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Zeichnungen, Abstrakt, Fenster,

EinsZweiDrei

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    Von Timuska hochgeladen am 14.07.2017

    Stunde Null. Du weißt, warum ich abreisen musste ohne dir Lebewohl zu sagen. Ich will damit allerdings nicht wieder anfangen. Falls es dich aber interessiert, wie es mir jetzt so geht, kann ich nur sagen, ich denke es steht nicht zum Besten.

    Wie es dazu kam? Ich weiß es im Augenblick selber nicht. Ich kann derzeit nur sagen, mein Leben aus dem Koffer fing genau genommen nach dem Scheitern meines Versuches an, eine Frau Namens Isabelle per Telefon davon zu überzeugen, dass ich der Richtige für sie sei, wandelte sich jedoch recht zügig, nachdem mir besagte Isabelle per SMS mittteilte, dass sie sich nun doch für den farbigen Tänzer aus London entschieden hätte, in eine Art Hassliebe zum bevorstehenden Neuanfang, danach in eine kleine, gemächlich vor sich hin plätschernde Odyssee sporadischer Umzüge in von vorneherein feststehende Übergangsquartiere.

    Die Geschehnisse im Einzelnen will ich dir aber lieber von Angesicht zu Angesicht erzählen. Natürlich vorausgesetzt, dass du magst. Gegenwärtig kann ich dir noch soviel mitteilen, denn das Weitere steht für mich ja noch aus, dass ich glaube, dass es sich bereits jetzt schon abzeichnet, dass von nun an mein Weg den eines depressivem Irrationalismus einschlagen wird.

    Ich höre dich nun durch deine Lippen nuscheln, dass sowas nirgends festgeschrieben steht. Also lass mich den Befund meiner derzeitigen Lage und meines Aufenthaltsortes vorerst mit dem Umstand enden, dass beides, sowohl die therapeutische Wirkung von ärztlich verschriebenen Pillen, als auch die Füllmenge eines Lebens aus dem Koffer, endlich Größen sind. Lass es uns also vertagen.

    *

    Stunde Eins. Du bist vor Ort. Bei einer Sache, die drängt und mich stark belastet, könntest du mir behilflich sein. Es wäre mir um einiges wohler zumute, wenn du an meiner statt ein wenig Licht in diese undurchsichtige Geschichte brächtest. Bestenfalls die Sache klärst, und mich dann hoffentlich für mein neurotisches Verhalten rügst, wenn nicht gar des geistigen Verfalles bezichtigst. Es wäre mir allemal lieber, als in dieser marternden Ungewissheit zu verweilen. Denn das, was mich seither verfolgt, ist entweder ein Hirngespinst, oder aber tatsächlich zum Fürchten.

    Am Tag meiner Abreise, unmittelbar bevor ich die Wohnung verlassen wollte, machte ich noch einen Kontrollgang durch alle Räume. Im ehemaligen Fernsehzimmer angekommen, du weißt, das Zimmer mit dem Außenfenster zur Anliegerstraße, schaute ich, nachdem ich mich vergewissert hatte, dass das Fenster geschlossen war, meiner Gewohnheit folgend auf das alte Backsteinhaus auf der gegenüberliegenden Seite. Als ich zu dem Wohnzimmerfenster in der zweiten Etage hinunterblickte, stockte mir der Atem.

    Ich hatte dir von dem Paar beiläufig schon erzählt, im Park nach meinem Urlaub. Du magst dich vielleicht nicht mehr erinnern. Die Wohnung stand leer, über all die Jahre leer. Während meines Urlaubes mussten sie eingezogen sein. Dieses eigenartige Paar. In dem halben Jahr, wo wir sozusagen Nachbarn waren, sollte es mir nicht gelingen sie zu Gesicht zu bekommen. Nicht ein einziges Mal. Stell dir vor. Obschon sie sich jeden Tag im Wohnzimmer aufhielten. Ich schaute durch mein Fenster auf die gegenüberliegende Hauswand. Schaute dort durch das Fenster in ihre Wohnung. Abends saßen sie gemeinsam auf einer Couch vor dem Fernseher. Die Couch am Fenster platziert, war in den Raum gerichtet. Der Mann trank meistens Bier und egal wann ich rüber schaute, es lief immer das gleiche Programm. Zwei sich mit Schulterpartie abzeichnende Hinterköpfe über der Couch. Sie starrten den ganzen Abend in den riesigen Flachbildfernseher, der an der Wand hing. Wenn Sport lief Sport, ansonsten querbeet. Nur hin und wieder war es dunkel in allen Fenstern der Wohnung, und das zur besten Fernsehabendzeit. Schaute ich nach einer Weile erneut hinüber, so konnte ich meistens einen der Hinterköpfe wieder auf der Couch sitzen sehen. In der Regel den des Mannes. Selten kam es vor, dass beide zugleich vor der Couch wieder auftauchten, bzw. hinter der Couch hervorlugten, je nachdem. Öfter ließ es sich jedoch beobachten, wie die Frau fahrlässig das Licht im Badezimmer anließ, und sich wusch. Allerdings hielt sie mir auch dort immer nur den Rücken vor. Da meine Dachgeschosswohnung ca. eineinhalb Stockwerke über ihrer lag, konnte ich im Wandspiegel des Bades auch nur einen Teil ihres abgeschnitten Rumpfes sehen. Ihr Hemd dabei hochgezogen und einen Lappen zwischen ihren Beinen, und ein paar Fenster überbrückt, grad mal eine kleine Drehung meines Blickes, der Hinterkopf ihres Mannes, ein paar Räume weiter vor dem Fernseher. Sie ließ sich dafür immer ausgesprochen viel Zeit, ganz so, als wolle sie, dass ich es beobachte und mich dann schwarz ärgere, wenn sie anschließend mit einem halben Seitwärtsschritt durch die Tür rechter Hand das Bad verließ, um irgendwo in den zwei angrenzenden, und immer verdunkelten Zimmern zwischen Bad und Wohnzimmer quasi unterzutauchen. Es mir also wieder mal nicht gelingen sollte, ihr Gesicht zu sehen.

    Und jeden Abend in etwa dasselbe. Die Frau wäscht also ihr Geschlecht mit einem Lappen im beleuchteten Badezimmer. Die Blicke von der gegenüberliegenden Hausfront auf ihr. Der Mann sitzt auf der Couch vor dem Fernseher und trinkt sein Bier. Alle Blicke in ihm. Der kleine arabische Pizzabäcker von ganz unten am Eck, dort, wo wir uns ab und an was bestellten. Er knetet wie immer die modernen Fressformen. Wartet bis die Lichter ausgehen, die Räume gesättigt sind. Fährt dann mit seinem Mercedes Diesel die Hauptstraße hinab. Einmal beschloss ich den kompletten Abend auszuharren. Irgendwann musste sie ja wieder aus den abgedunkelten Räumen auftauchen, oder ihr Mann das Wohnzimmer verlassen. Wenigstens das Halbprofil von einem der Beiden wollte ich sehen. Aber mal ehrlich, ein Abend kann schon sehr lang sein. Mir wurde langweilig und irgendwann kam ich mir auch albern vor. Ich schaute also lieber selber fern, in selbstbestimmter Wahl, anstatt dem tonlosen Programm aus dem gegenüberliegenden Nachbarhaus zu folgen, und vergaß darüber die Zwei hinter mir.

    Es dürfte dann in etwa zwei Monate vor meinem Auszug gewesen sein, dass sich auf der anderen Seite etwas tat. Es zeigte sich mir ein leicht verfremdetes, oder aber versetztes, in seiner Abwandlung zum Ursprünglichem nur schwer auszumachendes, neues Bild. Meine anfängliche Irritation glich fast der, wie man sie beim Betrachten zweier nahezu identischer Fotos aus einem Magazin erfährt, in dem sich das eine, z.B. durch Weglassen von Details, nur unwesentlich von dem anderen unterscheidet, und das Auge auf den ersten Blick gar nicht recht begreifen kann, dass es sich um voneinander abweichende Bilder handeln soll. Ich musste das neue Bild gedanklich mit dem Alten erst abgleichen, bis ich kapierte, was sich geändert haben sollte. Neben dem großen Flachbildfernseher an der Zimmerwand, hing vielleicht einen Meter links daneben, nun ein zweiter, ebenso großer Flachbildschirm. Unmittelbar dahinter war ein kleines Tischchen aufgestellt worden, mit einem Stuhl davor, auf dem die Frau nun saß, und so wie es aussah, sich an einem Laptop, welcher sich auf dem Tischchen befand, zu schaffen machte. Der Laptop musste mit dem neuen Flachbildschirm verbunden sein, denn er zeigte sprunghaft die üblichen Standbilder aus dem Netz. Google Suchmaske, Facebook, Ebay etc. Die Frau schaute allerdings nur auf den kleinen Schirm des Laptops, für eine Verfolgung der Übertragung auf dem Großen, war sie auch viel zu nahe dran. Mir kam es vor, als ob ich nun alles doppelt sah, wie gesagt, nur leicht versetzt. Über dem kleinen Tisch, direkt neben dem Fernseher, gleich der zweite Großbildmonitor. Die Frau saß jeden Abend zentriert davor, vor der Couch und vor ihrem Mann. Er saß weiterhin auf der Couch und schaute fern. Ihr Hinterkopf auf Augenhöhe vor dem Laptopschirm, sein Hinterkopf seitlich nach hinten versetzt vor dem Fernseher und mein Gesicht auf ihnen beiden. Hinter mir mein eigener Fernseher der lief. Hätte ich den gegen meinen Laptop ausgetauscht und mich zeitgleich mit der Frau in einem Video Chatroom eingewählt, würden wir alle nur unsere Hinterköpfe sehen. Selbst ich den meinen, im Schirm der Frau.

    Das sah fast albern aus. Ohne Ton spulte sich an der Wand der anderen Seite buntes, schnell wechselndes Leben ab, und die Hauptakteure, das Paar, zugleich bewegungslos wie Mumien. Zumal ich ja rüber schaute, also nur einen Einblick durch ihr Fenster erhielt. Die kleine Szene, die sich mir da auftat, durch das Fenster noch umrahmt, selbst schon Spuren einer Ähnlichkeit zu einem Fernsehbild aufwies. Ein Fernseher, der weit weg stand, und dem der Ton abgestellt worden war. Natürlich. Kann sein, dass es von Lärm in der gegenüberliegenden Wohnung nur so dröhnte. Kann gut sein, jedenfalls von der Größe der Schirme her zu schließen. Und in solch einem handlungsweisenden Lärm taucht man schon mal gerne ab bzw. unter. Aber gleich so vollkommen, so vollendet? Nicht mal ein Kratzen am Hinterkopf? Nicht mal ein seitlicher Blick, der mich darauf schließen ließe, dass mein Gegenüber seine Peripherie im Auge hält? Und als Divergenz zu dieser seltsamen Szene, erschien wie aus dem Nichts ab und an ein riesiges Gesicht, so dass man sich fast erschrecken konnte. Eine Naheinstellung der Kamera. Man hörte ja kein Wort, nahm nur überhöhte Gesichtsmimik von Schauspiel wahr. Die Kontradiktion dazu, zwei auf Rümpfe gestöpselte Hinterköpfe, die relational betrachtet zu einem Maß klein wie Stecknadelköpfe zusammenschrumpften.

    Natürlich, ich höre dich jetzt sagen, dass sei alles ein wenig übertrieben, ich bilde mir da womöglich was ein. Die schauen einfach nur fern, bzw. surfen. Da ist weiter nichts dran. Am Wochenende schaust du doch selbst den ganzen Tag über. Dann müsstest du dir auch so vorkommen, bzw. du ihnen, falls sie von ihrer Etage aus in dein Zimmer schauen könnten. Da ist man eingebunden, bzw. du, in deinem Zuhause. In irgendwas, etwas Räumliches wahrscheinlich, die eigenen vier Wände. Die Proportionen stimmen dort. Das Maß für die Körperwahrnehmung zur Umgebung und den Bildern aus dem Fernseher ist stimmig. Zumal du ja auch nur einen Kleinen hast.

    Aber ich sage dir, die saßen da wie erstarrt, wie eingefroren. Keinerlei Regung, keinerlei Kommunikation untereinander, welche auf ein Beisammensein, ja, fast bin ich geneigt zu sagen auf Leben an sich schließen lassen konnte. Nur die sprunghaft, mal kontinuierlich wechselnden Einstellungen auf den Flachbildschirmen. So als ob da ein Schattendasein hinter den bewegten Bildern geführt würde. Glaube mir, nie, nicht ein einziges Mal sollte es mir gelingen, sie zu Gesicht zu bekommen. Nicht ein einziges Mal. Das ist doch überaus seltsam, oder nicht? Ich begann mich bereits zu fürchten, malte mir schon krude aus, was ich nicht alles zu sehen bekäme, wenn es wirklich einmal soweit sein sollte, und das musste es ja irgendwann einmal. Beispielsweise, falls die Frau sich während ihres unappetitlichen Waschens im Bad plötzlich umdrehen sollte.

    Ich gewöhnte mir allmählich Eigenarten an, die mir zunächst gar nicht auffielen, sich aber von mal zu mal steigern sollten. Aus meinem abgedunkelten Zimmer schaute ich abends immer vorsichtiger. Zuletzt nur noch mit den Augen knapp über dem Fensterbrett lugend. Die fixe Idee, dass es dort drüben mit unrechten Dingen zuging, ja etwas total Abnormales vor sich ging, nahm mehr und mehr Besitz von mir ein. Draußen auf dem Bürgersteig zum Beispiel, wenn ich an dem Backsteinhaus linker Hand vorbei ging, überzog es mich jedes mal mit einem kalten Schauer. Ich begann mir vorzustellen, wie ich einfach zur Eingangstür gehen sollte, die Klingel für die zweite Etage betätige, und dann hoch mit Gebrüll. Ich sage dir, diese Absicht wurde zur Chimäre, zu solch einem Alptraum für mich, dass ich manchmal kurz davor stand es tatsächlich zu tun. Und zwar nur, um diesen Spuk in meinem Kopf endlich zu beenden.

    Vielleicht hegst du jetzt den Verdacht, es könne an den Medikamenten liegen. Das ist mir nämlich selber schon durch den Kopf gegangen, aber ich muss es strikt verneinen. Als ich das erste mal die veränderte Situation beobachtete, das ungewöhnliche Bild, der Mann auf der Couch, die Frau vor ihm, am PC, all dies ist so gestochen klar in meiner Erinnerung abrufbar, dass es sich nicht um einen Tagtraum oder nur Halluzinationen handeln kann. Ich weiß sogar noch, welcher Film zeitgleich im Fernseher lief. Der Wrestler. Du entsinnst dich? Mickey Rouge als abgehalfterter Showstar aus dem Ring. Wir wollten damals gemeinsam ins Kino, du musstest aufgrund eines Notfalles absagen. Ich habe es noch deutlich vor mir. Mickey Rouge, der Kämpfer mit Blessuren. Er zeigt der schönen Tänzerin die Narben aus seiner Vergangenheit. Sie spricht dazu Bibeltexte. Wie Klänge aus einem fernen Planetopia. In meiner Absteige hier träume ich es oft nach, die Geschichte von Mann und Frau. Die Hure tanzt nur für ihre kleine Familie. Doch der Mann tanzt für sie ganz alleine. Und für sein Publikum, seine Familie. Das verbindet. Dies schafft Liebe. Es ist die richtige Chemie.

    Aber da war noch was. Es muss ca. einen Monat vor meiner Abreise gewesen sein. Ich stöberte am Abend mal wieder die Annoncen im Netz nach Wohnungen und Unterkunftsmöglichkeiten durch, und es war wie immer nichts Passendes für mich zu finden. Ich wollte schon kapitulieren, vielleicht bin ich in diesen Dingen zu schwerfällig, ich weiß es nicht, spielte bereits mit dem Gedanken, mir für die erste Zeit ein Hotelzimmer zu nehmen. Da streikte auf einmal die Verbindung, war plötzlich weg, mausetot. Ich warf also mal wieder einen Blick nach hinten. Der Mann vor der Glotze und die Frau, drei Zimmer überbrückt, mit einem Lappen zwischen ihren fetten Schenkeln. Nichts Außergewöhnliches mehr. Dann allerdings hob der Mann seinen rechten Arm in Richtung Fernseher, ich war augenblicklich hellwach, denn diese Art Handlung sollte mir bis dahin, wie so Vieles, was das Paar betraf, verborgen gewesen sein. Er musste wohl die Fernbedienung betätigt haben, denn das Programm wechselte sich. Ich kann es nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, ob der Lichtwechsel zeitgleich einsetzte, oder etwas verzögert. Auf jeden Fall war mir klar, dass sich an meinem Laptop etwas getan haben musste, da er die einzige Lichtquelle im Zimmer war. Als ich mich umdrehte, stand die Verbindung wieder, aber eine andere Seite war aufgebaut worden, als die, auf der ich zuletzt gewesen war. Elenas Pensionsbetrieb - Wohnen auf Zwischenstation wie bei Mutter, lautete die Überschrift. Darunter eine E-Mail Adresse, Telefonnummer und Konditionen. Alles in einer von diesen schnörkeligen Schriftzüge gehalten und mit grünlichen Farbtönen unterlegt. Sonst nichts. Kein weiterführender Link.

    Aber auch das wäre mir letztendlich egal geblieben, und ich hätte es wahrscheinlich längst schon wieder vergessen, wenn nicht der Vorfall am Abreisetag gewesen wäre. Es wird dir abwegig vorkommen, aber ich schwöre dir bei Allem was mir heilig ist, es spielte sich ganz genauso ab.

    Es sollte ein durchwachsener Tag sein. Mal schien die Sonne, mal nicht, es zogen Wolken am Himmel. Ich kontrollierte also, ob das Fenster richtig geschlossen war, und schaute dann runter auf die andere Seite. Das Erste was mir gleich auffiel, war die trübe Sicht. Zunächst dachte ich an Schmutz oder Fettstellen auf meinen Brillengläsern, aber da war nichts, und ansonsten alles Weitere klar und sich scharf abzeichnend anzusehen. Der Pizzabäcker in seinem Laden unten, die Wolken oben, der Haustürschlüssel, den ich auf dem Fensterbrett abgelegt hatte, das Fensterbrett selbst, meine Hand vor Augen, alle anderen Raumeinblicke auf der gegenüberliegenden Hausfront. Nur das Wohnzimmer des Paares wollte mir irgendwie matt und stumpf wirken. Ich dachte, da kann was nicht stimmen, rieb mir sogar zweimal die Augen. Aber nach konzentriertem Abgleich mit den anderen Fenstern des Hauses wurde mehr und mehr ersichtlich, dass es nicht an mir liegen konnte. Da war in der Tat etwas Milchiges an, oder in dem Zimmer. Die Couch schien gänzlich verschwommen. Das Karomuster des Stoffbezuges war nicht mehr auszumachen. Erst ab zirka Höhe Mitte des Zimmers wurde alles allmählich wieder schärfer, die Dinge grenzten sich ab dort wieder deutlicher voneinander ab. Und zwar zunehmend bis zur Wand. Und dort dann die beiden Bildschirme. Wie soll ich es sagen, die waren jetzt nicht nur mehr wieder ganz deutlich in all ihren Details, sondern schienen wie gestochen. Gestochen und im Auge anhaltend wuchtig. Fast hyperreal scharf. So als ob ich das Bild des Teleprompters einer Digitalkamera mit ultrafeiner Linse vor mir hätte, deren Brennpunkt exakt auf die Flachbildschirme an der Wand fokussiert war, und die bildverarbeitende Software der Kamera die Reste einer Unschärfe durch Hervorhebung der Kontraste übertünchte. Ich bin nicht vom Fach, ich weiß nicht, ob so etwas überhaupt sein kann, aber ich hätte doch stark vermutet, dass wenn es irgendwas mit den sich im Fenster reflektierenden Wolken zu tun gewesen haben sollte, dass dann alles gleichermaßen unscharf gewesen sein müsste.

    Und noch etwas. Von den beiden Hinterköpfen keine Spur. Auch im Badezimmer hielt sich niemand auf, und die Jalousien der mittleren zwei Fenster waren wie immer Tags über runtergelassen. Mir war fast so, als ob ich gezwungen werden sollte auf die beiden Schirme zu schauen. Beide übertrugen. Im Fernseher lief irgendetwas Orientalisches. Eine Reportage, oder eine dieser Urlaubssendungen, keine Ahnung. Ohne Ton bzw. dazugehörige Stimmen ist es ja nicht immer ganz leicht das Durcheinander der vielen Bilder in einen Zusammenhang zu stellen. Man sah auf jeden Fall wechselnde Impressionen von Moscheen, Basaren, betenden Muslimen und belebten Einkaufspassagen. Also eigentlich nichts Außergewöhnliches. Auf dem linken, den mit dem Laptop verbundenen Schirm, wie zu erwarten ein Standbild. Bzw. zunächst dachte ich nur, dass es eines wäre. Man sah in ein Zimmer. Die Kamera musste von einem relativ hohen Standpunkt aus senden, denn es war ein leichter Abwärtsblick. Es sah so aus wie in einem Hotelzimmer. Nackt auf dem Rücken lag ein Mann auf einem Doppelbett. Von ihm weggedreht, schlief daneben eine Frau. Um die Beiden konnte es sich aber nicht handeln, das passte alleine von Statur und Haarfarbe nicht.

    Der Mann schaute mit verschränkten Armen hinterm Kopf in Richtung Kamera, nur knapp darunter. Bis dahin hätte es ein Standbild, ein Schnappschuss einer Hotelszenerie sein können. Doch ich sprach ja bereits von einer Kamera, es musste sich also entweder um eine Life Chat Übertragung, oder aber um eines jener amateurhaft gestalteten Youtube Filmchen drehen. Denn der Mann bewegte sich jetzt. Er gab sich, als wäre jemand von links in das Zimmer getreten. Sein Oberkörper richtete sich halb auf, abgestützt nur auf dem rechten Unterarm. Die Hand seines anderen Armes gab Zeichen, und es wurde deutlich, dass er mit jemandem sprechen musste. Es sah ganz danach aus, als sei da wer hinter der Kamera. Das Einzige, was jedoch auf die Gewissheit, dass sich noch weitere Personen in dem Zimmer aufhielten, schließen lassen konnte, waren nur diese zwei Schatten, die nun links im Bild auf den Boden geworfen wurden. Vielleicht sowas wie ein Pornodreh. Vielleicht die Schatten zweier Produzenten, war mein Gedanke. Sie gaben noch schnell ein paar Anweisungen, die dem Hauptdarsteller nicht unbedingt passten, wenn ich seine Reaktionen richtig deute. Die Frau würde sicher schon bald vorgeben aufzuwachen, und dann dem Mann erstmal einen Blasen. Aber den Gefallen sollte sie vorerst niemandem tun. Stattdessen schien der Disput in einen handfesten Streit auszuarten. Der Mann agierte nämlich immer heftiger, fast schon abweisend, gar angeekelt hielt er manchmal die offene Hand vor sein verkniffenes Gesicht. Die Schatten bewegten sich dazu. Es schien, als hätten die Personen hinter ihnen einen Schritt auf den Mann zu gemacht, denn sie verlängerten sich auf dem Boden. Der Mann antwortete mit noch größerer Abwehrhaltung. Jetzt sah es fast so aus, als wolle er sich wegducken. Das dauerte ein paar Minuten. Ein gegenseitiges Kontern. Die länger werdenden Schatten der Personen außerhalb des Blickfeldes, dagegen ein stetes Zusammenkauern des Mannes, zum Schluss zu einem embryonalen Knäul.

    Ich dachte schon, ich müsste meine Prämisse überdenken, vielleicht war das gar kein Pornodreh, möglicherweise wohnte ich gerade einem Mord oder etwas Vergleichbarem bei, als das Knäul sich plötzlich wieder entfaltete, der Mann sich mit voll erigiertem Penis auf dem Bett aufrichtete, und in einem Satz über die schlafende Frau hinweg auf den Boden sprang. Cholerisch sondergleichen wand er sich kurz den Schatten zu. Riss dabei die Arme in die Luft. Seine Augen glichen jetzt mehr denen eines Wahnsinnigen, als der einer eingeschüchterten Person. Dann öffnete er die Tür zu dem Nebenzimmer und verschwand.

    Das sollte ich dann zum Anlass nehmen, mich nun endlich loszueisen und aufzubrechen. Dieses verrückte Paar von der anderen Seite würde nun endgültig Geschichte für mich sein. Ich musste mir darüber keine Gedanken mehr machen, sie würden mich nun nicht mehr drangsalieren. Sollten sie fortan ruhig jemand anderen mit ihrer verschrobenen Lebensweise behelligen. Vielleicht den Mietnachfolger. Das ging mich alles nichts mehr an. Ich war ja schon so gut wie raus aus der Stadt. Ich ging also zur Wohnungstür, wollte die Wohnung schon verlassen, da entsann ich mich des auf der Fensterbank liegengelassenen Schlüssels. Als ich zurückging, um den Schlüsselbund zu holen, und am Fenster angekommen war, stockte mir der Atem. Ich glaube sogar, es entfuhr mir ein kleiner Aufschrei, eingeflößt durch das, was ich sah. Der Mann und die Frau standen am Fenster. Mir wollte es vorkommen, als schauten sie zu mir hoch. Nein, ich bin mir ganz sicher, es war so. Sie starrten tatsächlich in meine Richtung. Starrten auf mich. Mein Herz raste. Ich sah, wie sie mich angafften, wusste es, aber es ließen sich dennoch die Gesichter nicht visualisieren. Zu der Unschärfe kamen nun noch konzentriertere Reflexionen von vorbeiziehenden Wolken hinzu. Aber das konnte es nicht erklären, das Fehlen von Gesichtern zu Köpfen, deren Umrisse ich doch ganz zweifellos sah. Nur inhaltsleere, plastische Antlitze. Wie einem Porträtfoto entnommen, das man solange mit einem harten Radiergummi bearbeitet hatte, so dass das ehemalige Gesicht vollkommen zu einem einzigen, verwaschenen Grau geworden war, grad noch einen Hauch von Andeutung, und damit die Ahnung von Nase, Mund, Augen hergab. Und im Hintergrund, an der Wand, nach wie vor das Gestochene, die hyperreale Klarheit der beiden Schirme. Ich wartete auf eine Reaktion, eine Bewegung. Richtiger, ich wartete nicht, sondern mir schauderte davor, denn ich stand am Fenster wie angefroren. Vielleicht würde ein Arm hochgehoben, oder sie würden ihre plastischen aber gesichtslosen Köpfe an das Fenster pressen, und was dann sein sollte, wäre ein unbeschreibliches Grauen. Ich harrte also auf eine Erschütterung, doch die blieb aus, es tat sich dahingehend nichts, stattdessen, in der Blitzesschnelle eines Augenschlages, änderten sich die Farben. Beide Bilder hatten gewechselt, und zwar simultan. Beide Schirme zeigten nun dieselbe Einstellung. Ein Mann quer auf einem Bett, aber ein ganz anderer. Zwei Gestalten beugten sich über ihn, aber die Zwei vorn am Fenster blieben stehen. Die eine Gestalt hielt seine Beine fest. Die andere drückte ihm irgendetwas auf das Gesicht. Es hatte über die Straße hinweg beinahe etwas von einem gespiegelten Bild, nur dass ich stand und der Mann lag. Ich wartete ab, bis das ruckartige Zappeln abebbte. Dann fasste ich mir ein Herz, schrie aus vollem Halse heraus, zeigte den Beiden den Mittelfinger und brüllte dann noch ein paar üble Schimpfwörter. Es hallte in der leergeräumten Wohnung dumpf nach, was mich erschrocken nach hinten blicken ließ. Ich ging dann zur Tür, schnappte mir meinen Koffer, zog die Tür hinter mir zu, schloss ab, trampelte so laut ich nur konnte den Treppenflur hinunter, schmiss den Schlüsselbund in den Briefkasten, und verließ das Haus, in dem ich zehn Jahre gelebt hatte, ohne mich umzudrehen. Überquerte hastig die Einbahnstraße, bog bei dem Backsteinhaus ein, und drückte an der Eingangstür alle acht Klingeln auf Sturm. Ca. 30 Sekunden lang. Dann verschwand ich.

    Ich weiß natürlich, ich kann nicht mehr viel von dir verlangen, aber bitte tue mir diesen einen Gefallen. Denn auch das wäre nicht so schlimm, wenn dies jetzt hier nicht alles passierte. Gut möglich, dass ich mir nur alles einbilde. Was weiß ich, was in ihren, oder meinem Kopf rumgeisterte. Im synchronen Dasein, der digitalen Zeit, muten Distanzen an, wie Hirngespinste aus vergangenen Epochen. Das ehemals Außen und das vormals Innen, scheint ersetzt durch einen Rundumblick, der Umkehrung meiner umgebenden Umgebung. Jedes Zimmer das ich betrete ist ein Raum. Jeder Raum ist ein Standpunkt. Jeder Standpunkt eine Phantasie, jede Phantasie ein Link. Hinter jedem Link wartet ein Abgrund. Aber diese Stimmen verfolgen mich seither unentwegt. Es kommt mir alles wie ein Dejavus vor. Es verfolgt mich bis tief in den Schlaf. Ich spreche mit ihnen, diskutiert mit ihnen. So als ob außer ihrer nur noch Sprachlosigkeit und surreale Fiktion bestünde.

    Bitte, tue mir den Gefallen. Schau bitte nach, ob dieses Paar dort noch wohnt. Vielleicht klingelst du einfach, gibst irgendetwas vor. Ich muss es wissen. Muss wissen, was es mit diesem Paar auf sich hat.

TitelFenster zur Anliegerstrasse
Jahr, Ort2017
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