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EinsZweiDrei

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    Von Tim Weber hochgeladen am 06.12.2017

    Hallo Herr Schröder!
    (Humorvolle Erzählung. Basierend auf zum Teil realen Geschehnissen)

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    Wenn man einen Mann beim Bäcker an der Servicestation seinen Kaffee to Go mit einem Plastikstäbchen links herum drehen sieht, sollte man nicht voreilig Schlüsse daraus ziehen. Schon gar nicht auf seine politische Gesinnung etwa. Denn man könnte schlichtweg einem Irrtum aufgesessen sein. Eine dieser verrückten Launen der Natur, die einen lauwarm an der Nase herumführen will. Denn in einer Bäckerei befinden sich für gewöhnlich überall Spiegel, und wer weiß, ob man nicht unachtsam in der Schlange stehend, anstelle des Mannes nur sein Spiegelbild beobachtet. Und im Spiegel wird nun mal eine Rechtsdrehung zu einer Linksdrehung und umgekehrt. Beim Gewahr werden diese Phänomens kann man schon mal fragen, was soll das eigentlich? Als ob es nichts Wichtigeres gäbe, als links und rechts zu vertauschen. Allem kosmischen Grund sollte das doch schnuppe sein. Links oder rechts. Es sei denn, die Heilige Schrift läge nicht ganz verkehrt, nämlich dass wir alle, frei interpretiert, nur das Spiegelbild Gottes sind. Lässt man Mystik und Theologie aber außen vor, bleibt es rätselhaft, dass sich das Leben, so wie wir es kennen, in seinen Bausteinen, der DNA, für das links herum entschieden hat. Wenn nun aber die platonischen Körper so grundlegend sind wie viele glauben, dann könnte die Regel links vor rechts in Kombination mit den klassischen Kräften vielleicht daraus hervorgehen, was allerdings nur wenige glauben, denn dummerweise kennen die auch kein links oder rechts. Wo sollte es auch herkommen? Symmetrie ist nun mal Symmetrie, da müsste schon was Gerichtetes her. Eine lohnenswerte Frage wäre, was man überhaupt für Räume kennt, die ein Links vor dem Rechts zulassen?

    Aber gut. Das war es ganz sicherlich nicht, was Oskar Lafontaine zum Ausdruck bringen wollte, als er uns mahnend daran erinnerte, dass das Herz links schlägt, das Herz seines Spiegelbildes also rechts, womit es mir hier flott gelungen wäre, vorerst eine Brücke zu schlagen von der Willkür des linken oder rechten Gedanken hinüber zu den ordnenden Kräften, welche einen von links nach rechts geschriebenen Text wieder zu seinem Ausgangsthema zurückfinden lassen. Denn ursprünglich sollte mein Bericht doch nur eine kleine Abhandlung über genau dieses eine Ereignis werden. Natürlich nicht über diese Links- bzw. Rechtsdreherei, wie rum nun auch immer, aber ich hätte das an geeigneter Stelle schon mit einfließen lassen. Wo ich grad so darüber nachdenke, vielleicht in eine Art Synchronwettbewerb im Kaffeeumrühren mit dem Mann, dem ich begegnet bin. Er beispielsweise links herum und ich rechts, mit nahtlos anknüpfender Kaffeesatzleserei über die derzeitige politische Lage. Da hätten sich viele Möglichkeiten aufgetan.

    Eine Abhandlung, das muss ich kurz zwischen räumen, wäre allerdings schon viel zu viel des Guten. Eher zutreffend, etwas Lockeres zur Zerstreuung für Zwischendurch. Halt etwas Geeignetes für einen Kaffee to go. Also grad mal von der überschaubaren Länge und flüchtigen Dichte, um sich beispielsweise während der Mittagspause mit der Lektüre die Zeit zu vertreiben. Das Ereignis für sich genommen, sollte auch nur als Aufhänger dienen, denn ich muss auch hier wieder offen einräumen, dass sich wirklich viel nicht zugetragen hatte, schon recht nicht, um der Idee zu verfallen, daraus eine eigenständige Geschichte zu machen. Und über was, selbst darüber war ich mir anfänglich nicht ganz im Klaren, aber der mir vorschwebende Titel „Meine Begegnung mit einem Bundeskanzler AD“, gefiel mir schon recht gut. Das gibt was her, dachte ich mir, und der zusätzliche Umstand, dass sie eine Syrerin ist (Ich fragte sie einmal aus Neugier nach ihrer Herkunft. Noch zu Zeiten, als Syrien hier zu Lande einfach nur für Syrien stand, sonst weiter nichts), schien mir ein regelrechter Glücksfall und meinem Vorhaben sicherlich nur dienlich. Daraus sollte - ja muss geradezu -mit Blick auf unsere Tage, sich etwas Verwertbares zaubern lassen. Und falls nicht, so dachte ich mir, hätte ich wenigstens einen Anlass gefunden, um mit ihr ins Gespräch zu kommen.

    Ich begann mir also schon vorzustellen, meine hübsche Syrerin zum Interview zu bitten. Rein geflissentliche Recherchearbeiten im Rahmen eines Berichtes selbstverständlich. Malte mir schon aus, was ich sie konkret fragen wollte. Z.B. welche Erinnerungen sie an ihr Heimatland hat, falls sie denn welche haben sollte, ich weiß es nämlich nicht genau, kann es auch nicht einschätzen, weiß ja nicht einmal, ob sie überhaupt in Syrien geboren wurde. Aber falls. Wie riecht es beispielsweise in Damaskus, oder aber in Aleppo. Wie würde sie, vergleichend mit den satten und schweren Grüntönen hier zu Lande, wohl dortiges Licht und Farbenspiel beschreiben. Oder aber, ob die wilden Kurden wirklich so wild sind, und es stimmt, was man hier und da schon mal zu Ohren bekommen kann, dass es in Syrien noch Löwen geben soll.

    Na, wie dem auch sei. Nach der Fertigstellung jedenfalls sollte sie meinen Bericht als Erste zu lesen bekommen. So war damals mein Plan. Es wirkte auf mein Gemüt einfach erbaulich, mir vorzustellen, in der Schlange vor der Backwarentheke anzustehen, mit meinen Augen ihrem aktionsreichen Herumwirbeln zu folgen, und als ich dann endlich an der Reihe sein sollte, gäbe es nach erledigtem Einkauf kein Lächeln und Auf Wiedersehen wie sonst üblich, sondern meinen fertig geschriebenen Bericht. Das ihr rein formlos über die Theke gereichte Schriftstück hätte sie selbstverständlich, nachdem sie das ganze Ausmaß richtig zu fassen bekommen hätte, schlagartig in einen halsbrecherischen Freudentaumel versetzen sollen. Ach, warum sollen, sagen wir doch lieber gleich müssen. Eine anschließende Umarmung mit Küssen hätte die Szene jedenfalls geschmacklich abrunden, diesmal gleich das richtige Wort, sollen.

    Es kam natürlich ganz anders. Wie immer in Geschichten in denen zugleich ein Bundeskanzler AD und eine hübsche Syrerin vorkommen. Ich registrierte jedenfalls, dass seit meinem avisierten Vorhaben mit jedem weiteren Aufsuchen der Backstube und jedem anschließend geschriebenen Wort, Stückchen für Stückchen das Bild sich wandelte, und damit mein Bericht. Er schlug ganz einfach eine andere Richtung ein. Eine, in der meine Syrerin und auch Herr Schröder, was die thematischen Komponenten anbelangt, kaum mehr aufzufinden waren. Es spielte in ihm einfach keine tragende Rolle mehr, das Ereignis, der Herr Schröder, dem ich in ihrem Beisein begegnet war. Sie tauchten irgendwie unter, gerieten fast gänzlich in den Hintergrund. Als ich das spürte, habe ich das, was ich bis dahin über die Beiden schon hatte, und sich wahrheitsgetreu auch so zutrug, wieder komplett gestrichen und alles drum herum, das Beiwerk also, was nur hinzugedichtet worden war, mit zwar kleinen aber für die Gesamtschau unwesentlichen Anpassungen an die neue Ausgangslage einfach stehen gelassen. Dabei selbstverständlich in diesem Prozess die Grundzüge des Berichterstatter Wesens weiterhin fortwährend streng im Auge behaltend. Als da wäre, das nicht zwangsläufig bis ins allerletzte Detail schonungslose Entlanghangeln an Ereignisketten des tatsächlichen Geschehens, aber, im Sinne von Wahrheitsbekundung, die getreue Wiedergabe des atmosphärischen Fluidums Namens erlebte Erinnerung.

    Auch mein angedachtes Kernstück sollte bei dem Streichprozess unter die Räder geraten. Ein sich spontan in der Backstube entfachender Diskurs zwischen Herrn Schröder und mir über äußerst brisante und komplexe Themengebiete, tagespolitisch brandheiße Eisen, währenddessen unsere Syrerin belegte Kürbiskernbrötchen für uns Zwei schmieren sollte. Als Berichterstatter hätte es mir selbstredend ob heim gestanden diesen Diskurs auch zu genüge auszuloten, durch das Dickicht von drögem Tagesgeschäft wagemutig eine Bresche zu schlagen, um zu den Fixsternen menschlicher Bewandtnis vorzudringen. Wie Antipoden auf dem Himmelsfirmament sollten wir um des Pudels Kern kreisen, um der Wahrheit Willen ringen, wie Verfechter verschiedener Welten, so meine Vision. Zwei leidenschaftlich entfesselte Disputanten, zwei schwergewichtige Männer, die in einer Backstube nun wahrlich Bedeutendes zu verlautbaren haben. Das Ende dieser Titanen Debatte sollte dann auf Basis brillant geführter Argumentationsketten zweifelsohne für mich entschieden worden sein. Argumentativ entmannt, würde Herr Schröder dann noch im Beisein meiner schönen Syrerin vorschlagen - sie sollte inzwischen die Brötchen geschmiert haben und nun beiläufig abkassieren wollen - mich bei seinen Parteifreunden für Höheres zu empfehlen, was ich allerdings dankender Weise prompt ablehnen sollte, da ich mich zu noch Höherem beflügelt sah, nämlich von der Muse selbst geküsst worden war. Meine Stunde nun angebrochen sah.

    Ende gut, alles gut, mag der Leser sich denken. Genau das dachte ich mir jedenfalls auch. Allerdings mit einem leicht bitteren Beigeschmack im Mund. Dass nämlich diese Art der Auseinandersetzung mit einem Bundeskanzler nichts taugt, dass hier das ganz spezielle Etwas fehlt, ein pretiöses Bourbon vielleicht, das Glanz und Pompon einer Backstube aus einem Zooviertel verleiht.

    Auch die Syrerin will mir einfach noch zu fad erscheinen, kommt in der Sache irgendwie zu kurz. Gewiss, sie schmiert uns die Brötchen, aber ansonsten? In einem Backstubenkammerspiel mit drei Akteuren sollten schließlich auch alle drei zu Wort kommen. Nun überlegen sie selbst. Was gäbe es wohl Rühmlicheres, im beliehenen Sinne selbstverständlich, als zwei edle Ritter im Kampf um eine brotbackende Maid? Das Herkunftsland erscheint mir dabei zweitrangig. Vielleicht sollte ich sie den Leerverkauf ihrer Heimat ansprechen und anschließend noch die an Schröder gerichtete Frage hinterherschieben lassen, wie es sich unter diesen Umständen ritterlich für den Russen streiten lässt? Währenddessen wedelt sie aufgebracht mit den Armen über ihrem Kopf, hält unglücklicherweise ja auch noch unser Frühstück in den Händen. Und nun käme der Schröder ins Spiel. Umsichtig wie eh und je, lasse ich ihn zunächst einen sorgevollen Blick auf sein Brötchen richten, bevor er durch folgende Worte zur charmanten Gegenrede antritt: „Eruptives Gebärden ist hier ganz fehl am Platze, mein Püppchen. Der wahre Staatsmann besitzt die Fähigkeit über Einzelschicksale hinwegzusehen.“ In diesem Moment sähe ich dann meine Chance gekommen. Denn sei es, dass ich gleich ihm um mein Frühstück bangte, oder sei es, dass ich ihr Leid nicht länger ertrug, ich fiel ihm ungestüm ins Wort und nannte ihn frei heraus einen Hasardeur, der seine Husarenritte bitteschön zuhause mit seiner Doris führen solle, oder wem auch immer, nicht aber hier unter meinen Augen. Als rückratlose Kämpfernatur höbe er den vor seine Füße geworfenen Federhandschuh auf und mich dann auffordern, mit ihm vor die Türe zu gehen. Grad so, wie es sich für zwei edle Ritter in einem anständigen Kammerspiel gehören möchte.

    Und? Fällt ihnen was auf? Erkennen sie jetzt meine Zwangslage, die mich zu Streichen verführte? Nein, das wäre keine gute Idee, da es ein schlechtes Licht auf mich werfen würde. Herr Schröder ist immerhin ein Mann in den Siebzigern, wie soll ich ihn da noch glaubhaft mit einem Schwert fechten lassen? Ganz abgesehen davon, dass Püppchen gewiss nicht zu seiner bevorzugten Wortwahl gehören dürfte, und sich mit solch einem Unterton mutmaßlich auch kein Eindruck bei der schönen Syrerin schinden lässt. Sie sehen also, einen Bericht erzählenswert zu gestallten, stellt sich durchaus als sperrigeres Unterfangen dar. Gemeinsames in der Schlange stehen mit Schröder scheint den Verstand halt nicht über alle Maßen zu inspirieren. Andererseits darf ich mir hier auch keinen neuen Bundeskanzler backen, denn das hätte was mit Hybris zu tun. Obwohl es schon den Eindruck hinterließ, so tiefengebräunt wie der Mann vor mir stand, und das können sie mir getrost glauben, als ob der Schröder irgendwie frisch gebacken wäre. Aber was ließe sich schon Gescheites damit anstellen? Warum soll in Russland nicht die Sonne scheinen? Und auch ein Sonnenstudio dürfte dem Russen mittlerweile kein Fremdwort mehr sein.

    Ach, es ist zum Haare raufen. In was für eine vertrackte Inszenierung bin ich da nur geraten. Warum konnte er mir nicht einfach in einer Kneipe begegnen. So einer wie in Linden, bei mir gleich um die Ecke. Ich hätte ihm dann ganz einfach die am Spielautomaten sich ihre Haxen in den Bauch stehende Prostituierte überlassen, und mich derzeit mit meiner Syrerin angeregt unterhalten. Da hätte was draus werden können. Ach, eine Backstube taugt einfach zu nichts.

    Alleine das Intro hätte ich mir fabelhaft ausmalen können. Wie in einen Western. Vielleicht an High Non angelehnt. Die erste Szene wäre ein Blick auf mein Handy gewesen. Kurz vor Mittag. Genau daran hatte ich beim sorgenvollen Anblick ihrer über dem Kopf wedelnden Arme auch gleich denken müssen. Denn wenn einem schon einmal ein Bundeskanzler über den Weg läuft, ob nun mit AD oder ohne, geschenkt, dann bedarf es mehr als diesem dilettantischen Backwarenstuben Klein-Klein. Man hätte aus dem Vollen schöpfen können. Schröders zwei Schergen, seine zwei Men in Black, hätte ich ganz einfach weggedichtet. Erzählerische Freiheit nennt man das. Immer nur schön entlang der Wahrheit, so kommt man ja nie ans Ziel.

    Oh Mann, wenn ich mir das so vorstelle. Das hätte in der Tat ein Ding werden können. Meine Syrerin hinterm Ausschank, Joseph und Maria bei ihrem Kind und die Prostituierte schon wieder beim zehnten Bier für diesen Abend. Die Tür des Saloons wird von hinten aufgestoßen, ein stürmischer Luftzug braust uns allen um die Köpfe und Schröders Schatten tritt ein zu uns ins spärliche Licht. Mit ihm die Kälte von draußen. Er klopft sich den Straßenstaub vom Hosenbein, und ruft vom Eingangsbereich meiner Syrerin mit süffisanter Stimme durch die Kneipe hindurch entgegen: „Hör mal mein Täubchen. Hol mir mal ne Pulle Bier, sonst streik ich hier, Ha, Ha, Ha!“ Nur unzureichend darauf gefasst, was mit Schröders plötzlichem Auftauchen auf uns zukommen mochte, ziehe ich die Krempe meines Hutes tief ins Gesicht. Seine Ankündigung von Streik will nichts Gutes verheißen. Er scheint auf Krawall gebürstet. Man sollte also auf der Hut sein, denn er stand schließlich nicht für den Typus Mann, der es bei leeren Drohungen beließ. Schröder betrat nicht neue Räume, sondern schaffte sie. Ganz unmittelbar durch seine Präsenz. Das kann schon etwas Beängstigendes mit sich bringen und auch nach sich ziehen, denn schlagartig wird man durch scheinbar unendliche Beschleunigungsprozesse herausgerissen aus Trägheit und Lethargie der angenommenen, eigenen Autonomie. Adrenalinströme zirkulieren im Blut, lassen Nüchternheit fürs Erste nicht mehr zu.

    Ich schaue also geradewegs unter meiner Krempe hindurch, versuche in lässiger Haltung den Anschein von Gleichmut zu wahren. Nur nicht der eigenen Schwäche entblößt werden. Hier in Eldorado City, tief im politischen Westen, wo die Freiheit nur grenzenlos scheint, fallen die Coyoten und Aasgeier schnell über einen her. Eh du dich versiehst, liegst du mit der Fresse im Staub, drei Kugeln stecken dir im Rücken und das Letzte was du siehst, ist ein Paar gespornte Stiefel. Eine Auseinandersetzung mit Schröder würde im Saloon ohnehin niemand wagen, denn sein Ruf als scharfzüngiger Schütze eilte ihm voraus. Wenn es also drauf ankäme, müsste ich den Mann alleine stellen. Wie rein zufällig streifte meine Hand an meiner Hose entlang, öffnete vorsichtig den Halteriemen meines Revolverschachts, verfolgte dabei mit peripherer Blickerfassung die mir rückwärts gewandten Bewegungen im Spiegel. Der große Wandspiegel der hinterm Tresen hing, und in dem sich das Geschehen im Raum unauffällig studieren ließ. Es tat sich zunächst einmal nichts. Schröder stand immer noch im Eingangsbereich des Saloons, die anderen Gäste verharrten wie in Stein gemeißelt auf ihren Plätzen. Meine kleine Syrerin hinter ihrer Theke, deren Name mir leider immer noch nicht einfallen möchte, musste ihn zeitgleich mit mir erkannt haben, denn in ihren dunklen Augen spiegelt sich genau das Quäntchen Nervosität, welches ich mir beim Eintreten von Schröder aus ihrer Position heraus beim Anblick der Meinigen gleich vorzustellen begann. Zu mehr Gedankenaustausch reichte es nicht, da die Krempe zu tief in meinem Gesicht hing.

    Je länger dieser Stillstand wärt, ich nur auf meinem Barhocker vor mich hin kaue, nicht reagiere, nur verschwommen in ihre Augen schaue, umso beklemmender wird die gesamte Lage. Es will mir unangemessen vorkommen nichts zu sagen, jetzt rein gar nichts zu tun, einfach nur so zu tun, als ob er, Schröder, nicht in den Saloon getreten wäre, also mit gespielt sorgloser Routine viel zu maßlos fortfahren. Wie oft dürfte er hier schon einkehren, mir direkt vor die Flinte laufen, ob nun mit AD oder ohne, egal, was spielt das im Augenblick schon für eine Rolle? Viel wichtiger ist es auf seinen losen, rechten Colt zu achten, nicht so sehr den Linken, denn den hielt er schon immer zu fest im Schacht. Wenn es schnell gehen muss, sehe ich mich allerdings im Nachteil. Es wird hier nämlich nur auf Reflexe und den Instinkt ankommen, ob man geistesgegenwärtig im richtigen Moment seinen Mann behaupten kann. Aber vielleicht kommt es auch erst gar nicht dazu, und ein Scharmützel Schröders bleibt uns erspart. Doch diese elektrisierende Bewegungslosigkeit sollte eher früher als später beendet werden. Denn wenn eines den Köter zur Offensive animiert, dann ist es der Geruch von kaltem Schweiß. Also mal sehen was sich tun lässt. Ich könnte noch ein Bier ordern, allerdings dabei Gefahr laufen seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Die ausgesprochene Drohung des Streiks steht schließlich noch im Raum. Und ihm könnte eine zweite Order übel aufstoßen, noch ehe er die erste Pulle zwischen seinen Griffeln hält. Auch meine Syrerin würde mutmaßlich nicht den ersten Schritt wagen. Sie wird sich nicht auf ihn zubewegen, dass sehe ich ihr an, zu konsterniert harrt sie immer noch hinter der Theke. Die Agonie steht ihr zwar gut zu Gesicht, aber das Geschwür der Angst demoralisiert unseren Empfindungsraum.

    „Na mein Täubchen, hat es dir etwa die Sprache verschlagen? Was ist nun mit meiner Pulle Bier? Du hast das vorhin mit dem Streik wohl zu wörtlich genommen, Ha, Ha, Ha!“

    Unsere verängstigte Augenpaarung direkt an der Theke blinzelte harmonisch abgestimmt zu den induzierten Entladungen unserer Gesichtsmuskulatur aufgrund Schröders donnernder Stimme. Doch was Schröder uns vorerst bescherte, war Fortune auf dem Spielfeld der wankelmütigen Besorgnis, denn er setze anstelle unser die ersten Marker. Das epochenmachende Auftreten seiner Lederstiefel auf dem Parkett ließ mein Glas zart erzittern, der Nachhall von rasselnden Sporen drückte mir aufs Trommelfell. Leichtfüßig ist etwas anderes. Na, das sieht ihm mal wieder ähnlich, dem Halunken, schießt es mir unweigerlich durch den Kopf. Er wahrt auch hier die Etikette nicht, platziert sich direkt neben mich, obwohl im weiten Rund der Theke noch reichlich Platz für ihn ganz alleine gewesen wäre. Na schön, wenn du es so haben willst, bitte sehr. Schröder blieb zwar stehen, überragt mich dennoch kaum mehr als eine Kopflänge. Er warf mir einen kurzen, schielenden Blick von der Seite zu, und schlug dann mit seiner Rechten krachend auf die Theke.

    „So mein zaghaftes Täubchen. Jetzt aber zum allerletzten mal. Mein Durst will gelöscht sein. Entweder ich krieg jetzt meine Pulle, oder ich drehe euch allen hier im Winter den Gashahn zu, Ha, Ha, Ha“!

    Wie erbärmlich. Schon wieder das ihn so charakterisierende, breite Grinsen in Begleitung mit dieser penetranten Stakkato Lache. Immer im Dreierpack. Ha, Ha, Ha! Als ob sich dadurch sein Wechsel von Püppchen hin zu Täubchen irgendwie kaschieren ließe. Nicht aber mit mir, Herr Schröder. Dieser Ritt hinunter ins grobschlächtige Macho Tal wird Konsequenzen nach sich ziehen. Sie werden für die Kollateralschäden ihres unflätigen Auftrittes hier zu gegebener Stunde noch zur Rechenschaft gezogen.

    Möglichst unauffällig lasse ich die Augen unter meiner Hutkrempe hindurchlugen, und gehe mit ihnen längs des Spiegels auf Wanderschaft. Bei all den verstörenden Anblicken will es mir so vorkommen, als ob letztendlich nur die innere Haltung übrig bleibt. Alles andere verflüchtigt sich zunehmend im Lauf der Jahre. Der Rebell ist nur ein solcher, der das nicht wahr haben will. Irgendwann rebelliert er nur noch gegen die Zeit, und aus Bequemlichkeit. Wann hast du wohl aufgehört ein Rebell zu sein, Schröder? Oder warst du nie ein Richtiger gewesen? Alles nur Masche bei dir? Beispielsweise deine Tätigkeit als Rechtsanwalt für die Arbeiter des Emdener VW-Werkes. Nur Mittel zum Zweck, um da rein zu kommen? Und als du dann drin warst, dein dich Ablichten lassen mit zweitrangigen Rockmusikern, nicht viel mehr als werbewirksame Publicity, um dein bigottes Fähnlein im kurslabilen Winde deiner Kanzlerschaft hochzuhalten? Zu mehr hat es wohl nicht gelangt, Schröder, sehe ich das richtig? Deine theaterreife Mannesinszenierung hier im Saloon ist nur einmal mehr als Beweis für deine altbackene Mittelschichtsdenke anzusehen. Wärst du nicht so ein stümperhafter Politakteur gewesen, hätte der Auslöser des Fotographen vielleicht ein Monument für die Ewigkeit festhalten können. Ein deutscher Kanzler mit wahrhafter Größe. Durch die Geste der innigen Umarmung. Ein Kuss zwischen staatstragender und künstlerischer Gewalt. Aber so?

    „Atemlos durch die Nacht, loses Fuhrwerk, große Pracht. Ha, Ha, Ha. Na also Teuerste, meine dunkelhaarige Helene, meine syrische Forelle, wer sagt es denn. Läuft mit uns beiden doch schon wie geschmiert. Na denn man prost.“

    In adaptierter Haltung eines alternden Rockpoeten hatte Schröder seinen Kauderwelsch mehr in Richtung Theke posaunt, als dass von Gesang noch irgendwie die Rede sein konnte. Mit locker auf die Thekenbalustrade platzierten, rechten Stiefel kippte er sich nun das Bier in nur einem Zug hinter die Binde. Es machte mich schier rasend mitanzusehen wie er sich immer noch darauf verstand ein Frauenherz zu umgarnen. Es kam mir jäh in den Sinn: Schröders meiner nicht ganz unähnliche Absicht. Dieser Hallodri. Wildert ganz einfach in fremden Revieren. Und das nur allzu bereitwillige Entgegenlächeln von Seiten meiner Syrerin, konnte man schon als Avance interpretieren. Ganz zweifelsohne gab sie seiner Charmeoffensive viel zu schnell klein bei. Was mich wiederum in einer Art Zornesanfall dazu ermutigten sollte meine Krempe wieder ein Stück höher die Stirn rauf zu ziehen. Na warte, Schröder. Du abgebrochener John Wayne Verschnitt sollst deine eigenen Sporen heute noch zu spüren bekommen.

    „Wie alt sind wir denn, mein Täubchen?“

    „Bereits siebenundzwanzig. Wieso fragen sie?“

    „Na, na, na, mein Täubchen. Was heißt denn hier bereits? Lass mal dein hübsches Köpfchen nicht so hängen. Oder willst du mir etwa weismachen, dass draußen kein strammer Kavalier auf dich wartet? Was wären das für Zeiten, wenn so ein Täubchen nicht mehr die Qual der freien Wahl hätte? Falls dem allerdings so sein sollte, keine Bange mein Täubchen, das wird schon. Ich kümmere mich darum. Das ist jetzt schon beschlossene Sache. Es ist schließlich mein Job, sich um etwas zu kümmern. Und jetzt hol mir mal noch ne Pulle Bier. Du weißt ja, was sonst auf dem Spiel steht, Ha, Ha, Ha!“

    Nun ließ er mir in der Tat keinen Spielraum mehr. Seine penetrante Lache zerrte zum Zerbersten an meinem Nervenkostüm. Wie er sowas auch einfach beschließen konnte, der Herr Hochwohlgeboren. Pah, fragen sie mich das besser nicht. Und immer dieses Täubchen. Täubchen hier, Täubchen da. Einfach nur widerlich. Pfui Teufel, dieser Lump von einem Schwerenöter. Versucht hier unter meinen Augen seine Pipeline zu verlegen. Alte Schule nenne ich jedenfalls etwas anderes. Und die emanzipatorische Welle scheint an seinem Hintern komplett paradiert zu sein. Ich hatte die Nase jedenfalls gestrichen voll von seiner mehr als nur dreist zu bezeichnenden Aufdringlichkeit. Außerdem stand nun eine ungeheuerliche Anmaßung im Raum, gegen die es unbedingt galt gegenzuhalten. Nämlich die bodenlose Unverfrorenheit seiner Behauptung, dass ein Großteil des Mannes der vor ihr stand, ein mit edlem Geschirr ausgestatteter Hengst sei, der sich seiner Ausnahmestellung unter den Stuten der Prärie sicher sein konnte. Wenn das die Doris wüsste, was ihr Kerl alles treibt, wenn sie die Zügel mal locker lässt. Aber in private Dinge soll man sich nicht einmischen. Hier allerdings, in der Öffentlichkeit des Saloons, hatte ich es durchaus vor. Ich räusperte mich also kurz und hob dann meine Rechte. Das reichte schon. Meine Syrerin verstand den Wink auf der Stelle, begann mir gleich ein Frisches zu zapfen, während Schröder seine zweite Pulle fest umschlossen hielt. Mit einer Hand am Zapfhahn, mit der anderen mein Glas schwenkend, antwortete sie, ohne dabei Blickkontakt zu halten. Es wollte mir vorkommen, als wäre sie in Gedanken mehr bei meinem Bier.

    „Herr Schröder, ihr Angebot klingt ja sehr verlockend. Aber ich wüsste beim besten Willen nicht, wobei sie mir behilflich sein könnten.“

    Ja, so ist’s recht. So ist’s recht, mein Täubchen. Zeig dem alten Knacker seine Grenzen auf.

    „Aber, aber, mein Täubchen. Nun mal langsam. Sei nicht gleich so garstig. Sei nicht so versteift auf das, was deinem Wesen ja nun mal ganz und gar nicht zukommen mag. Ein feuriges Weibsbild mit armurösen Flausen im Kopf erkenne ich noch an jedem Ort der Welt. Ha, Ha, Ha!“

    Jetzt war es glasklar, dass meine Stunde angebrochen war. Ich musste etwas tun. Als ich abermals meine Rechte ausfuhr, erfüllte sie augenblicklich ihre Wirkung, fuhr ich sie doch absichtlich so weit aus, dass sie prompt die sich anbahnende Episode unterbrechen musste, da ich sie genau zwischen ihre beiden Gesichter platzierte. Zu meinem Bedauern verstand meine schöne Syrerin die Aktion allerdings falsch. Ihrer Mimik nach zu folgen, konnte sie Drängler wohl nicht leiden, reichte mir dennoch das noch nicht ganz fertig Gezapfte in die Hand und wand sich danach gesprächsbereiter denn je an Schröder.

    „Herr Schröder, ich kann nicht umhin ihnen zu sagen, dass ich schon nettere Komplimente erhalten habe. Es gibt Menschen, und sie scheinen mir einer davon zu sein, die davon ausgehen, dass Frauen, die in Kneipen arbeiteten, unweigerlich der Hang zum lasterhaften Lebensstil verbindet. Und dann arbeiten sie auf die Defarmierung ihrer Charaktere hin. Sind sie nicht der Ansicht, dass das oberflächlich ist? Vom sozialen Arbeitsumfeld auf den Charakter zu schließen? Das Wort borniert, will ich ihnen zuliebe gar nicht erst in den Mund nehmen. Wie das früher in Deutschland war, kann ich nicht sagen. Heutzutage verhält sich das allerdings nicht mehr so eingliedrig. Alles ist eine Spur vielschichtiger geworden, als möglicherweise noch zu ihren Zeiten. Denken sie nur einmal an die Weitläufigkeit der modernen Arbeitswelt. Gerade sie, Herr Schröder.“

    Oh mein Täubchen. Das ist der wahre Geist der aus dir spricht. Lass den Soziaufschneider zu Kreuze kriechen. Oh, so liebe ich dich.

    „Ja nu ma langsam. Nun mal schön langsam, mein Täubchen. Wer hätte es für möglich gehalten, hier auf soviel sachkundige Kompetenz zu stoßen. Zumal, wenn sie so hübsch anzuschauen ist, Ha, Ha, Ha! Aber nun mal im Ernst. Damit sprichst du nämlich mein Leibthema an. Der Arbeitsmarkt, das lässt sich wohl mit Fug und Recht behaupten, nebenbei auch recherchieren, ist nun wahrlich meine Paradedisziplin gewesen. Ich stimme dir zu. Seine Gesetzesmäßigen sind von immenser Komplexität. Es bedarf schon einer hohen Auffassungsgabe, um die richtigen Entscheidungen überhaupt noch treffen zu können. Die ihm zugrundeliegenden Dynamiken sind gleichermaßen von Politik und Wissenschaft im Detail noch gar nicht ausreichend verstanden. Da stecken wir alle noch in den Kinderschuhen, mein Täubchen. Aber du solltest dir deshalb nun wirklich nicht dein hübsches Köpfchen zermartern. Der liebe Gott hat dich schon reichlich genug gesegnet. Man kann nicht alles im Leben haben. Solch Auswüchse an Verschwendung lässt die Natur nur dann zu, wenn sie sich im kausalen Zirkelschluss befindet, also z.B. in der syrischen Wüste. Dort nämlich, am Busen von Triebtäterschaft, kann sie davon ausgehen, dass nach freiem Fall Aufprall und Landung im Sande verläuft. Ha, Ha, Ha! Und nu sei hübsch brav und lächle, mein Täubchen.“

    Jetzt langt es, Schröder. Ein für alle mal. Lafontaines unterlassenes Handeln ist mir im Nachhinein immer verständlicher. Neben solch einer herrschsüchtigen Figur könnte ich auch nicht auf der Bühne stehen. Das Grenzdebile, was du hier abspulst, wäre bei jemand wie Alice Schwarzer viel, viel besser aufgehoben. Aber die ist ja nun mal leider nicht vor Ort und Stelle. Na schön. Dann mische ich mich nun ein. Denn es liegt mir schon lange was auf der Zunge. Ich sag ihnen was, Schröder. Es ist schon immer so gewesen, wenn Dummschwätzer wie sie einer sind mit ihrer Komplexität auftauchen. Sie nehmen sich und ihre Modelle einfach zu wichtig. Halten sie für bare Münze. Und irgendwann dann glaubt man mehr daran als an alles andere. Verstehen es dann gar nicht mehr das Leben anders zu nehmen. Verdenken sich in ihrer Komplexität, verstricken sich unweigerlich darin. Sie selbst stecken schon viel zu tief im Sumpf dieser Komplexität, Schröder. Das System einfach wieder herunter zu kochen, liegt schon weit hinter ihrem Oligarchen Horizont.

    „An solche Dinge sollte man im Übrigen nicht zu kopflastig herangehen, mein Täubchen.“

    „Der Ankläger ist niemals frei von der Handlungsperspektive, richtig Herr Schröder? Aber das überschreitet wohl ihren Weisungshorizont.“

    Das saß. Dieser Schuss war gut platziert. Er zielte direkt in die Weichteile. Es ist das erste Mal seit Schröders Aufkreuzen, dass sein von der Sonne gegerbtes gute Laune Gesicht die Spuren von gekränktem Eitel erkennen lässt. Er nahm die Hand ans Kinn und versuchte sich in der Haltung des Intellektuellen zu üben. Tja alternder Sozi Gaul, Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall, blinzelt es zufrieden unter meinem Hut hindurch.

    „Schröder, hältst du dich unter deinesgleichen auf, läuft das vielleicht so. Aber hier befindest du dich in Eldorado City. Deine Petro Dollars kannst du dir in den Arsch rubeln.“

    Das kam vom Tier. Einen ungehobelten Schutzpatron für den weiblichen Tresen Ausschank findet man wohl in jeder Spelunke. Neben mir war er der Einzige, vor dem Schröder auf der Hut sein musste. Er hockte etwas abseits an einem Tisch und verfolgte hinter Schröders und meinem Rücken, was sich vorne am Tresen zusammenbraute. Ich muss zugeben, seine Ansage war schon heftig. Und so kommt, was kommen muss. Es entsteht für eine Weile die unangenehme Situation nach einem losgetretenen, kritischen Statement. Ich versuche sie aufzulösen, indem ich mich erneut räuspere und zeitgleich meine Position auf dem Barhocker von der rechten auf die linke Arschbacke verlagere. Auch Schröder macht Anstalten durch Körperlockerungen die gedankliche Starre auszuhebeln, die Zeit einer Bewegung dafür zu nutzen, um dem Gehirn die Möglichkeit zu lassen in den Modus der belanglosen, geschwätzigen Konversation zurückzufinden. Er schiebt seine linke Hand flach über den Tresen gefährlich weit in Richtung meines Bierbesteckes, so dass der Arm nun in einem hohen Winkel zum Rumpf steht. Mit der Rechten fasst er sich in den Nacken und lässt den Oberkörper aus dem Kreuz nach hinten pendeln. Sein Jackett spannt sich durch die Pose im Brustbereich gewaltig. Das weiße Hemd wird freigelegt und das weiterhin auf der Thekenbalustrade abgestellte rechte Bein in Kombination mit der leichten Rückwärtslage führt zu einem kuriosen, optischen Effekt. Es macht den Anschein, als wollten sich seine in der Bauchregion angesiedelten, runden Proportionen über den Tresen ergießen.

    Eine kraftstrotzende Pose der Macht, denk ich mir. Eine Pose der Souveränität. Ja, darin versteht sich der Hund. Nun überlege ich. Ich sollte mir seine Schwäche zu Nutzen machen. Seinen Hang zum Überheblichen. Zum aufgesetzt Theatralischen, zum Windigen. Ich könnte versuchen ihn da irgendwie einzufangen, sein belangloses Reden in ein gefälliges Bild zu integrieren. Und ihn somit dingfest machen. Ja, dingfest machen. Dingfest und gefügig. Die Rationalität triumphieren zu lassen. Jawohl, Schröder. Die Rationalität.

    Sei es aufgrund seiner schräg anzuschauenden Pose an der Theke, sei es, dass ich auf alle Eventualitäten gefasst sein wollte, ich versuche mir in der Spiegelansicht vorbeugend auszumalen, was ich vor mir hätte, wenn der Lump es fertig brächte in seinem Agenda Wahn den kompletten Kneipenraum auf den Kopf zu stellen. Kneife hierfür ein wenig die Augen zu, um es mir besser vorstellen zu können. Das Übergehen vom Rechten ins Linke im Spiegel darf ich dabei natürlich nicht außer achtlassen. Jetzt habe ich es. Einen knienden Derwisch mit massigem Oberkörper der ganz danach aussieht, als ob er mit wild fuchtelnden Armen auf mich zurollt, und grad auch schon dabei ist einen linken Haken anzusetzen, während er trotz seines Stiernackens Mühe hat seinen Kopf hochzuhalten. Das ist es also, was dir vorschwebt, Schröder, fährt es mir durch den Kopf. Ich spürte es auf der Stelle. Gleich schon, als du den Saloon betreten hast. So zeigst du mir also nun dein wahres Gesicht. Würde mich nicht wundern, wenn dir aus dem Arsch ein Schwanz wachsen täte. Ha, Ha, Ha.

    So als ob er meine Gedanken lesen könne. Denn noch ehe ich mir einen Plan zurechtschustern konnte, probt sich der verrufene Kontrahent erneut auf seiner Bühne meine Konzentrationsfähigkeit zu strapazieren. Mein Gesicht versteift sich augenblicklich unter meiner Krempe, indes der Derwisch seinen massigen Oberkörper wieder langsam nach hinten beugt. Zurück, weg von mir. Schröder, bei zurückgedrehtem Raum, im Spiegel nun wieder vor mir.

    „Was im Olymp gedacht, ist bei uns hier unten meist ein Flop. Ha, Ha, Ha! Aber mein Freund, Spaß beiseite. Wenn sie mich so barsch von Hinten attackieren, dann erlauben sie mir auch frei zu sprechen. Sie wirken auf mich wie einer jener Narren, die auch das noch vorwegnehmen wollen, was doch eigentlich schon sichtbar ist. Sie laufen also immer hinterher. Wenn sie so denken, muss ich ihnen und ihrer Einstellung gegenüber der politischen Klasse allerdings die Entwicklungsreife eines Kleinkindes attestieren. Sie scheinen mir äußerst verbissen, mein Freund. Seien sie ruhig mal ein wenig locker, und vor allem entschließen sich mal zu was. Ganz gleich zu was, nur tun sie’s, und zwar beherzt. Darin liegt nämlich die Kunst, glauben sie mir diesbezüglich.“

    „Herr Schröder, ihr stumpfsinniges Geschwafel erinnert uns alle nur ans Vergessen.“

    Sie musste wohl dem Tier schnell zuvorkommen um Schlimmeres zu verhindern. Aber als ich sie meinen Satz aussprechen hörte, der mir doch schon auf der Zunge lag, applaudierte es in meinem Inneren. Ich schaue ihr tief in die Augen und lächele das erste Mal. Die gesamte Unterredung verlief fast ausschließlich in dieser Art Dreiecksbande über ihre Augen. Ich lege es offen, manchmal auch hinter ihrem Rücken. Denn dass sich unsere Blicke im Spiegel kreuzten, versuchten wir nach wie vor alle zu vermeiden. Besonders Schröder und ich. Ja, unser Debattierraum glich in groben Zügen einer Sanduhr, über dessen virtuell gezogene Verjüngung, von ihrer Rückansicht im Spiegel angefangen, bis zur Vorderansicht seines Täubchens hin, unser Kommunikationsfluss durchsickerte. Ich hoffe nur sie versteht, worum es hier geht. Ich wage also erneuten den Versuch mich durch ihre Augen zu schauen. Zu sehen, ob mir mein Lächeln gelingt. Kann mich aber nur in ihren Augen sehen. Nein, es mutet mir nicht folgenschwer an. Sagt mal ihr zwei Hitzköpfe, worüber unterhaltet ihr euch eigentlich, höre ich sie in dieser Stille fragen. Plötzlich zog sie ihre Augenbrauen zusammen, so als ob sie verärgert sei, und machte sich dann mit einem Tablett frisch gezapfter Biere auf den Weg. Schröder verfolgte ihren Arbeitsgang in beschwingter Haltung.

    „Barbaren vor uns, Barbaren hinter uns, na meinetwegen. Aber wenn se so mit dem Po wackelt, dann will se auch geknallt werden. Ha, Ha, Ha!“

    „Halte dich mit deinen alten Männer Phantasien bedeckt, Schröder. Als Bundeskanzler AD spielst du hier eine lausige Rolle. Trink lieber noch ne Pulle. Darauf verstehst du dich noch am besten.“

    „Ich schäme mich für rein gar nichts. Sie vermutet wohl, ich sei betrunken, was? Bin ich aber nicht. Zumindest noch nicht. Irgendwann später dann vielleicht schon, Ha, Ha, Ha! Aber noch habe ich die Sache hier unter Kontrolle.“

    Soll er ruhig dran glauben. Und umso mehr er sich vom Tier ablenken lässt, und sich dabei sogar noch in Sicherheit wähnt, umso leichteres Spiel für mich. Vorerst also Waffenpause. Ohne das Täubchen will mir die Fortsetzung des Gespräches ohnehin nicht all zu viel Sinn machen. Wo steckte sie nur bloß? Das war doch sonst nicht ihre Art, der Theke so lange den Rücken zu kehren. Ah, da ist er ja, ihr Rücken. Im meinem Spiegel rechts außen. Steht am Tisch vom Tier und mauschelt. Ludmilla, die Kneipennutte, die sich damit rühmte eine Technik beim Blasen drauf zu haben, welche in Eldorado City ihresgleichen suchte, musste sich wohl zwischenzeitlich vom Spielautomaten entfernt haben, denn sie hockte jetzt direkt neben dem Tier. Tja, mein Täubchen. Trotz deiner geistreichen Stellungsname zum sozialen Umfeld werde ich dich bei deiner Rückkehr fragen müssen, was du mit diesen Subjekten zu schaffen hast? Ein brutaler Schläger, ein medizinisches Wunder, den nicht einmal das Gelbfieber niederraffen konnte, und eine abgehalfterte, nymphomane Sektiererin, die für das unkontrollierbare Kommen während ihrer Obsessionen Horrorvideos benötigt, wobei ihr Gewebe von Feuchtigkeit so durchdrungen ist, wie ihre aufgeweichte Nasszelle. Ich sollte Schröders Analyse überdenken. Vielleicht liegt er mit seiner Einschätzung über ihr charakterliches Wesen nicht so ganz verkehrt. Die Drei halten, jedenfalls von meinem Standpunkt aus zu urteilen, nicht nur rein spiegelbildlich ihre Köpfe viel zu dicht beieinander. Allerdings gut möglich, dass es nur an einer Verzerrung des Spiegels an seiner rechten Seite liegt. Jetzt schauen sie verstohlen zu uns rüber. Was führen ihr hinter meinem Rücken nur im Schilde? Wie ein konspirativer Dreierbund wirken ihre Körper vor mir verflochten. Ah, jetzt haben sie wohl genug gemauschelt. Ihre Köpfe trennen sich.

    „Schröder, eine Rede! Eine Rede, Schröder. Zur Lage der Nation. Unseren Streit lass uns damit begraben.“

TitelHallo Herr Schröder! (Teil 1)
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