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Geiger, Pappmaché, Plastik

GeigerPappmaché

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    Von Peter Oelker hochgeladen im Album Papp- oder Holzmasches am 15.06.2018

    https://cdn.pbrd.co/images/Hq1Odsb.jpg
    Dazu eine Geschichte aus dem Internet:
    "Am 12. Januar 2009, 7 Uhr 51, zur Stunde der morgendlichen Rushhour, begann der damals 40 Jahre alte Stargeiger Joshua Bell, einer der besten Geigenspieler der Welt als Straßenmusiker verkleidet in einer zugigen Metro-Passage Washingtons, der Station L'Enfant Plaza, die ("nicht kinderleichte") Chaconne in d-Mol von Johann Sebastian Bach zu spielen. Die dieses Experiment durchführende Washington Post hat darüber in einer großen Reportage berichtet. Bell war von seinem Hotel zur wenige Meter entfernten Metro aus einem einzigen Grund mit dem Taxi gefahren: wegen der 3,5 Millionen Dollar teuren Stradivari, die Fritz Kreisler einst in der ganzen Welt gespielt hatte.
    Hunderte von Passanten, die die Rolltreppe hochgefahren kamen und wie gewohnt den Ausgängen zueilten, nahmen den Stehgeiger nicht oder nur flüchtig zur Kenntnis. Eine versteckte Kamera hat die Aktion der Tageszeitung aufgezeichnet: Erst nach drei Minuten seines Bach-Spiels passierte überhaupt etwas Auffallendes. Genau 63 Menschen waren musiktaub an ihm vorüber geeilt, ehe jemand ein paar Münzen in den Kasten zu Füßen des Geigers warf. Nur sehr wenige ließen sich zum Stehenbleiben und Zuhören verleiten, gaben Kleingeld. Am Ende, nach 43 Minuten "Konzert", waren an dem Musiker 1070 Leute vorüber gelaufen, die ihn insgesamt um 32,17 Dollar reicher gemacht hatten."
    Als das Geigenspiel vorbei war und wieder "Ruhe" einkehrte - bemerkte das niemand. Kein Applaus, kein Hauch von Anerkennung...Zwei Tage zuvor hatte Bell das gleiche Stück in einem ausverkauftem Konzert für durchschnittlich 100 Dollar pro Platz gespielt.
    Bell bekam von stund an den Beinamen U-Bahngeiger.

    Mein Geiger, bewußt in weiß und mit Hut , begonnen ohne besonderes Ziel im September 2017, hat von mir zur Erhöhung seiner "Auffälligkeit" für das Publikum fünf grüne Glasscherben als "Rangabzeichen” entlang seiner rechten Seite verliehen bekommen. Die funkeln bei jeder Körperbewegung mit ungewöhnlichem Blitzen und sollen diejenigen, die nicht mehr hören können oder wollen auf ihn und seine Kunst aufmerksam machen. Auch seine Schwung-Körperbewegung mit dem rechten Bein soll die Aufmerksamkeit weiter erhöhen und zeigen, was er spielt. Er spielt die Bachsche Chaconne wie ein gediegenes Gemälde, was seine gerade sanft ausklingende, wirbelnde Drehung während des berühmten “Tanzstückes” als Teil des hohen Bewegungsaufwandes dafür zum Ausdruck bringt. Das habe ich aber erst nach seiner Fertigstellung im Mai 2018 "erfahren". Und auch sein verinnerlichtes Lächeln mit geschlossenen Augen, vielleicht in Erinnerung an Bachs erste Frau Maria Barbara, die so überraschend früh sterben mußte und an die im Hintergrund - von Helga Thoene entdeckten - mitzuhörenden Choräle, zeigt uns, dass er gerade einen sehr gefühlvollen Part spielt. Die winzige Fläche seines Podiums signalisiert den hohen Schwiegkeitsgrad, eine - die Chaconne vollendet spielen zu können. Mit diesen "optischen Mitteln" habe ich versucht, das Geigenspiel hörbar zu machen. Das sind Gedanken, die ich mir beim Gestalten dieser Figur gemacht habe, aber sonderbarer Weise erst im Nachhinein, als sie fast fertig war und ich die Geschichte aus dem Internet herausgegooglet hatte.
    Die Figur ist in ihrer gestalterischen Ausführung auf das Nötigste reduziert und steht fest auf einer Scheibe Nussbaumholz. Die Geige ist gewiß keine Strad geworden ;-). Der Geiger könnte auch auf einem 1,20 m langen Holzstab aufgestellt werden, so dass er beim Betrachter auf Augenhöhe stünde. Das könnte seine Beachtung durch das Publikum noch ein bisschen mehr erhöhen, oder?
    Ich hab's probiert: nun ist er 1.78 m hoch, auf einer Birkenstange montiert worden. Am 27. Mai 2018 haben ich auf dem 8. Kunstmarkt in Henningsdorf erfahren können, wie es dem Joshua Bell in der U-Bahnstation ergangen ist:
    Das reichlich an meinem Stand vorbei strömende Publikum hat meinen auf 178 cm erhöhten weißen Geiger an der Raumecke zum Durchgang zu den Toiletten nicht wahrgenommen. Erst als ich ihn umgestellt und 2 Meter weiter von der Ecke entfernt mit den dort auch ausgestellten 4 Monatsfiguren aus Essigbaumholz - auch fast auf Augenhöhe erhöht, umgeben hatte, also mit “zuhörendem Publikum”, haben ihn etliche Kunstinteressierte bemerkt, was ich durch deren Augenaufschlag in seine Richtung beobachten konnte und dass ich dann noch durch gute Gespräche mit dem Publikum "belohnt" wurde...

    Zur Chaconne in d-Mol von Johann Sebastian Bach:
    "Im Juli 1720 kehrt Bach (35) von einer dreimonatigen Dienstreise zurück. Als er sein Haus betritt, empfängt ihn die Nachricht, dass seine Frau vor einer Woche gestorben ist. Man zeigt ihm das Grab. Wenig später komponiert er die Partita für Violine Solo in d-Moll.
    Haben diese biographischen Fakten etwas miteinander zu tun? Vor einigen Jahren entdeckte die Musikwissenschaftlerin Helga Thoene, daß in der Chaconne Choräle versteckt sind, die um das Thema Tod und Auferstehung kreisen.
    Vielleicht liegt das Geheimnis des Werkes auch in der Form des letzten Satzes der berühmten Chaconne. Diese besteht aus freien Variationen über einem Thema in der Baßstimme, das ununterbrochen wiederholt wird. Ein ständig um sich selbst kreisender Gedanke, den Bach ganze 32 Mal eindringlich variiert.
    Auch vom äußeren Umfang her stellt die Chaconne alles in den Schatten, was bis dahin für Violine Solo geschrieben wurde: Als einzelner Satz dauert sie gut eine Viertelstunde - so lang wie die übrigen vier Sätze zusammen. Technisch ist sie eins der schwierigsten Stücke der Violinliteratur. Aber Bach ging es damals sicherlich nicht um Virtuosenmusik zum Zeitvertreib für gelangweilte Höflinge."

    Der Standort der Figur vor unserem verschlossenen Tiefgaragenausgang möge ein wenig die Situation beim U-Bahngeiger symbolisieren.


TitelDer Scherbengeiger
Material, TechnikPappmaché mit Gips verstärkt, auf Drahtgitterleib, 6x6 mm
Jahr, OrtHoppegarten, 2018
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  • 17 Kommentare Melde Dich an, um einen Kommentar zu schreiben.
  • Peter Oelker
    Peter Oelker
    @Elvipe, herzlichen Dank für Deinen Kommentar und fürs Schieben Elvira. Ich freue mich sehr darüber. Die Chaconne von Bach mag ich seit dem ich diese Figur gemacht habe, sehr. Die Art, wie sie Joshua Bell spielt, nicht nur an in U-Bahnstation Kinderplatz, empfinde ich als besonders eindrucksvoll. LG Peter
  • Elvipe
    Elvipe
    Wow ... Peter herrlich
    Und danke
  • Peter Oelker
    Peter Oelker
    Danke fürs Schieben, Martin. LG Peter
  • Peter Oelker
    Peter Oelker
    @Ingrid Geiger, es liegt daran: jedesmal, wenn ich mit einem Stück Holz oder mit Pappmaché zu arbeiten beginne, komme ich in den "flow". Das macht richtig "süchtig". Sieh Dir mal meine "Ansichten" zur künstlichen Gestaltungsfähigkeit an. Danke sehr, Ingrid. LG Peter
  • Ingrid Geiger
    Ingrid Geiger
    @Peter Oelker lächelt. Bin immer noch verzaubert von der schönen Melodie ... Du stellst großartige Skulpturen her.
  • Peter Oelker
    Peter Oelker
    @Ingrid Geiger, danke für Deinen Kommentar und viel Freude beim hören. LG Peter
  • Ingrid Geiger
    Ingrid Geiger
    Wunderbare liebevolle Figur ! Meine fast, eine leise Melodie zu hören, nur für mich gespielt. Lächelt ...
  • Peter Oelker
    Peter Oelker
    @Margarethe Meixner , vielen Dank für das viele Schieben meiner Figuren und den Kommentar zum Geiger mit Text, Margarethe. LG Peter
  • Margarethe Meixner
    Margarethe Meixner
    Ja, so ist es ....danke für die wunderbare Geschichte vom Stargeiger. Die Skulptur aus Papp oder Holzmasche gefällt mir ganz besonders, hoffentlich ist sie Wetterfest!
  • Peter Oelker
    Peter Oelker
    @seebaa 😊😚
  • seebaa
    seebaa
    @Peter Oelker
    Oh - du weißt ja: Was lange währt....:) Schönen sonntag noch & lg
  • Peter Oelker
    Peter Oelker
    @seebaa, vielen Dank für Deine wohlwollende Bemerkung zu meiner sich lange hingequälten "Arbeit". LG Peter
    Geht der Stern auch auf Deine Rechnung? Dann dafür besonderen herzlichen Dank
  • seebaa
    seebaa
    Sehr schöne arbeit!
  • Peter Oelker
    Peter Oelker
    Vielen Dank Bettina fürs Schieben. Kannst Du hören - sehen, wie er die Chaconne spielt? LG Peter
  • Peter Oelker
    Peter Oelker
    Vielen Dank fürs Schieben, Zwillis. LG Peter
  • Peter Oelker
    Peter Oelker
    @Jens_N_H_Erdmann, herzlichen Dank für den ersten Kommentar zu diesem Geiger, ich freue mich sehr. Vielen Dank auch fürs Schieben. LG Peter
  • Jens_N_H_Erdmann
    Jens_N_H_Erdmann
    Tolle Arbeit Peter.