden dürfte. Was sollte man auch von dem ganzen Glitzerzeug halten? Eine ins Alter gekommene Glitzerprinzessin auf einem dörflichen Germanenumzug, nichts weiter. Aber es war schließlich auch Karneval, die fünfte Jahreszeit, da sollte man es mit solchen Dingen nicht zu übergenau halten.

    „Ich vergesse niemals ein Gesicht“, quatschte sie ihn nach einer Weile von der Seite an, wobei sie ihm nur mäßig die mit reichlich Rouge wattierte Wange über ihrer linken Schulter zeigte. „Gestern Abend, im Gropiusstübchen.“ Ihr Kinn reckte sich in Richtung des linken Gebäudeflügels. Herr H schüttelte nur den Kopf. Sie verwechselte ihn ganz offensichtlich. Er machte keinerlei Verrenkungen sich auf sie einzulassen, das verbot ihm schon der Stolz und schaute sich stattdessen ein wenig um. Der Germane mit den Kopfhörern auf den Ohren, der sich auf der Ladefläche die ganze Zeit über an einem Schaltpult konzentriert zu schaffen gemacht hatte, war nun offensichtlich soweit. Er hatte den Dreh jetzt wohl raus, aber anstelle Össelse Allaf, oder weiß der Geier was, waren die ersten Musikklänge wieder nur von der Tonlage, als hätten die Boxen beschlossen, in einem einzigen dröhnenden Entladungsstrom ihr Zeitiges zu segnen. Nach dem ersten misslungenem Aufheulen vernahm man allerdings unverkennbar das Gitarren-Bass-Drum Intro von Killing in the name of love der Gruppe Reage against the maschine. Eine jener unverwüstlichen Hymnen aus Herrn H‘s Jugend, freilich schon eine Weile her, die für das Zeitige segnen von schon so manch einer Box verantwortlich zu machen gewesen sein dürfte, wenn nicht sogar von ganzen Boxengenerationen. Rockpoesie im veredelten Sinn einer Wortpartitur, die mit dem Einsatz ihrer ersten dysfunktionalen Harmonieklänge, oder aber anders herum, dem Einsatz ihrer ersten harmonischen Dysfunktionalklänge, jeden noch so fad schmeckenden Eintopf gleich in einen brodelnden Hexenkessel verwandelte. Für eine Karnevalsveranstaltung überkommener Tradition zwar ganz sicherlich nicht geeignet, aber was will schon überkommen heißen, angesichts dieser Wilden? Während des bleiernen Einsatzes der bis ins Mark erschütternden Anfangsakkorde, überzog es die Hälfte aller versammelten Germanen mit einer dicken Gänsehaut. Die Junggermanen begriffen als erste, welche Stunde nun geschlagen haben sollte. Sie übten sich in zotigen Posen, im Headbanging mit gehörnten Helmen, während das ältere Semester selbst zu dieser Musik, wie wohl zu jeder Musik, den Foxtrott Schritt atonal aus den eingerosteten Knochen zauberte. Als der Song seinen Höhepunkt erreichte, brüllte die Horde der Jungen lauthals und ungestüm „Motherfucker!“, was zu kurzzeitigen Irritationen unter den älteren Foxtrottlern führte. Nach dem fulminanten Finale schien die Musikanlage auf der Traktorlade von Seiten des DJ Germanen mit den Hörmuscheln auf dem Schädel wohl zu genüge eingeweiht. Er kostete seinen heroischen Moment aber noch ein wenig aus, zog ihn in die Länge, indem er mehrmalig „Zicke Zacke, Zicke Zacke, Heu, Heu, Heu!“ ins Mikro brüllte, ließ sich danach von den Jungen unter „Harry, Harry, Harry!“ Sprechchören zeitweilig noch gebührend abfeiern, und schaltete erst dann wieder zurück auf den Stand By Modus. Mit der temporären Überbrückungsspannung direkt im Anschluss des temporeichen Stückes, dessen induzierter Stromfluss durch das Gewebe nun etwas zäh floss, tat sich Herr H etwas schwer, und konzentrierte sich daher wieder auf das Studium des Gebäudekomplexes.

    „Ihre Augen verraten mir, dass sie sich fragen, wem die Ortschaft diese Bausünde zu verdanken hat.“ Herr H verkniff die Mundpartie und zog die Augenbrauen nach oben. Seine Nachbarin ließ nicht locker. „Oh nein, damit liegen sie falsch. Gropiusstadt ist keine Bausünde. Dieses Kastell ist älter als die meisten Häuser des Ortes. Nur Vereinzelte, um den Ring Gelegene, haben ähnlich alte Substanz.“ „Warum Gropiusstadt?“ Herr H fing an von ihrem schrillen Äußeren und ihrer aufdringlichen Art abzusehen. Die Sache interessierte ihn. „Nach dem Bauherrn, Raphael Gropius. Einem normannischen Landser, der im ausgehenden 14. Jahrhundert hier ansiedelte, und das Gebäude als Wohnfeste für sich und seine Gefolgsleute errichten ließ. Vielmehr weis man auch schon nicht. Nur, dass das Bauwerk für die Menschen zu damaligen Zeiten nahezu futuristische Züge annahm.“ „Nicht nur für damalige Zeiten“, räumte Herr H ein. „Ich weiß. Der Architekt ist allerdings unbekannt. Aber jetzt verkommt alles ein wenig.“ „Sie meinen damit die Fassaden?“ Er wischte in der Luft mit einem seiner Finger virtuell entlang der unteren Partien. „Nein, gütiger Himmel, die Farben sind doch mit das Großartigste. An der Fassade wurde meines Wissens nie etwas geändert.“ Sie erzählte ihm dann, dass sie früher in einem der Ecktürme gewohnt hätte, dann aber vor geraumer Zeit in die Stadt gezogen sei. Berufliche Gründe. Das viele Pendeln sei ihr auf Dauer zu anstrengend geworden. Anfang der 90er war das gewesen, als Össelse zu Hannover eingemeindet wurde. Damals standen viele Wohnungen in Gropiusstadt leer. Daher beschloss die Stadtverwaltung die freien Flächen für eines ihrer Modellprojekte zu nutzen. Das Ministerium verfolgte die Strategie, Sozialhilfeempfänger mit vakantem Wohnsitz und schlechter Prognose aus der Gettoisierung heruntergekommener Stadtviertel auf das Land umzusiedeln. Die schlichte Idee dahinter, eine bessere Sozialprognose in einem geeigneteren Umfeld. Die Akzeptanz innerhalb der Dorfgemeinschaft jener Tage für das städtische Versuchsprojekt könne er sich gewiss lebhaft vorstellen. Seither einte die Menschen im Ort eine Art Hassliebe zu ihrem Bau. Sie sei damals allerdings nicht gleich ausgezogen, obschon man es von einem Tag auf den anderen mit Säufern der übelsten Sorte zu tun hatte. Es gab jedoch auch nette Begegnungen. Wie schon gesagt, dann kam der neue Job. Gerade aber zur närrischen Jahreszeit verschlage es sie immer wieder hierher, zurück an ihre alte Wirkungsstätte.

    „Ich denke, sie haben einen Narren an ihr gefressen, so wie sie sie die ganze Zeit über anschauen, habe ich recht?“ Herr H sollte wieder nur das Gesicht verziehen. Seine Nachbarin hatte offensichtlich eine stark verwurzelte Beziehung zu ihrer ehemaligen Wohnstätte, was ihm in dieser übersteigerten Haltung allmählich abwegig vorkommen wollte. Hatte er etwa richtig gehört? Hatte sie soeben in personalisierter Form gesprochen? Einen Narren an ihr gefressen? „Auch an den entlegensten Ecken und Enden kann man so manches finden. Sie müssen nur lange genug hinschauen. Und? Haben sie es schon entdeckt?“ „Was?“ „Na all die Vielfalt. All diese wundersamen Erscheinungsformen. Die Muster. Immer und immer wieder. Lasse sie mal eine ihrer Hände drüber gleiten. Gut fühlt es sich an, nicht wahr? Wie glatt poliertes Holz von bezaubernder Maserung.“ Eine so verdammt innige Beziehung aber auch, wer hätte das gedacht? Herr H’s Wenigkeit jedenfalls nicht. Unter willentlicher zur Schaustellung von Enthusiasmus streichelte sie nun mit beiden Handflächen und euphorisch funkelnden Augen vor sich durchs Leere, so als glaubte sie, das Mauerwerk befände sich unmittelbar vor ihr.

    „Verabschieden sie sich ruhig einmal von ihrem lieb gewonnenen Umfeld. Kneife sie dazu die Augen leicht zusammen. Manchmal hilf das die Dinge erst richtig wahrzunehmen. Und nun sehen sie. Sehen sie selbst. Erkennen sie den Indianer auf dem Drachen?“ Sie startete nun mit einer genauso gemächlichen wie umständlichen Seitwärtsdrehung ihres Kopfes zur linken Schulter hin. Ja, dachte sich Herr H, der nun uneingeschränkte Blickfreiheit auf ihre Kopfoberpartie erhielt, es könnte sich durchaus um einen Haaraufsatz handeln. „Ha, sag ich doch, und gleich schon wieder weg. Nun sehe ich sich aufbäumende Pferde.“ Wenn sie so weiterdrehte, dacht er, würde ihr ungebremst spiritueller Eifer noch zu einem derben Krampf im Hals ausarten. „Ha, schauen sie doch! Schauen sie nur. Die Pferde sind jetzt auch verschwunden. Dafür ist an ihre Stelle ein Harlekin getreten, der um ein Lagerfeuer tanzt. Wunderbar. Ganz Wunderbar diese lodernden Flammen. Sehen sie das? Sehen sie? Man braucht nur den Kopf ein klitzeklein bisschen weiterzudrehen, und schon gleich taucht etwas Neues auf. Eine schier unendliche Fülle. All die Verzweigungslinien, Faserungen und Gravuren, welche kurz zuvor noch für Rumpf und Gliedmaßen zuständig gewesen sind. Alles an diesen Wänden so herrlich austauschbar. So willkürlich. Alles nur wie Disklinationsstellen für die Formen. Wissen sie was das ist, eine Disklinationsstelle? Ich hab darüber mal in einem schlauen Buch gelesen.“ Herr H nickte, sie konnte es natürlich nicht sehen. Allerdings wurde ihm ihr performatives Gehabe allmählich unangenehm. Denn neben ihrem Kopf, der zum Ende gelangt sein sollte und nun mit einem Ohr auf der Schulter lag, verbog sie sich jetzt auch noch in der Hüfte, und wischte indes immerfort mit den Händen in der Leere. Wenn du so weitermachst, redete er mit sich in Gedanken, liegst du gleich auf dem Boden. Einfach so zur Seite gekippt. Von dort unten, mit der Fresse im Dreck, gibt es bestimmt auch viel Wundersames zu entdecken. Ich werde dich jedenfalls nicht auffangen. Nur ein kleiner Schritt von mir zurück nach hinten, und plumps. „Man kann natürlich nicht von einem Code reden, wenn es doch gar keinen geben soll. Nicht im herkömmlichen Sinne, das ist mir schon klar. Aber lassen sie es mich versuchshalber dennoch tun. Denn wissen sie, der Code, oder aber das Programm dieser Mauern scheint an rein gar nichts mehr gebunden. Scheint von einer konkreten Realisierung all seiner Formen und Gestalten, die aus ihm hervorgehen, nichts zu wissen.“ Dorthin, wo sie sich hinbegeben hatte, konnte ihr Herr H beim besten Willen nicht mehr folgen. Und das lag beileibe nicht nur an seinem aufrechten Stand bezogen zu ihrer Schieflage. Er sah nach wie vor nur Fratzen. „Das alles ist doch fantastisch, nicht wahr? So etwas darf man sich unter keinen Umständen entgehen lassen. Die Wiederholbarkeit in der Form. Aber es soll ja kein nahtloses Anschließen sein. Grundgütiger, nein. Das nicht. Ich meinte damit bloß wieder holen, nicht wiederholen. Eins ist weg, ist weg, ist immer noch weg, und plötzlich, wie aus dem Nichts, ist ein Neues da. Sie dürfen diesen Dingen ruhig mit etwas mehr Enthusiasmus begegnen. Billigen sie es sich zu. Denn wenn sie im Ort dauerhaft wohnen bleiben, und vor diesen Mauern immer nur dasselbe sehen, so müssen sie sich schon die Frage gefallen lassen, was sie hier überhaupt zu suchen haben. Ich habe in diesen Mauern jedenfalls noch nie dasselbe gesehen. Und glauben sie mir, ich stand schon oft davor.“ Und lagst wahrscheinlich auch ebenso oft schon davor. Herrje, wenn nicht grad Karneval wäre, grenzte das, was du treibst, schon an Sittenwidrigkeit. Wenn du dich nur noch ein kleines Stück weiter in der Hüfte biegst, möchte manch ein Umstehender denken, du wolltest ihn mir umständlich blasen. Aber was soll’s. Jedem sein Glück. Jedem sein Verschrobenes. „Haben sie es schon mal mit einem Kopfstand versucht?“, antwortete H sarkastisch. „Na, na, na, sie Schlingel. Sie möchten mir wohl unter den Rock schauen?“ War es nun das viele Rouge, oder aber die Röte aufgrund von Blutrückstau, der sich kurz als dunkle Eintrübung des Gesichtes äußerte, und schon im Zuge ihrer Bemühung sich aus der Schräge wieder gerade aufzurichten zu normalisieren begann? Irgendetwas Ungewöhnliches glaubte er kurz gesehen zu haben. Egal. Ein wackeliger Ausfallschritt, dann fasste sie sich mit beiden Händen an den Kopf, als wolle sie ihn frisch gemacht zurechtrücken. „Huch, da bin ich wieder. Unter den Lebenden. Aber schön war es doch, nicht wahr?“ Ganz und gar nicht. Und deinen dämlichen Versuch eines frivolen Lächelns kannst du dir auch schenken. Das, was du mir auftischst, solche Ausmaße an Scharlatanerie, mögen vielleicht grad noch einer Helene Fischer gelingen, wenn sie das Kreisrund der Stadien füllt, um atemlos und auf Stöckelschuhen ihre Jünger Schar trällernd zu bedienen. Du aber, meine Teuerste, siehst mir weniger wie eine Gesangsblondine aus einem wahrgewordenen Männertraum aus, als vielmehr wie ein am Rande der Gesellschaft lebendes Existenzminimum, spottete Herr H in Gedanken.

    „Was machst du eigentlich beruflich“, fragte er, nachdem man sich etwas Zeit gelassen hatte. „Ich gebe Eurythmie Unterricht an einer Waldorfschule. Freiberuflich. Im Norden, Hannover Bothfeld. Deshalb auch der Umzug damals.“ Aha, da haben wir es. Das erklärt allerdings einiges. Daher also deine Neigung zum Verbiegen, züngelte es in seinem Inneren. „Sagt dir Eurythmie etwas? Rudolph Steiner?“ „Rudimentär. Tanz mir deinen Namen, richtig?“ Sie lächelte nur. Zuvor ihre Körperhaltung, jetzt geriet das Gespräch in Schieflage. Es entstand die unangenehme Situation nach einem losgetretenen, kritischen Statement. So würde das nichts. Um also der angezogenen Bande zwischen ihm und seiner Nachbarin wieder etwas mehr Entfaltungsmöglichkeit für Lockerungsübungen einzuräumen, begnügte sich Herr H mit der freien Gestaltung seiner abschweifenden Beschauung einer Gruppe Funke Mariechen, die ganz außen am rechten Turm platziert stehen sollte, und dort offenkundig auf ihren Einsatz wartete. Man versuchte sich mit Glühwein und ein bisschen herumturnen warm zu halten. Mal wurde ein Bein in die Höhe geschwungen, mal ein Hampelmann vorgeführt. Mal sah man ein Höschen das Tageslicht erblicken.

    „Sowas lässt man sich doch nicht entgehen, nicht wahr? Diesmal sollen es übrigens zehn Wagen sein. Rekord. Die stehen allesamt hintereinander gereiht an der östlichen Seite und warten auf den Startschuss. Dann zieht die Trecker Karawane um den Block und der Gaudi beginnt.“ Sie genehmigte sich einen kräftigen Schluck aus einer Flasche, und bot sie danach Herrn H an, der aber mit heftigem Kopfschütteln ablehnte. „Weist du, die Sprache der körperlichen Ausdrucksform wird ja von so einer unermesslichen Mystik beseelt. Ich gerate darüber immer regelrecht in Verzückung.“ Wie man gesehen hat, manchmal auch ins Schwitzen. O.K., lassen wir den Zynismus. „Für Kopfmenschen mitunter schwer zu begreifen, aber so verhält es sich nun mal. Denn die Radikalität ihres Ausdruckes ist kein individualisierter Platz, kein alleine auf die Person ausgerichteter, nur in ihr stattfindender Prozess. In seiner lageorientierten Widerfindung, im Sinne von Widerbelebung, kann zwischen den Menschen ganz Großartiges gedeihen. Wenn du magst, kann ich es dir bei Gelegenheit zeigen.“ Herr H grinste diesmal rücksichtslos. Es lag wohl an der voranschreitenden Tagesstunde, oder an ihrer Flasche Klaren, oder gleich an beidem, dass ihre mystische Sprache, ob nun mit Körpereinsatz oder ganz ohne, ihm ein wenig verwässert klingen wollte. Allemal könnte es auch angehen, dachte er weiter, dass du eine verwelkende Drossel bist. Ja, tanz mir die verwelkende Drossel. Eine gefiederte Drossel, die über Alkohol und eurythmischen Buchstabentanz in Gänze versunken, so allmählich ihre liebe Mühe und Not damit hat, sich noch auf das Wesentliche zu konzentrieren. Beispielsweise die Knitterfalten auf deinem Dekoltet ordentlich mit Puder zu retuschieren. Er antwortete also, da er auf ihr Angebot irgendetwas antworten musste, dass er im Grunde an solch einen esoterischen Mumpitz nicht mehr glaube, wie an die Wirkung eines Placebos. Verschmitzt lächeln sollte er, während er das sagte.

    „Du versuchst alles dingfest zu machen, nicht wahr? Alles gedanklich einzufangen. Ein Stuhl ist ein Stuhl, ein Tisch ein Tisch und eine Akte eine Akte. Aber in die Abendstunden hinein, das sage ich dir, wenn es zum Höhepunkt geht, dann werden Linien zu Feldern, Schleifen zu Flächen und Flächen zu unserer physischen Vervollkommnung. Es ist dann so, als wenn man anfängt zu laufen. Erst langsam, dann schneller und dann noch etwas schneller. Immer und immer schneller. Bis zum Rasen. Ja fühlst du es denn nicht? Wie es anfängt? Wie es anfängt zu vibrieren? So ein zartes Zittern, das den Putz der Wände brechen lassen möchte. Ja, und wie jetzt alles am Rand, alles was man glaubt, dass es dort ist, sich jäh zusammenfaltet. Grundgütiger, mir möchte darüber ganz anders werden! Die Straße! Ja die Straße und der Himmel! Entstehung von Missgestalten. Taucht auf, lösen sich wieder auf, gleich den sich faltenden Häusern. Kein Rand mehr, alles ist ganz im Bilde. Integriert. Ja, jetzt wird es mir anders. Jetzt sehe ich ein Fenster. Es kommt!“ Man höre und staune, sie sieht an einem Haus ein Fenster. Herr H stand kurz davor sich total genervt aus dem Staub zu machen. Sollte sie sich ohne ihn amüsieren. Alleine mit ihren an diese Mauern projizierten Luftgespinsten. Denn entweder, und das musste angesichts ihrer weit aufgerissenen Augen mehr als nur eine ins Blaue geschossene Vermutung sein, war sie eine unübertroffene Naturbegabung was bis zur Ekstase reichende Empfindsamkeiten anbelangte, oder aber sie hatte zu viel Viagra für die prämenstruale Frau geschluckt, welches dann in Kombi mit dem Schnaps in ihrem Magen zu einem giftigen Chemiecocktail geführt hatte, und demzufolge ihr Verhalten auf viel bodenständigere Art und Weise erklären dürfte.

    „Ja, jetzt sehe ich’s deutlich und klar. Warmes Licht strahlt zu mir. Ich nähere mich dem Licht. Ja. Alles zittert nach wie vor. Aber dieses Zittern ist ein Gutes. Es lässt mich die Kälte des Wintertages vergessen. Huch! Eine warme Stube. Ich sehe eine warme Stube und physische Erfüllungen.“ Ihre Stimme klang jetzt so ausgemerzt, wie ihr Dekoltette faltig war. Sie redete nur noch konfus, schon an der Grenze zum geistig Verworrenen. Aber immerhin, das musste man ihr lassen, sie verstand es selbst in diesem Unausgegorenen sich noch zu steigern. Der Alkohol und das Alter, dachte er. Ihre Schilderungen zielten jetzt offenkundig auch noch unter die Gürtellinie. Der Alkohol und Alzheimer, dachte er. Am Ende läuft alles immer gleich. Fehlte nur noch, dass sie sich mit einer Hand in den Schritt griff. Ja, tanz mir die Verrottung deiner Seele.

    „EINS ZWEI, EINS ZWEI! TEST, TEST, TEST, TEST! HÖRT MICH DA UNTEN JEMAND?“

    Es folgte ein phrenetisches Gejohle aus der Menge. Harry machte durch sein Mikro wieder auf sich aufmerksam, dem man es glattweg abnehmen wollte, dass es für ihn nur bis zur Zwei ging.

    „EINS ZWEI, EINS ZWEI! ICH SOLL EUCH SAGEN, ES GEHT GLEICH LOS. KARIN FUMMELT IHM NOCH AN DER HOSE RUM.“

    Harrys Zählkünste und das allseits einsetzende Gelächter über den Hosenfummel, sollten die Nachbarin glücklicherweise wieder zurück zur Erde finden lassen. Bodenständig sah in seinen Augen zwar immer noch anderes aus. Aber was soll’s, zumindest ihr formales Denken wirkte jetzt weniger umständlich und zerfahren.

    „Weist du, wer damit gemeint ist?“ Er beschränkte sich auf sein schon erprobtes Kopfschütteln. „Der Ortsvorsteher. Etwas älteres Kaliber. Er vertritt aber immer noch unsere Interessen im Stadtparlament. Früher war er hier Bürgermeister, jetzt eben nur noch Ortsvorsteher. Er lässt es sich nach wie vor nicht nehmen, die Büttenrede zum Festauftakt zu halten. Das gehört zur Tradition, und ist manchmal sogar recht amüsant.“ „Aha, verstehe. Okay.“ Wieder diese Funkstille. Herr H’s Mundfaulheit zeigte offensichtlich Wirkung. Er schaute neuerdings zu den Funke Mariechen und die Nachbarin hielt sich weiterhin an ihrer Flasche fest. Ach was soll’s, dachte er nach einer Weile. So schlimm kann der Fusel ja gar nicht sein. Und durch roten Lippenstift an einem Flaschenmund war seines Wissens auch noch niemand verreckt. Als er um einen Schluck bat, nahm sie es erfreut zur Kenntnis.

    „Möchtest du, dass ich dir die Legende erzähle?“ „Welche Legende?“ „Die, die zur Entstehung von Gropiusstadt gehört.“ Die Flasche Schnaps fand jetzt spielend von einer Hand zur anderen. „Dazu gibt es eine Legende?“ „Jep!“ „Etwas Schönes aus dem Össelser Poisiealbum? Etwas Erbauliches? So ne‘ Art gute Nacht Geschichte?“ „Jep!“ „Ja klar, dann will ich sie unbedingt hören.“ „Na schön. Du solltest dir aber vor Augen halten, wie früher hier alles aussah. Die Legende spielt nämlich zu jenen Zeiten, als sich die Moorsümpfe bis hoch zur Stadt zogen. Bis an die südlichen Palisaden reichten sie heran. Mit Stadt meine ich übrigens Hannover. Vielmehr das, was es im 14. Jahrhundert sein sollte. Össelse? Fehlanzeige. Das war zum damaligen Zeitpunkt noch auf keiner Karte zu finden. Rundherum war hier alles voller Graslandschaft. Und natürlich die Sümpfe. Ich spreche also von Zeiten, als Gaukler und fahrendes Volk die Wege mit Ochsengespannen säumten.“ „Nicht zu vergessen die Strauchdiebe und Betrüger. Fahre bitte gleich an der Stelle fort, wo der edle Ritter in glänzender Rüstung dem Drachen den Kopf abschlägt, und so der liebreizenden Prinzessin das Leben rettet.“ „Du Kindskopf.“ Sie gab ihm einen Klaps auf den Hintern.

    „EINS ZWEI, EINS ZWEI! DER KNOPF IST WIEDER ANGENÄHT. GLEICH GEHT ES LOS.“

    „Na, dann sollte ich mich wirklich ein bisschen sputen. Also, die Legende will, dass Raphael Gropius, ein Wikinger aus dem hohen Norden, auf einem Drachenbot über Umwege geleitet – bitte sehr, da hast du deinen Drachen – mit seinen Männern bis zum Steinhuder Meer gerudert sein soll.“ „Was natürlich Quatsch ist.“ „Ja, aber so erzählt man es sich nun einmal.“ „Und dort fand er dann Schatz und Prinzessin, und wenn sie nicht gestorben sind, dann….“ Sie stupste ihn in die Seite. „Du bist unmöglich. Beinahe so schlimm wie Harry. Na schön, meinetwegen. Für dich die Kurzversion. Er und seine Mannen sollen also auf Umwegen hier gelandet sein. Und ja, du hast recht, er fand dann auch seine Prinzessin. Ein junges, naives Bauernmädchen aus den angrenzenden Graslandschaften. Des vielen Herumreisens müde geworden, beschloss Gropius sesshaft zu werden und heiratete sie kurzerhand. Er ließ einen Konstrukteur aus der Stadt kommen, es heißt er sei ein Muselmann gewesen, und beauftragte ihn und sein Gesinde mit der Fertigstellung einer Wohnfeste für sich und seine Männer. Unter der Ägide der Wikinger sollte also jener nach seinem Bauherren benannte Gebäudekomplex entstehen, wie man Seines Gleichens zur damaligen Zeit noch nicht gesehen hatte.“ „Sag ich doch. Und wenn sie nicht gestorben sind…“ „Nein, so will es zumindest die Legende nicht. Denn dort taucht noch eine Spanierin auf…“ „Aha, also die böse Hexe. Wusste ich’s doch. Zur verinnerlichten Aufrechtwahrung eines anständigen Legendenzirkels sollte man als genrespezifische Zutat der Story noch unbedingt ein Quäntchen Geheimnis beimengen. Das darf selbstverständlich niemals fehlen, ungeachtet aller möglichen Konsequenzen für die junge Hörerschaft.“ „Mag so sein. Denn man erzählt sich, unheilvolle Kräfte hätten sie damals hergebracht. Mit dunklen Gefolgsmännern soll sie sich umgeben haben. Von denen heißt es, dass sie mit der untergehenden Sonne wie Schatten verschwanden. Nur noch ihre Augen konnte man sehen, deren Weiß die Nacht wie die funkelnden Okulare der Raubtiere durchschnitt.“ „Wahrscheinlich Afrikaner.“ „Nun ja, sie soll von hohem Stand gewesen sein. Dass in ihrer Gefolgschaft auch Afrikaner waren, ist demzufolge im Bereich des Möglichen. Aber wissen tut man es nicht. Jedenfalls umgarnte sie Raphael Gropius nach allen Regeln einer gottlosen Kunst. Sie verstand es manipulativ zu lenken, verzauberte ihn und seine Männer mittels heidnischer Bräuche, die sie aus fernen Ländern mitgebracht hatte. Mit einer eigens nur ihr gegebenen Raffinesse zog sie hinterrücks die gesamte Feste unter ein verhängnisvolles Banner. So dauerte es dann auch nicht lange, und sie sollte Zugang zu Gropius Privatgemächern haben. Es waren böse Zungen aus dem Kreise seiner Treuesten, die von okkulten Orgien im Beisein der dunklen Männer zu berichten wussten. Seine Frau weinte des Nächtigen unentwegt an den Schultern der Gefährten. Tagsüber beschwor sie ihren Mann wieder zu sich zu kommen, sie trug doch sein Kind unter dem Herzen. Doch es half nichts. Sie sollte ihn verloren haben. An einem unheilvollen Tage dann, trat sie auf eine der Zinnen der Feste und stürzte sich in ihrer Verzweiflung in die Tiefe. Die Legende besagt, dass noch während des Fallens ein mächtiger Greif aus den Lüften ihr das Ungeborene mit scharfer Klaue aus dem Bauch entriss. Seither soll sie mit ausgeweidetem Unterleib längs der Mauern fliegen, so will es die Legende. So, das war’s auch schon. Jetzt kennst du sie. Das Ammenmärchen, was sich seit jenen Tagen um Gropiusstadt rankt. Unsere Legende. Jetzt weißt du auch, warum sich die Dorfbewohner heute alle so folkloristisch kostümiert haben.“ „Dann sollen das alles Wikinger sein? Ich bin von Germanen ausgegangen.“ „Wikinger oder Germane, wo ist da der Unterschied?“ „Verstehe. Aber was will die Legende nun eigentlich sagen? Ich meine, was….“ „Oh, wart einmal, ich glaube jetzt tut sich was“, unterbrach sie ihn und schaute gebannt nach vorne, während sich ihre linke Hand kräftig in seinen Arm verkrallte.

    In voller Montur kamen grad sechs Germanen im Schrittmarsch durch das Tor gelaufen, die entweder alle Kleinwüchsige sein mussten, oder aber der Bogen war doch nicht so flach, wie er im Alleinstehungsmerkmal der hohen Mauern zuvor noch gewirkt hatte. Am Ende der Trecker Lade angekommen, wo eine kleine Stufenempore aufgestellt worden war, positionierten sie sich gegenüberstehend in zwei ansehnlichen Dreierreihen. Nach vorübergehendem Stillstehens schauten einige der Männer etwas verstimmt zu Harry auf seine Lade hoch, der, was sein beschwichtigendes Handzeichen mutmaßlich erklären sollte, sich mit irgendeinem technischen Problem rumschlug und daher wohl seinen Einsatz verpatzt hatte.

    HERZILEIN, DU MUSST…..

    Abrupter Stopp. Und dann wieder das die Toleranzgrenze der Ohren so schmerzhaft überschreitende, technische Dröhnen, dessen Ausdehnung zur Rückseite an den dicken Mauern dazu noch unverrückt abprallte, und den gerichteten Effekt eines Widerhalls erzeugte, der, wenn man Akustik- und Körpervolumen im Maß vergleichen könnte, die Germanen in Legendenstaffage zwergenhaft schrumpeln ließe. Vielleicht eine Spur übertrieben, doch alles stand unter dem Eindruck dieses mächtigen Mauerwerkes, und dem auf seiner Lade etwas erhöht platzierten Harry mit seiner aufgebockten Sprechanlage. Aus den Gruppierungen der jungen Wilden setzten wieder die Harry, Harry Sprechchöre ein, was diesen jedoch nicht weiter aus der Ruhe bringen sollte, zu fachmännisch fixiert schien er jetzt auf die stimmungsrelevant, richtige Betätigung seiner Schalter.

    ER GEHÖRT ZU MIR, WIE MEIN NAME AN DER TÜR, UND ICH WEIS ER BLEIBT HIER. NIE VERGESS ICH UNSEREN ERSTEN TAG, NAAA NAA NAA NA, NA NA NA. DENN ICH FÜHLTE GLEICH, DASS ER MICH MAG, NAAA NAA NAA NA, NA NA NA. IST ES WAHRE LIEBE, UUUHHUUHUHUHU, DIE NIE MEHR VERGEHT, UUUHHUHUHUH! ODER WIRD DIE LIEBE, VOM WINDE VERWEHT?

    „JA, JA, JA, JA, LIEBES ÖSSELSE. LANGE HABEN WIR AUF DIESEN MOMENT HIN GEFIEBERT. JETZT SIND WIR ENDLICH SOWEIT. UND ICH ÜBRIGENS AUCH. ER GEHÖRT ZU MIR, JA, JA, JA, JA. DER KLASSIKER VON MARIANNE ROSENBERG. DA FÄLLT MIR SPONTAN ZU EIN: UND ER GEHÖRT ZU UNS WIE DIE SCHLAGSAHNE AUF DIE ERDBEERE. BITTE ALSO UM EIN KRÄFTIGES, DREIFACHES HELAU FÜR HANS-GEORG, UNSEREN ORTSVORSTEHER UND OBERWIKINGER. ÖSSELSE HELAU, ÖSSELSE HELAU, ÖSSELSE HELAU!“

    Der Nachhall im Publikum auf die Ouvertüre und Harrys Animationsversuch fiel diesmal eher mau aus. Das war jedoch nicht weiter tragisch, denn die Ereignisse sollten sich ab nun an häufen. Als erstes kamen zwei Jungmägde. Sie zogen einen von Wunderkerzenlicht erhellten Karren hinter sich her, der bis oben vollgeladen mit Strüsschje war. Nervös kichernd gesellten sie sich mit ihrem Bollerwägelchen ans Ende der wieder stramm stehenden zwei Germanendreierreihen. Die Wunderkerzen versprühten grad ihr letztes Fünkchen, als es dann endlich soweit sein sollte. Aus dem Torbogen schritt nun ein alter Germane. Begleitet wurde sein gravitätischer Auftritt von Fingerpfiffen und enthusiastischem Gejohle aus der Menge, und einer ihm zur Seite gestellten, zünftigen Hausmagd, die ihm umsichtig zur Hand ging. Der Mann zählte sicherlich schon an die siebzig Lenze und trug einen mächtigen Hirschhelm auf seinem Kopf, dessen bizarres Profil durch den unverkennbar ans Gesicht angeklebten Rausche Schnäuzer nur maßvoll abgerundet wurde. Sein orangefarbene Pinguinfrack verlieh ihm eine ganz individuelle Note, ebenso seiner Begleiterin, auf deren fleischigem Äußeren sich das Orange mit rosa Anstrich abzufärben schien, ganz ähnlich dem Effekt der Neonröhre über der Wursttheke. Gut vorstellbar, dass der alte Germane fürstliche Stammestracht gegen orangefarbenen Frack spontan ausgetauscht hatte. Vielleicht auf einen Umstand oder ein Missgeschick zurückzuführen, welches von besagter Karin auf die Schnelle nicht mehr behoben werden konnte. Eine der Jungmägde überreichte ihm nun ein Strüsschje, und anschließend gab man sich noch ein Büssje. Die andere Jungmagd nahm daraufhin den gehörnten Helm von seinem Kopf. Der Schädel wurde sichtbar, auch sie gab ihm nun ein Büssje, auf seine bedächtig sich senkende, kahle Stirn.

    „JA, JA, JA, JA. VON UNSERER HEIDEMARIE UND UNSERER TANJA WERDE ICH MIR SPÄTER AUCH NOCH EIN LECKER KÜSSCHEN ABHOLEN. JA, JA, JA, JA.“

    Man ignorierte Harrys Zwischentöne weitestgehend. Konzentrierte sich stattdessen auf die an Fahrt aufnehmende Prozession. Die sechs Germanen mit Tunnelblick vorne an der Lade zogen nun ihre Plastikschwerter blank und hielten sie mit ausgestreckten Armen hoch gen Himmel, um ihrem zum Stammesfürsten ummodellierten Ortsvorsteher in ruhmestauglicher Fassade ordentlich Spalier zu stehen, und ihm anschließend noch ein kleines Begrüßungsständchen auf der zum Hohlweg inszenierten Siegesstraße mitzugeben. „Ehre dir, Vater, Gerechter und Wortverfechter“, riefen sie mit der nötigen, feierlichen Würde einstimmig, was jedoch nur eingedämpft beim Publikum ankommen sollte. Kein Wunder, denn selbst sechs stattliche Germanen stimmlich vereint, hielten dem akustischen Vergleich mit Harrys Bariton und seiner von Mikro und Technik unterstützten Stimmungsmache allenfalls kläglich stand. Und dieser durchs technische Wunderwerk sprach- und stimmgewaltig Emporgestiegene der Stunde, ließ es sich dann auch nicht nehmen, auch diese Szene der Aufführung von seiner Lade aus zu kommentieren.

    „JA, JA, JA, JA! EHRE AUCH VON HIER OBEN. GEBÜHRENDER RESPEKT FÜR HANS-GEORG, MEINEN VORGESETZTEN. WIE ICH SEHE, HEUTE MIT BEEINDRUCKENDEM SCHNÄUZER TOUPET UNTERWEGS. AUCH WENN SO EIN HAARTEIL ÜBLICHERWEISE AUF DIE PLÄTE GEHÖRT, UND NICHT VOR DIE LIPPE. JA, JA, JA, JA!“

    Da schien etwas mit der Choreographie schief zu laufen. Möglicherweise ein Problem der Feinabstimmung, oder aber einer unterlassenen, präzisen Absprache im Vorfeld. Harry schien in den Augen der anderen nicht mit dem nötigen Ernst bei der Sache zu sein. Die Zornesröte im Gesicht des Stammesfürsten sprach jedenfalls Bände, und das auch noch durch den Schnäuzer hindurch, der beinahe schon die halbe Gesichtspartie verdeckte. Einer der Männer drohte ihm sogar, indem er sein Schwert ungestüm über dem Kopf kreisen lies, und dadurch billigend in Kauf nahm, die Choreographie der sich berührenden Klingen kurzweilig zu schneiden. Die seiner Wenigkeit geltenden, giftigen Blicke, sollte jedenfalls auch der ambitionierte DJ bis auf weiteres zur Kenntnis genommen haben. Ja, ja, ja, ja, tradierter Germanenkarneval aus dem hohen Norden ist ernste Sache und will gekonnt sein. Er fordert dem geneigten Jäcken einen gehörigen Schuss an Disziplin ab. Nicht jede Eintagsfliege taugt dazu. Ja, ja, ja, ja.

    In den Fängen der stämmigen Magd untergehakt, durchschritt unser Obergermane nun den Tunnel aus Schwertern bis zur Empore. Beinahe hätte es hier noch ein Missgeschick gegeben, bei dem es alleine mit dem Annähen eines Knopfes nicht mehr getan gewesen wäre, aber dem Pfundsweib an seiner Flanke gelang es gerade noch im rechten Augenblick durch einen beherzten Griff an seine Hinterbacke die plötzliche Instabilität abzufangen, welche sich zunächst nur durch ein leichtes Taumeln auf dem dreistufigen Treppensteig andeutete, um hernach just in ein eruptives Stolpern überzugehen, und dann infolge des ausbalancierenden Zupackens zu einem halbwegs kontrollierten nach vorne Kippen auf die Ladefläche führte. Zumindest die Hosennaht sollte sich bei dieser Aktion als erstaunlich reißfest erweisen. Man wusste nicht mehr zu sagen was praller war, die zum Bersten gespannte Bux des Fürsten, oder aber die fleischigen Arme der Pfundsmagd, die sich mit aller Wucht gegen dieses Monstrum von Hinterteil stemmten. Harry verkniff sich diesmal jeglichen Kommentar.

    Irgendwie schaffte er es dann doch noch auf die Lade. Ohne ihn jedweden Blickes zu würdigen, ließ er sich von Harry ein Mikro geben, zupfte sich dann den Frack ein wenig zurecht und schaute durch seinen in der halsbrecherischen Aktion verrückten Bart - der nun nicht mehr nur die halbe, sondern beinahe schon die ganze Gesichtspartie bedeckte - bedeutungsschwer über sein Dorf und die aus allen Winkeln und Ecken zu ihm geströmte Menge. An der Strategie des Hinauszögerns probierte er sich nun, um so wohl die Spannung ins Unermessliche zu steigern, was ihm teils auch gelingen sollte, denn über der Versammlungsstätte war es nun mucksmäuschenstill geworden. Nach einer kleinen Ewigkeit des Abwartens nahm er dann sein Standbein zurück, stemmte die Arme breit in die Hüften und versuchte durch die Synthese aus Luftanhalten und flachen Atems den Bauch in seiner Außendarstellung möglichst schlank wirken zu lassen. Die Augen zur Strenge gemimt, den Mundbacken durchs Zusammenpressen die Speichelfülle entzogen, so dass man befürchten musste die Dritten könnten ihm vorschnell rausflutschen, schaffte er es sogar das ihn visuell so stark kennzeichnende Doppelkinn zu kaschieren, indem er die Halsmuskulatur durch überhöhte Kopfhaltung fast zum Zerreißen streckte. Nicht unähnlich einer Diva, ganz ohne Abstrich, zierte sich der Ortsvorsteher heuer im Erlass, wollte zunächst vom Publikum anständig gewürdigt sein. Ja, es war ihm anzusehen, er genoss ganz offensichtlich seine Bühnenpräsenz, seinen Moment auf der Trecker Lade, und setzte nun endlich zur Rede an.

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