KunstNet nutzt Cookies. Details.
Zeichnungen, Abstrakt,

EinsZweiDrei

  • Avatar
    Von Tim Weber hochgeladen am 18.07.2017

    Ein schwarzafrikanischer Entstehungsmythos besagt, dass einst alle Völkerstämme das Verlangen hatten zum Himmel emporzusteigen. Sie begaben sich also aus der Niederung auf einen hohen Berg, und begannen dort aus Baumstämmen, Bambusrohr und Lehm einen Turm zu bauen. Als dieser allmählich an Gestalt und Höhe annahm, fiel er jählings wieder zusammen. Die Völkerstämme unternahmen daraufhin einen zweiten Versuch und abermals stürzte der Turm ein. Sie ließen sich jedoch nicht entmutigen und probierten es ein drittes Mal. Schließlich mischte sich Gott ein, und warf mit all seiner Kraft den Turm um. Viele Menschen starben unter den Trümmern. Die Überlebenden verstanden sich nicht mehr, da nun jeder eine fremde Sprache sprechen sollte. Man zerstritt sich und schließlich zogen die Volksstämme auseinander. Der Patriarch Machulu macheri, das heißt weiße Füße, zog nach Europa und zeugte seine Kinder, die Europäer. Der Patriarch Mkakati, das heißt der Haarige, zog nach jenem Land, wo sie schief stehend Mehl stampfen und zeugte seine Kinder, die Araber und Inder. Der Patriarch Mzingiri, das heißt der Umherwandernde, kam in unser Land, das heißt nach Afrika, und zeugte die Neger.

    Es besteht weitestgehend Einigkeit unter den Gelehrten der westlichen Hemisphäre, dass trotz des Zusammenkommens von afrikanischem und außerafrikanischem Gedankengut, der Kern des Entstehungsmythos afrikanischen Ursprunges und nicht etwa auf den Turmbau zu Babel zurückzuführen ist. Nach Hermann Baumann (1936) soll er aus dem Bereich der Simbabwekultur stammen. Das Ziel des Turmbaus sollte der Mond sein, durch dessen Besitz die Unsterblichkeit erreicht sein würde. Was Ethnologen, Sprachkundlern, Mythologien und Kulturforschern allerdings nicht so ohne weiteres geläufig sein dürfte, ist der mündlich überlieferte Glaube der Rindus.

    Die Rindus sind ein kleiner Stamm aus dem Nuba Gebirge des Sudan. Das Nuba Massiv erhebt sich mitten im Land, westlich des weißen Nils, aus einer riesigen Savannenebene. Die Bewohner der Gebirgslandschaft werden einheitlich unter dem Sammelnamen Nuba geführt, obwohl es sich um viele Einzelgruppen handelt. Eine überalterte Theorie ging ehemals davon aus, dass die Nuba zu Zeiten der Sklavenraubzüge aus der Ebene in die Berge geflohen sind. Letztendlich lässt sich die genaue Herkunft der Nubas jedoch nicht mehr rekonstruieren. Sprachanalysen haben allerdings ergeben, dass es insgesamt zehn völlig verschiedene Sprachgruppen mit vielen Dialekten gibt. Es finden sich zum Beispiel Verwandtschaften zu westafrikanischen Bantusprachen, oder aber dem altägyptischen Nubischen, was darauf schließen lässt, dass die Völker einst auf langer Wanderschaft gewesen sein müssen, bevor sie sich in den Nuba Bergen niederließen. Vielleicht ist es auf diese Vielfalt zurückzuführen, dass die Rindus von der westlichen Welt als autochthoner, das heißt von Anfang an dort ansässiger Stamm übersehen wurde. Dabei hätte das duale Verwandtschaftssystem derjenigen ca. 10.000 Menschen zählenden Nubas, welche im Südosten am Rande der Nuba Berge leben, das Gebiet also, indem auch der letzte, intakte Clan der Rindus vorzufinden ist, nur ein Indiz von gleich mehreren sein können, um auf einen eigenständigen, lokalen Kultureinfluss zu schließen. Die Rede ist hier von der über alle Kontinente hinweg äußerst seltene, nur bei wenigen, vereinzelten Gruppen vorzufindende Koexistenz von patriarchalischen und matriarchalischen Prinzipien. Das heißt, dass jedes Mitglied eines Clans sowohl einem Patriaclan, der väterlichen Linie, als auch einem Matriaclan, der mütterlichen Linie, angehört. Der Patriaclan bildet dabei die stärkste, lokalisierte Einheit. Seine Mitglieder wohnen nahe beisammen, und bilden einen starken sozialen wie auch ökonomischen Verbund. Wohingegen ein Matriaclan, also die mütterliche Linie, sich über den gesamten Clan erstreckt, ähnlich einem umspannenden Netzes, welches die gesamte Gemeinschaft verbindet. Auch hier hätte es auffallen können, vielleicht sogar müssen, dass nur noch in dem ca. 800 Menschen zählenden Stammes der Rindus, die matriarchalische Netzstruktur noch vollkommen intakt ist.

    Es ist nicht auszuschließen, dass sich der duale Aufbau der Rindu Gesellschaft in deren Entstehungsmythos auf nicht unmittelbar zu erkennende Weise wiederspiegelt. Auch in den mündlichen Überlieferungen der Rindus taucht der Turmbau auf, jedoch mit erhellenden Ergänzungen und Abwandlungen. Um die soll es im Folgenden gehen.

    Zwei Tiere gelten den Rindus als heilige Geschöpfe. Das Chamäleon und der Totenvogel, welcher auch unter dem Namen Ibis bekannt ist. Der Entstehung der Zweibeiner ging ein Streit zwischen dem Chamäleon und dem Totenvogel voraus. Beide beanspruchten für sich länger auf der Erde zu sein. Das Chamäleon behauptete, dass es schon auf der Erde war, als diese noch weich war. Es habe sich damals angewöhnt, langsam und vorsichtig zu gehen. Der Totenvogel beteuerte dagegen, dass als seine Mutter gestorben sei, es die Erde noch nicht gegeben habe. Er sei daher gezwungen gewesen, sie auf seinem Kopf zu bestatten, wovon heute noch der auffällige Federbusch zeugt. Es sei nur beiläufig bemerkt, dass sich nach Jürgen Zwernemann (1980) bis zu dieser Stelle innerhalb der Bevölkerungsgruppe der Moba aus dem Nordwesten von Togo ein ganz ähnliches Mythenmärchen erzählt wird.

    Als der Streit zu keinem Ende fand, ließ Gott das Chamäleon und den Totenvogel sich paaren, woraus die Zweibeiner hervorgingen, die Menschen und die Magai Geister. Vom Chamäleon erhielt der Mensch seine Erdgebundenheit und vom Totenvogel den Wunsch zum Himmel zu streben. Die Magai Geister, manchmal auch als Schattenwesen bezeichnet, waren von Gestalt den Menschen sehr ähnlich. Vom Chamäleon hatten sie die Wandlungsfähigkeit und das bewegliche Sehen geerbt. Wenn sie wollten, konnten sich die Magai den Menschen angleichen. Vom Totenvogel hatten sie die Eigenschaft erhalten, sich von allen am Boden lebenden Geschöpfen zu entfernen. Was den Menschen versagt ist, zeichnet die Magai aus. Sie besitzen die Fähigkeit nach oben vorzudringen. Bis zum Turmbau der Völkerstämme lebten Geister und Menschen in friedlicher Koexistenz und behelligten einander nicht. Nachdem Gott den Menschen durch den Umsturz des Turmes seine Kraft gezeigt haben sollte, war er immer noch so verärgert, dass er den Magai befahl, fortan ein Auge auf die Menschen zu werfen, denn diese sollten ihm nicht mehr zu nahe kommen dürfen.

    Man kann in der Konstituierung der Rindu Gesellschaftsordnung die Umsetzung von Gottes Willen deuten. Das Patriachart steht für die Menschenwelt. Das Matriarchat, welches nicht wie das Patriarchat lokalisiert in Erscheinung tritt, und somit für den Menschen nicht ohne spezifisches Wissen auszumachen ist, steht für die Geisterwelt der Magai. Es will beinahe folgerichtig sein, dass nur die Rindu Frauen das Privileg genießen als Medium mit den Magai in Kontakt zu treten. Für die Rituale gibt es festgelegte Liturgien. Das Kernstück bildet die Umhüllung des Mediums mit dem Gewand der Magai, welches die Rindus aus der Haut des Chamäleons anfertigen und mit den Federn des Totenvogels schmücken. Das Medium gerät durch die Ummantelung in eine tiefe Trance. Der Magai fährt dabei in sie, nimmt Besitz von ihr und teilt den Rindus durch das Medium Gottes Willen mit. Es bedarf großer Erfahrung die Laute richtig zu interpretieren, da ihre Verkündung meist nur aus abgehackten, undeutlich artikulierten Satzbruchstücken bestehen, die von der Frau in ihrer Rolle als Medium geschrien oder geflüstert werden. So sind es auch nur auserlesene Stammesälteste, die die Befugnis der Deutung haben.

    Ein stets wiederkehrendes Motiv ist das Wiedereintreten der Schatten in die Menschenwelt. Denn als Gefangene in Bild und Zeit, ist es für die Rindus nur eine Frage von Zeit, bis den Magai wieder befohlen wird in ihre Gesichtsfelder zu treten. Und dies nicht nur an der äußersten Peripherie, an der ein Trugbild als Umgebungsverzerrung vorstellbar ist, sondern frontal. Denn erst hier, auf erzwungener Augenhöhe, gewinnt das Machtpotential der Magai an Bedrohlichkeit. In dieser Position kann die Verzerrung an der Peripherie weder mehr gesehen, noch gedacht werden.

TitelEntstehungsmythos
Preis Anfrage stellen
Tags
  • Eins
  • Zwei
  • Drei
Kategorien
Info177 3 2 4.5 von 6 - 2 Stimmen
  • 3 Kommentare Melde Dich an, um einen Kommentar zu schreiben.
  • piotr_koshokar
    piotr_koshokar
    mein lieber Chorli, was für eine Geschichte und dazu auch noch die Paarung!!! LG Piotr
  • Tim Weber
    Tim Weber
    Hallo Limone, allerherzlichsten Dank. Dein Kommentar freut mich wirklich sehr. Liebe Grüße, Tim
  • Limone
    Limone
    Wow. Wo hast Du die Geschichten und Mythen nur her. Du machst Dir viele Gedanken um Dein Werk. Wenn alle Teile der Zeichnung beieinander sind, ist es bestimmt noch beeindruckender. In Deinen Zeichnungen gibt es so viel zu entdecken. Stark!

    LG Limone